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Full text of "Untersuchungen über das Gehirn : Abhandlungen physiologischen und pathologischen Inhalts"

üNTEESTJCHlIXriEN 



ÜBER 



DAS GEHIRN. 



ABHANDLUNGEN 

PHYSIOLOGISCHEN UND PATHOLOGISCHEN INHALTS 



VON 



D^^ EDUARD HITZIG, 

PRIVATDOCENT A. D. UNIVERSITAET BERLIN. 



MIT HOLZSCHNITTEN. 



BERLIN 1874. 
VERLAG VON AUGUST HIRSCHWALD. 

68 UNTER DEN LINDEN. 



Das Uebcrsetzungsrecht wird vorbehalten. 



SEINEM 
j_^IEBEN yATER 

DEM GEHEIMEN REGIERÜNGS- UND BAÜRATH 

FRITZ HITZIG 

ZUM 
ALS 

GEBURTSTAGSGRUSS. 



Inhalt. 



Einleitung VII 

I. Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns 1 

II. Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns 32—62 

1. Polare Einflüsse 32 

2. Einäuss des Aethers und des Mocphiums 36 

3. Einfluss der Apnoe 39 

4. Augenmuskeln und Facialis 42 

5. Umfang und erregbare Verbindungen der Centren ... 45 
Zusatz: Ueber Wiricungen des Curare 51 

6. Reflexionen 52 

III. Kritische und experimentelle Untersuchungen zur Physiologie des 
Grosshirns im Anschluss an die Untersuchungen des Herrn Pro- 
fessor D. Ferrier in London 63—113 

Vorbemerkungen 63 

A. Die Methode Ferrier's 66 

B. Die Resultate Ferrier's 72 

I. Allgemeine Differenzen zwischen den Reizeffecten Ferrier's 

und den Meinigen 72 

II. Spccielle Differenzen zwischen den Reizeffecten Ferrier's 

und den Meinigen 75 

1. Versuche an Hunden 75 

a) Unerregbare Zone 76 

b) Erregbare Zone 85 

2. Versuche an Katzen 94 

a) Unerregbare Zone 95 

b) Erregbare Zone 99 

3. Versuche au Meerschweinchen 101 

C. Die Schlüsse Ferrier's ' 108 

IV. Ueber einen Interessanten Abscess der Hirnrinde 114 



V. Ueber äquivalente Regionen am Gehirn des Hundes, des Affen 
und des Menschen 126 

VI. Ueber die Auffassung einiger Anomalieen der Muskelinnervation I. 148 

VII. Ueber die Auffassung einiger Anomalieen der Muskelinnervation II. 168 



Inhalt. 



VIII. Zwei Fälle von anderweitigen Secundärerkrankungen des Nerven- 
systems nach peripheren Verletzungen. 186 

IX. Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen 
der Muskelinnervation und der Vorstellungen vom Verhalten im 

Räume 196-247 

I. Literatur 196 

II. Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes eintretenden Er- 
scheinungen von Schwindel 199 

III. Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes eintretenden Augen- 
bewegungen 209 

IV. Ueber die Art der Einwirkung des Galvanismus .... 215 

V. Ueber das Verhältniss der beim Galvanisiren des Kopfes auf- 
tretenden Reizerscheinungen zu einander 218 

VI. Schluss 240 

1. Ueber den Ort der Einwirkung des Galvanismus . . 240 

2. Ueber den therapeutischen Werth der Methode. . . 244 

3. Ueber das Verhältniss des Drehschwindels zu den gal- 
vanischen Reizeffecten 245 

X. Bemerkungen zu der 'vorstehenden Abhandlung 248 

XI. Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns 261 

XII. Ueber Production von Epilepsie durch experimentelle Verletzung 

der Hirnrinde 271 



Einleitung. 



Der in dem vorliegenden Buche behandelte Stoff hätte eine 
Eintheiliing nach verschiedenen Principien zugelassen. Ich hielt die 
Verwandtschaft des Inhalts für das Wichtigste. Deshalb ist in der 
Reihenfolge dieser, zu einem Theile reproducirten Abhandlungen das 
chronologische Princip nur nebenher in Anwendung gebracht, und 
von einer, überdies ja nur künstlichen Trennung zwischen den physio- 
logischen und pathologischen Untersuchungen ganz abgesehen worden. 

So umfasst die erste Abtheilung die Abhandlungen I — V, in 
denen die, bis vor Kurzem unbestimmten Vorstellungen von der 
Localisation im Grosshirn eine greifbarere Gestalt erhalten; in der 
zweiten Abtheilung, bestehend aus den Nummern VI — VIII, habe 
ich die Aufmerksamkeit auf eine bisher viel zu wenig berücksichtigte 
Form der krankhaften Muskelthätigkeit, die abnormen Mitbewegungen 
zu richten gesucht; die dritte Gruppe IX — XI beschäftigt sich mit 
den Organen des Gleichgewichts. Der die einzelnen Theile des Wer- 
kes zusammenhaltende Kitt besteht in ihrer gemeinsamen Beziehung 
zu der centralen Innervation des Muskelsystems. 

Der zwölfte Aufsatz gehört sachlich zur ersten Abtheilung. Er 
nimmt die letzte Stelle ein, weil ich mich erst spät, nach langem 
Schwanken zu seiner Publication entschloss. Nicht dass mir sein 
Inhalt an und für sich das leiseste Bedenken bereitet hätte. Aber 
ich wünschte die Fülle der aus diesen Beobachtungen fast von selbst 
erwachsenden Consequenzen durch eigene Arbeit in die mir vor- 
schwebende Form zu bringen. Nun ich sehe, dass ich durch Ob- 
liegenheiten, deren Abwälzung mir nicht gelingen will, daran viel- 



VIII 



Einleitung. 



leicht auf lange gehindert sein werde, halte ich mich nicht für be- 
rechtigt, diese Gelegenheit zur Publication vorübergehen zu lassen. 

Wie die Eintheiluug konnte auch die anderweitige Behandlung der 
äusseren Form in Frage kommen. Die mitgetheilten Untersuchungen 
haben sich in mancher Beziehung auf neue Wege begeben. Selbst- 
verständlich können diese nur Schritt für Schritt durchmessen wer- 
den; jede einzelne Aufgabe entspricht einem Theile des Weges, aber 
nicht einem Abschnitte; sie hat ihre Verbindungen nach vor- und 
rückwärts ; das Ende entzieht sich dem Blicke. So gewinnt die Lösung 
jeder Aufgabe in der Form nicht den, als Endziel erstrebenswerthen 
Charakter der Abgeschlossenheit. Doch wird dieser Mangel meinen 
Bestrebungen von selbstständigen Forschern am Wenigsten zum Vor- 
wurf gemacht werden. Denn nichts ist wohlfeiler und vielleicht auch 
mehr äusseren Gewinn bringend als die Unterdrückung der Zweifel, 
so dass das Bild für die grosse Menge bis auf Weiteres das Ansehen 
der Vollendung erhält. 

Hierin liegen die Gründe, welche mich dazu bestimmten, die 
einzelnen Capitel in der Form der Abhandlung zu belassen, anstatt 
sie unter Herbeiziehung fremder Untersuchungen über die Verrich- 
tungen des Gehirns zu einem, die Gestalt eines Lehrbuches anneh- 
mendem Werke zu verarbeiten. Für ein Solches scheint mir die 
Zeit weder bereits gekommen noch sobald zu erwarten. Und doch 
war es geboten, die Zugänglichkeit, mindestens des physiologischen 
Theiles d ieser Abhandlungen, ohne Verzug zu vergrössern. 

Man wird aus der dritten Abhandlung ersehen, wie leicht es 
einem Forscher durch Berufung auf unsere Untersuchungen ge- 
worden ist, Resultate in die Wissenschaft einzuführen, welche durch 
ganz fehlerhafte Anwendung ähnlicher Methoden gewonnen waren. 
Der Gedanke lag zu nahe, dass mancher Nacharbeiter nur den 
späteren Autor einsehen würde, da dieser ja die Annahme für sich 
hatte, auf Grund des früher Geleisteten Vollkommeneres in Methode 
und Resultaten zu bieten. Richtig ist diese fragmentarische Be- 
nutzung der Literatur freilich nicht, aber dafür um so häufiger, und 
aus dieser Erwägung ging die Wahl des Zeitpunktes für die, wie 
man begreifen wird, stets beabsichtigte Zusammenstellung meiner 
Untersuchungen hervor. 



Einleitung. 



IX 



Wie wenig ich mich mit jener Befürchtung und der Berechnung 
freilich ebenso naheliegender Consequenzen getäuscht hatte, lehren zwei 
französiche Publicationen, für die mein kleines Werk doch nicht schnell 
genug gedruckt werden konnte. Beide haben das gemeinschaftlich, 
dass ihre Autoren unsere früheren Arbeiten nicht gelesen haben. 
Nichtsdestoweniger trägt die Eine derselben den Titel Critique ex- 
perimentale des travaux de MM. Fritsch, Hitzig, Ferrier. Sie 
ist von den Herren Carville und Dur et in den Verhandlungen der 
Societe de Biologie (Gazette medicale 1874 Nr. 2) publicirt, und soll 
beweisen, dass sich der elektrische Strom in der Masse des Gehirns 
verbreitet. 

Der Leser wird schon aus der ersten, noch mehr aber aus der 
dritten Abhandlung ersehen, dass diese Bemühungen, was uns an- 
geht, an eine falsche Adresse gerichtet sind. Da das Gehirn ein 
feuchter Leiter ist, so haben wir von vornherein geschlossen, dass 
es sich ebenso verhalten würde, wie alle anderen feuchten Leiter, und 
nach dieser Voraussetzung unsere Versuche und unsere Schlussfolge- 
rungen eingerichtet. Wenn also die Herren Carville und Dur et 
den Gegenstand ihrer Kritik zunächst hätten lesen wollen, so würden 
sie das Endresultat ihrer Untersuchungen überall als Prämisse be- 
nutzt gefunden haben. 

Die andere, den Inhalt einer These ausmachende Arbeit will 
unsere Untersuchungen wiederholen und deren Schlussfolgerungen 
widerlegen. Wenn die erste Absicht in irgend einem Punkte aus- 
geführt wäre, so würde sich über das Gelingen der zweiten discutiren 
lassen. Bis dahin halte ich aber jede Discussion für nutzlos. 



Das Thema des ersten Theiles dieser Untersuchungen ist nicht 
nur wegen seiner Beziehungen zu allen Zweigen der theoretischen 
und praktischen Medizin von jeher Gegenstand allgemeineren Inte- 
resses gewesen. Vielmehr wurde ziemlich allseitig zugegeben, dass 
die Erkenntniss der Eigenschaften der Hirnrinde eigentlich ^hl das 
unterste Fundament auch der Psychologie ausmachen solle, und in der 
That hat diese Wissenschaft nur ungern auf einen so erlieblichen 



X 



Einleitung. 



Theil des physiologischen Materiales verzichtet. Wie gross aber das 
allgemein menschliche Bedürfniss nach einem Einblick in diese Vor- 
gänge ist, das beweisen wohl am Besten die erstaunlichen äusseren 
Erfolge, Avelche die Phrenologie, trotz ihrer unwissenschaftlichen Me- 
thode, in weiten Kreisen gefeiert hat. 

Ich habe deshalb einige Veranlassung darauf zu rechnen, dass 
die Discussion über den Sinn der mitgetheilten Thatsachen sich auf 
mancherlei Kreise erstrecken wird, ohne dass grade jeder Theilnehmer 
sich vorher die Mühe nahm, meinem Gedankengang überall nachzu- 
gehen; ohne dass mancher Andere geneigt wäre, die von mir, in 
dem Bestreben, mit der Deutung den Thatsachen nicht voranzueilen, 
gelassenen Lücken, in einer meinen eigenen Ideen homogenen Weise 
zu ergänzen. Vielleicht in Folge unausgesetzter Beschäftigung mit 
diesen Dingen ist es gekommen, dass ich eine bestimmte Auffassung 
für selbstverständlich genug hielt, um einer besonderen Auseinander- 
setzung entbehren zu können. Glücklicherweise überzeuge ich mich 
noch rechtzeitig, dass ich mich getäuscht habe, und kann so meinen 
Fehler durch einige einleitende, besonders den beiden ersten Abhand- 
lungen geltende Worte wieder gut machen. 

Meine Untersuchungen haben sich in einen principiellen Gegen- 
satz zu der früher ziemlich allgemein acceptirten Flourens'schen 
Lehre gesetzt, dass die Hirnlappen mit ihrer ganzen Masse für 
die ungeschmälerte Ausübung ihrer Functionen eintreten, und dass 
es keinen gesonderten Sitz weder für die verschiedenen Fähig- 
keiten noch für die verschiedenen Wahrnehmungen gäbe. Daraus 
ist wohl bei Manchen die Meinung entstanden, als ob ich — aus- 
gehend von den elektrisch reizbaren „ Centren " — eine ähnliche Art 
von circumscripten Fähigkeitsheerden, wie die der Phrenologen in 
die Wissenschaft einführen wollte. Nichts kann irrthümlicher sein. 

Grade die Art der elektrischen ßeaction der Hirnrinde würde 
mich nie zu einer solchen Idee haben kommen lassen. Wenn ich 
die Stromstärke des wirklichen Zuckungsminimums aufsuche, reagirt 
nur die Stelle, wo meine Stecknadelkopf grosse Anode sitzt. Bei 
der geringsten Ortsveränderung verschwindet die Keaction. Könnte 
ich dieser Anode nun die Kleinheit einer Ganglienzelle geben, so 
würde das Verhältniss sich wohl kaum ändern. Dann wäre also 



Einleitung. 



XI 



diese Gauglieuzelle das wahre Centriim! Gegen die Widersinnigkeit, 
welche dieser Schluss herbeiführen würde, bedarf es keiner Beweise. 

Man kann sich die ganze Rinde des grossen Gehirns in eine 
Zahl gleich grosser Felder zerlegt, und diese Felder sowohl unter 
sich als mit den Zusammenfassungen der grossen Ganglien durch 
Leitungen verbunden denken. Ihr Areal würde das materielle Sub- 
strat für alle die Kräfte bilden, deren Erscheinungsweise uns unter 
dem Namen psychische Functionen bekannt ist. Bis hierher geht 
die Ansicht Flourens' mit der Meinigen, welche in dieser Form 
wohl zuerst von Meynert ausgesprochen wurde, zusammen, von 
hier ab weichen die Ansichten auseinander. 

Nach Flourens tritt die Gesammtheit des Grosshirns für alle 
Functionen ein, gesonderte Functionsheerde existiren nicht; wir wür- 
den also jedes einzelne Feld als ein kleines Grosshirn für sich 
zu betrachten haben. Wir würden mit jedem einzelnen Felde alle 
Sinneswahrnehmungen verrichten, alle Vorstellungen herleiten und 
alle Willensimpulse produciren können, und die complicirte. Solches 
vollbringende, jedem kleinsten Theile innewohnende Kraft würde etwas 
Specifisches, eine besondere Grosshirnkraft sein. 

Nach meiner Auffassung ist die Einführung dieses Factors, mit 
dem sich schwer würde weiter rechnen lassen, nicht erforderlich. Ich 
nehme an, dass eine grössere oder geringere, vorläufig noch nicht ab- 
zugrenzende Zahl von Feldern, mit unter sich ähnlichen Fähigkeiten 
ausgestattet, zur Vollbringung des gleichen Zweckes zusammenwirkt, 
und lasse eine unbestimmte Zahl verschiedenen Zwecken dienender 
Complexe existiren. 

Sehen wir nun zu, wie sich jede Einzelne dieser beiden An- 
sichten mit dem, was wir über die Lebensäusserungen des Grosshirns 
wissen, vereinigen lässt, so finden wir, dass die zuerst erläuterte doch 
nur einen geringen Theil der Erscheinungen deckt, während der an- 
deren nichts widerspricht. Gehen wir von den einfachsten Ver- 
hältnissen, dem elektrischen Eeizversuche aus, so reagirt das 
Substrat jener hypotlietischen Grosshirnkraft an den verschiedensten 
Stellen des Gehirns verschieden, hier bewegt sich ein Arm, dort ein 
Bein, dort nichts. Nach jener Annahme müsste sich aber überall 
Alles oder nichts bewegen. 



xir 



Einleitung. 



Ebenso entstehen zweifellos Paresen in Folge von Desorgani- 
sationen einzelner Felder der Rinde, während andere Felder ohne 
erkennbare motorische Symptome zu Grunde gehen. Dasselbe Re- 
sultat ergeben Lähmungsversucho, wegen deren ich den Leser noch 
besonders auf die höchst interessanten, in Virchow's Archiv vor- 
getragenen Untersuchungen Nothnagels verweise. Nach jener An- 
nahme müssten Paresen bei Verletzung jedes einzelnen oder keines 
Feldes entstehen. 

Trotz Allem, was man dagegen vorgebracht hat und vorbringt, 
gebührt endlich den Erfahrungen über Aphasie ein hervorragender 
Platz in dieser Beweisführung. Es ist durch eine jetzt kaum noch 
zu übersehende Casuistik festgestellt, dass dieses Symptom durch die 
Verletzung eines bestimmten Rindenbezirkes producirt wird. Wenn 
man nun gegen diese Erfahrungen anführt, dass auch die Verletzung 
anderer Hirntheile ähnliche oder gleiche Erscheinungen bedingt hat, 
so würde dies nur dann als ein Beweis gegen die Localisation im 
Grosshirn benutzt werden können, wenn man die Sprache als etwas 
Einfaches dargestellt hätte, und dieses Einfache, nach Analogie der 
Phrenologen, auf einem kleineu Bezirke alle Existenzbedingungen fin- 
den Hesse. Aber selbst dann würden diese Erfahrungen noch gegen 
die Theorie von Flourens sprechen. Man würde mit ihnen doch 
nur zu dem Niemand erwünschten Schlüsse kommen, dass die frag- 
liche Fähigkeit bei neunzig Menschen in der dritten Stirnwindung 
und bei zehn vom Hundert an einer anderen Stelle ihren Sitz habe, 
nicht aber dass sie auf jedem einzelnen Felde erwüchse. 

Nimmt man aber an, dass die Wortbildung etwas Complicirtes, 
auf regelrechtes Zusammenwirken mehrerer Complexe von Feldern 
Angewiesenes sei, so werden die Ausnahmen neben der Regel ver- 
ständlich. In diesem Falle würde die Trennung sämmtlicher oder 
der wesentlichen Verbindungen zwischen je zwei Complexen analoge 
Erscheinungen bedingen können, wie die Vernichtung des Einen von 
ihnen, oder was dasselbe sagen will, wie die Abtrennung seiner 
Bahnen nach der Peripherie. 

In ganz ähnlicher Weise lässt man auch die Entstehung will- 
kürlicher Bewegungen oder besser Handlungen vor sich gehen. 

Jede Handlung, auch die fast mechanische, kann auf frühere und 



Einleitung. 



XIII 



gegenwärtige Sinueseindrücke zurückgeführt werden. Aus der Summe 
der durch die ursprüngliche Thätigkeit der Sinnesorgane im weiteren 
Sinne gebildeten Vorstellungen erwächst der die Bewegung zur Folge 
habende Trieb. Die Bewegungen wurzeln insofern in den eigentlichen 
Feldern der Sinnesfläche, und ich könnte mir demnach vorstellen, dass 
ein Bewegungscentrura selbst intact und doch durch Isolirung von 
den zusammenwirkenden Factoren ausser Function gesetzt ist. Ja 
ich würde es nicht erstaunlich finden, wenn namentlich an psychisch 
niederen Thieren nachgewiesen würde, dass die Zerstörung einer als 
reine Sinnesfläche erkannten Region eine Bewegungsstörung mit her- 
beizieht, ohne dass je die Reizung derselben Stelle zu einer Bewe- 
gung geführt hätte. 

Am einfachsten zu erklären ist endlich der Umstand, dass be- 
stimmte Stellen auf Eingriffe reizender oder lähmender Art leichter 
antworten als andere. Was auch immer auf der Hirnrinde geschehen 
möge, es muss centrifugale und centripetale Bahnen zur Verfügung 
haben. Knotenpunkte dieser Bahnen werden die Folgen des Ein- 
griffes leichter, alle anderen Partieen schwerer in die Erscheinung 
treten lassen. — 

Mit diesen und meinen früheren Ausführungen wüiische ich mich 
weder in das Lager der Materialisten noch in das der Idealisten 
zu begeben. Man kann so sehr Idealist sein als man will, immer 
bleiben Organe, in welchen die scheinbar über Allem schwebende 
Seele arbeitet, eine Forderung der Vernunft. Unserer Beschäftigung 
mit den nächsten körperlichen Verrichtungen dieser Organe, wolle 
der Leser seine wohlwollende Theilnahme schenken. Betrachtungen, 
ob das darüber Schwebende die unsterbliche Seele oder eine, auch 
anderer Erscheinungsweisen fähige Naturkraft sei, überlassen wir 
Anderen. 



Der Verfasser. 



üeber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns/) 



Die Physiologie vindicirt allen Nerven als eine nothwendige Be- 
dingung des Begriffes die Eigenschaft der Erregbarkeit, d. h. die 
Fähigkeit, mit ihrer specifischen Energie auf alle Einflüsse zu ant- 
worten, durch welche ihr Zustand in einer gewissen Geschwindigkeit 
geändert wird. Nur für die Centraltheile des Nervensystems herr- 
schen andere, freilich nur in wenigen Punkten allgemein acceptirte 
Ansichten. Es würde zu weit führen und auch dem speciellen Zweck 
der gegenwärtigen Arbeit nicht dienen, wenn wir aus der ungeheuren 
einschlägigen Literatur auch nur die uns zuverlässig scheinenden Ee- 
sultate anführen wollten, welche durch die Keizversuche an allen ein- 
zelneu Theilen des Centrainervensystems gewonnen sind. Während 
jedoch rücksichtlich der Erregbarkeit der den Hirnstock zusammen- 
setzenden Organe durch andere als die organischen Reize die grösste 
Meinungsverschiedenheit besteht, während in neuester Zeit ein hef- 
tiger Streit über die Erregbarkeit des Rückenmarkes entbrannt ist, 
hat seit dem Anfang des Jahrhunderts die Ueberzeugung ganz all- 
gemein Platz gegriffen, dass die Hemisphären des grossen 
Gehirns durch alle den Physiologen geläufigen Reize 
absolut unerregbar seien. — 



1) Diese Abhandlung wurde zuerst gedruckt in Reichert's und du 
Bois-Reymond's Archiv 1870, Heft 3. Die in derselben erwähnten Ver- 
suche wurden gemeinschaftlich mit Herrn Dr. G. Fritsch, Privatdocenten 
an der hiesigen Universität angestellt und publicirt. 

Hitzig, Experimentelle UntersucliuDgeii. 1 



2 



Üeber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



Haller und Zinn') freilich wollten bei Verletzung der Mark- 
substanz des Grosshirns convulsivische Bewegungen gesehen haben. 
Indessen war man zu jener Zeit an eine strenge Begrenzung der 
angewandten Kelze, welche freilich am Gehirn fast unübersteiglichen 
Hindernissen begegnet, zu wenig gewöhnt, als dass diese Angaben 
später Glauben gefunden hätten. Vielmehr ist es, wie schon Longet 
bemerkt, wahrscheinlich, dass jene Experimentatoren mit ihren In- 
strumenten bis zur Medulla oblongata vorgedrungen waren. 

Longet^) selbst aber spricht sich hierüber folgendermassen aus: 
„Sur des chiens et des lapins, Sur quelque chevreaux, nous avons 
„ irrite avec le scalpel la substance blanche des lobes cerebraux ; nous 
„l'avons cauterisee avec la potasse, l'acide azotique etc., nous y avons 
„fait passer des courants galvaniques en tout sens, sans 
„parvenir ä mettre en jeu la contractilite musculaire in- 
„volontaire, ä developper des secousses convulsives: meme resultat 
„negatif, en dirigeant les memes agents sur la substance grise ou 
„corticale." 

Zu den gleichen Kesultaten führten die Vivisectionen von Ma- 
gendi e^). 

Auf die übrigens ziemlich gleichlautenden Schlüsse von Flou- 
rens, welche sich auf Ergebnisse von Durchschneidungen und Ab- 
tragungen stützten, werden wir in der Folge einzugehen haben. 

Auch Matte ucci*) fand das grosse und kleine Gehirn des 
Kaninchens gegen elektrische Eeize vollkommen unerregbar. 

Van Deen^), mit dessen Namen man in neuerer Zeit die Lehre 
von der Unerregbarkeit der Cerebrospinalcentra verknüpft hat, ging 
in seinen Schlüssen noch beträchtlich weiter als alle Experimenta- 
toren vor ihm und die meisten nach ihm. Während man früher neben 



1) Memoires sur la nature sensible et irritable du corps animal. Lau- 
sanne 1756, t, I, p. 201 et suiv. 

2) Anatomie et physiologie du Systeme nerveux de l'homme et des ani- 
maux vertebres. Paris 1842. t. I. p. 644 u. a. and. 0. 

3) Legons sur les fonctions et les maladies du Systeme nerveux. Paris 
1839, t. I. p. 175 u. a. and. 0. 

4) Traite des phenomenes electrophysiologiques des animaux. Paris 
1843, p. 242. 

5) Moleschott's Untersuchungen etc. Bd. VII, H. IV, S. 881. 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



3 



dem Kückenmarke wenigstens einigen basalen Hirntheileu die Eigen- 
schaft der Erregbarkeit gelassen hatte, sprach er dieselbe dem ganzen 
Centralnervens3'^stem auf Grund seiner, für das Kaninchen übrigens 
höchst mangelhaft beschriebenen Versuche, gänzlich ab. 

Desgleichen sah Eduard Weber') bei Experimenten mit dem 
Rotationsapparate am Grosshirn der Frösche keine Muskelzuckungen 
eintreten. 

Budge^), der auch selbst eine äusserst grosse Zahl von Säugern 
opferte, spricht sich, abgesehen von vielen anderen ähnlich lautenden 
Stellen, folgendermassen aus: 

,Wenn man nach dem jetzigen Standpunkte der Wissenschaft 
„schliessen darf, dass in einem Nerventheile, in welchem nach einer 
„Eeizung keine Zuckungen eintreten, die BeAveguugsfasern fehlen, so 
„kann man mit der grössten Bestimmtheit behaupten, dass nicht 
„eine einzige Faser solcher Nerven, die zu willkürlichen Muskeln 
„hingehen, in den Hemisphären des grossen Gehirns verlaufe. Nicht 
„ein einziger Beobachter sah Bewegung solcher Muskeln nach Rei- 
„zung der genannten Centraltheile. " 

Endlich führen wir noch die Meinung Schiffs^), eines der 
erfahrensten Vivisectoren au: 

„Dass die Reizung der Hirnlappen, der Streifenhügel und des 
„kleinen Gehirns keine Spur von Zuckung in allen freien Körper- 
„muskeln hervorruft, kann ich nach der Angabe , vieler Forscher 
„bestätigen. Auch die Eingeweide blieben bei der Reizung dieser 
„Theile ruhig, wenn ich — wie dies bei solchen Versuchen unum- 
„ gänglich nöthig ist — die Circulation erhalten hatte." 

Man sieht, auch in einer anderen Wissenschaft als der Physio- 
logie dürfte es kaum eine Frage geben, über die die Ansichten so 
übereinstimmend lauteten, die so vollkommen abgeschlossen schien, 
als die Frage von der Erregbarkeit der Grosshirnhemisphären. Ue- 
brigens wäre es ein Leichtes, noch mehr gleichlautende Citate zu 
häufen, wenn dies irgend einen Nutzen verspräche. 



1) R. Wagner's Handwörterbuch d. Physiol., Bd. III, Abthl. II, S. 16. 

2) Untersuchungen über das Nervensystem. Frankf. a. M. 1842. H. II. S. 84. 

3) Lehrb. der Physiologie des Menschen. Lahr 1858—59. Bd. I. S. 362. 

1* 



4 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



Nur ein Autor neben Haller und Zinn hat, so viel uns be- 
kannt geworden, etwas Abweichendes gesehen, und dessen Angabe 
erregte bei Eckhard'), der die Thatsache citirt, so wenig Glauben, 
dass er Namen und Quelle verschweigt. Die betreffende Stelle lau- 
tet: „Bei scheibenweiser Abtragung der vorderen Gehirnlappen giebt 
„man an, lebhafte Bewegungen in den Vorderbeinen gesehen zu 
, haben." An und für sich ist dies freilich nicht viel; denn man 
kann daraus nicht ersehen, wie der Versuch angestellt ist. Wäre 
er indessen mit den nöthigen Cautelen angestellt, so würde er ein 
wichtiges Princip beweisen, das Priucip, dass man durch irgend 
einen Kelz, sei es der des Scalpells, oder der des Sauerstoffs, oder 
der des Bluts von den Vorderlappen aus Bewegungen willkürlicher 
Muskeln hervorbringen kann. Jedenfalls scheint dieser vereinzelten 
Beobachtung von keiner Seite weitere Folge gegeben zu sein; denn 
jene Stelle bei Eckhard ist die einzige von ihr hiuterlassene Spur. 

Ehe wir nun zu unseren eigenen Versuchen übergehen, ist es 
erforderlich, diejenige Ansicht über die motorischen Vorgänge in 
den Centraiorganen darzulegen, welche sich in Folge der oben er- 
wähnten Versuche und der berühmten Hirnabtragungen von Flou- 
rens^) herangebildet hatte. 

Diesem geistreichen und glücklichen Forscher gelang es, durch 
Anwendung w^enigstens möglichst reiner Methoden zu Resultaten zu 
gelangen, die als Basis für fast alle hierher gehörigen später ge- 
wonnen Kenntnisse betrachtet zu werden verdienen. 

Nach zahlreichen Abtragungen des Grosshirns, die meist an Vö- 
geln, doch auch an Säugethieren vorgenommen waren, sah Flou- 
rens alle Zeichen des Willens und des Bewusstwerdens der Empfin- 
dungen verlöschen; während gleichwohl durch von Aussen eindrin- 
gende Reize nun ganz maschinenmässig gewordene Bewegungen in 
allen Körpermuskeln ausgelöst werden konnten. Solche Thiere hal- 
ten sich sehr wohl auf ihren Füssen, sie laufen, wenn man sie an- 
stösst, Vögel fliegen, wenn man sie in die Luft wirft, sie wehren 



1) Experimentalphysiologie des Nervensystems. Giessen 1867, S. 157. 

2) Recherches experimentales sur les proprietes et les fonctions du s 
Sterne nerveux dans les aniniaux vertebres. 2emo edit. Paris 1842. 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



5 



sich wenn man sie neckt, sie verschlucken in den Mund gebrachte 
Gegenstände und auch die Iris contrahirt sich auf den Lichtreiz. 
Niemals aber treten solche Bewegungen ohne Einwirkung eines äus- 
seren Kelzes ein. Des Grosshirns beraubte Thiere sitzen stets wie 
in sich versunken, wie schlafend da, und man ändert nichts an die- 
sem Zustande, setzte man sie auch dem Verhungern nahe auf einen 
Berg von Nahrungsmitteln. 

Flourens schloss hieraus, dass die Grosshirnhemisphären nicht 
der Sitz des unmittelbaren Prineips (principe imaiediat) der Muskel- 
bewegungen, aber der einzige Sitz des Willens und der Empfin- 
dungen seien'). 

So befriedigend diese Versuchsreihe und die aus ihr gezogenen 
Schlüsse nun auch scheinen, so wenig lassen sich die gleich anzu- 
führenden ferneren Resultate und Schlüsse Flourens mit auf an- 
deren Wegen gewonnenen Erfahrungen vereinigen. 

Wenn Flourens Thieren nur eine Hemisphäre abtrug, so wur- 
den sie zwar auf dem Auge der gegenüber liegenden Seite blind, 
sie behielten aber ihre volle Willensherrschaft über sämmtliche will- 
kürliche Muskeln und nach üeberwindung einer nicht einmal immer 
auftretenden Schwäche der gegenüberliegenden Körperhälfte unter- 
schieden sie sich in nichts von nicht verstümmelten Thieren. Wenn 
er ferner anderen Thieren das Grosshirn scheibenweise, sei es von 
vorn nach hinten oder von hinten nach vorn, sei es von oben nach 
unten oder von aussen nach innen, abtrug, so bemerkte er unter 
allen diesen Bedingungen eine gleichmässige, allmählige Abnahme 
der sinnlichen Wahrnehmungen und des Willens, üeberschritt er 
aber eine gewisse Grenze, so waren plötzlich alle diese der Seele 
zugeschriebenen Eigenschaften auf einmal erloschen und das Thier 
versank in den geschilderten traumhaften Zustand. 

Ja noch mehr, wenn er mit der Abtragung an jener Grenze 
innehielt, so erlangte das Thier innerhalb weniger Tage die schon 
verlorenen Fähigkeiten wieder und konnte dann noch lange mit den- 
selben seelischen Eigenschaften fortexistiren, als wenn es nichts von 
seiner Gehirnsubstanz eingebüsst hätte. Flourens schloss hier- 



1) A. a. 0. S. 35. 



6 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirus. 



aus'), dass die Hirnlappen mit ihrer ganzen Masse für die 
ungeschmälerte Ausübung ihrer Functionen eintreten, 
und dass es keinen gesonderten Sitz, weder für die ver- 
schiedenen Fähigkeiten, noch für die verschiedenen 
Wahrnehmungen gäbe. Er schloss ferner, dieses im Wider- 
spruch mit dem ersten Schlüsse, dass ein zurückgelassener 
Theil der Hemisphären den vollen Gebrauch sämmt- 
licher Functionen wiedererlangen könne. 

Am aulfallendsten unter allen angeführten Versuchen ist jeden- 
falls der a. a. 0. S. 101 unter IL beschriebene. Hier hatte Fl eu- 
ren s einer Taube offenbar die ganze erreichbare Rinde des Gross- 
hirns beider Seiten, also den gangliösen Theil abgetragen, den Theil, 
welchen man noch immer als den wesentlichen, als den die ersten 
Werkzeuge der Seele bergenden zu betrachten gewohnt war. Nichts- 
destoweniger begann diese Taube schon vom 3. Tage an ihre see- 
lischen Functionen wieder auszuüben, und am 6. Tage hatte sie 
Alles wiedererlangt, was ihr durch die Operation gänzlich genommen 
schien. — Gleichwohl hat man diese Versuche oder ihre Anwend- 
barkeit auf höhere Thiere noch wenig oder nicht angegriffen, und 
noch Schifft) referirt darüber in demselben Sinne ; wenn auch dieser 
Forscher wohl auf zu Tage liegende Verschiedenheiten in Bau und 
Function zwischen Thier- und Menschenhirn aufmerksam macht. 

Es hatte sich also nach diesen und späteren, nur ausbauenden 
Forschungen etwa folgende Ansicht über die centralen Stätten der 
Muskelbewegung gebildet : 

In den meisten Theilen des Hirnstammes, dann auch hinab bis 
in das Rückenmark giebt es eine Anzahl von vorgebildeten Mecha- 
nismen, die einer normalen Erregung in ihrem Ganzen auf zwei 

Bahnen fähig sind. Die Eine verläuft von der Peripherie aus 

die Bahn des Reflexes; die Andere strahlt vom Centrum her ein — 
die Bahn des Willens, der seelischen Impulse. Dieses Centrum 
liegt vermuthlich in der gangliösen Substanz der Gross- 
hirnhemisphären, ohne dass jedoch die einzelnen Theile 



1) A. a. 0. S. 99. u. 101. 

2) A. a. 0. S. 336. 



Ueber die elektrische Erregbarlieit des Grosshirns. 



7 



des psychischen auf die einzelnen Theile des organischen 
Centrums localisirt wären. Aber seine Erforschung, die 
Erforschung des wahrscheinlichen Sitzes, oder doch der 
nächsten Werkzeuge der Seele bleibt uns zunächst ver- 
schlossen, da das Substrat auf die uns geläufigen Reize 
mit keiner in die Erscheinung tretenden Eeaction ant- 
wortet'). — Was gegen diese Anschauungen von Seiten der klini- 
schen Beobachtung etwa eingewendet werden konnte, wurde mit dem 
vielfach nicht ungerechten Hinweis auf die Mangelhaftigkeit und Viel- 
deutigkeit der Sectionen und auf die Einfachheit und Durchsichtig- 
keit jener Vivisectionen bald abgefertigt. Man führte endlich Fälle 
von angeborenem oder erworbenem Defect einzelner Hirnpartieen 
ohne entsprechende Störung cerebraler Functionen zum Beweise an, 
wie unwesentlich doch das Hirn zum Leben sei. 

Diese Anschauungen wurden selbst durch eine Eeihe wohl con- 
statirter, andere Verhältnisse voraussetzender Thatsachen nur in be- 
schränkten Kreisen allmählig modificirt. Seit lange (1825) war durch 
Bouillaud bekannt, dass der jetzt Aphasie benannte Symptomen- 
complex durch Zerstörung einer kleinen excentrischen Grosshirnpartie 
bedingt werden kann. In neuerer Zeit haben zahlreiche Autoren zur 
näheren Definirung dieses Satzes beigetragen. — Es existirt ferner 
eine nicht geringe Zahl von Fällen in der Literatur, die im Leben 
Lähmung eines Armes, auch wohl eines Beines, bei der Section 
kleine Desorganisationen des Grosshirns zeigten. Leider ist aus den 
durch AndraP) von seiner bekannten Zusammenstellung gezogenen 
Summen nicht zu ersehen, wie viel derartige Fälle auf das Gross- 
hirn selbst und wie viele auf seine grossen Ganglien kommen. In- 
dessen muss man sich vollkommen dem anschliessen, was er am Ende 
dieser Betrachtung sagt: 

„De ces faits comment ne pas conclure, que dans l'etat actuel 
,de la science on ne peut encore assigner dans le cerveau un siege 
„distinct aux mouvemens des membres superieur et inferieur? Sans 

1) Vgl. hierzu die neuesten Lehrbücher der Physiologie, z. B. Ranke, 
Grundzüge u. s. w., S. 750 flf.; — L. Hermann, Grundriss u. s. w. 3. (übri- 
gens auch 4.) Aufl. 1870. S. 426 und 436 f. u. s. w. 

2) Clinique medicale. Paris 1834. T. V. p. 357 et suiv. 



8 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirus. 



,doute ce siege distinct existe, puisqne chacun de ces membres peiit 
„sc paralyser isolement, mais noiis ne le connaissons point encore." 

Dem wäre nur noch hinzuzufügen, dass man von den das Corp. 
striat, und den Thalam. optic. betreffenden Fällen abzusehen hat, 
sobald man diese Statistik zur Bestimmung des ersten Enstehungs- 
ortes der ausgefallenen Bewegung verwenden will, da in diesen beiden 
grossen Ganglien bereits Leitungsbahnen von den Hemisphären zur 
Peripherie gelagert sind. — Solche Thatsachen wiesen allerdings 
darauf hin, dass der Ursprung wenigstens einzelner seelischer Func- 
tionen an umschriebene Hirntheile geknüpft ist. Zu dem gleichen 
Schlüsse kam auch Goltz dadurch, dass er bei Fröschen, denen er 
das ürosshirn exstirpirt hatte, noch einen an die Lobi optici ge- 
bundenen Best von Intelligenz nachwies. 

Ebenso nahmen auch einzelne Anatomen, unter denen besonders 
Meynert genannt zu werden verdient, auf Grund morphologischer 
Untersuchungen einen von der herrschenden Meinung durchaus ab- 
weichenden, aber ganz entschiedenen Standpunkt ein. Nach Meynert 
zerfällt allerdings die als Heerd der Vorstellungen zu betrachtende 
Grosshirnrinde in viele mehr weniger umschriebene Gebiete, deren 
Bedeutung für die einzelnen Arten der Vorstellungen durch die in 
ihre Ganglienzellen einmündenden Nervenfasern seines sogenannten 
Projectionssystems bedingt wird. 

Inzwischen werden durch die Kesultate unserer eigenen Unter- 
suchungen die Prämissen für viele auf die Grundeigenschaften des 
Grosshirns zu ziehende Schlüsse nicht wenig verändert. 



Den Ausgangspunkt für diese Untersuchungen bildeten Beob- 
achtungen, welche ich am Menschen zu machen Gelegenheit hatte'), 
und die die ersten durch directe Reizung der Centraiorgane am 
Menschen hervorgebrachten und beobachteten Bewegungen willkür- 



1) Vgl. meine Abhandlung: Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes 
entstehenden Störungen der Muskelinnervation und der Vorstellungen vom 
Verhalten im Räume. 



Uelicr die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



9 



ücher Muskeln betreffen. Ich fand nämlich, dass man bei Diirch- 
leitung constanter galvanischer Ströme durch den hinteren Theil des 
Kopfes mit Leichtigkeit Bewegungen der Augen erhält, die ihrer 
Natur nach nur durch directe Reiz.uug cerebraler Centren ausgelöst 
sein können. Insoweit nun diese Bewegungen nur bei Galvanisirung 
jener Kopfgegend auftreten, konnte man sie als bedingt durch Rei- 
zung der Vierhügel, worauf Manches hinwies, oder benachbarter 
Theile betrachten. Da indessen bei Anwendung gewisser, die Erreg- 
barkeit erhöhender Kunstgriffe sich solche Augenbewegungen auch 
bei Galvanisirung durch die Schläfengegend zeigten, entstand die 
Frage, ob bei der letzteren Methode bis zur Basis vordringende 
Stromschleifeu die Veranlassung der Augenbewegungen seien, oder 
ob das Grosshirn im Widerpruch mit der allgemeinen 
Ansicht doch elektrische Erregbarkeit besässe. 

Nachdem mir ein vorläufiger Versuch ein rücksichtlich des Ka- 
ninchens generell positives Resultat ergeben hatte, schlug ich in 
Gemeinschaft mit Herrn F ritsch zur definitiven Lösung der letz- 
teren Frage, den folgenden Weg ein. 

Den bei den ersten Versuchen nicht narkotisirten, später aber 
narkotisirten Thieren, Hunden, wurde durch eine Trepankrone der 
Schädel an einer möglichst planen Stelle eröffnet. Dann wurde mit 
einer schneidenden, vorn gerundeten Knochenzange entweder die eine 
ganze Hälfte des Schädeldachs oder nur dessen den Vorderlappen 
bedeckender Theil entfernt. In den meisten Fällen wurde nach Be- 
nutzung der einen Hemisphäre mit der anderen Hälfte des Schädel- 
dachs in genau derselben Weise verfahren. In allen diesen Fällen 
Hessen wir jedoch, nachdem uns einmal ein Hund aus einer leichten 
Verletzung des Sin. longitud. verblutet war, eine diesen Blutleiter 
schützende mediane Knochenbrücke vollkommen intact. Nun wurde 
die bis dahin unversehrte Dura leicht indicirt, mit der Pincette er- 
fasst und bis zu den Knoclienrändern vollständig abgetragen. Hierbei 
schon äussern die Hunde durch Schreien und charakteristische Re- 
flexbewegungen lebhaften Schmerz. Später aber, wenn der Luftreiz 
erst längere Zeit eingewirkt hat, werden die Reste der harten Hirn- 
haut noch bei Weitem empfindlicher, ein Umstand, der bei An- 
ordnung der Reizversuche auf das Sorgfältigste in Betracht gezogen 



10 



lieber die elektrische Erregbarkeit des Grosshinis. 



werden miisste. Die Pia konnten wir jedoch durch mechanische oder 
irgend welche andere Reize in jedem Grade beleidigen, ohne dass 
das Thier ein Zeichen von Empfindung von sich gab. 

Die elektrischen Reizvorrichtungen waren in folgender Weise 
angeordnet: die Pole einer Kette von 10 Daniell gingen über einen 
Comrautator nach zwei Klemmschrauben einer Pohl'schen Wippe, 
aus der das Kreuz entfernt war. An den beiden gegenüberliegenden 
Klemmschrauben mündeten die den Strom einer secundären Induc- 
tionsspirale zuführenden Leitungsdrähte. Von dem mittleren Klemm- 
schraubenpaar führten zwei Drähte zu einem als Nebenschliessung 
eingeschalteten Rheostaten von 0—2100 S. E, Widerstand. Die 
Hauptschliessung setzte sich über einen du Bois 'sehen Schlüssel 
zu zwei kleinen, isolirten, walzenförmigen Klemmschrauben fort, die 
andererseits die Elektroden in Gestalt von sehr feinen, vorn mit 
einem ganz kleinen Knöpfchen versehenen Platindrähten trugen. 
Diese Platindrähte liefen durch zwei Korkstückchen, deren vorderes 
sie nicht parallel, sondern in einem kleinen Winkel durchbohrten, 
so dass die Knöpfchen durch eine leichte Verschiebung schnell ihre 
Entfernung von einander ändern konnten. In der Regel betrug diese 
Entfernung etwa 2-3 Mm, Es war nothwendig, den Platindrähten 
einen nur geringen mechanischen Widerstand und die Knöpfchen zu 
geben, da sonst jede Unsicherheit der Hand, ja selbst die Respira- 
tionsbewegungen des Gehirnes sofort zu Verletzungen der weichen 
Masse des Centralorganes geführt hätten. 

Die benutzte Kette bestand aus Sie m en s-H a Iske 'sehen Papp- 
elementen, die nach einer früher angestellten Untersuchung nicht die 
volle elektromotorische Kraft eines Daniell und je einen Widerstand 
von etwa 5 S, E. hatten. In der Regel war der Widerstand der 
Nebenschliessung nur niedrig, nämlich auf 30 — 40 S. E. bemessen. 
Die Stromstärke war dabei so gering, dass metallische Schliessung 
nur eben eine Gefühlssensation auf der mit den Knöpfchen berührten 
Zunge hervorrief. Beträchtlich höhere Stromstärken, sowie die Aus- 
schaltung der Nebenschliessung wurden nur zu Controllversuchen be- 
nutzt. — Bei den übrigens viel seltener vorgenommenen Reizversuchen 
mit dem Inductionsstrome hing der Widerstand der Nebenschliessung 
natürlich von der jedesmaligen Spiralenstellung ab. Wir benutzten 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grossbirus. 



u 



zu eleu meisteu Versuchen ebenfalls einen Strom, der gerade eine 
GefüMssensation auf der Zunge hervorbrachte. — 

Unter Anwendung dieser Methode gelaugten wir zu folgenden Ee- 
sultaten, die wir als Ergebniss einer sehr grossen Zahl für das Gehirn 
des Hundes grösstentheils bis in die kleinsten Einzelheiten überein- 
stimmender Versuche vortragen, ohne alle Versuchsprotocolle selbst 
abzudrucken. Bei der gegebenen genauen Beschreibung der Methode 
und bei Berücksichtiguug der noch im Folgenden zu erwähnenden 
Momente, ist die Wiederholung unserer Versuche ohnedies so leicht, 
dass Bestätigungen nicht lange werden auf sich warten lassen. — 

Ein Theil der Convexität des grossen Gehirnes des 
Hundes ist motorisch (diesen Ausdruck im Sinne von Schiff 
gebraucht) ein anderer Theil ist nicht motorisch. 

Der motorische Theil liegt, allgemein ausgedrückt, 
mehr nach vorn, der nicht motorische liegt nach hinten. — 
Durch elektrische Reizung des motorischen Theiles erhält 
man combinirte Muskelcontracti onen der gegenüber- 
liegenden Körperhälfte. 

Diese Muskelcontractionen lassen sich bei Anwendung 
ganz schwacher Ströme auf bestimmte, engbegrenzte 
Muskelgruppen localisiren. Auf stärkere Ströme be- 
theiligen sich bei Reizung der gleichen oder sehr benach- 
barter Stellen sofort andere Muskeln und zwar auch 
Muskeln der correspondirenden Körperhälfte. Die Mög- 
lichkeit isolirter Erregung einer begrenzten Muskel- 
gruppe ist indessen bei Anwendung ganz schwacher Ströme 
auf sehr kleine Stellen, die wir der Kürze wegen Centra nennen 
wollen, beschränkt. Ganz geringe Verschiebung der Elektroden 
setzt zwar in der Regel noch die gleiche Extremität in Bewegung; 
wenn indessen zuerst z. B, Streckung erfolgte, so ergiebt die Ver- 
schiebung Beugung oder Rotation. Die zwischen den von uns so 
bezeichneten Centren liegenden Theile der Hirnoberfläche fanden wir 
zwar bei der beschriebenen Reizmethode und bei Verwendung der 
minimalen Stromstärke unerregbar. Wenn wir indessen entweder 
die Entfernung der beiden Elektroden von einander oder die Strom- 
stärke vergrösserten, so Hessen sich dennoch Zuckungen hervorbringen; 



12 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



aber diese Muskelcontractionen ergriffen den ganzen Körper derart, 
dass sich nicht einmal wohl unterscheiden liess, ob sie einseitig oder 
doppelseitig waren. 

Beim Hunde ist die Oertlichkeit der bald näher zu bezeichnenden 
Centra sehr constant. Die genaue Constatirung dieser Thatsache 
unterlag zuerst einigen Schwierigkeiten. Wir haben dieselben in- 
dessen dadurch beseitigt, dass wir zuerst diejenige Stelle aufsuchtea, 
die bei der geringsten noch erregenden Stromstärke die stärkste 
Zuckung der betreffenden Gruppe ergab. Dann senkten wir eine 
Stecknadel zwischen den beiden Elektroden in das Gehirn des noch 
lebenden Thieres ein und verglichen nach Herausnahme des Gehirns 
die einzelnen so markirtcn Punkte mit denen der Spirituspräparate 
früherer Versuche. Wie constant die gleichen Centra gelagert sind, 
ergiebt sich am besten aus der Thatsache, dass es uns zu wieder- 
holten Malen gelungen ist, das gewollte Centrum ohne anderweite 
Eröffnung des Schädels im Mittelpunkt einer einzelnen aufgesetzten 
Trepankrone zu finden, Nach Abtragung der Dura zuckten die von 
dort abhängigen Muskeln mit derselben Sicherheit, als wenn die 
ganze Hemisphäre freigelegt gewesen wäre. Im Anfang freilich 
hatten wir auch bei ganz freiem Operationsfelde grössere Schwierig- 
keiten. Denn wenn auch freilich, wie bekannt, die einzelnen Hirn- 
windungen ganz constant sind, so zeigt doch ihre Entwickelung in 
ihren einzelnen Theilen und ihre Lagerung zu einander bedeutende 
Verschiedenheiten. Es findet sich sogar eher als Regel, wie als Aus- 
nahme, dass die correspondirenden Gyri der beiden Hemisphären 
desselben Thieres in einzelnen Theilen verschieden gebildet sind. 
Ausserdem ist einmal die mittlere Partie der Convexität mehr ent- 
wickelt, ein anderesmal sind es die nach vorn oder nach hinten ge- 
lagerten Theile^). Rechnet man dazu die Nöthigung dem Gehirn 
in nicht geringer Ausdehnung seine Hüllen zu lassen, ferner die 
Verdunkelung des Bildes durch die jedesmal andere, aber die Gyri 
manchmal sehr undeutlich machende Gefässvertheilung, so wird man 
sich, wenn es nun leicht geht, über die anfänglich von uns gefundenen 
Schwierigkeiten nicht gerade wundern. 

1) Vgl. hierzu auch Reichert: Der Bau des menschl. Gehirns. Leipzig 
1861, Abthl. IL S. 77. 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grossbirns. 



13 



Um die Wiederholung unserer Versuche ferner zu erleichtern, 
geben wir nachstehende genauere Daten über die Oertlichkeit der 
einzelnen motorischen Centra, wobei wir uns der Nomenclatur von 
Owen') auschliessen. 

Das Centrum für die Nackenmuskeln (s. A Fig. 1) liegt im 
lateralen Theile des praefrontalen Gyrus, dort wo die Oberfläche die- 
ser Windung den steilen Abfall nach unten nimmt. Das äusserste 
Ende des postfrontalen Gyrus birgt in der Gegend des lateralen 
Endes der frontalen Fissur (s. Fig. 1) das Centrum für die Ex- 



tensoren und Adductoren des Vorderbeines. Etwas nach rückwärts 
davon und mehr der Coronalfissur genähert (s. + Fig. 1) liegen die 
der Beugung und Kotation des Gliedes vorstehenden Centraigebiete. 
Die Stelle für das Hinterbein (s. # Fig. 1) befindet sieh ebenfalls 
im postfrontalen Gyrus, aber medianwärts von der für das Vorder- 
bein und etwas melir nach hinten. Der Facialis (s. O Fig. 1) wird 
von dem mittleren Theile des supersylvischen Gyrus innervirt. Die 
betreffende Stelle übertrifft häufig an Ausdehnung 0,5 Cm. und er- 
streckt sich von der Hauptknickung oberhalb der sylvischen Furche 
aus nach vor- und abwärts. 



Fig. 1. 




1) On the anatomy of vertebrates. Vol. HI. London 1868, p. 118. 



14 lieber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 

Wir müssen hinzufügen, dass es nicht in allen Fällen gelang 
von der erstgenannten Stelle aus die Nackenmuskeln in Bewegung 
zu setzen. Die Eückeu-, Schwanz- und Bauchmuskeln haben wir 
zwar oft genug von den zwischen den bezeichneten Punkten liegenden 
Partieen aus zur Contractiou gebracht, indessen Hess sich eine 
circumscripte Stelle, von der aus sie isolirt zu reizen waren, nicht 
mit Bestimmtheit feststellen. Die ganze nach rückwärts von dem 
Facialis-Centrum liegende Partie der Convexität') fanden wir auch 
gegen ganz unverhältnissmässige Stromintensitäten absolut unerregbar. 
Selbst bei Ausschaltung der Nebenschliessung, also bei Einwirkung 
eines Stromes von 10 Daniell erfolgte keine Muskelzuckung. 

Der Charakter der durch Reizung dieser motorischen Centren 
hervorgebrachten Zuckungen ist je nach Art der Eeizung ein ver- 
schiedener. Die Reizung durch einfache metallische Schliessung 
des Kettenstromes giebt nur eine einfache, ziemlich schnell vor- 
übergehende Zuckung. Wenn man, anstatt die Kette in ihrem 
metallischen Theile zu schliessen, dies durch Aufsetzen der Elektroden 
thut, so bedarf man zur Erzielung des gleichen Effects grösserer 
Stromstärken. Also auch hier gilt das Gesetz von du Bois-Rey- 
moud. Die metallische Wendung ergiebt stets einen ceteris paribus 
grösseren Reizzeffect als die blosse Schliessung, ohne dass jedoch dabei 
zwei Zuckungen (die zweite für die Oeffnung) einträten. Nicht selten 
zeigte sich aber bei dieser Art der Reizung auch Tetanus der be- 
treffenden Muskelgruppe, namentlich wenn es sich um die Zehen- 
beuger handelte, obwohl weitere Reizmomente nicht Platz griffen. — 
Hatte zuerst die eine Elektrode, sei es auch nur kurze Zeit, einge- 
wirkt, so brachte gleich darauf die andere an derselben Stelle einen 
grösseren Reizeffect hervor als sie vorher und bald darauf vermochte. 

Während nun dies ganz übereinstimmt mit dem, was man 
von den Eigenschaften peripherischer Nerven weiss , können wir aus 



1) Wir vermeiden absichtlich die Bezeichnung nach Lappen, da beim 
Hunde weder eine deutliche Lappenbildung existirt, noch auch das, was man 
etwa dafür ansehen kann, den menschlichen Hirnlappen der Lagerung nach 
entspricht, endlich auch, weil man bisher so gut wie gar nicht weiss, welche 
Theile beim 'Hunde als bestimmten Theilen des Menschen adaequat zu be- 
trachten sind. 



üeber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirus. 



15 



einem gleichzu nennenden Grunde nicht unterlassen, auf ein hiervon 
abweichendes, übrigens physiologisch höchst interessantes Keizmoment 
kurz aufmerksam zu machen. Es handelt sich um ein durchaus 
constantes Vorwiegen der Anode. Ja es scheint so als ob 
innerhalb der minimalen Stromstärken nur die Anode 
Zuckungen auslöst. Wir haben zur Feststellung dieses Punktes, zu- 
nächst weil seine Kenntniss zur Erleichterung der Untersuchung 
sehr nothwendig ist, folgende Versuche gemacht und oft wiederholt. 

1) Bei der gewöhnlichen Entfernung der Elektroden von einander 
wurde diejenige Stelle aufgesucht, von der aus man mit der minimalen 
Stromstärke Zuckungen auslöste, und um ganz sicher zu gehen, wurde 
erst mehrmals metallisch geschlossen. Alsdann wurde bei offener 
Kette der Strom gewendet, ohne dass die Elektroden ihren Platz 
veränderten und von Neuem geschlossen. Nun blieb die Zuckung 
aus. Wurde nun wieder geöffnet, gewendet, geschlossen, so war der 
Pieizeffect etwas grösser als bei den ersten Schliessungen. Dies Hess 
sich beliebig oft wiederholen. Wenn nun die eine oder die andere 
der Elektroden unter wiederholten Kettenschliessungen ihren Platz 
verliess, so konnte dies die Kathode sein, ohne dem Reizeffect Ab- 
bruch zu thun. Die Anode durfte sich aber nicht weit von dem 
Reizpunkt entfernen, ohne dass entweder Ruhe oder Zuckungen in 
anderen Muskelgruppen auftraten. 

2) Die Anode ruhte auf dem Streckcentrum, die Kathode auf 
dem Beugecentrum für die vordere Extremität. Schliessung gab 
Streckung, Wendung — (bei geschlossener Kette) Beugung, Wen- 
dung — Streckung, Wendung — Beugung und so fort. Es wurde 
also jedesmal das der Anode entsprechende Centrum erregt. 

Wir ziehen vor, uns der Betrachtungen über den Zusammen- 
hang der zuletzt angeführten Erscheinungen für jetzt zu enthalten. 
Die neuen Thatsachen, welche sich uns bei dieser Untersuchung 
zeigten, sind so mannigfaltig, und ihre Consequenzen erstrecken 
sich nach so vielen Richtungen hin, dass es für die Sache wohl von 
geringem Vortheil wäre, alle diese einer genauen Durchforschung 
bedürfenden Pfade auf einmal wandeln zu wollen. 

Hier müssen wir indessen noch anfügen, dass bei etwas längerer 
Kettenschliessuug die stärker erregende Wirkung des Wechsels der 



16 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



Elektroden sich auch in folgender Art äussert. Hatten wir eine 
Zuckung hervorgebracht, dadurch dass die Anode sich auf einem 
Centrum, die Kathode auf einer, bei der benutzten Stromstärke 
indifferenten Stelle befand und Hessen wir die Kette etwas länger 
geschlossen, so löste manchmal nach vorgängiger Oeffnung die 
Schliessung des gewendeten Stromes eine einzelne, sehr selten eine 
einmal wiederholte Zuckung aus. Das heisst nach etwas längerer 
Einwirkung der Anode reagirt die centrale Nervensubstanz eine 
kurze Zeit lang selbst bei minimalen Strömen auch auf die Kathode. 
Man muss für diesen Versuch aus mehreren Gründen nur ganz 
schwache Ströme verwenden, namentlich auch weil stärkere Ströme 
durch Elektrolyse die Substanz sofort zerstören. — 

Bei der Reizung mit tetanisireüden Inductionsströmen') 
sind die Eeizeffecte ihrer Art nach nicht ganz so constant. Häufig 
treten tonische Contractionen der betreffenden Muskelmassen ein, die 
erst nach längerer Zeit in ihrer Intensität nachlassen. Häufig ist 
ein anfängliches Contracfcionsmaximum vorhanden, dem schon nach 
secundenlanger Dauer des Stromes ein so beträchtlicher Nachlass 
folgt, dass man die Contraction für ganz erloschen halten könnte, 
wenn nicht im Momente der Oeffnung noch eine geringe Bewegung 
im Sinne der nachlassenden Contraction erfolgte. Zu diesen Ver- 
schiedenheiten, sowie zu einigen gleich zu erwähnenden Erscheinungen 
scheint die Individualität des Versuchsthieres — seine grössere oder 
geringere Reizbarkeit in ursächlichem Verhältniss zu stehen. 

Bei anhaltender Verwendung stärkerer Ströme nämlich treten 
wohl Symptome der Erschöpfung auf, — die Erforderniss stärkerer 
Ströme zur Erzielung desselben Effects, auch wohl gänzliches Aus- 
bleiben der Zuckungen. Sehr oft kommt es dabei zu blutigen Suffu- 
sionen der Rindensubstanz. Häufiger jedoch beobaclitet man nament- 
lich auch nach schwachen Strömen eine Reihe von Erscheinungen, 
denen der entgegengesetzte Sinn untergelegt werden muss. 



1) Der folgende Passus, den ich übrigens ganz unverändert abdrucke, 
hat mehrfach zu Missverständnissen Veranlassung gegeben. Ich bemerke 
deshalb schon hier, dass die in demselben enthaltene Schilderung sich selbst- 
verständlich nur auf die von uns für beweisende Versuche benutzte Methode, 
Reizung mit der Stromstärke dos Zuckungsminimums bezieht. 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



17 



Eduard Weber') hatte bereits augegeben, dass nach Oeffuung 
eines das Froschrückenmark tetanisirenden Stromes Nachbewegungen 
in allen Körpermuskeln eintreten. Diese Thatsache scheint ganz in 
Vergessenheit gerathen zu sein. Wenigstens sollten wir meinen hätte 
sie sonst von den Vertheidigern der Erregbarkeit des Kückenmarks 
wohl als ein Argument benutzt werden können. 

Etwas ganz Aehnliches findet sich nun nach Tetanisiren der 
Hirnsubstanz. Schon nach einer Keizung von wenig Secunden Dauer 
treten Nachbewegungen in der abhängigen Musculatur ein, die im 
Gebiet des Facialis einen deutlich zitternden Charakter tragen. Die 
Extremitäten zeigen mehr das Bild klonischer Krampfbewegungen 
— Unterschiede, die jedenfalls, von der verschiedenen Art der Mus- 
kelanheftung abhängig sind. Diese localen Krarapfanfälle können sich, 
auch wenn man dem Gehirn Ruhe lässt, mehrfach wiederholen. In 
einzelnen Fällen traten sie auch nach Misshandlung der Hirnsubstanz 
mit Schliessungen des Kettenstromes auf. In der Regel wurden sie 
aber nach Reizung mit diesen Strömen nicht beobachtet. Bei 
zweien unserer Versuchsthiere bildeten sich aus diesen 
Nachbewegungen wohlcharakterisirte epileptische An- 
fälle heraus. Der Anfall begann halbseitig mit Zuckungen in 
der vorher gereizten Musculatur, breitete sich aber dann auf alle 
Körpermuskeln aus, so dass es zu einem vollständigen Strecktetanus 
kam. Die Pupillen waren dabei ad maximum erweitert. Eins von 
den Thieren hatte zwei, das andere drei solcher Anfälle. Man könnte 
einwenden, dass die Hunde schon früher epileptisch gewesen seien. 
Der eine Hund hatte sich aber bereits 6 Jahre lang bei derselben 
Herrin befunden, ohne je an Krämpfen gelitten zu haben. Die Änte- 
cedentien des anderen blieben unbekannt. — 

Wir gehen nun zur Widerlegung der Einwände über, die man 
gegen unsere Versuche erheben könnte. 

Der erste Einwand, der bei elektrischen Reizversuchen immer 
von Sachverständigen 2) und nicht Sachverständigen vorgebracht wird, 



1) R. Wagner's Handwörterb. d. Physiol. Bd. III, Abth. II, S. 15. 

2) Uebrigens dürfte es für den einen oder den anderen Leser nicht über- 
flüssig sein, zu bemerken, dass unter den vielen Aerzten, denen wir unsere 

Hitzig, Experimentelle Uiitersiicluiiigen. 2 



18 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



stützt sich auf die Stromschleifen, welche zu entfernteren Theilen ge- 
langen können. Dieser Einwand ist, wenn wir von der Frage absehen, 
ob Binden- oder Marksubstanz des Grosshirns erregbar sei 
leichter als irgend ein anderer zu beseitigen. Einmal waren die von 
uns zu den beweisenden Experimenten verwandten Ströme überhaupt 
nur schwach. Da aber die Substanz des Gehirns einen sehr grossen 
Widerstand besitzt, da ferner andere, leitende Theile nicht in der 
Nähe lagen, da endlich die Entfernung der Elektroden von einander 
nur gering war, so konnte nach den Gesetzen der Stromvertheilung 
in nicht prismatischen Leitern die Stromdichte schon in sehr geringer 
Entfernung von den Einströmungsstelleu nur eine minimale sein. 
Dies würde schon a priori den fraglichen Einwand widerlegen. In- 
dessen haben wir noch eine grosse Keihe directer Beweise für uns. 
Sollten die Stromschleifen erstens zu den peripherischen Nerven ge- 
langen, so lagen ihnen immer die Nerven der gleichnamigen Seite 
näher, und sie hatten nicht den entferntesten Grund sich ausschliess- 
lich zu der anderen Seite zu begeben. Ferner lagen ihnen noch sehr 
viel näher als irgend welche andere in Frage kommenden Nerven, die 
motorischen Augennerven derselben Seite. Der so bewegliche, so im 
labilen Gleichgewicht balancirte Bulbus bildet ohne Präparation zu 
erfordern das vorzüglichste physiologische Kheoskop, er würde sich 
auch bei minimalen Stromschleifen viel eher bewegen, als eine Vor- 
derextremität, von den Hinterextremitäten gar nicht zu reden. Es 
giebt aber au der ganzen Convexität, so weit man sie freilegen kann, 
nicht eine einzige Stelle, von der aus man selbst mit stärkeren 
als die von uns gewöhnlich benutzten Ströme, irgend eine Bulbus- 
Bewegung erzielen kann. Hiermit wäre auch ein Theil derjenigen 
Frage, welche mich zur Aufnahme dieser Untersuchungen veranlasste 
erledigt. ' ) 

Endlich führen wir noch eine Thatsache von hohem physiolo- 
gischen und pathologischen Interesse an. Es ist die, dass mit 



Versuche demonstrirt haben, sich auch mehrere gerade in dieser Beziehung 
sehr competente Fachgelehrte befanden, z. B. die Herren Prof. Nasse (Mar- 
burg) und Münk (Berlin). 

1) Rücksichtlich des Centrums für die graden Augenmuskeln verweise ich 
auf die folgende Abhandlung. 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



19 



der Verblutung die Erregbarkeit des Gehirns ungemein 
schnell sinkt, um schon vor dem Tode fast ganz zu er- 
löschen. Unmittelbar nach dem Tode ist sie auch gegen 
die stärksten Ströme sofort ganz verloren, während Mus- 
keln und Nerven vortrefflich reagiren. Dies scheint uns zu 
erfordern, dass Versuche über die Erregbarkeit der Centraiorgane bei 
ungestörter Circulation vorgenommen werden. — 

Man könnte zweitens meinen, wenn auch nicht peripherische 
Nerven oder das Eückenmark, von dem genau dasselbe zu sagen 
wäre, wie von jenen, so würden doch andere Hirnprovinzen als die 
grossen Hemisphären von Stromschleifen getroffen. Wenn sich dies 
so verhielte, so würde auch der Nachweis der elektrischen Erreg- 
barkeit anderer Hirnprovinzen ein wichtiger Fund sein. Denn auch 
von den Meisten unter ihnen wird ja gegenwärtig allgemein be- 
hauptet, dass sie der directen Erregung unzugängig seien. Indessen 
verhält es sich, wie selbst für die elektrische Reizung bewiesen wer- 
den kann, eben nicht so. Diejenigen Theile, denen überhaupt, wenn 
auch von wenigen Forschern, directe Erregbarkeit vindicirt worden 
war, sind hinterer Theil (Cauda) des Corp. striat., Thalam. optic, 
Hirnschenkel, Vierhügel, Brücke. Sehen wir zunächst einmal vom 
Corp. striatum ab, so liegen die sämmtlichen übrigen eben ange- 
führten morphologischen Bestandtheile des Gehirns so weit nach hin- 
ten, dass sie alle bei Frontalschnitten erst getroffen werden, wenn 
man nach rückwärts bei den nicht mehr reagirenden Theilen des 
Grosshirns anlangt. Einzig ausgenommen ist das Corp. striat., dessen 
Cauda gleichwohl auch schon im Bereich der unerregbaren") Zone 
liegt. Es wäre also möglich, dass gerade der vordere oder mittlere 
Theil dieses Ganglions, der Theil welcher unerregbar sein sollte, er- 
regbar und die Ursprungsstätte unserer Reizeffecte wäre. Von vorn- 
herein war Letzteres schon darum unwahrscheinlich, weil bei gleicher 
Stromstärke die Zuckungen schon aufhörten, sobald die Elektroden 
um wenige Millimeter ihren Ort veränderten. Denn wenn man durch 
die beiden gedachten Einströmungsstellen und einen senkrecht unter 



1) ünerregbar nennen wir hier ohne Präjudiz alle diejenigen Gebiete, 
denen aus keine Zuckungen hervorzubringen sind. 

2* 



20 Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 

ihrer Verbindungslinie liegenden Punkt im Corp. striat. gerade Linien 
legt, so erhält man ein gleichseitiges Dreieck, dessen gleiche Seiten 
Strombahnen des geringsten Widerstandes abgeben würden. Da nun 
der Widerstand beider annährend gleich sein muss, so müsste ceteris 
paribus auch der Reizeffect derselbe sein, was nicht der Fall ist. 

Nicht zufrieden mit diesen, wenn auch schlagenden aprioristi- 
schen Beweisen betraten wir auch den Weg des directen Beweises. 
Zu diesem Zwecke gaben wir Carlsbader Insectennadeln eine dichte 
isolirende Hülle dadurch, dass wir sie wiederholt in eine Lösung von 
Gutta percha in Chloroform tauchten. Nur die Spitze und der Kopf 
wurde leitend erhalten. Senkten wir diese Nadeln nun in den nach 
rückwärts gelegenen Theil des Grosshirns ein, so erhielten wir selbst 
bei unendlich viel stärkeren Strömen keine Spur einer Zuckung, bis 
die dann mehrere Ctm. tief eingedrungenen Rheophoren die Hirn- 
schenkel berührten. Dann aber bekam das Thier unter einem hef- 
tigen Sprunge allgemeine Muskelerschütterungen. Anders wenn in 
gleicher Weise die vordere Hälfte des Hirns erregt wurde. Hätte 
man anzunehmen, dass bis zum Corpus striatum gelangende Strom- 
schleifen die bei oberflächlicher Heizung auftretenden Zuckungen aus- 
lösten, so müssten die Letzteren beim Eindringen der Elektroden 
sich einfach allmählich verstärken. Dies war indessen nicht der 
Fall, sondern die Zuckungen verbreiteten sich vielmehr auf andere 
Muskeln und zeigten überhaupt ein anderes Verhalten, welches noch 
einer besonderen Untersuchung bedarf. Folglich lässt sich mit Be- 
stimmtheit annehmen, dass weder das genannte Ganglion noch die 
den Hirnstock zusammensetzenden Gebilde an den von der Convexität 
aus erregten Zuckungen einen Antheil hatten. 

Ein anderer Einwand, der erhoben werden könnte und der 
gegen alle früheren erfolgreichen Reizversuche an den Centraior- 
ganen (Rückenmark, Hirnstock) erhoben worden ist, würde sich auf 
reflectorisches Zustandekommen der Contractionen stützen. Auch 
dieser Einwand lässt sich durch schlagende Beweise entkräften. 

Reflexe könnten ausgelöst werden durch die Nerven der Dura 
und die der Pia mater, denn vor Erregungen benachbarter Nerven 
der Schädelbedeckungen waren wir durch ausgiebige Freilegung der 
Hirn Oberfläche geschützt. Ausserdem lagen an dem einen Wund- 



Uebcr die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



21 



rande die theilweise abgelösten temporalen Muskelmassen. Diese ihre 
Erregbarkeit wohl bewahrenden Gebilde hätten uns schon schwache 
Stromschleifen sofort verathen müssen. Sensible Fasern im Grosshirn 
selbst sind aber noch nicht nachgewiesen oder überhaupt angenommen 
worden.') Auch giebt die gänzliche Unempfindlichkeit seiner Sub- 
stanz nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine solche Annahme. 

Was nun die Dura angeht, so haben wir schon oben (in üeber- 
einstimmung mit Long et u. A.) angeführt, dass ihr eine gewisse 
Empfindlichkeit schon im physiologischen Zustande innewohnt, dass 
dieselbe sich aber nach Eröffnung der Schädelkapsel sehr schnell 
steigert. Es empfiehlt sich deshalb auch, hurtig zu operiren, weil 
anderenfalls das Versuchsthier, selbst wenn es festgebunden ist, durch 
die gewaltigsten Sprünge die Schonung der Hirnsubstanz bei Ab- 
tragung dieser Membran sehr erschwert. Hat man sie aber einmal 
bis zu den Knochenrändern abgetragen, so ist man vor Keflexen von 
ihren jN'er^ eu aus hinreichend geschützt. Wir versicherten uns dessen 
auf verschiedene Weise. Erstens lösten wir bei unseren Keizversuchen 
ja gekreuzte Zuckungen aus, während Reflexe immer zuerst auf der- 
selben Seite auftreten (Pflueger). Zweitens hörten die Zuckungen 
bei geringer Ortsveränderung aber bei gleicher Entfernung von den 
Kesten der Dura auf. Drittens hörten sie selbst dann auf, wenn wir 
der Dura näher rückten, vorausgesetzt, dass wir nicht gerade moto- 
rische Centra trafen. Ja wir erhielten, immer unter der zuletzt ge- 
nannten Voraussetzung, nicht einmal Zuckungen, wenn die Elektroden 
dicht an der Dura aber noch auf der Hirnsubstanz standen. Berühr- 
ten wir jedoch viertens die Dura selbst, so traten in vielen Fällen, 
auch wenn kein Strom sie durchfloss, auf den elektrischen Reiz aber 



1) Der zweite Theil dieses Satzes ist nicht mehr richtig. Schiff glaubt 
seither auf Grund unserer, von ihm bestätigter, sowie sehr mannichfach vari- 
irter eigener Versuche das Vorhandensein von sensiblen Muskelnerven im 
Grosshirn annehmen zu sollen. Er fasst danach unsere Eeizeffecte als Reflexe 
auf, welche durch Reizung jener sensiblen Muskelnerven ausgelöst würden. 
Ich meinerseits habe die thatsächliche Uebereinstimmung zwischen einzelnen 
Versuchen Schiffs und meinen eigenen Parallelversuchen noch nicht her- 
beiführen können. Unter diesen Umständen halte ich es für besser die Dis- 
cussion über die Deutung auf die Zeit zu verschieben, zu der über ihre 
nothwendige Basis kein Zweifel mehr bestehen kann. 



22 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grossbirns. 



immer die heftigsten Eeflexbewegungen in einer höchst charakteri- 
stischen Form auf. Diese sahen aber ganz anders aus, wie unsere 
anderweiten Eeizeffecte. Zunächst trugen sie immer das Bild der 
Zweckmässigkeit; Zurückwerfen des Kopfes, Contractionen der Kücken- 
muskeln, Geschrei und Winseln selbst in der Morphium -Narkose, 
selten Bewegungen der Extremitäten. Ganz anders das Bild unserer 
Keizversuche. Hier liegen häufig selbst nicht narkotisirte Thiere un- 
beweglich, gleichgültig da, während wir bald eine vordere, bald eine 
hintere Extremität durch den elektrischen Eeiz in Bewegung setzen. 

Die Pia kann man freilich nicht in gleicher Weise zurück- 
präpariren ; im Gegentheil muss man mit ihr so schonend wie mög- 
lich umgehen. Denn die Verletzung eines einzigen ihrer zahllosen, 
strotzenden Gefässe überströmt das Operationsfeld mit Blut und kann 
den ganzen Versuch scheitern, das Thier nutzlos geopfert sein lassen. 
Indessen hindert dies nicht den Beweis ihrer Unwesentlichkeit für 
das Zustandekommen unserer Eeizeffecte. Abgesehen von allen den 
Gründen, die wir schon gelegentlich der Besprechung der Dura an- 
führten, ist Folgendes mehr als genügend. Wir fanden die Pia (wie 
auch Longet u. A.) unempfindlich. Wir umschnitten sie über einem 
motorischen Centrum mit Schonung der grösseren Gefässe, ohne dass 
der Eeizeffect sich änderte. Wir trugen sie an einer solchen Stelle ab 
— die Zuckungen blieben nie aus. Wir stachen isolirte Nadeln in die 
Hirnsubstanz ein, auch dann noch zuckten die Muskeln, wenn es im 
Bereich der motorischen Sphäre geschah, sie zuckten unter keiner von 
allen diesen Bedingungen, wenn wir die hintere Grenze dieser Sphäre 
überschritten. Es dürfte übrigens von Interesse sein, an dieser Stelle 
einzuschalten, dass weder die Morphium- noch die Aether- Narkose 
einen wesentlichen Einfluss auf das Gelingen der Versuche hat. 

Endlich wird man fragen, wie es denn kam, dass so viele frühere 
Forscher, darunter die glänzendsten Namen, zu entgegengesetzten 
Eesultaten gelangten. Hierauf haben wir nur eine Antwort: „Die 
Methode schafft die Eesultate." Es ist unmöglich, dass unsere Vor- 
gänger die ganze Convexität freigelegt haben, denn sonst hätten 
sie Zuckungen erhalten müssen. Die hintere seitliche Wand des 
Schädeldachs des Hundes, unter der allerdings keine motorischen 
Theile liegen, empfiehlt sich durch ihre Formation für das Aufsetzen 



lieber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



23 



der ersten Trepankrone, Hier begann man wahrscheinlich die Ope- 
ration und versäumte nach vorn aufzubrechen, indem man von der 
irrigen Ansicht ausging, dass die einzelnen Felder der Oberfläche 
gleichwerthig seien. Man fusste auf der Eingangs entwickelten, 
noch heut weit verbreiteten Annahme von der Allgegenwärtigkeit 
aller seelischen Functionen in allen Theilen der Grosshirnrinde. Hätte 
man an eine Localisation der seelischen Functionen auch nur ge- 
dacht, so würde man die scheinbare Unerregbarkeit einzelner Theile 
des Substrats als etwas Selbstverständliches betrachtet und keinen 
seiner Theile ununtersucht gelassen haben. Denn dass wir mit un- 
seren Reizen Vorstellungen zu erwecken oder doch etwa erweckte 
am vivisecirten Thiere zur Anschauung zu bringen vermöchten, hat 
wohl keiner der bisherigen Forscher vorausgesetzt. 

Dies führt uns zur Besprechung einer Frage, die wiewohl un- 
berechtigter Weise an uns gerichtet werden könnte. Man könnte 
die Erklärung der Beobachtungen von uns verlangen, die in hin- 
reichender Zahl über chirurgische Verletzungen des Gehirns ohne 
Störung irgend welcher Function vorliegen'). Es wäre zunächst 
gar nicht unsere Sache, diesen anscheinenden Widerspruch zu lösen. 
Denn ehe diese Verpflichtung uns obläge, müsste man uns nach- 
weisen, dass gerade die Partieen, von denen wir reden, verletzt 
oder verloren waren — ein etwas schwieriges Unternehmen. Von 
anderen Theilen der Convexität wissen aber weder wir noch Andere 
etwas Genaueres; ausgenommen etwa das, was man von der dritten 
Stirnwindung weiss und das spricht grade für uns. Wie gesagt, 
der Widerspruch ist nur ein scheinbarer, die Theile des Grosshirns 
sind nicht gleichwerthig. 



1) Auch ich habe einen solchen Fall während meiner Thätigkeit als diri- 
girender Arzt am allgemeinen Garnisonlazareth zu Berlin im Jahre t866 be- 
obachtet. Einem Soldaten (Angelm eier) war ein Granatsplitter genau in 
die Glabella gedrungen und hatte dort ein dreieckiges Loch gemacht. Aus 
diesem Loche entleerte sich während wenigstens 14 Tagen immerwährend 
Gehirnsubstanz. Schliesslich heilte die Wunde von selbst zu. Sehr geistreich 
war dieser Kranke nicht, im Gegentheil schien er trägen Verstandes. Da man 
ihn indessen vorher nicht gekannt hatte, so war nicht zu entscheiden, ob er 
nicht von Natur geistig arm war. Grobe motorische oder sensible Störungen 
bot er jedenfalls nicht dar. 



24 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



Es scheint uns weiterhin sehr am Platze, an folgende diesen 
Punkt vollkommen treffende Bemerkung Griesin g er 's') zu erinnern. 

„Gegen die meisten dieser Beobachtungen Hessen sich man- 
„cherlei Bedenken erheben. In fast allen Fällen ist nur die Intel- 
„ligenz im engeren Sinne beachtet, die Gemüthsbeschaffenheit und 
„der Willenszustand ganz unbeachtet geblieben, und auch an die 
„Intelligenz wurden gewöhnlich nur die geringsten Anforderungen 
„gemacht, z. B. die Beantwortung einfacher, ärztlicher Fragen, um 
„sie für unverletzt zu erklären. In keiner dieser Beobachtungen ist 
„die Intelligenz in ihrem ganzen Umfange geprüft worden, und in 
„vielen derselben, nämlich in allen Hospitalbeobachtungen war eine 
„Vergleichung des Geisteszustandes nach der Erkrankung oder dem 
„Substanzverluste mit dem früheren schlechterdings unmöglich u. s. w." 

Griesinger hat hier, wie es seine Materie erheischt, lediglich 
den psychischen Zustand im Auge. Genau das, was er von der Er- 
forschung des Zustandes der Seele verlangt, können Avir mit noch 
grösserem Kecht rücksichtlich somatischer Functionen fordern. Wo 
sind die Untersuchungen über Muskeleigenschaften oder die Quali- 
täten des Tastsinnes, die gerade hier mehr am Platze wären, als 
an manchen anderen Orten, an denen sie einen sachlichen Zweck 
kaum erkennen lassen! Wie wohl begründet diese unsere Forderung 
ist, das werden einige Versuche lehren, von denen im Folgenden 
noch die Kede sein wird. 

Blicken wir nun auf die bisherigen Resultate unserer Unter- 
suchungen zurück und fragen wir uns, was durch dieselben an 
Kenntniss der Eigenschaften des Centraiorgans gewonnen ist, so liegt 
uns die Pflicht ob zu unterscheiden zwischen dem, was mit Recht 
als sicher gefolgert werden darf, und dem was nur wahrscheinlich 
gemacht worden ist. 

Als einen sicheren Erwerb können wir die zweifel- 
los bewiesene, in jedem Augenblick zu reproducirende 
Thatsache bezeichnen, dass auch centrale Nerveng ebilde 
zunächst auf einen unserer Reize mit einer in die Er- 



1) Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten. 2. Aufl. 
Stuttgart 1861, S. 4. 



lieber die elektrische Erregbarkeit des Grossliirns. 



25 



scheinung tretenden Reaction antworten. Dies allein hätte 
schon eine nicht geringe principielle Bedeutung für die Physiologie 
insofern damit der Widerspruch in der Definition beseitigt wird, auf 
den neuerdings Fick mit Recht hingewiesen hat und an den der 
Anfang dieser Arbeit anknüpft. 

Ebenso sichergestellt ist die Thatsache, dass ein 
beträchtlicher Theil der die grossen Hemisphären zu- 
sammensetzenden Nervenmassen, man kann sagen fast 
ihre eine Hälfte, in unmittelbarer Beziehung zur Mus- 
kelbewegung steht, während ein anderer Theil offenbar 
wenigstens direct nichts damit zu schaffen hat. So ein- 
fach, so selbstverständlich dies nun scheinen mag, so wenig M'ar 
man bisher hierüber in's Klare gekommen. Wir beziehen uns zu 
diesem Zwecke auf das gelegentlich des historischeu üeberblickes 
Gesagte. Sprach man von solchen Centren im Gehirn, so wurden 
noch in neuester Zeit nur basale Theile, Pons, Thalami etc. ange- 
führt'), und bei der Erklärung jener Sectionsbefiinde hielt man sich 
vorsichtig in möglichst allgemeinen Ausdrücken. Nur wenige Ge- 
hirnanatomeu, unter denen namentlich Meynert zu nennen, hatten 
sich bisher, allerdings in anderer Weise als G all, . für eine strenge 
Localisatiou der einzelnen psychischen Facultäten ausgesprochen. 

Werfen wir jedoch die Frage auf, ob die von uns ausgelösten 
Reizeffecte durch directe Einwirkung auf diejenigen Centren der 
grauen Rinde, in denen der motorische Willensimpuls entsteht, her- 
vorgebracht werden, oder ob man an Reizung der Markfaserung zu 
denken hat, oder ob noch ein Drittes möglich ist, so muss unsere 
Antwort bei Weitem reservirter gehalten werden. 

Nehmen wir selbst an, der Beweis für Auslösung der fraglichen 
Bewegungserscheinungen durch die gangliöse Substanz sei geliefert — 
und er ist es nicht — so wäre damit noch nicht bewiesen, dass nun 
bei denjenigen Bewegungserscheinungen, die durch inneres Geschehen 
frei werden, grade dieser Theil der Rinde das Substrat abgiebt für 
das erste nach aussen gerichtete Glied in der Kette, welche be- 



1) Vgl. z. B. Griesinger a. a. 0. S. 4 und viele andere Autoren, doch 
auch derselbe S. 23. 



26 



Ueber die elektriscbe Erregbarkeit dos Grossbirus. 



giimt mit dem ersten Entstehen eines sinnlichen Eindruckes, und ihr 
vorläufiges Ende findet mit dem als Muskelbewegung erscheinenden 
Ausdruck des Wollens. 

Es ist vielmehr nicht undenkbar, und kann namentlich durch 
das, was wir in anatomischer Beziehung über den anastomosirenden 
Bau dieser Theile wissen, nicht ausgeschlossen werden, dass der 
Hirntheil, welcher die Geburtsstätte des Wollens der Bewegung 
einschliesst, noch ein anderer oder vielleicht ein vielfacher ist, dass 
die von uns Centra genannten Gebiete nur Vermittler abgeben, 
Sammelplätze, auf denen ähnliche aber zweckmässigere Anordnungen 
der Muskelbewegungen geschehen, als in der grauen Substanz des 
Eückenmarks und der Hirnbasis. In wie weit sogar eine gewisse 
physiologische Berechtigung, dieser Anschauung einen Platz zu lassen, 
von uns aufgedeckt ist, werden wir bald sehen. 

Nachdem wir in dieser Zurückhaltung den rein psychologischen 
Möglichkeiten den weitesten Spielraum gegönnt haben, und wir 
heben dies ausdrücklich hervor, wenden wir uns zu der Erörterung 
der Frage nach dem Werthe der grauen und der weissen Substanz 
für das Zustandekommen der von uns beschriebenen Reizeffecte. Wird 
die Frage in dieser Form gestellt, so dürfte es zu einem Theil be- 
reits jetzt möglich sein sie befriedigend zu beantworten. Wollte man 
aber statt der allgemeineren Begriffe graue und weisse Substanz die 
Worte Fasern und Zellen sich einander gegenüberstellen, so liesse 
sich auch die Möglichkeit einer Lösung bisher nicht absehen. Denn 
da sich in der grauen Substanz Fasern und Zellen untrennbar mischen, 
ist eine isolirte Untersuchung der einzelnen morphologischen Bestand- 
theile unausführbar. Selbst wenn also der directe Beweis der Er- 
regbarkeit auch für die graue Substanz geführt worden wäre, würde 
man immer noch einwenden können, dass nicht die Ganglienzellen, 
sondern die zwischen ihnen verlaufenden Nervenfasern dieser Substanz 
den eigentlich erregten Theil abgäben. — Für den Augenblick steht 
die Frage so, dass wir durch die oben angeführten Versuche über 
das Einstechen isolirter Nadeln die Erregbarkeit der Marksubstanz 
hinlänglich bewiesen haben. Da nun die wesentlichen nervösen Be- 
standtheile der Marksubstanz — die Nervenfasern — sich mit den 
gleichen anatomischen Eigenschaften in die Rindensubstanz fortsetzen. 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grüsshiriis. 



27 



liegt kein Grund vor eine wesentliche Aenderung ihrer physiologischen 
Eigenschaften eher anziniehmen als ihre anatomische Continuität durch 
neue Gebilde unterbrochen wird. Aus diesem Grunde lässt sich die 
Erregbarkeit eines Theiles der Fasern, auch der Rinde, mit Recht 
voraussetzen. Ob dieselben nur allein oder ob auch die Zellen erreg- 
bar sind, das ist, wie gesagt, mit den bisherigen Mitteln nicht 
hinlänglich sicher zu entscheiden. 

Gleichwohl lässt sich auf indirecteni Wege ein einigermassen 
wahrscheinlicher Schluss auf die Function, wenn auch nicht auf die 
Erregbarkeit des zelligen Theiles der Rinde ziehen. Wir sahen bei 
Beschreibung unserer Experimente, dass auf die minimale Stromstärke 
Muskelcontractionen nur eintreten, wenn die Elektroden sich auf ganz 
bestimmten Stellen befinden und dass sie aufhören oder in andern 
Muskeln erscheinen, wenn die Elektroden sich von den gedachten 
Stellen auch nur um ein Geringes entfernen. Dies Verhalten lässt 
nur zwei Möglichkeiten zu. Entweder der Reiz wird durch die in 
unmittelbarer Nähe der Elektroden liegenden Ganglienzellen -selbst 
aufgenommen und durch sie in Muskelbewegung umgesetzt, oder 
gerade an diesen Stelleu treten reizbare Markfasern besonders nahe 
an die Oberfläche, so dass sie für die Erregung besonders günstig 
gelagert sind. Da nun kein anderer Grund zu erkennen ist, wegen 
dessen die fraglichen Markfasern sich gerade hier den Ganglienzellen 
am Meisten nähern sollten, als um ihrem Schicksale, in jene einzu- 
treten, entgegenzugehen, so kann man allerdings annehmen, dass 
gerade jene Ganglienmassen zur Production organischer Reize für 
gerade jene Nervenfasern bestimmt sind. 

Ob nun eine gewisse gewöhnlich zusammenwirkende Summe 
dieser organischen Reize genau dieselbe Bewegungsäusserung hervor- 
bringt wie unser elektrischer Reiz, das lässt sich durch die bisher 
angewendeten Methoden ganz und gar nicht entscheiden. Denn die 
einfache Lehre von den specifischen Energien genügt hier nicht, 
wir müssen vielmehr für die gefundenen neuen Thatsachen einen 
neuen Gesichtspunkt entwickeln. Wir haben hier nicht Nervenfasern, 
die geraden Weges zum Endorgan verlaufen, sondern ehe von der 
centralsten Stelle des Grosshirns entspringende Pasern dorthin ge- 
langen können, haben sie erst eine Anzahl von mehr und mehr 



28 



Ueber die elektrische Erregbakeit des Grosshirns. 



peripher gelegenen Stationen zu passiren, in deren jeder ihre frei 
gewordenen Spannkräfte in einer bestimmten, nicht genauer bekannten 
Weise umgesetzt werden, damit daraus das werde, was wir eine 
zweckmässige Bewegung nennen. Es ist nun selbstverständlich, dass 
wir durch einen, auf irgend einem Punkte dieser Bahn angebrachten 
Reiz höchstens nur das zur Anschauung bringen können, was auf 
der mehr peripher gelegenen Strecke und den mehr peripher gelegenen 
Stationen vor sich zu gehen pflegt, während die Functionen der cen- 
traleren Stationen sich der Beobachtung entziehen. Ja selbst dies 
lässt sich nur mit einer gewissen Beschränkung aussprechen, insofern 
als zur Hervorbriugung einer bestimmten Bewegungsmodalität die 
Erregung einer grösseren Summe von Fasern erforderlich ist, 
die gleichwohl in den Centraiorganen nicht so bequem beisammen 
liegen, als im Stamm eines peripheren Nerven. Indessen giebt es 
einen anderen Weg, die Frage nach der Bedeutung der einzelnen 
Theile der Rinde experimentell zu lösen; es ist dieExstirpation 
circumscripter und genau bekannter Theile derselben. 
Auch diesen langwierigen Weg haben wir in folgender Weise zu be- 
treten begonnen. 

Zwei Hunden wurde, nachdem die Weichtheile zurückpräparirt 
waren, der Schädel durch eine Trepankrone an der Stelle eröffnet, 
wo wir das Centrum für die rechte vordere Extremität vermutheten. 
Wir wählten das Centrum für eine Extremität, weil an einer solchen 
etwaige motorische Erscheinungen am deutlichsten hervortreten 
mussten, und wir wählten nicht das Centrum für die hintere Ex- 
tremität, weil dessen Lage uns möglicherweise der Eröffnung des 
Sin. longitudin. ausgesetzt hätte. Alsdann wurde die Dura der frei- 
gelegten Stelle entfernt, es wurde durch elektrische Reizung festge- 
stellt, dass wir die gewollte Stelle getroffen hatten, die Pia wurde 
soweit als erforderlich umschnitten und nun mit einem feinen Scal- 
pellstiel ein wenig von der Rindensubstanz herausgehoben. In dem 
einen Falle war das entfernte Stück etwa so gross wie eine kleine 
Linse, in dem andern Falle etwas grösser. Dann wurde die Haut- 
wunde durch Knopfnäthe vereinigt. In dem ersten Falle hatte das 
Thier bei der ganzen Operation nur einige Tropfen Blut verloren, in 
dem andern Falle war die Blutung nicht unbeträchtlich. Der erste 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



29 



Fall heilte per primam, der andere Fall nicht. Beide Versuchsthiere 
boten nur dem Grade nach verschiedene Symptome dar. Der Art 
nach war ihr Krankheitsbild rücksichtlich der motorischen Störungen 
so conform als möglich. Diese vollkommene Uebereinstimmung der 
Resultate beider Versuche und deren Wichtigkeit für sämmtliche aus 
unsern andern Versuchen entspringenden Anschauungen veranlasst 
uns, ihrer schon hier Erwähnung zn thun, obwohl wir vor irgend 
einer Publication gern noch mehr gleichlautende Erfahrungen ge- 
sammelt hätten. Die Noth wendigkeit dieser Arbeit einen vorläufigen 
Abschluss zu geben, verhinderte uns bisher daran, und im üebrigen 
wird man sehen, dass für die von uns ad hoc zu ziehenden Schlüsse 
schon ein einziger gelungener Versuch genügt. 

Beide Versuchsthiere] zeigten nun unmittelbar nach der in 
der Morphium-Narkose vorgenommenen Operation etwas allgemeine 
Schwäche, die bald vorüberging. Dann aber beobachtete man in 
Kurzem Folgendes: 

I. Beim Laufen setzten die Thiere die rechte Vorderpfote un- 
zweckmässig auf, bald mehr nach innen, bald mehr nach aussen als 
die andere, und rutschten mit dieser Pfote, nie mit der anderen, 
leicht nach aussen davon, so dass sie zur Erde fielen. Keine Be- 
wegung fiel ganz ans, indessen wurde das rechte Bein etwas schwächer 
angezogen. 

II. Beim Stehen ganz ähnliche Erscheinungen. Ausserdem kommt 
es vor, dass die Vorderpfote mit dem Dorsum statt mit der Sohle 
aufgesetzt wird, ohne dass der Hund etwas davon merkt. 

III. Beim Sitzen auf dem Hintertheil, wenn beide Vorderpfoten 
auf der Erde stehen, rutscht das rechte Vorderbein allmählig nach 
Aussen davon, bis der Hund ganz auf der rechten Seite liegt. 

Unter allen Umständen kann er sich aber sofort wieder aufrich- 
ten. Die Hautsensibilität und die Sensibilität auf tiefen Druck zeigt 
an der rechten Vorderpfote keine nachweisbaren Abweichungen. 

Am schlagendsten fiel bei dem ersten Hunde ') noch zu einer 
Zeit als die Wunde längst geheilt, alle Reaction vorbei war, am 



1) Der zweite wird bei diesem Versuche nicht ervväbnt, da er aus ex- 
perimentellen Gründen nur dreibeinig war. 



30 üeber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 

15. und sogar noch am 28. Tage nach der Operation folgender 
Versuch aus. 

Man setzte dem Hunde, während er stand, die rechte Vorder- 
pfote auf ihren vorderen, oberen Kand so nach innen und hinten, 
dass sie zwischen den anderen drei Beinen stand. Verhinderte man 
nun durch Streicheln den Hund, Ortsbewegungen vorzunehmen, so 
Hess er die Pfote beliebig lange in dieser unbequemen Stellung. 
Kam aber irgend ein Beweguugsimpuls über ihn, so lief er davon, 
sein krankes Bein fast ebenso munter bewegend, wie die andern drei. 
Derselbe Versuch war mit dem linken Beine gar nicht zu machen, 
da das Thierchen dieses Glied immer schon wieder zurückzog und in 
seine frühere bequeme Stellung brachte, ehe man damit in die ge- 
wollte Stellung kommen konnte, — 

Wir ersparen uns auch hier alle weiteren Schlüsse und Be- 
trachtungen, namentlich gewisse Vergleiche mit der menschlichen 
Pathologie für eine andere Gelegenheit, und constatiren nur Fol- 
gendes als wesentlich für die vorliegende Arbeit. Die beiden Ver- 
suchsthiere hatten durch Exstirpation eines Theils des von uns soge- 
nannten Centrums für die Vorderextremität die Möglichkeit, die 
Letztere zu bewegen, nur unvollkommen verloren, und an der Sensi- 
bilität wahrscheinlich gar nichts eingebüsst. Aber sie hatten offenbar 
nur ein mangelhaftes Bewusstsein von den Zuständen dieses Gliedes, 
die Fähigkeit, sich vollkommene Vorstellungen über dasselbe 
zu bilden war ihnen abhanden gekommen; sie litten also au einem 
Symptome, welches in einer sehr ähnlichen Weise bei einer Form der 
Krankheitsgruppe Tabes vorkommt, nur dass Verletzung einer sen- 
sibeln Leitungsbahn hier sicher nicht vorlag. Man könnte sich, um 
diesen Zustand näher zu bezeichnen, vielleicht so ausdrücken: Es 
bestand noch irgend eine motorische Leitung von der Seele zum 
Muskel, während in der Leitung vom Muskel zur Seele irgendwo 
eine Unterbrechung vorhanden war. Möglicherweise betraf diese 
Unterbrechung die Endstation der hypothetischen Bahn für den 
Muskelsinn, jedenfalls hatte sie aber ihren Sitz an Stelle des von 
uns verletzten Centrums. 

Wie dem nun auch sei, es ist gewiss, dass eine Verletzung dieses 
Centrums die willkürliche Bewegung des von ihm sicher in einer ge- 



Ueber die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns. 



31 



wissen Abhängigkeit stehenden Gliedes nur alterirt, nicht aufhebt, 
dass also irgend einem motorischen Impulse noch andere Stätten und 
Bahnen offen stehen um geboren zu werden und um zu den Muskeln 
jenes Beines zu eilen, dass unsere Reservation (S. oben S. 26 u. 27) 
vollkommen am Platze war. Es ist aber ferner eben so sicher, dass 
eine solche Verletzung, obwohl ihre Erheblichkeit gegen die Ab- 
tragungen von Flourens, Hertwig u. A. verschwindet, sehr 
deutlich wahrnehmbare Symptome hervorbringt, wenn man nur den 
rechten Ort trifft; und zwar sind die Symptome grade an dem- 
jenigen Gliede wahrnehmbar", dessen Muskeln sich vorher auf elek- 
trische Reizung der nun zerstörten Massen contrahirten. 

Hieraus geht zur Evidenz hervor, dass bei den früheren colos- 
salen Verstümmelungen des Hirns entweder andere Theile gewählt 
worden sind, oder dass den feineren Verrichtungen der Bewegungs- 
mechanismen nicht die nöthige Aufmerksamkeit geschenkt wurde. 
Es geht ferner aus der Summe aller unserer Versuche hervor, dass 
keineswegs wie Flourens und die Meisten nach ihm meinten, die 
Seele eine Art Gesammtfunction der Gesammtheit des Grosshirns ist, 
deren Ausdruck man wohl im Ganzen aber nicht in seinen einzelnen 
Theilen durch mechanische Mittel aufzuheben vermag, sondern 
dass vielmehr sicher einzelne seelische Functionen, wahr- 
scheinlich alle, zu ihrem Eintritt in die Materie oder 
zur Entstehung aus derselben auf circumcripte Centra 
der Grosshirnrinde angewiesen sind. — 



II. 

Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns/) 



Die vorliegenden Untersuchungen schliessen sich unmittelbar 
dem Inhalte der vorstehenden Arbeit an. Die in jener mitgetheilten 
Versuche mussten sich insofern sie ein ganz neues Gebiet eröffneten, 
natürlich nur auf eine mehr allgemeine Bearbeitung der wichtigsten 
Fragen beschränken. Dass das Detailstudium jeder Einzelnen der- 
selben wieder das Object besonderer Arbeit würde sein müssen, war 
vorauszusehen. 

Nachdem sich nun der Fortsetzung der von F ritsch und mir 
zum ersten Male mit nachgewiesenem PMolg am Grosshirn ausge- 
führten Lähmungsversuche ein anderer Forscher mit vielem Glücke 
zugewendet hat, werde ich mich vorerst auf die Mittheilung von 
Keizversuchen beschränken. Ich begann dieselben bereits im Jahre 
1870, konnte sie jedoch erst mit Beginn des Jahres 1873 wieder 
aufnehmen. Auch mit ihnen beanspruche ich nicht etwas Abge- 
schlossenes, sondern lediglich die Kesultate einer längeren Arbeits- 
periode zu geben. 

1. Polare Einflüsse. 
Wir hatten in jener Abhandlung bereits ein constantes Vor- 
wiegen der Anode erwähnt. Wir fanden, dass innerhalb der mini- 
malen Stromstärke nur die Anode, nicht aber die Kathode eine 



1) Diese Abhandlung wurde unter dem Titel: „Untersuchungen zur 
Physiologie des Gehirns, vierte Abhandlung" zuert publirirt in Reichert's 
und du Bois-Reymond's Archiv 1873, Heft 3 und 4. 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



33 



Zuckung auslöst, ferner dass durch eine vorgängige Wendung die 
Erregbarkeit gegen beide Elektroden erhöht wird. 

Da die beiden Elektroden sich hier ganz anders verhalten, wie 
an peripheren Nerven, so war es unerlässlich, wenigstens die Kenntniss 
von den Thatsachen so weit als möglich zu befestigen und zu ver- 
vollständigen, wenn sich auch eine Erklärung derselben vielleicht 
noch nicht geben liess. Den hierauf gerichteten Bemühungen standen 
grosse experimentelle Schwierigkeiten entgegen, die sich bei einem 
Theile der später anzuführenden Versuche wiederholten und die ich 
deshalb hier ein für alle Mal erwähne. Das Eintreten oder Aus- 
bleiben eines Reizeffectes ist immer abhängig einmal von dem eigenen 
Verhalten des zu reizenden Orgaues, dann von der Art und Grösse 
der erzielten elektrischen Dichtigkeitsschwaukuugeu. Mit Sicherheit 
vergleichbare Resultate lassen sich nur erreichen, wenn der eine 
Factor wenigstens constant erhalten werden kann. Die Reizversuche 
am Grossbirn haben aber den Uebelstand, dass beide Factoren un- 
beabsichtigten Veränderungen unterworfen sind. 

Die Veränderungen am Gehirn selbst beginnen, namentlich wenn 
das Versuchsthier nicht narkotisirt ist, mit und durch die vorbe- 
reitende Operation. Ist das Gehirn freigelegt, so beginnt es zu er- 
kalten und zu betrocknen, allmählig auch zu collabiren. Diese 
letzteren Veränderungen gehen indessen mit einer gewissen Stetigkeit 
und Langsamkeit vor sich, so dass man sie allenfalls controliren kann. 
Der plötzlichen Ueberfluthung des Versuchsfeldes durch Cerebrospinal- 
flüssigkeit lässt sich begegnen, wenn man einen kleinen von Zeit zu 
Zeit zu erneuernden Schwamm an einer basalwärts gelegeneu Stelle 
zwischen Hirn und M.temporalis anbringt. Unberechenbar sind jedoch 
die in jedem Augenblicke wechselnden Veränderungen, durch welche 
die reizenden Stromstösse in ihrem absolutem Reizwerthe beeinflusst 
werden. Ein zu untersuchender Nerv liegt den Elektroden gleich- 
massig an; das Gehirn aber befindet sich in fortwährender Bewegung 
sowohl durch die Respiration als durch die arterielle Pulsation. (Die 
durch letztere bewirkten Bewegungen lassen sich in der Apnoe, als 
die Gesammtraasse des Gehirns verschiebend, vortrefflich beobachten.) 
Da man mit der Stromstärke des Zuckungsminimums zu untersuchen 
hat, so kommt dieser Umstand wesentlich in Betracht. 

H itzig, Kxperimentelle Untersuchungen. 3 



34 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



Ferner machen die Thiere nicht selten mit dem ganzen Körper 
unvermuthete Bewegungen. Wenn man nun auch durch grosse Auf- 
merksamkeit das Eindringen der Elektroden in's Gehirn und die 
dadurch gesetzte Vereitelung des Versuches vermeiden kann, so muss 
man sich doch nach jeder willkürlichen Bewegung die eben inne ge- 
habte Stelle von Neuem aufsuchen und damit den Versuch von Neuem 
beginnen. Endlich gewinnt auch die zum Halten des Elektroden- 
paares unentbehrliche menschliche Hand nicht annähernd die gleich- 
massige Sicherheit einer mechanischen Vorrichtung. 

Unter diesen Umständen ist die am Nerven immer zu erzielende 
Gleichmässigkeit der Erscheinungen am Hirn um so weniger zu 
erreichen, als wie wir sehen werden durch jeden Keizversuch selbst 
erhebliche Veränderungen der Erregbarkeit entstehen. Wahrscheinlich 
spielen obenein die Lebensvorgänge innerhalb des Organes eine Kolle 
von der wir uns keine Vorstellung machen können. 

So musste ich denn zufrieden sein, wenn ich durch häufige 
Wiederholung derselben Versuche dahin kam, die eintretenden Zu- 
fälligkeiten auf ihren wahren Werth zurückzuführen. 

Die Anordnung der Versuche war ähnlich der in der vorstehen- 
den Abhandlung beschriebenen. Nur benutzte ich diesmal eine 10- 
gliederige Kette von kleinen Meidingern, die einen etwas schwäche- 
ren Strom gaben als die Pappelemente, ferner konnte der Wider- 
stand der Nebenschliessung um einzelne S. EE. verändert werden, 
endlich war die Leitung überall durch Schrauben oder Quecksilber 
vermittelt. Die Versuche wurden an Hunden ausgeführt. — 

Wenn man die Eeaction eines beliebigen Centrums von den 
schwächsten Strömen ausgehend untersucht, so findet man regel- 
mässig, dass bei zunehmender Stromintensität die erste Zuckung durch 
die Stromwendung hervorgebracht wird, und zwar wenn dabei die 
Anode auf das Centrum kommt. Dann fängt die einfache Anoden- 
Schliessung an, wirksam zu werden, dann die Wendung auf die 
Kathode, endlich die Kathoden-Schliessung. 

Untersucht man mit jeder der beiden Elektroden einzeln, ohne 
Wendungen dazwischen zu schieben, so findet man Folgendes: Bei 
der niedrigsten überhaupt erregenden Stromintensität löst nur die 
erste Anoden-Schliessung eine Zuckung aus, die folgenden erzielen 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



35 



Kuhe. Wächst die Stromstärke genügend, so steigt die Zahl der 
aufeinanderfolgenden Zuckungen, aber so, dass die erste immer am 
stärksten ausfällt, und die Ausgiebigkeit der späteren gleichmässig 
abnimmt, bis sie endlich ganz ausbleiben. Schliesslich erreicht man 
eine Stromstärke, bei der die Zuckungen überhaupt nicht mehr aus- 
bleiben, mögen auch noch so viele Erregungen mit der gleichen 
Elektrode aufeinander folgen. Gleichwohl kann man dabei noch die 
mit der Zahl der aufeinanderfolgenden Zuckungen Hand in Hand 
gehende Abnahme ihrer Intensität erkennen. 

Die Kathode verhält sich ganz ähnlich, nur dass das Zuckungs- 
minimum stets viel höher liegt und die Zahl der bei gleicher Strom- 
intensität auftretenden Zuckungen immer hinter der durch die Anode 
hervorgebrachten zurückbleibt. 

Schiebt man eine Wendung dazwischen, so steigt bei beiden 
Elektroden das Ziickungsminimum sofort auf eine sehr viel niedrigere 
Stromstärke herab. 

Namentlich dieser Umstand ist es, der den Gedanken an einen 
bestimmenden Einfluss der Polarisation sofort wachruft. Unpolarisir- 
bare Elektroden Hessen sich nicht anwenden, so wurden denn während 
einer Keihe von Versuchen die Platinknöpfchen nach jeder Reizung 
abgewischt, bei einer anderen Reihe auch die gereizte Stelle mit 
einem feuchten Schwämme überstrichen, ohne dass dadurch aber 
die eigenthümliche Folge der Reizeffecte geändert worden wäre. Es 
änderte auch nichts, wenn ich zwischen je zwei Reizungen einen 
Zeitraum von 2 Minuten verstreichen Hess. Hingegen trat häufig 
Aenderung ein, wenn ich auf eine Anzahl wirkungsloser Reizungen 
eine solche mit einem um Vieles stärkeren, zuckungserregenden 
Strome, natürlich mit derselben Elektrode folgen Hess. Dann ging 
das Zuckungsminimum gegen den Reiz der gleichen Elektrode nißht 
selten sehr erheblich herab. Alles dieses spricht wohl nicht für 
einen bestimmenden Einfluss der Polarisation. 

Die Anode wirkt also durchgehends stärker als die 
Kathode; eine noch so kurze Schliessung der Kette setzt 
innerhalb schwacher und mittlerer Stro mstärken die Er- 
regbarkeit gegen dieselbe Elektrode herab und erhöht 
sie gegen die andere. Das letztere Verhalten lässt sich aber 

3* 



36 



Untersuchungen 55ur Physiologie des Grosshirns. 



einem analogen Verhalten der motorischen Nerven wegen der Kürze 
der erforderlichen Stromdauer und wegen der enormen Abschwächung 
des Reizelfectes durchaus nicht parallel setzen. 

Wenn man sich auf der Hirnrinde orientiren will, so muss 
man diese Thatsachen durchaus kennen und in Rechnung ziehen. 

Einige der hierher gehörigen Versuche waren ohne jede Narkose 
angestellt worden. Indessen ist dies wegen der willkürlichen Bewe- 
gungen und der stossweisen unregelmässigen Respiration der Hunde 
ausserordentlich beschwerlich. Ich untersuchte deshalb zuvörderst 
dasselbe Thier unmittelbar nach einander ohne und mit Morphium- 
Narkose. Nachdem sich die hierbei etwa vorhandenen Differenzen 
als durchaus in der Breite der Fehlerquellen liegend gezeigt hatten, 
wurden alle ferneren Versuche in der Morphium-Narkose angestellt. 

2. Einfluss des Aethers und des Morphiums. 

Wir hatten a. a. 0. beiläufig erwähnt, dass weder die Aether- 
noch die Morphium-Narkose einen wesentlichen Einfluss auf das 
Gelingen der Versuche hat, und dieser Satz ist allerdings in der 
ihm gegebenen beschränkenden Fassung richtig. Indessen hatte ich 
bereits im Jahre 1870 gefunden, und dies auch auf der Natur- 
forscherversammlung in Leipzig ausgesprochen'), dass man durch 
sehr grosse Gaben Aether die Zuckungen zum Schweigen bringen 
kann^). Genaueres Studium ergab einen, nicht nur wegen der fer- 
neren darauf zu basirenden Schlüsse, sondern auch an und für sich 
sehr interessanten Sachverhalt. 



1) S. das Tageblatt S. 75. 

2) Am 27. April 1873 erhielt ich von Hrn. Professor Schiff einen Bogen 
(S. 529—544) aus einem noch nicht publicirten, in italienischer Sprache ge- 
schriebenen Buche. An dieser Stelle ist von ähnlichen Versuchen die Rede, 
wie die, von denen ich in diesem und dem nächsten Capitel berichten werde. 
Schiff kam aber zu ganz anderen Resultaten und Schlüssen. Ich bemerke, 
dass ich am 26. April 1873 32 Vivisectionen, von denen beinahe jede mehrere 
Versuchsreihen umfasst, bereits angestellt hatte, und 35 fernere noch an- 
stellte, und sage Hern. Professor Schiff für die gehabte Aufmerksamkeit 
meinen Dank. — 

Nachträglicher Zusatz: Das fragliche Werk ist mir inzwischen zu- 
gegangen; es ist die zweite Auflage von Schiffs Lezioni di Fisiologia speri- 
mentale sul sistema nervoso encefalico. Ich hege keinen Zweifel, dass Schiff 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



37 



Wenn man ein Thier so tief ätherisirt, dass jede Spur 
vonKeflexen aufgehört hat, so findet man die elektrische 
Erregbarkeit des Gehirns theils erhalten, theils ver- 
loren. Ich untersuchte den Zustand der Reflexerregbarkeit stets 
von der Conjuuctiva aus, und wandte ausserdem noch irgend eine 
intensive sensible Reizung an, Zerrung an den Resten der Dura, 
Application eines sehr starken Inductionsstromes innerhalb der Nase 
oder an einer kleinen Hautwunde zwischen den Zehen einer Hinter- 
pfote. Wenn nirgends mehr Reflexe auftraten, und das Thier mit 
Ausnahme der respiratorischen Bewegungen absolut ruhig lag, so 
reagirte das Grosshirn an der einen oder der anderen Stelle auch 
auf die stärksten Ströme nicht, während irgend eine andere Stelle 
sofort mit einer Reaction antwortete. Gab ich nun noch mehr 
Aether, so gelang es für kurze Zeit, aber in der That nur für 
ganz kurze Zeit, jede Reaction aufzuheben. Sobald aber mit der 
weitereu Zufuhr von Aether nachgelassen wurde, dauerte es nur 
Secunden, bis wieder Zuckungen zu erregen waren. 

Von dem geschilderten Verfahren habe ich nie auch nur eine 
einzige Ausnahme beobachtet. Es liegt aber auf der Hand, dass 
man, wie es geschehen ist, zu irrthümlichen Ansichten von den Wir- 
kungen der Aether-Narkose gelangen kann, wenn man den Schädel 
nur mittelst einer einfachen Trepankrone eröffnet, und damit zufällig 
auf eine unerregbar gewordene Stelle geräth. 

Von der Anwendung des Chloroforms habe ich abgesehen, nach- 
dem mir mehrere Hunde hintereinander bereits bei Beginn der In- 
halation todt geblieben waren. 

Das Morphium verhält sich in jeder Beziehung ganz anders 
wie der Aether. Man hat in neuerer Zeit den Satz aufgestellt, das 



zu denselben Resultaten wie ich kommen wird, wenn er die gleichen Ver- 
SHchsbedingungen herstellt, üebrigens hat derselbe unsere Bemerkungen 
über die Wirkung der Inductionsströme nicht aufmerksam gelesen. Er citirt 
dieselben so, als hätten wir das Vorkommen tetanischer Contractionen bei 
Reizung mit Strömen der äusseren Spirale in Abrede gestellt. Man wolle 
sich auf Seite 16 überzeugen, dass wir dasselbe vielmehr ausdrücklich und 
zwar an der Spitze jenes Passus erwähnt haben. Damit würden auch die 
Schlüsse hinfällig werden, welche auf ein solches, lediglich vorausgesetztes 
Verhalten basirt sind. 



38 



Untersuchungen zur Phjsiologie des Grossbirns. 



Morphium erhöhe die Reflexerregbarkeit. Dieser Satz ist in dieser 
allgemeinen Fassung nicht genau, wie überhaupt durch die Beschrei- 
bungen die wirklich vorhandenen Symptome der Morphium-Narkose 
nicht erschöpft werden. Hierbei spielt die Dosirung und die Dauer 
der Vergiftung eine wichtige Rolle. Ich selbst bringe nur das für 
die gegenwärtige Untersuchung zu wissen Nothwendige bei, indem 
ich mich auf die Schilderung eines bestimmten Stadiums der Ver- 
giftung beschränke und mir nähere Angaben vorbehalte. Schmerz- 
hafte Eingriffe werden von einem gut durch Morphium narkotisirten 
Thiere selten mit Schreien und Versuchen sich loszureissen beant- 
wortet, auch die plötzlichen Rucke mit Kopf und Körper, welche 
sonst schon bei geringen Beleidigungen der Dura eintreten, fehlen 
bei diesen. Insbesondere beantworten die Thiere den von der Ope- 
rationswunde herrührenden continuirlichen heftigen Reiz nicht in der 
angeführten Art. Hingegen ist der reflecfcorische Lidschluss stets un- 
gestört, die Extremitäten werden auf schmerzhafte Eingriffe in der 
Regel zurückgezogen, und auf heftige Insultirung der Nase folgt in 
der Regel eine Wischbewegung mit der Vorderextremität. 

Mit mittleren Gaben Morphium betäubte Hunde verhalten sich 
also gegen Retiexreize ähnlich, wie Thiere, denen man das Grosshirn 
genommen hat. Reflexversuche und Reizversuche an ätherisirten 
Thieren lassen andererseits den sicheren Schluss auf eine vorüber- 
gehende Lähmung einer sich durch das ganze Gehirn und Rücken- 
mark hindurchziehenden Organenkette zu. 

Ebenso verschieden gestaltet sich die Reaction des Grosshirns 
auf den elektrischen Reiz. Man kann den Hunden verhält- 
nissmässig grosse Dosen Morphium, sei es subcutan, sei 
es durch die Venen, beibringen, ohne dass die Reaction 
je aufhörte. Im Gegen theil scheinen die Reizeffecte schwacher 
Ströme bei mittelstarken Vergiftungen regelmässiger einzutreten, in- 
sofern als die die Erregbarkeit für die gleiche Elektrode herab- 
setzende Wirkung des Stromes nicht ganz so bedeutend ist. 

Wenn man sich der jetzt wohl allgemein acceptirten Ansicht, 
dass die Hirnrinde das Feld der Vorstellungen sei, anschliessen will, 
so stimmen diese Reizversuche mit den am Menschen gesammelten 
Erfahrungen über den Einfluss dieser beiden Mittel auf das Fort- 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns, 39 

bestehen der Vorstellungen gut übereiu. Der Aetberscblaf führt 
eine absolute Pause in den psychischen Thätigkeiten herbei. Die 
Morphium -Narkose kann hingegen von Träumen belebt sein, die 
eine hinreichende Intensität gewinnen, um Erinnerungsbilder zu- 
rückzulassen. 

8. Einfluss der Apnoe. 

Aus aprioristischen Gründen glaubte ich einen Einfluss der Ap- 
noe auf die elektrische Erregbarkeit des Grosshirns annehmen zu 
sollen. Für diesesmal beschränkten sich meine Versuche darauf, den 
Zustand der Reflexerregbarkeit während der Apnoe und das gleich- 
zeitige Vorhandensein oder Nichtvorhandensein der elektrischen Er- 
regbarkeit zu constatiren, während ich auf die genauere Feststellung 
gradueller Differenzen Verzicht leisten musste. 

Rosenthal') hatte ursprünglich die Reflexe auch in der Apnoe 
fortbestehen sehen. Später wollte jedoch Uspensky^) ihr Aus- 
bleiben beobachtet haben. 

Den von mir untersuchten Thieren wurde nach dem Schlage 
eines Metronoms durch einen ziemlich grossen und gut schliessenden 
Blasebalg Luft verschieden lange Zeit eingeblasen. Unmittelbar vor 
der gläsernen in der Trachea befestigten Canüle befand sich in dem 
Kautschuckschlauche ein viereckiges Loch, dessen zwei senkrecht auf 
die Längsaxe des Rohres stehende Seiten durch Einschnitte verlängert 
waren. Auf diese Weise war neben dem Loche ein federndes Ventil 
vorhanden, das bei der häufig angewendeten Steigerung des Druckes 
doch ein übermässiges Anschwellen desselben verhinderte. 

Die Respirationsfrequenz der Thiere wurde vor Beginn der Luft- 
einblasung beobachtet^), dann mit einer um etwas höher liegenden 

1) Die Athembewegungeu und ihre Beziehungen zum Nervus vagus. 
Berlin 1862. S. 152. 

2) Der Einfluss der künstlichen Respiration auf die Reflexe. Archiv für 
Anatomie und Physiologie 1860. S. 401. 

3) Dabei sah ich, dass man den schnellen oberflächlichen Respiratious- 
rhythraus geängstigter Thiere durch Atsatz eines verschieden langen Rohres 
nach Belieben verlangsamen, meist auch regelmässig machen kann. Bei 
manchen physiologischen Versuchen dürfte sich dies mit Vortheil verweithen 
lassen. 



40 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



Zahl von Stössen begonnen und innerhalb der ersten 3 — 5 Minuten 
auf 120 — 150 Stösse gestiegen. Alsdann wurde der Druck all- 
mählig gesteigert. 

Waren nun die Thiere nicht narkotisirt, so machten sie wäh- 
rend der Ventilation, nicht selten schon während der Periode des 
niedrigen Druckes und sowohl bei geringer als bei grosser Frequenz 
der Einblasungen, fast regelmässig aber während des höheren Druckes 
willkürliche Kespirationsbewegungen, die im letzteren Falle beim Pau- 
siren des Blasebalges mit einer tiefen Exspiration endigten. Ausser- 
dem suchten sie sich wohl mit aller Kraft loszureissen. Wenn man 
nun unmittelbar nach diesen willkürlichen Actionen die hinreichend 
lange fortgesetzte Ventilation unterbrach, so war gleichwohl Apnoe 
vorhanden. Dass unter diesen Umständen die Keflexerregbarkeit un- 
versehrt war, bedarf keiner Erwähnung. 

W aren aber dieselben Thiere durch Morphium betäubt, so lagen 
sie still und die Apnoe dauerte länger — bis zu 6 Minuten. Nichts- 
destoweniger zeigte die Eeflexthätigkeit keine erhebliche Veränderung. 
Höchstens trat auf Berührung der Wimpern kein Lidschluss ein, 
wenn man die Lider sanft mit den Fingern fixirte. Liess man je- 
doch die Finger fort, oder berührte die Conjunctiva, so war der 
Lidschluss sofort da. 

Ich gebe auf der folgenden Seite das Protokoll eines derartigen 
Parallelversuches. Nachdem das in demselben erwähnte Thier 29 
Minuten lang ohne gleichzeitige Narkose ventilirt worden war, trat 
eine unvollständige Apnoe von 90 Secunden ein, während eine Venti- 
lation von nur 16 Minuten das narkotisirte Thier in eine Apnoe von 
205 Secunden, die während 140 Secunden vollständig war, versetzte. 

Die Erklärung für das fragliche Verhalten liegt auf der Hand. 
Furcht und Schmerz, hier hervorgerufen durch die Reizung der Nerv, 
laryng. inferr., vermehren das Respirationsbedürfniss namentlich 
kleinerer Thiere bekanntlich ganz enorm, durch das Morphium aber 
wird das Zustandekommen dieser Affecte verhindert. 

Ich brauche wohl kaum hinzuzusetzen, dass ich mich durch 
Controlversuche überzeugte, dass nicht etwa die Wiederholung der 
künstlichen Respiration als solche, sondern in der That das Narko- 
ticum den erwähnten Einfluss ausübte. 



Untersucbuugen zur Physiologie des Grosshirns. 



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P5 



42 Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirus. 



Wenn mau nun eiu Thier zur künstlicheu Kespiration vor- 
bereitet, es alsdann in tiefe Aetlier- Narkose versetzt und endlich 
die künstliche Kespiration einleitet, so verhält es sich so lange die 
Aetherwirkung dauert, nämlich 5—10 Minuten lang wie ein narko- 
tisirtes, alsdann aber wie eiu nichtnarkotisirtes Thier, d. h. die 
Apnoe kommt schwer und unvollkommen zu Stande — die Keflexe 
hören nur während der tiefen Narkose gänzlich, nachher ganz und 
gar nicht auf. 

Man mag aber ein Thier auf welche Weise man will 
apnoisch machen, niemals ist während der Apnoe ein 
Aufhören oder deutliches Nachlassen der elektrischen 
Erregbarkeit des Grosshirns zu beobachten. Geringere 
Schwankungen der Erregbarkeit, sowohl positive als negative, habe 
ich allerdings gefunden. Wie viel auf diese jedoch zu geben ist, 
lehren die ad 1 erwähnten Verhältnisse. 

Die bisher angeführten Versuche wurden hauptsächlich in der 
Absicht angestellt, das Material zu vermehren, auf Grund dessen 
man sich ein genaueres und mehr motivirtes Urtheil wird bilden 
können über die Art, wie die von uns beschriebenen cerebralen 
Zuckungen zu Stande kommen. 

4. Augenmuskeln und Facialis. 
Fritsch und ich hatten früher vergeblich nach einem Centrum 
für die Augenmuskeln gesucht. Gleichwohl schien mir ein Centrum 
auch für diese Muskeln im Grosshirn existiren zu müssen. Man 
kennt zwar bereits verschiedene Hirnprovinzen, deren Keizung die 
Bulbi in Bewegung setzt. Da diese Bewegungen aber sämmtlich 
combinirte beider Augen sind, so durfte man wohl annehmen, wie 
ich dies anderweitig') bereits ausgesprochen habe, dass sie nicht 
von Vorstellungs-, sondern vielmehr von Reflex- oder Coordinations- 
organen abhingen. Es musste also der Analogie nach noch irgend- 
Avo, vermuthlich in der Grosshirnrinde, ein Organ für isolirte Augen- 
bewegungen mit ähnlicher Dignität, wie die übrigen von uns gefun- 
denen Centren, existiren. 



1) Reichert's und du Bois-Reymond's Archiv 1871. S. 756. 



Uutersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



43 



Meine Voraussetzung fand sich durch die Wirklichkeit auf das 
Vollständigste gerechtfertigt. Nachdem ich der Sache auf die Spur ge- 
kommen war, sah ich auch sogleich, warum wir früher weniger glück- 
lich gewesen waren. Das Centrum für die Augenmuskeln fällt nämlich 
mit einem Theile des Facialis-Centrums zusammen s. Fig. 2 O. Wir 
wurden also durch den Lidschluss, und hei Verhinderung desselben 
durch die dennoch stattfindende Contraction des Orbicularis palpe- 
brarum gestört. Ausserdem sind die Excarsionen des Bulbus bei dieser 
Form des Versuches manchmal selbst auf starke Strömen nur gering. 



IBT-'I r^Fig. 2. 




Zur Beseitigung dieser Hindernisse machte ich, als ich sie erst 
einmal kannte, den Versuchsthieren die Neurotomie des Facialis und 
stach ausserdem eine Carlsbader Nadel, an deren Kopf eine senk- 
rechte Papierfahne befestigt war, als Fühlhebel durch das Centrum 
der Cornea in den Glaskörper. 

Als ich nun die Centren so hergerichteter Thiere reizte, machte 
der Fühlhebel synchronisch eine Bewegung in der Regel nach einer 
Richtung, manchmal aber auch zwei ausserordentlich schnell auf- 
einander folgende Bewegungen nach entgegengesetzten Richtungen, so 



44 



Untersuchungeu zur Physiologie des Grosshirus. 



dass der zweite Theil der ersten Bewegung von der zweiten gleich- 
sam verschlungen wurde. Ferner war sehr aulfallend, dass man bei 
der einen Eeiiie von Versuchen immer dieselbe Muskel- und zwar 
mit Vorliebe Superior -Wirkung bekam und keine andere, und dass 
dann bei einer anderen Keihe ein anderer Muskel, insbesondere der 
Abducens an die Stelle des Superior trat. 

Die Erwägung der eben angeführten Umstände liess mich den 
Schluss ziehen, dass die Innervation der Augenmuskeln ebenso um 
einen relativ kleinen Heerd gruppirt sei, wie wir das von den ein- 
zelnen Muskelmechanismen der Extremitäten nachgewiesen haben, 
und wie ich es gelegentlich der vorliegenden Arbeit noch mehr im 
Detail studirte. Wenn dieser Schluss richtig war, so erklärte sich 
das Zustandekommen der zuerst angeführten Doppelbewegung daraus, 
dass der Verlauf der Stromcurve in dem Centrum für den einen 
Augenmuskel ein um etwas anderer war, als in dem Gebiete des 
Antagonisten. Das sodann angeführte gänzliche Ausbleiben der Be- 
wegung nach drei von den vier Seiten hin war andererseits dadurch 
zu erklären, dass Lagerungs- und Leitungsverhältnisse im gegebenen 
Falle auch bei Verschiebung der Elektroden für das nach der vierten 
Seite hin drehende Centrum so besonders günstig blieben, dass in 
Folge stärkerer Erregung dieses Centrums die Erregung der anderen 
Centren latent blieb. Mit der Voraussetzung gemeinschaftlicher Er- 
regung sämmtlicher Centren war auch die Geringfügigkeit der Ex- 
cursionen überhaupt leicht verständlich. 

Der Nachweis für die Richtigkeit meiner Annahme war leicht 
zu führen. Ich durchschnitt einfach den einen der Augenmuskeln 
nach dem anderen, je nach der Reihenfolge, in der ihr Reizeffect 
zu Tage trat, und hielt den Bulbus an einem durch die Conjunctiva 
gezogenen Faden in der Mittelstellung. So gelang es mir, die Wir- 
kung der vier graden Augenmuskeln nach einander zur Anschauung 
zu bringen, mit den schiefen habe ich mich nicht beschäftigt. Der 
Index des Auges der gleichen Seite blieb inzwischen, wie ich noch 
hervorhebe, stets in Ruhe. 

Diese Thatsachen sind in verschiedener Beziehung von Interesse. 
Erstens erkennen wir dort ein Organ, von dem aus man in der 
That einseitige Bewegungen jedes Auges hervorbringen kann, also 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 45 



Bewegungen, die wesentlich unterschieden sind von den Reizeffecten 
anderer Centraigebiete der Augenmuskeln. 

Zweitens erklärt sich aus dem Ineinandergreifen der luner- 
vationsgebiete des Facialis und der Augenmuskeln rein anatomisch 
der längst bekannte Consensus zwischen Lid- und Bulbusbewegungen, 
der nun bei undurchschnittenem Facialis von dem elektrischen Kelze 
nachgeahmt, reproducirt wird. Wir müssen bekanntlich bei Hebung 
oder Senkung der Blickebene das obere Lid zwangsmässig ebenfalls 
heben oder senken, während andererseits eine kräftige Innervirung 
des Sphincter palpebrarum den Bulbus in die Höhe steigen lässt. 

Diese Thatsache gewinnt aber drittens an Gewicht, wenn ich 
hinzufüge, dass von dem angeführten Innervationscomplexe aus, was 
den Facialis angeht, auch nur die um das Auge gelagerten Muskeln 
versorgt werden. Die Muskeln der unteren Gesichtshälfte lassen sich 
hingegen von einer mehr lateral und basalwärts gelegene Partie aus 
reizen. Man kann deswegen diesen eben in Frage kommenden Heerd, 
unbekümmert um den Verlauf der von ihm abhängigen peripheren 
Bahnen, als ein für die Bewegung und den Schutz der Augen be- 
stimmtes Centrum auffassen. 

5. Umfang und erregbare Verbindungen der Centren. 

Aus dem, was unter 1. über die herabstimmende Wirkung der 
Pole gesagt worden ist, erhellt, dass die räumliche Ausdehnung der 
von uns sogenannten Centren, sowie ihre erregbaren Verbindungen 
und Verbindungsbahnen mit einiger Sicherheit nur durch metallische 
Strom Wendungen erforscht werden können. Ich benutzte zu diesem 
Zwecke die Po hl 'sehe Wippe. Die sonst ja so viel bequemeren 
tetanisirenden Inductionsströme darf man nicht anwenden, da schon 
ganz schwache Ströme zu Nachbewegungen und epileptiformen An- 
fällen führen. Jeder epileptiforme Anfall lässt das Gehirn in einem 
für diese Versuche unbrauchbaren Zustande zurück. 

Für eine richtige Beurtheilung der von der Convexität aus her- 
vorgebrachten Reizeffecte müssen die Blutgefässe der Pia in Rech- 
nung gezogen werden. Wenn überhaupt keine Blutgefässe vorhanden 
wären, sondern das Reizobject eine gleichmässig feuchte Masse aus- 
machte, so könnte mau sich das bei schwachen Strömen von wirk- 



46 Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



Samen Schleifen durchzogene Gebiet etwa in der Form einer Halb- 
kugel vorstellen, deren Schnittfläche auf der Convexität läge. Dass 
die Radien dieser Halbkugel nur klein sind geht aus dem bei ge- 
ringer Verschiebung der Elektroden vorhandenen Aufhören der Reiz- 
elfecte und aus anderen in der Folge anzuführenden Umständen her- 
vor. Sobald aber ein Blutgefäss der Pia jene imaginäre Schnittfläche 
kreuzt, blendet es als gutleitende Nebenschliessung alle sonst jenseits 
seiner Bahn fallenden Stromschleifen ab. 

Der Gyrus d der Fig. 3 ist in einem lateralen Theile motorisch, 
in den übrigen Theilen ist er nicht motorisch. Die ihn bedeckende 
Pia enthält eine kleine Vene, welche sich an der Grenze des late- 
ralen Viertels dieses Gyrus in den von der Fissura frontalis aufge- 
nommenen Stamm ergiesst. (Entsprechend der medialen Grenze der 
Schraffirung Fig. 2 u. 3). Dieser Ast liegt in seltenen Fällen mehr 
lateralwärts, so dass er eine fast gradlinige Fortsetzung des Stammes 
zu bilden scheint. Befindet sich dieser Ast an der gewöhnlichen 
Stelle, und placirt man die Elektroden selbst unmittelbar neben 
seinen medialen Itand, so kann man mit unverhältnissmässig starken 
Strömen reizen, ohne dass ein Reizeffect eintritt. Befindet sich der 
Ast aber an der ungewöhnlichen Stelle, so führt bei Wahl der 
gleichen Einströraungsstellen schon eine massige Verstärkung des 
Stromes über den V\^erth des Zuckuugsminimums zu Muskelcontrac- 
tionen. Man wird also annehmen dürfen, dass die erregbare Zone 
mit dem lateralen Viertel des durch d Fig. 3 bezeichneten Gyrus 
abschneidet. Nach der gleichen Methode wurde die hintere Grenze 
der erregbaren Zone bestimmt. 

Eine wesentliche Erleichterung für das Auffinden der erregbar- 
sten Stellen bietet der Umstand, dass diese immer in einem Räume 
liegen, welcher von kleinsten, für das blosse Auge sichtbaren Ge- 
fässen freigeblieben, ringsum durch die Verästelungen mehrerer Ge- 
fässzweige eingefasst wird. Wäre mir dieses, namentlich im super- 
sylvischen Gyrus (Owen) deutliche Verhalten früher bekannt gewesen, 
so würde mir viele Mühe erspart worden sein. 

Da der Verbreitungsbezirk wirksamer Stromschleifen, wie schon 
angeführt, bei schwachen Strömen klein ist, so kann man den Schluss 
ziehen, dass Reizeffeete, welche auftreten nachdem man sich um 



Untersuchungen zur:Physiologie des Grosshirns. 



47 



etwas von dem eigentlichen Centrum entfernt, und den Strom nm 
ein Geringes über den Werth des Zuckungsminimuras verstärkt hat, 
von solchen Gebilden abhängig sind, die nicht tief unter der Ober- 
fläche und zwar der jedesmal erforderlichen Stromverstärkung ent- 
sprechend tief unter ihr gelagert sind. Freilich ist es in jedem ein- 
zelnen Falle nöthig, diese Annahme dadurch zu controliren, dass 
man die Elektroden bei gleicher Stromstärke gleichweit in anderer 
Richtung von den Centren, welche durch Schleifen gereizt sein 
könnten, nach einem nicht von grösseren Gefässen durchzogenen 
Terrain dislocirt. Wegen der mit Sicherheit nicht berechenbaren 
Gefässeinflüsse haben derartige Schlüsse jedoch immer nur den 
Werth der Wahrscheinlichkeit, nicht den der Sicherheit. 



5 Fossa Sylvii. 14 Fissura frontal. (Owen), crnciata (Leuret). 12 Fiss. 
coron. (Owen), a-d Stirnwindungen, c-h Scheitelwindungen, m-o Hinter- 
hauptswindungen, i-l Schläfenwindungen. 

Auf Grund dieser Anschauungen und Methoden wurden die auf 
der Figur 2 und 3 markirten Grenzen gezeichnet. Am Weitesten 
nach Hinten liegt das Centrum für Facialis und Augenmuskeln. Die 
doppelt geschwänzten Punkte fassen den von mir sogenannten Heerd 
für Bewegung und Schutz des Auges ein. Die durchkreuzten Funkte 
bezeichnen einen Heerd für die untere Hälfte des Gesichtsnerven.') 



1) Ergänzende Untersuchungen über diese Aggregate des Facialis finden 
sich in der nachfolgenden Abhandlung. 



Fig. 3. 




43 Untersuchungen zur- Physiologie des Grosshirns. 

Die zwischen beiden liegenden einfachen Punkte begrenzen ein Ge- 
biet, welches weniger erregbar als die eben genannten, aber erreg- 
barer als die nach vorn liegenden Nachbargebiete ist, und zum 
Facialis in Beziehung steht. 

Im Uebrigen sollen die Zeichen die Mittelpunkte der erregbar- 
sten Stellen, und die Stärke der sie umgebenden Schraffirung den 
Grad der Erregbarkeit von der Oberfläche aus andeuten. In Folge 
der variablen Form der Gyri wird man die einzelnen Centren ge- 
legentlich etwas verschoben finden. Der Strich im Gyrus e Fig. 2 
(vgl. Fig. 3) bedeutet einen Punkte welcher gleichzeitige Innervation 
der beiden rechten Extremitäten setzt. Zwischen ihm und dem Cen- 
trum + liegt wäeder eine weniger erregbare Strecke. 

Bei A bedarf man überhaupt etwas stärkerer Ströme. Je nach 
der gewählten Stromintensität und je nach geringen Orts Verände- 
rungen bewegen sich bei Reizung dieser Stelle nur Nacken- oder 
Hals- oder Rumpfmuskeln gemeinschaftlich. Wenn man durch Zurück- 
präparirung der Haut die oberflächlichen Nackenmuskeln entblösst, 
so kann man sich ferner durch das Gesicht und durch Zufühlen über- 
zeugen, dass sich bald einmal diese, bald wieder die tiefen Schichten 
contrahiren. Ausserdem sieht man aber, dass die Zusaramenziehung 
bald einseitig bald doppelseitig und zwar mit gleicher Stärke, oder 
auch bald einmal rechts bald einmal links stärker, ferner mit einer 
gewissen Langsamkeit vor sich geht. Ebenso contrahiren sich die 
sämmtlichen Muskeln des Rumpfes bei einseitiger Reizung doppel- 
seitig. 

Wenn man mit einem Lanzenrheophor') am lateralen Ende der 
Furche 14 bei o bis zu einer Tiefe von 9 — 12-18 Mm. einsticht 
und dann reizt, so erhält man 1) doppelseitige starke Contractionen 
sämmtlicher Stammmuskeln, 2) ausgedehnte und starke Contractionen 
an beiden gegenüberliegenden Extremitäten, 3) beschränktere aber 
kräftige Contractionen der hinteren gleichseitigen Extremität, 4) 
schwache und beschränkte Contractionen der gleichseitigen Vorder- 

1) So nenne ich ein Instrument, welches aus einer starken, durchbohrten, 
stählernen Lanzennadel besteht, die in der Bohrung einen isolirten Platin- 
draht führt. Nadel und Draht sind mit je einem Pole verbunden. Aeussere 
Isolirung der Lanze ist nicht erforderlich. 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



49 



extremität. Auf Frontal- und Sagittalscbnitten erkennt man alsdann, 
dass man sich in der vorderen Spitze des Liusenkernes befand. Geht 
man noch tiefer und bis auf die Basis ein, so hören selbst bei viel 
stärkeren Strömen die Zuckungen wieder gänzlich auf. Auch dies 
spricht dafür, dass der Leitungswiderstand der Hirnsubstanz gross, 
der Verbreitungsbezirk Avirksaraer Stromschleifen bei schwachen Strö- 
men klein ist. 

Meine Untersuchungen über Reizung mit dem Lanzenrheophor 
sind nicht weit genug gediehen, um detaillirte Angaben machen zu 
können. Es sei jedoch erwähnt, dass man bei Einstichen innerhalb 
der erregbaren Zone gleichzeitige Zusammenziehuugen einer meist 
grösseren Anzahl von Muskeln erhält, welche je nach der Oertlich- 
keit und Tiefe des Einstiches, sowie je nach der Stärke des Stromes 
sehr verschieden gruppirt sind. Aehuliche Eesultate erhält man bei 
Anwendung starker Ströme von der Convexität aus. Andererseits 
gelingt es dort auch durch vorsichtige Abstufung des Stromes bei 
geringer Verschiebung der Elektroden einzelne Muskeln und selbst 
Theile von Muskeln in Bewegung zu setzten. Doch scheint mir die 
Aufzählung der zahlreichen nach beiden Richtungen gemachten Be- 
obachtungen von geringem Interesse. Im Allgemeinen kommt es, wie 
früher erwähnt, leichter zu combinirten Actionen. Es gelingt so auch 
im vorderen Theile der erregbaren Zone ähnlich wie im supersylvi- 
schen Gyrus eine Gruppirung von in der Peripherie benachbarten 
Muskelmechanismen um einen centralen Punkt zu erkennen. 

Aus den anderweitigen Reizeffecten, wie ich sie geschildert und 
gezeichnet habe, geht hervor, dass diese centralen Gebiete noch 
innerhalb der erregbaren Zone mannichfaltige Verbindungen unter 
einander eingehen, bis sie sich im Linsenkern zu einem grossen ge- 
meinsamen Innervationscomplexe vereinigen. Wenn nun von dieser 
Stelle aus doppelseitige Erregungen gesetzt werden, so entspricht 
dies, insbesondere die Vertheilung der Erregungen in einer überaus 
schönen Weise anderweitig gewonnenen Erfahrungen und Voraus- 
setzungen. 

Henle hat seit Jahren wiederholt darauf aufmerksam gemacht, 
dass die Kreuzung der Fasern nur dann einen Sinn habe, wenn 
dadurch Vertheilung der Faserung an beide Hemisphären bewirkt 

Hitzig, Experimentelle Uiitersuchungeu. 4 



50 Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



werde.') Den angeführten Thatsachen entsprechend giebt ferner 
Schiff an, dass dauernde cerebrale Hemiplegie bei Thieren nicht, 
wohl aber Lähmung der gleichnamigen hinteren Extremität häufiger 
als beim Menschen vorkomme. In der That drohte ja schon das, 
wenngleich ausserordentlich seltene Vorkommen ungekreuzter Läh- 
mung beim Menschen die grösste Verwirrung der Anschauungen 
hervorzubringen. 

Andererseits sehen wir, dass in der gewöhnlichen Form der 
Hemiplegie des Menschen die Stammmuskeln frei bleiben, oder sich 
bald erholen, insbesondere auch nie von secundären centralen Con- 
tracturen befallen werden. Ich habe an einem anderen Orte 2) bereits 
nachgewiesen, wie die Häufigkeit und Stärke dieser Contracturen in 
gradem Verhältnisse steht zu der Complicirtheit der motorischen Ver- 
richtungen, welche jedem Körpertbeil zufallen, so dass eben Thiere 
und diejenigen menschlichen Mechanismen, welche denen der Thiere 
in nichts überlegen sind, von dieser Afifection verschont bleiben. 

Wenn wir nun erkennen, dass beim Hunde doppelseitige cen- 
trale Innervation im umgekehrten Verhältniss zur Complicirtheit der 
Aufgaben, aber in gradem Verhältniss zu der vorhandenen Zwangs- 
mässigkeit des Zusammenwirkens der Motoren präformirt ist, so 
wird es gestattet sein, einen inneren Zusammenhang der angeführ- 
ten Erscheinungen anzunehmen. Ebenso wird man in diesen mehr 
oder weniger doppelten Innervationsheerden niedere, sich mehr und 
mehr an den Rückenmarkstypus anlehnende Organisationen suchen 
dürfen. — 

Meine Absicht war ferner, den Innervationsbezirk jedes einzel- 
nen Körpertheils in jeder einzelnen Hemisphäre festzustellen. Ich 
machte deshalb Versuche an curarisirten Hunden, denen vor der 
Vergiftung ein Haupt -Arterienstamm verschlossen war. Leider war 
in wenigen Minuten die fragliche Extremität durch collaterale Ver- 



1) Vgl. auch die Lähmnngsversuche Nothnagel's. Experimentelle Unter- 
suchungen über die Functionen des Gehirns. Virchow's Archiv. Bd. 57. 

2) Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Bd. III. Aus einem 
Citat Ferrier's ersehe ich zu meiner Freude, dass Dr. Broadbent auf 
anderem Wege als ich zu ähnlichen Schlussfolgorungen gekommen ist. Med. 
chir. Review. April 1866. 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 51 



bindungen mit vergiftet, so dass diese Bemühungen vor der Hand 
scheiterten. Denn wenn man die anderen Körpertheile von der Reiz- 
wirkimg nicht ausschliesst, so bereiten die in ihnen entstehenden Mus- 
kelzusammenziehungen der Beobachtung allerlei Schwierigkeiten. — 

Nachträglicher Zusatz: Fast sämmtliche dieser zuletzt an- 
geführten Versuche wurden mit Unterbindung der rechten Subclavia 
unmittelbar an der Theilungsstelle der Aiionyma begonnen, nach- 
dem die Trachea bereits vorher freigelegt worden war. Wenn nun 
auch die Zeit bis zur Mitvergiftung der rechten Vorderextremität 
für die Erreichung des eigentlichen Versuchszweckes zu kurz war, 
so konnten doch einige anderweite, der Erwähnung werthe Beob- 
achtungen gemacht werden. 

Zunächst war das Aussehen des freigelegten Gehirns höchst 
* auffallend. Sowohl die Pia als die Hirnsubstanz erschienen absolut 
blass, weiss; die Gefässe der Pia waren stark collabirt, enthielten 
sehr wenig Blut und zwar war dessen Farbe sowohl in den Venen, 
als in den Arterien mehr als helh-oth geworden, eigentlich richtiger 
als rosa zu bezeichnen. 

Bei hinreichend starker Vergiftung ging die Erregbarkeit 
des Gehirns selbst schnell verloren, schneller als die der iutramus- 
culären Nervenendigungen der rechten Vorderextremität. Der Erreg- 
barkeitsverlust schritt in centrifiigaler Richtung, fort. Wenn nämlich 
Reizung der Rinde mit beliebig starken Strömen keine Zuckungen 
in der rechten Vorderextremität mehr auslöste, erhielt man solche 
noch durch Reizung des Linsenkerns und des Corpus striatum mit 
galvanischen Strömen, während der Inductionsstrom gelegentlich auch 
schon den Dienst versagte. 

Endlich benutzte ich diese Gelegenheit um eine sehr interessante 
Angabe von Paul Bert') zu prüfen. Bert hatte an einöm curari- 
sirten Hunde, dessen Leben er 10 Stunden laug unterhielt, gefunden, 
dass während dieser ganzen Zeit durch Reizung, nicht nur der sen- 
siblen Spinalnerven (Ischiadicus, Medianus) sondern auch des Infra- 
orbitalis Contr actio nen de r^ Harnblase auszulösen waren, so 



1) Observations faites sur un chien curare. Ärch. de Physiolog. Bd. II. 
(1869) 650-51. 

4* 



52 Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 

dass sich bei jeder Reizung eine geringe Menge Urin entleerte. Dem 
entsprechend konnte Budge') durch directe Reizung des Rücken- 
marks und des Hirnstammes bis hinauf zu den Hirnschenkehi ähn- 
liche, übrigens sehr eingehend studirte Phänomene produciren. Da 
die reflectorische Urinentleerung von Bert nur an einem Thiere ge- 
prüft war, so untersuchte ich nebenher einige Hunde auf diesen Punkt, 
und fand in der That Bert 's Angaben vollständig richtig. Während 
Reizung der Nervenstämme an den nicht aus dem Kreislaufe aus- 
geschlossenen Extremitäten bei drei Hunden nicht mit Zuckungen 
der abhängigen Muskeln beantwortet wurde, entleerte sich jedesmal 
etwas Urin. Derselbe Erfolg trat ein bei Reizung der Schwimm- 
häute, der Bauchhaut, der Gesichtshaut, des Infraorbitalis, nicht aber 
der Conjunctiva. Bei einem dieser drei Hunde erfolgte übrigens auch 
etwas Kothentleerung. Da bei dem Stande der Vergiftung von einer 
Wirkung der Bauchpresse nicht die Rede war, so ist diese reflec- 
torische Defäcation wohl auf peristaltische Bewegungen zu beziehen. 
Meinen anderweitigen Untersuchungen lag diese Frage aber zu fern, 
um eine weitere Verfolgung zu rechtfertigen. 

6. Reflexionen. 
Fechner sagt irgendwo: „Die Sicherstellung, Fruchtbarkeit 
und Tiefe einer allgemeinen Ansicht hängt überhaupt nicht am All- 
gemeinen, sondern am Elementaren. Entsprechend wird es gelten, 
Elementargesetze zwischen Körper und Geisteswelt zu finden, um 
statt einer allgemeinen Ansicht eine haltbare und entwickelte 
Lehre davon zu gewinnen; jene aber werden hier wie dort nur auf 
elenientare Thatsachen begründet werden können." Damit sind die 
Gründe vollkommen angegeben, welche mich abhielten, schon jetzt 
Folgerungen von grösserer Tragweite aus den von mir über Verän- 
derung der Reaction angestellten und oben beschriebenen Versuchen 
zu ziehen, obschon ich glaube, dass gerade sie einen Theil, aber 
allerdings nur einen Theil der elementaren Thatsachen enthalten, 
die für eins jener Elementargesetze erfordert werden. Speculationen 
über Gehirn- und Geistesthätigkeiten sind mit Recht in so grossen 



1) Pflueger's Archiv 1869. S. .511 flf. 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirus. 



53 



Misscredit gekommen, dass man in der That auch mit einem üeber- 
maass von Vorsicht noch richtig handeln würde. 

Wenn wir uns nun von Anfang an trotz der Versuchung, 
welche nicht nur in der Materie au und für sich, sondern auch 
in der Natur der von uns gefundenen überraschenden Thatsachen 
lag, in den vorsichtigsten Ausdrücken bewegten, und fern von Ver- 
allgemeinerungen hielten, so hofften wir, dass dadurch nach keiner 
von beiden Seiten hin Anlass zu irrthümlichen Auffassungen würde 
gegeben werden. Im Gegentheil setzten wir voraus, dass das von 
uns eingeschlagene Verfahren von den nach uns Arbeitenden, wie es 
gemeint war, aufgefasst und als zweckmässig adoptirt werden würde. 
Hätten wir es für nützlich gehalten Consequenzen zu ziehen, so 
würde uns das um Vieles leichter geworden sein, als das Aufsuchen 
der bezüglichen Thatsachen. Um so weniger erwarteten wir, die un- 
mittelbar aus den Versuchen resultirenden Folgerungen angefochten 
zu sehen. Diese Hoffnungen sind nicht überall in Erfüllung gegan- 
gen, so dass es nöthig wird, den früher gefundenen Thatsachen so- 
wohl als den neu gefundenen einige Erläuterungen hinzuzufügen. — 

Wir sind in den vorgetragenen Studien sehr wesentlichen Diffe- 
renzen zwischen der centralen und peripheren motorischen Keaction 
begegnet. Die beiden Pole wirken hier ganz und gar anders wie 
dort, und ebenso ist, wie ich hier wiederhole, der Verlauf der 
Zuckungen ein anderer. Sie sind lang hingezogen, etwa wie die 
eines dem Nerveneinflusse entzogenen Muskels. Wir hatten schon 
früher vermieden, eine bestimmte Meinung darüber auszusprechen, 
ob wir Zellen oder Fasern, Endstationen oder Zwischenstationen der 
psychomotorischen Kette reizten, und wir enthalten uns dessen noch 
jetzt. Dagegen hatten wir nachgewiesen, dass der Reiz bekannte re- 
flectorische Bahnen nicht beschritte. Wenn nun Jemand den Schluss 
ziehen wollte, die ursprünglich gereizten Theile seien wegen jener 
Differenzen keine centralen Ausbreitungen der motorischen Ner- 
ven, so ist es klar, dass ihm zu einem solchen Schlüsse jede Basis 
fehlen würde. Denn es ist durch nichts erwiesen, dass centrale 
Fasern oder wenn man will Zellen, die im Zusammenhange mit 
peripheren stehen, ebenso reagiren müssen, wie diese. Es ist im 
Gegentheil nach Allem, was wir wissen, wahrscheinlich, dass sie 



54 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



anders reagiren. Endlich haben die geschilderten Vorgänge über- 
haupt keine Analogie in der Peripherie. Man wird sich also zu- 
nächst wohl mit der Annahme begnügen müssen, dass ihre Besonder- 
heit auf besonderen Eigenschaften des Centraiorgans beruht. — 

Das ätherisirte Gehirn zeigt ferner eine gewisse oberflächliche 
Aehnlichkeit in seinem Verhalten gegen elektrische und gegen Re- 
flexreize, w^ihrend periphere motorische Nerven durch die Einverlei- 
bung des Aethers bekanntlich nicht afficirt werden. Wenn man nun 
deshalb annehmen wollte, der Reizeffect käme auf dem Wege eines 
unbekannten hypothetischen Eeflexbogens zu Stande, so wäre 
das nicht minder falsch, selbst wenn vollkommen gleiches Verhalten 
des ätherisirten Gehirns gegen den elektrischen und den Reflexreiz 
bestände, was keineswegs der Fall ist, wie ich oben ausführlich 
nachgewiesen habe. 

Das Aufhören der Reflexbewegung bedeutet einfach Ausfallen des- 
jenigen centralen Mechanismus, dessen der äussere Reiz zur Ueber- 
tragung bedarf. Ein ähnlicher 8inn, nur für ein anderes Organ, ist 
dem Aufhören der elektrischen Erregbarkeit der Centren unterzulegen. 
Nun sehen wir, dass die einzelnen Centraiapparate durch die ver- 
schiedenen Narkotica selten sämmtlich gleichzeitig oder in gleichem 
Grade, sondern in den verschiedensten Gruppirungen ausser Thätig- 
keit gesetzt werden. Das Athmungscentrum z. B. functionirt in 
vielen Fällen bis zuletzt. In anderen Fällen wird es dagegen gleich 
zu Anfang afficirt, wie im Menschen bei Verunreinigung des Chloro- 
forms. An Hunden zumal ist Chloroformtod gleich bei Beginn der In- 
halation sehr gewöhnlich. Grade die Centraiapparate der bewussten, 
willkürlichen Bewegung pflegen aber bei der Chloroformirung und 
Aetherisirung schon vor den Reflexapparaten ihre Function einzu- 
stellen. Es würde also schon deshalb Nichts bewiesen sein, wenn 
schliesslich beide auch gegen den elektrischen Reiz gleichmässig un- 
empfindlich gefunden würden. Nun habe ich aber nachgewiesen, dass 
die Grosshirncentra schwerer und ungleichmässiger, jedenfalls also in 
anderer Weise unempfindlich werden, als die eigentlichen Reflexcentra, 
soweit man überhaupt die angewendeten Reizmethoden nebeneinander 
stellen kann. Alles in Allem bedeuten also die vorhandenen Er- 
scheinungen nach der einen wie nach der anderen Seite hin nichts 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshiriis. 



55 



Anderes als zeitweise Eliminirung einer Anzahl von Centralapparateu, 
die wir selbst durch das Experiment nur höchst unvollkommen ab- 
grenzen können. Damit glaube ich hinreichend bewiesen zu haben, 
dass man vorläufig und bis neue unzweideutige Thatsachen beige- 
bracht sein werden, mit der Deutung vorsichtiger Weise nicht weiter 
gehen kann, als wir gegangen sind, während die Mitwirkung von 
reflectorischen Vorgängen schon durch das, was wir wissen, aus- 
geschlossen scheint. — 

In unserer mehrfach citirten Abhandlung') hatten wir die Re- 
sultate zweier an Hunden ausgeführten, streng localisirten Exstir- 
pationsversuche beschrieben. Die Verletzung war in dem von uns 
sogenannten Centrum für die rechte Vorderextremität angebracht 
worden. Der Erfolg war, dass die Thiere die genannte Extremität 
zwar noch gebrauchten, dass sie dieselbe aber unzweckmässig auf- 
setzten und, wie sich aus allerlei Versuchen sch Hessen liess, nur 
noch ein mangelhaftes Bewusstsein von ihren Zuständen besassen. 
Ich selbst habe diese Versuche bereits im Jahre 1870 mit ähnlichem 
Erfolge vervielfältigt und variirt. 

Nothnagel^) hat in neuester Zeit von einer gleichen Idee 
ausgehend, aber nach einer anderen Methode, fast das gesammte 
Grosshirn localisirten Verletzungen unterworfen und ist damit zu 
einer Reihe interessanter Resultate gelangt. In der ersten Abthei- 
lung seiner Arbeit beschreibt er nun auch die Erfolge von Läsionen 
der von uns gewählten Region. Ich constatire mit Freuden, dass 
die Schilderung Nothnagel's der unsrigen auf das Haar gleicht. 
Die einzigen scheinbaren Differenzen bestehen darin, dass die von 
uns hervorgebrachten Krankheitssymptome länger anhielten, und dass 
Nothnagel andererseits auch die gleichnamige Hinterextremität mit 
betroffen fand. Der erste Punkt erklärt sich einfach aus der in 
Folge der Trepanation bei uns grösseren Erheblichkeit der Ver- 
letzung. Mitbetheiligung der hinteren Extremität habe ich aller- 
dings ebenfalls, indessen nicht constant und sehr vorübergehend be- 
obachtet. Wenn man die von mir in der vorliegenden Abhandlung 



1) S. 29. 30. 

2) A. a. 0. 



56 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



S. 48 angeführten Thatsachen berücksichtigt, so Avird man das be- 
greiflich finden. 

Ungeachtet dieser so gut wie vollständigen üebereinstimmimg 
der Versuchsergebnisse und ungeachtet dessen, dass Nothnagel 
unsere Auffassung des gesetzten pathologischen Zustandes vollkommen 
adoptirt, bestehen aber Meinungsverschiedenheiten in der Deutung 
zwischen Nothnagel und uns, die auf Missverständnissen beruhen 
und die ich lebhaft bedauere. 

Wir hatten nicht ohne Absicht gerade an den Schluss unserer 
Arbeit folgenden Satz gestellt: ,Es geht ferner aus der Summe 
aller unserer Versuche hervor, dass keineswegs wie Flourens und 
die Meisten nach ihm meinten, die Seele eine Art Gesammtfunction 
der Gesammtheit des Grosshirns ist, deren Ausdruck man wohl im 
Ganzen aber nicht in seinen einzelnen Theilen durch mechanische 
Mittel aufzuheben vermag, sondern dass vielmehr sicher ein- 
zelne seelische Functionen, wahrscheinlich alle, zu ihrem 
Eintritt in die Materie oder zur Entstehung aus derselben 
auf circumscripte Centra der Grosshirnrinde angewiesen 
sind." Denn in der That folgt die Wahrheit dieses Satzes mit 
aller wünschenswerthen logischen Schärfe aus unseren Versuchen und 
wir betrachteten diese Wahrheit als die weithvollste Errungenschaft 
unserer Arbeit. 

Wenn Eeizung bestimmter Stellen bestimmte Muskeln in Be- 
wegung setzt, und Zerstörung dieser Stellen die Innervation der- 
selben Muskeln alterirt, wenn Reizung und Zerstörung anderer Stellen 
ganz und gar keinen Einfluss auf die Muskelinnervation ausübt, so 
scheint mir das hinreichend beweisend zu sein für den Satz, dass 
die einzelnen Theile des Grosshirns nicht gleichwerthig sind; und 
diesen Satz wollten wir beweisen. 

Nothnagel wendet sich hingegen wieder der alten Ansicht zu, 
obwohl seine Versuche gerade unsere Ansicht durch Vervollständigung 
des Beweismaterials unterstützen. Er kommt zu dem Schlüsse, „dass 
eine strenge Localisation der geistigen Functionen auf 
bestimmte Centren der Grosshirnrinde nicht vorhanden 
ist." Ich setze den Fall, Nothnagel hätte neue Beweise für 
diesen Satz beigebracht, so würde ich ihm dennoch nicht zustimmen 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



57 



können, sondern irgendwo einen Irrthum vermuthen und nicht ruhen, 
bis ich denselben gefunden hätte. Denn die Ansicht Flourens' ist 
a priori unmöglich, wenn unsere sonstigen Anschauungen von den 
Functionen dieser und besser bekannter Theile des Nervensystems 
richtig sein sollen. Sie setzt voraus, dass wir heute Ganglien und 
Fasermassen zum Gehen gebrauchen können, die uns gestern nicht 
zum Gehen, sondern vielleicht zum Hören oder Riechen, jedenfalls 
zu anderen Zwecken, gedient haben. Sie setzt voraus, dass die cen- 
tralen Endorgane eines Nerven, z. B. des Hörnerven, plötzlich zum 
Theil ihrer ursprünglichen Function entfremdet und zu etwas An- 
derem, z. B. zur Muskelbewegung, verwendet werden könnten. Und 
was würde inzwischen aus dem Hören? Oder aber, um uns eines 
ganz abstracten Ausdruckes zu bedienen, sie setzt voraus, dass das 
materielle Substrat für sämmtliche nach Innen und sämmtliche nach 
Aussen gerichtete Functionen, sowie für etwaige Zwischenfunctionen 
ein einheitliches sei, obwohl schon die morphologische Betrachtung 
lehrte, dass jenes Substrat als ein Complex von Endorganen peri- 
pherer Mechanismen verschiedenen Werthes aufzufassen ist. 

Indem wir den exacten Beweis führten, dass die Vorstellung, 
die man sich von vornherein bilden muss, der Wirklichkeit ent- 
spricht, glauben wir einen Schritt vorwärts gethan zu haben. Durch 
seine Versuche thut Nothnagel diesen Schritt mit uns, durch 
seinen Schluss würde er ihn rückwärts thuu, wenn er diesen be- 
wiesen oder ihn in dem Sinne Flourens' gezogen hätte. 

Der einzige von Nothnagel erbrachte Beweis besteht aber in 
dem mir freilich schon damals bekannten Umstände, dass die ge- 
setzten Krankheitssymptome sich allmählig verlieren. ') Daraus lässt 
sich aber nicht das Geringste schliessen, denn der sich eröffnenden 
Möglichkeiten sind zu viele. Eine sehr einfache Annahme ist z. B. 
die, dass man durch den Eingriff nicht das ganze Centrum (nehmen 
wir an, es sei ein Centrum), sondern nur einen Theil zerstört hat, 
und dass der Rest nach geschehener Heilung zur Ausfüllung der 
Function hinreicht. Wenn man in Rechnung zieht, dass Nothnagel 



1) S. auch die Abhandlung: Ucber die Auffassung einiger Anomalien der 
Muskelinnervation. I. 



58 



Uutersucliuugen zur Physiologie des Grosshirus. 



durch kleinere Läsionen dreitägige, und wir durch etwas grössere 
Läsionen achtundzwauzig Tage und länger dauernde Störungen pro- 
ducirten, so drängt sich dieser Gedanke allerdings um so mehr auf, 
als eben durch den Eingriff zweifellos die Nachbarregiouen des Heer- 
des in geringerem, also leichter heilbarem Grade alterirt werden. 
Dennoch bin ich weit entfernt, ihn für den einzig richtigen aus- 
zugeben. 

Ferner scheint Nothnagel das Flourens'sche Werk nicht 
im Original auf diesen Punkt hin eingesehen zu haben, denn ich 
glaube doch nicht, dass er dasselbe meint wie Fl ourens. Das Miss- 
verständniss ist wahrscheinlich aus einer verschiedenen Auffassung 
des Wortes „ circumscript " hervorgegangen. Wir haben dasselbe 
im weitesten Sinne gefasst'), während Nothnagel ihm einen sehr 
engen Sinn unterlegt. W^ir haben nicht daran gedacht, in dieser 
Beziehung irgend welche Grenzen für irgend ein Centrum anzugeben, 
noch die Möglichkeit zu behaupten oder auszuschliessen, dass ein 
Solches doppelt vorkäme, sondern wir haben nur den Satz aufstellen 
wollen und wir erhalten ihn aufrecht, dass die einzelnen in Frage 
stehenden Hirnfanctionen sich bestimmter, irgendwo aber wohlbe- 
grenzter Hirnorgane als centraler Endorgane peripherer Nerven- 
ausbreitungen bedienen, sowie dass diese Organe nur für jene und 
keine anderen Functionen tauglich sind und bleiben. 

Auf eine ähnliche Weise erledigt sich auch der Zweifel Noth- 
nagel's, ob wir eine directe motorische Lähmung annehmen oder 
nicht? Wir hatten nämlich nach einer detaillirten Beschreibung der 
vorhandenen Bewegungsstörung gesagt: „Das Thier hatte die Mög- 
lichkeit, die Vorderextremität zu bewegen nur unvollkommen ver- 
loren." Allerdings war ihm die Möglichkeit sein Bein normal zu 
bewegen aus den angeführten Gründen verloren gegangen. Ob in- 



1) Man vergleiche dazu den Text unserer Abhandlung an anderen Stellen, 
z. B. S. 26. Der mit allem Vorbehalt gebrauchte ^Lusdruck „Centrum" hat nur 
zur Bezeichnung der erregbarsten Stellen gedient. Dass die zwischen diesen 
Centren liegenden weniger erregbaren Theile ebenfalls in Beziehung zur Mus- 
kelbewegung ständen, haben wir zwar als selbstverständlich angenommen (S. 
25), haben aber aus Mangel an einem directen Beweise nicht ausführlicher 
darüber gehandelt. 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 59 

dessen die grobe Kraft eine Einbusse erlitten hatte, darüber haben 
wir uns überhaupt nicht auslassen wollen. Denn es schien uns 
zweifelhaft und ohne weitergehende Deductionen kaum zu entscheiden, 
ob die nachweisbare und von uns angeführte geringe Schwächung 
einzelner Functionen lediglich von der Beeinträchtigung der Vor- 
stellungen über die Zustände dieses Beines abhinge, oder ein selbst- 
ständiges Symptom sei. 

Freilich hatten wir hieran einen Satz geknüpft, der mit dem, 
was von uns auf Seite 6 der Abhandlung recapitulirend über die 
centralen Stätten der Muskelbewegung gesagt war') wohl einen 
Schluss auf unsere Ansicht über den Zusammenhang der Erschei- 
nungen gestattete, und wie mir scheint unter einer bestimmten 
Voraussetzung auch eine bis zu einer gewissen Grenze unanfecht- 
bare Erklärung in sich schliesst. Dieser Satz lautet: ,Es bestand 
noch irgend eine motorische Leitung von der Seele zum Muskel, 
während in der Leitung vom Muskel zur Seele irgendwo eine Unter- 
brechung vorhanden war. Möglicherweise betraf diese Unterbrechung 
die Endstation der hypothetischen Bahn für den Muskelsinn." 

Die erwähnte Voraussetzung war für uns damals aber noch 
nicht hinreichend durch den Versuch erwiesen, sie besteht in dem 
exacten und durch den Inhalt der vorliegenden Abhandlung ge- 
lieferten Nachweise, dass die Erregung jener basalen Mechanismen 
auch von der gleichnamigen Hiruhälfte aus geschehen könne. In 
Ermangelung dieses Nachweises gebot die Vorsicht unserer Meinung 
jene abstracto Form zn geben. Und dennoch bedauere ich noch, 
damals das Wort „ Muskelsinn " gebraucht zu haben, insofern das- 
selbe von jeher zu allerlei Missverständnissen Veranlassung gegeben 
hat. Nothnagel hat indessen in weit bestimmterer Form die 
fraglichen Symptome als Störungen des „ Muskelsinnes " bezeichnet. 
Dies bestimmt mich, meine eigene Auffassung derselben näher zu 
präcisiren, obwohl ich aus der bisher inue gehaltenen Eeserve nur 

1) In den meisten Theilen des Hiiustammcs, dann auch hinab bis in das 
Rückenmark giebt es eine Anzahl vorgebildeter Mechanismen, die einer nor- 
malen Erregung in ihrem Ganzen auf zwei Bahnen fähig sind. Die Eine 
verläuft von der Peripherie aus — die Bahn des Reflexes; die Andere strahlt 
vom Centrum her ein — die Bahn des Willens, der seelischen Impulse. 



60 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



ungern, selbst um wenige Schritte heraustrete. Denn in jede Rech- 
nung mit diesen uns mehr und mehr bekannt werdenden Factoren, 
drängt sich eine unbekannte und kaum zu eliminirende Grösse — 
der Wille — ein. Ihm gegenüber stehen wir, wie zu den Elementar- 
kräften, wir kennen nur seine Erscheinungsweisen, nicht sein Wesen 
und seine innere Begrenzung. 

Wir hatten den Zustand unserer Versuchsthiere folgendermaassen 
charakterisirt : „sie hatten olfenbar nur ein mangelhaftes Bewusst- 
sein von den Zuständen dieses Gliedes, die Fähigkeit sich voll- 
kommene Vorstellungen über dasselbe zu bilden, war ihnen ab- 
handen gekommen," und wir konnten dies mit Sicherheit schliessen 
aus der Analyse der Bewegungsstörungen, die nach Zertrümmerung 
derjenigen Rindenstelle entstanden, deren Reizung die nun gestörten 
Muskeln in Bewegung setzte. Die nun zu beantwortende Frage 
lässt sich sehr einfach folgendermaassen präcisiren: Ist das aus- 
geschlossene Centrum dasjenige Organ, welches die frag- 
liche Muskelbewegung allein beherrscht, oder giebt es 
noch neben dem allgemeinen Willensorgane — ein solches 
vorausgesetzt — ein anderes centrales motorisches Or- 
gan innerhalb derselben Auslösuugskette? 

Wir können, indem wir uns übrigens der äussersten Kürze ^) 
beileissigen, auf bekannte Erfahrungen über mässige Bewegungen mit 
nicht ermüdeten Muskeln zurückgehen. Man weiss, dass die durch 
die Muskelaction in unserem Bewusstsein entworfenen Bewegungs- 
bilder ausserordentlich scharf sind. Ein geschickter Maler würde 
z. B. eine von ihm selbst bei geschlossenen Augen eingenommene 
Positur genau wiederzugeben im Stande sein. Dennoch weiss das 
Bewusstsein von den bewegenden Factoren Nichts; auch die durch 
unmittelbare Anschauung oder anderweites Studium gewonnenen Vor- 
stellungen fallen so sehr in ein anderes Gebiet hinein, dass sie zur 
Erkennung der jedesmal in der Peripherie wirkenden Bewegungs- 
kräfte wenig genug beitragen. Diese sind für die einzelnen Bewe- 



1) Vgl. hierzu meine Abhandlungen: lieber die Auffassung einiger Ano- 
malien der Muskelinnervation. I. und: Ueber die beim Galvanisiren des 
Kopfes u. s. w. 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



61 



gungsformen bisher noch nicht einmal hinreichend bekannt, und 
müssen jedesmal erst durch Induction gefunden werden. Dazu hilft 
z. B. das Zufühlen mit dem Finger weit mehr, als die noch so oft- 
malige Wiederholung der Bewegung. 

Gleichwohl ist es klar, dass sehr genaue Vorstellungen über 
die Zustände der Muskeln entstehen müssen — das lehren uns 
eben jene genauen Bewegungsbilder, — und gleicherweise ist es klar, 
dass diese Bewegungsbilder vorwiegend auf die Perception der Mus- 
kelzustände weniger also auf Gelenke, Haut u. dgl. zurückzuführen 
sind — das lehren uns die bekannten Bewegungstäuschungen bei 
den Augenmuskellähmungen. 

Wenn nun unsere Vorstellungen über die Muskelzustände des 
eigenen Körpers dennoch nicht die Schwelle des klaren Bewusst- 
seins überschreiten, und uns hierdurch den Einblick in das wahre 
Wesen der Vorgänge gestatten, so ist dies auf ein allgemein gültiges 
Gesetz zurückzuführen. Wir vermögen ganz allgemein von Innen 
heraus die Zustände der einzelnen Organe nur insoweit zu erkennen, 
als es für die Benutzung derselben zur Erhaltung des gleichmässigen 
Flusses der von ihnen abhängenden Keihe von Lebenserscheinungen 
erforderlich und ausreichend ist. 

Innerhalb der damit gezogenen Grenze bildet aber die ücber- 
mittlung von solchen grossentheils unbewussten Vorstellungen über 
jede einzelne Bewegungsphase eine der noth wendigen Vorbedin- 
gungen für den normalen Ablauf der ihr folgenden Phase, und man 
hat hiernach, wenn man auch die scheinbare Muskelruhe als eine 
Bewegungsphase auffasst, ganz allgemein in den Muskelzuständen 
eine der verschiedenen Ursachen zu erkennen, welche den Organis- 
mus zu den willkürlichen Bewegungen veranlassen, und diese selbst 
reguliren. Nehmen wir an, es gäbe keine anderen Sinnesreize und 
Wahrnehmungen, und wir hätten es vielmehr mit einer einfachen, 
mit dem Impulse versehenen Bewegungsmaschine der gedachten Art 
zu thun, so können wir uns auf Grund des eben Entwickelten sehr 
wohl vorstellen, dass eine solche zur Ausführung zweckmässiger Be- 
wegungen ausreicht. 

Da wir nun in den von uns bezeichneten Rindentheilen ein Or- 
gan erkennen, welches mit seiner Function den geschilderten Theil 



62 



Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns. 



des psychischen Vorganges deckt, so sehe ich ich nicht die Noth- 
wendigkeit, dass der Wille als Solcher noch ein besonderes und 
anderes motorisches Organ in sich schliesse. Wenn in Folge des 
Zusammenwirkens einer Anzahl neu anlangender oder aufbewahrter 
Siuneseindrücke die Forderung einer Bewegung entsteht, so gewinnt 
diese Forderung niemals ihre Gestalt etwa in dem Antriebe: inner- 
vire Muskel a, c, damit Arm n den Winkel x mache, sondern 
es heisst „nimm", „schreibe", „sprich" u. s. w. Die Organe, welche 
wir nun kennen, scheinen mir zu genügen, um das normale Von- 
stattengehen der so einmal in Fluss gebrachten Bewegung im All- 
gemeinen zu begreifen. Im Einzelnen bestehen freilich noch Unklar- 
heiten genug. 

Brücke hat vor Kurzem die von uns erzielten Bewegungs- 
störungen in bündiger Weise der Aphasie an die Seite gestellt. 
Wenn man den Ablauf des Redens und seine Störung durch jene 
einzige noch verfolgbare Rindenerkrankung sich vergegenwärtigen 
will, so braucht man in der That nur die entsprechenden Begriffe 
in die eben vorgetragene Erwägung einzufügen. 



Die in der vorstehenden Arbeit- beschriebenen Untersuchungen 
wurden zum grössten Theile in dem Zimmer der Assistenten des 
anatomischen Instituts zu Berlin angestellt. Ich sage diesen Herren, 
insbesondere Hrn. Fritsch, sowie dem Dirigenten des Instituts 
Hrn. Geh. Rath Reichert für die mir auf lange Zeit bereitwillig 
gewährte Ueberlassung dieses Arbeitsraumes raeinen verbindlichen 
Dank. Ebenso kann ich nicht unterlassen Herrn Dr. Fischer, der- 
zeit klinischem Assistenten in Erlangen und Hrn. stud. Prawitz, 
welche theils im Winter-, theils im Sommersemester 1872-73 diesen 
Untersuchungen mit grosser Aufopferung an Zeit und iVIühe assistir- 
ten, auch an dieser Stelle meinen Dank auszusprechen. 



III. 

Kritische und experimentelle 

Untersuchungen zur Physiologie des Grosshirns 

im Anschluss an die 

Untersuchungen des Herrn Professor D. Ferrier 
in London. 



Vorbemerkungen. 

Anfangs Oktober 1873 ging mir eine Abbandhing von D, Fer- 
rier') in London zu, welche grösstentbeils auf eine Wiederholung 
der von Fritsch und mir veröffentlichten Versuche^) basirt ist. 
Ferrier äussert sich über unsere Arbeit in folgenden Worten: 
, — — sie versuchten, die Ceotren für solche Muskelbewegungen 
auf gewisse bestimmte Punkte zu localisiren. Ihre Versuche wurden 
nach dieser Richtung nicht grade weit ausgedehnt, noch setzen sie, 
wie ich denke, die Natur und die Bedeutung des Resultates, zu dem 

sie gelangten klar auseinander. — Inductionsströme wandten 

sie in irgend einer Ausdehnung nicht an, und ihre durch diese 
Methode erzielten Resultate ergaben ihnen mit Rücksicht auf die 
Localisation der Functionen nichts grade Bestimmtes oder Genügen- 
des. Bei meinen eigenen Versuchen habe ich die Faradisation 

1) Experimental Researches in cerebral physiology and pathology by 
David Ferrier etc. etc. etc. The West Riding lunatic asylum Medical Re- 
ports. Vol. III. 1873. 

2) S. 1—31. 



64 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



ausschliesslich angewendet, und es mit dieser Methode möglich ge- 
funden, sowohl localisirte Reizung verschiedener Hirntheile mit der 
äussersten Exactheit hervorzubringen, als auch allgemeine Reizung 
der ganzen Hemisphäre herbeizuführen."') 

Ein Leser dem unsere Arbeit nicht im Original bekannt ist, muss 
nach diesem Referate Ferrier's den Eindruck mit hinwegnehmen, 
dass wir nur generell die Erregbarkeit des Grosshirns durch Bestim- 
mung des einen oder des anderen Centrums nachgewiesen hätten, und 
zu genauerer Localisation, sowie zu anderweiten Resultaten nicht ge- 
kommen wären, weil wir theils den Inductionsstrom nicht durch- 
gehends anwendeten, theils die Wichtigkeit unserer Entdeckung nicht 
erkannten. 2) Es wäre erst Ferrier vorbehalten gewesen, durch die 
Anwendung inducirter Ströme und grösserer Lucidität diese That- 
sachen für die Physiologie und Pathologie nutzbar zu machen. In 
wie weit der englische Autor durch Beibringung neuer 
und zweifelsfreier Thatsachen seinerseits die Sache ge- 
fördert hat, in wie weit also auch die Ansprüche gerechtfertigt 
sind, mit denen er seine Arbeit unseren Bemühungen entgegensetzt, 
das werden wir auf den folgenden Blättern untersuchen. 

1) Their researches in this direction were not carried very far, nor do they, 
I Ihink, clearly define the nature and signification of the results at which they 
arrived. They adduce ample evidence for regarding the movements that took 
place as dependent on irritation of the hcmispheres themselves, and they also 
ohserved that irritation proceeded principally, if not exclusively, from the anode. 
Induction currents they did not employ to any extent, and their results by 
this method did not give them anything very definite er satisfactory as re- 
gards localisation of function. In my own experiments I have employed fara- 
disatiou exclusively, and have found it possible by this method to produce 
localised irritation of various parts of the brain with the utmost exactitude, 
as well as to induce diffused irritation of the whole of the hemispheres A 
a. 0. S. 32. 

2) Inzwischen hat sich Prof. Ferrier in einem in der British Medical 
Association gehaltenem Vortrage in dieser Beziehung noch deutlicher aus- 
gedrückt: Er sagt dort ausdrücklich: Wir hätten wohl die Bedeutung der 
von uns gefundenen Thatsachen nicht recht gewürdigt, hätten auch unsere 
Untersuchungen nicht fortgesetzt. Es hat uns zwar sehr leid gethan, dass 
Professor Ferrier unsere Zurückhaltung bei der praktischen Ausbeutung der 
von uns gefundenen Thatsachen für die Pathologie so falsch auffasste. Doch 
wurden wir beim Durchlesen jenes Vortrages wieder beruhigt. Wir sahen 
dort, dass der Gedankengang, mit dem wir unsere Entdeckungen einleiteten 



zur Physiologie des Grosshirns. 



65 



Zuvor aber miiss ich darauf aufmerksam machen, dass es für 
Ferrier um so mehr ein Leichtes gewesen wäre, sich von Fort- 
setzungen jener Arbeit mindestens durch Einsehen des nächsten Ban- 
des des Archivs für Anatomie und Physiologie Kenutniss zu ver- 
schaffen, als in der von ihm citirten Arbeit^) eine Fortsetzung be- 
reits angekündigt war. Dennoch will ich zu seiner Entschuldigung 
annehmen, dass er diese Kenntniss nicht gehabt hat. Anders steht 
es mit einer Anzahl von Ergebnissen, welche bereits in jener ersten 
Arbeit ausführlich mitgetheilt waren. Ferrier hat sich dieselben 
ohne Weiteres angeeignet, indem er unserer Untersuchungen mit 
keinem Worte erwähnt, obwohl er dieselben kannte. Wir hatten 
nachgewiesen, dass durch Tetanisiren des Hirns Nachbewegungen 
und epileptiforme Anfälle entstehen können.^) Ferrier behandelt 
diesen Gegenstand höchst ausführlich, jedoch so als rühre diese Ent- 
deckung von ihm her, Aehnlich verhält es sich mit dem Nach- 
weise, dass der Blutverlust die f]rregbarkeit des Hirns aufhebt,^) 
endlich mit Allem, was nicht in dem englischen Citat auf S. 64 
erwähnt ist. Ueberhaupt werden unsere Untersuchungen von Fer- 
rier nur noch zweimal angeführt: erstens bemerkt er gelegentlich:*) 
wir hätten durch unsere Exstirpatiousversuche Lähmungen erzeugt, 
was wir keineswegs behauptet hatten; zweitens beruft er sich auf 
unsere Angaben über das Centrum für die Nackenmuskeln, insofern 
er selbst ein Solches nur bei einem Versuche auffinden konnte. Den- 
grade um ihre Bedeutung in das rechte Licht zu setzen, den Beifall des Hrn. 
Prof. Ferrier in dem Grade gefunden hat, dass er für seine eigene Ein- 
leitung einen Besseren nicht glaubte verwenden zu sollen. 

S. The Times Sept. 22. : About three years ago two German physiologists, 
Fritsch and Hitzig, by passing galvanic currents through parts of the brains 
of dogs obtained various movements of the limbs, such as adduction, flexion 
and extension. They thus discovered an important method of research, bat 
they did not pursue their experiments to the extent that they might have 
done and perhaps did not exactly appreciate the significance of the facts at 
which they had arrived. — Ich würde übrigens ein politisches Blatt nicht ci- 
tiren, wenn der Vortrag nicht offenbar stenographisch nachgeschrieben, und 
die betreffende Stelle wörtlich citirt wäre. 

1) A. a. 0. S. 308. 

2) S. 17. 

3) S. 18. 19. 

4) Experimental Researches etc. S. 77. 

Hitzig, ExperimeiiteUe Untersuchungen. 5 



66 



Kritische und exi)eriinentelie Untersuchungen 



noch kommt Ferrier vielfach zu anderen Resultaten rücksichtlich 
der Localisation der Centren und der Begrenzung der erregbaren 
Zone. Er führt aber in keinem einzigen Falle an, dass er mit uns 
übereinstimmt oder nicht übereinstimmt; noch controlirt er dort, 
wo er andere Angaben macht als wir, seine eigenen Befunde. 

Indem ich in meines Herrn Mitarbeiters und in meinem eigenen 
Namen auf das Entschiedenste gegen ein solches Verfahren prote- 
stire, bedauern wir von Hrn. Prof. Ferrier hiermit unser Eigen- 
thum zurückfordern zu müssen. 



Ferrier hat Versuche, die sich rücksichtlich der Methode den 
Unseren parallel setzen Hessen, wie wir sehen werden, überhaupt 
gar nicht angestellt. Reizversuche am Grosshirn des Hundes nach 
seiner Art nahm er aber im Ganzen zweimal vor. Der eine von 
diesen zwei Versuchen ist vollständig durchgeführt, der Andere un- 
vollständig. Beide wurden von vielen epileptiformen Anfällen unter- 
brochen. 

Bei dem zweiten, unvollständig durchgeführten Versuche wurden 
die Effecte der Reizung von acht Punkten uotirt. Sechs von diesen 
Reizversuchen gaben andere Resultate als die Parallelversuche der 
ersten Vivisection. Der Siebente gab beide Male kein Resultat, der 
Achte erzielte aber beide Mal Schluss des Auges.') Da durch die 
eine Vivisection die linke und durch die andere Vivisection die rechte 
Hirnhälfte freigelegt war, so hält sich Ferrier auf Grund der an- 



1) A. B. 

1) Schluss des Auges. Drehung des Kopfes. 

2) Geschrei. Drehung des Kopfes. 

3) Beginn eines Anfalls dabei 



A. Die Methode Ferrier's. 



Drehung des Kopfes. 

4) Vacat. 

5) Kein Reizeffect. 

6) Kein Reizeffect. 



Drehung des Kopfes. 
Erhebung des Lides. 
Bewegung des Ohrs. 
Bewegung des Ohrs. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



67 



geführten Reizeffecte für berechtigt, vollkommene Symmetrie und 
Bestätigung des einen Versuches durch den anderen anzunehmen.') 
Ich würde auf Grund dieses Beweismateriales die entgee^engesetzen 
Schlüsse gezogen haben. 

Dies eine Beispiel würde genügen um zu zeigen, wie breit die 
experimentelle Basis ist, welche Ferrier für die Begründung seiner 
eigenen und die Erschütterung fremder Angaben genügt. Indessen 
ist sein Versuchsmaterial in diesem Theile der Abhandlung überall 
nicht grösser. Nur für das Studium des Grosshirns der Katze hat 
er drei Thiere geopfert, von denen zwei ebenfalls nicht vollständig 
untersucht wurden. Für seine Angaben über das Grosshirn des 
Kaninchens genügen ihm wiederum zwei Vivisectionen, und eine neue 
Behauptung von äusserster Tragweite gründet sich auf die Unter- 
suchung eines einzigen Meerschweinchens. 

Wäre Ferrier der Entdecker der von uns gefundenen That- 
sacben, so würde eine vorläufige Mittheilung auf Grund eines so 
dürftigen Materials immerhin ihr Bedenkliches gehabt haben, aber 
verzeihlich gewesen sein. Was soll man aber dazu sagen, nachdem 
unsere ausführliche Arbeit schon seit mehr als drei Jahren publi- 
cirt war? — 

Ferrier (und nach ihm bereits mehrere andere englische Au- 
toren) führen an, wir hätten den Inductionsstrom in irgend einer 
Ausdehnung nicht angewendet und übrigens mit demselben rück- 
sichtlich der Localisation der Functionen keine befriedigenden Re- 
sultate erzielt. Er selbst, fährt er fort, habe nur den Inductions- 
strom angewendet und mit demselben die Function der einzelneu 
Hirntheile mit der äussersten Exactheit localisiren können. Zunächst 
muss ich bemerken, dass von dem, was Ferrier uns sagen lässt, 
in der fraglichen Abhandlung auch nicht ein einziges Wort steht. 
(S. oben S. 16). 

Wir haben allerdings angeführt, dass wir den Inductionsstrom 
viel seltener als den galvanischen anwandten, und wir durften vor- 
aussetzen, dass die gewöhnlichen Leser des Arcbiv's die Gründe da- 



1) Das übrigens selbstverständliche Vorhandensein symmetrischer An- 
ordnung dieser Centren hatten wir schon nachgewiesen. 

5* 



68 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



für aus der hinterher folgenden Schilderung der dem Inductions- 
strome eigenthümlichen Keizeffecte sofort erkennen würden. Aber 
wenn wir ihn auch seltener als den galvanischen Strom anwendeten, 
seltener als Perrier wandten wir ihn nicht an, und woher will dieser 
Autor überhaupt wissen, in welcher Ausdehnung wir uns dieses Keiz- 
mittels bedienten? Von der Unmöglichkeit mit demselben localisirte 
Keizeffecte hervorzubringen, haben wir nun ganz und gar nichts er- 
wähnt, sondern die Schilderung beginnt mit dem das Gegentheil be- 
sagenden Satze: „Häufig treten tonische Bewegungen der betreffen- 
den Muskelmassen ein, die erst nach längerer Zeit in ihrer Intensität 
nachlassen." In der That fanden wir den Inductionsstrom für die 
Controle und überhaupt als Hülfsmittel der Untersuchung ausser- 
ordentlich bequem; denn durch den Schliessungsschlag der Kette 
wird nur eine einzelne Zuckung ausgelöst, deren Auffassung die an- 
gespannteste Aufmerksamkeit verlangt, während der Muskeltetanus 
natürlich sehr leicht zu beobachten ist. Nichtsdestoweniger wird 
man sich für die eigentlich beweisenden Versuche doch des 
unbequemeren Kettenstromes bedienen müssen, wie ich ausführlich 
darlegen will. 

WennFerrier aber wirklich die von uns nicht ausgesprochene, 
aber von ihm angeführte Ansicht aus unserer Abhandlung heraus- 
gelesen hätte, so lag ihm doch die Pflicht ob, erst einmal diese 
Ansicht durch vergleichende Versuche zu prüfen, ehe er sie ohne 
Weiteres bei Seite schob. Dann würden ihm vermuthlich selbst einige 
Bedenken gegen die Exactheit seiner bis dahin erzielten Localisations- 
effecte gekommen sein. — 

Wir hatten in der mehrfach angeführten Abhandlung rücksicht- 
lich der Methode, vermittelst deren wir unsere Centren localisirten, 
angegeben, dass wir zunächst die Stelle aufsuchten, welche bei 
der geringsten, überhaupt noch erregenden Stromstärke die stärkste 
Zuckung auslöste, und dann eine Stecknadel zwischen den beiden 
Elektroden in das Gehirn des noch lebenden Thieres einsenkten. 
Nachdem wir nachgewiesen hatten, dass auf stärkere Ströme nicht 
nur die von uns sogenannten Centren, sondern auch die zwischen 
ihnen liegenden Theile des Hirns mit einer motorischen Leistung 
antworteten, erschien jede andere ßeizmethode als die, welche sich 



zur Physiologie des Grossliirns. 



69 



in der gedachten Weise der Stromstärke des Zuckungsminimums be- 
diente, des Zweckes und Interesses baar. Unsere und auch Fer- 
rier's ausgesprochene Absicht war ja zu localisiren. Aus den an- 
geführten Thatsachen geht aber ohne Weiteres hervor, dass bei 
Anwendung stärkerer Ströme tiefer gelegene, sowie oberflächliche 
Nachbartheile mit in den Bereich der wirksamen Reizung gezogen 
werden. Da man nun weiss, dass die Markstrahlung von Vorne 
nach Hinten zieht, und da wir insbesondere noch durch Einstechen 
isolirter Elektroden die Erregbarkeit dieser Markstrahlung nachge- 
wiesen hatten, so mnsste sich jedem einsichtigen Experimentator 
sofort der Gedanke aufdrängen, dass die Reizeffecte stärkerer Ströme 
einfach durch die Bethätigung der nach den Ganglien ziehenden, 
vielleicht sogar der in derselben verlaufenden Faserung zu erklären 
seien. Selbstverständlich hat der Nachweis derartiger Leitungs- 
bahnen mit der Localisation centraler Zusammenfassungen nur dann 
etwas zu thnn und überhaupt nur dann einen Sinn, wenn es ent- 
weder gelingt die Annäherung der Markstrahlung an die grauen 
Massen nachzuweisen, oder, was noch wüuschenswerther wäre, den 
ganzen Verlauf derselben zu verfolgen. Auf den letzteren Zweck 
liefen meine Versuche an curarisirten Thieren hinaus. 

üeber diese Erwägungen hat Ferrier sich einfach hinweg- 
gesetzt. Er hat von der Anwendung der Stromstärke des Zuckungs- 
minimums überall abgesehen und einfach in der Mehrzahl seiner 
Versuche die secundäre Spirale der primären bei Anwendung eines 
Zinkkohlenelementes bis auf 8 Cm. genähert. Hierbei war der Strom 
so stark, dass er auf der Zunge „without great discomfort" zu er- 
tragen war. Wir hatten nachgewiesen, dass schon ein Strom, der 
auf der Zunge eben empfunden wird, zu Reizeffecten führen kann. 
Aber nicht zufrieden mit den so erzielten Bewegungen nähert Fer- 
rier die Spiralen bis auf 6, ja sogar bis auf 4 Cm., indem er das 
Ausbleiben der Zuckung bei der ursprünglich benutzten enormen 
Stromstärke in keinem Falle aus Mangel motorischer Elemente in 
den benachbarten Hirnpartieen, sondern sobald ihm ein stärkerer 
Strom auch nur in einem einzigen Falle Muskelleistungen ergiebt, 
auf Erschöpfung, auf Blutverlust oder andere Versuchsfehler schiebt. 
Er versäumt die Richtigkeit dieser Annahmen durch neue Versuche 



70 Kritische und experimentelle Untersuchungen 



oder, was ja so einfach war, durch Controle an als irritabel be- 
kannten Feldern zu bestätigen. Natürlicherweise ist es sehr leicht 
auf diese Art allerlei Keizelfecte zu erzielen, indessen wird doch Nie- 
mand denselben irgend eine Wichtigkeit beimessen wollen, ehe sie 
nicht in etwas vorsichtigerer Weise verificirt worden sind. 

Ist die Anwendung so starker Ströme überhaupt schon bedenk- 
lich, so wird sie es doppelt, wenn es sich um Inductionsströme 
handelt. Die hohe Spannung des Inductionsstromes lässt die Mög- 
lichkeit unipolarer Reizung, weiter Verbreitung wirksamer Schleifen 
durch die Hirnsubstanz selbst, und durch Vermittlung der Cerebro- 
spinalflüssigkeit zu. Man kann sich leicht überzeugen, dass die An- 
wesenheit einer Brücke von Flüssigkeit zwischen den auf dem Hinter- 
hirn ruhenden Elektroden und dem zurückgeschlagenen Temporaiis 
genügt, um entweder den genannten Muskel selbst, oder beliebige 
grosse Gruppen von Motoren in Bewegung zu setzen. Tupft man 
die Flüssigkeit fort, so verschwinden sämmtliche ReizeflTecte. Ebenso 
leicht gelangen Schleifen zu der Dura und führen zu Reflexbewegungen 
aller erdenklichen Art. 

Ferrier hat indessen offenbar ohne jede Kenntniss der Gesetze 
der Stromvertheilung in nicht prismatischen feuchten Leitern gearbeitet ; 
das beweisen insbesondere die ^on ihm zur Erregung epileptiformer 
Anfälle an der Katze angestellten Versuche. Die Spiralen Avaren bei 
diesen Versuchen auf 5 Cm. genähert. Bei einer von fünf Reizungen 
lag die ganze Hirnfläche, bei einer andern zwei Drittel derselben der 
Länge nach zwischen den Elektroden, bei den drei anderen Reiz- 
versuchen wurden die Elektroden in transversaler Richtung aufgesetzt, 
so jedoch, dass mindestens immer ein Sulcus zwischen denselben lag. 
Hieran schliesst Ferrier folgende Bemerkung: „Die Reizung war 
gänzlich auf die Oberfläche der Hemisphären begrenzt, da die Elek- 
troden einfach angelegt wurden, ohne irgend eine mechanische oder 
tiefere Läsion in irgend einem Falle zu verursachen."') Dies mag 
genügen, um die physikalische Vorbildung mit der Ferrier an so 
überaus difficile Versuche ging, darzulegen. 

1) The Irritation was entirely confined to the surface of the hemispheres, 
the electrodes being simply applied without causing mechanical or deep seatcd 
lesion in any case. A. a. 0. S. 39. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



71 



En bleibt mir noch übrig nachzuweisen, weshalb die Anwendung 
des Inductionsstroms als einziges üntersuchungsmittel zu verAverfen 
ist. Der Hauptgrund liegt in der a. a. 0. S. 17 hervorgehobenen 
Thatsache, dass die Stromstärke des Zuckungsmiuimums keine rocht 
gleichmässigen Eesultate giebt. Nimmt man dann stärkere Ströme, 
so setzt man sich den angeführten und anderen Fehlerquellen aus. 
Namentlich sind die epileptiformen Anfälle im höchsten Grade stö- 
rend. Während derselben quillt das Gehirn aus der Trepanations- 
wunde heraus und gewinnt ein glasiges Ansehn. Nachher ist seine 
Erregbarkeit enorm herabgesetzt, so dass auf längere Zeit nur Ströme, 
deren Yerbreitungsbezirk durch die Hirnmassen gar nicht zu berech- 
nen ist, noch Zuckung auslösen. Maclit man an einem Gehirne, 
welches einen epileptiformen Anfall überstanden hat, Durchschnitte, 
so findet man regelmässig Extravasate von Hirsekorn- bis Erbsen- 
grösse, die am häufigsten ihren Sitz an der Grenzschicht der Kinde 
haben, sich aber gelegentlich auch bis an das Ependym der Ventrikel 
verfolgen lassen. Es ist ziemlich sicher, dass ein Theil dieser Extra- 
vasate durch den Anfall selbst entsteht, indessen beobachtet man ober- 
flächlichere Blutergüsse auch wenn kein Anfall vorhergegangen ist. 
Ausserdem bemerke ich noch beiläufig, dass man regelmässig an Ge- 
hirnen, die einen epileptiformen Anfall durchgemacht haben, bei der 
Section eine sehr deutliche Injection der kleinsten Gefässe der Pia 
an der medialen Fläche des vorderen Drittels beider Hemisphären 
vorfindet. Dies scheint mir zu beweisen, dass bei diesen durch Fara- 
disirung hervorgebrachten Anfällen sich, wie allerdings zu vermuthen 
war, die Gefässerregung auf das ganze Gehirn ausbreitet. Zwischen- 
stufen scheinen mir jene localen Anfälle zu sein, von denen wir schon 
a. a. 0. gehandelt haben. 

Wie dem nun auch sein möge, das ist wohl unbestreitbar, dass 
eine Keizmethode, welche in allen Fällen so grobe Zerstörungen der 
Substanz setzt und ausserdem noch anderer, weniger leicht überseh- 
barer, wichtiger Veränderungen verdächtig ist, dass eine solche Keiz- 
methode als einziges Untersuchungsmittel verworfen werden muss, 
sobald noch irgend eine andere Methode existirt. 

Höchst störend sind ferner die Nachbewegungen, welche selbst 
bei Anwendung ganz schwacher Ströme aufzutreten pflegen. Dieselben 



72 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



sehen luanclimal genau so aus wie die ursprünglich durch den Reiz 
hervorgebrachten Zuckungen, und sie können um so eher zu Täu- 
schungen führen, als bei Anwendung schwacher Inductionsströme 
manchmal mehrere Secunden vergehen, bevor der Reizeffect sichtbar 
wird. Wem wird es überhaupt einfallen eine Reizmethode, die auch 
zu Reizeffecten führt, wenn nicht gereizt wird, ausschliesslich anzu- 
wenden ? — 

Endlich bedarf die Art, der von Ferrier angewendeten Nar- 
kose noch einer Erwähnung. Abgesehen von Rücksichten der Mensch- 
lichkeit will Ferrier dieselbe benutzt haben, um Reflex- und 
willkürliche Bewegungen auszuschliessen. Es geht aber aus seinen 
eigenen Versuchsprotokollen hervor, dass er diesen Zweck jedenfalls 
höchst unvollkommen erreicht hat. Seine Versuchsthiere machen nicht 
nur dennoch Reflexbewegungen, sondern sie schreien und beissen auch, 
sie nagen ihre eigenen Pfoten, sie wedeln mit dem Schwanz, sie sper- 
ren die Schnauze auf und zu und stecken die Zunge abwechselnd her- 
aus und ziehen sie wieder ein. Dass in einer solchen Narkose die von 
Ferrier gesuchte Garantie nicht liegt, bedarf wohl keines Beweises. 

Blicken wir nun auf das bisher Angeführte zurück, so dürfen 
wir wohl sagen, dass selten jemals Untersuchungen über eines der 
wichtigsten Capitel der Nervenphysiologie auf Grund eines so über- 
aus winzigen Materiales, mit Hülfe so geringer physikalischer Vor- 
bereitung, unter so gänzlicher Vernachlässigung aller unbedingt zu 
verlangender Vorsicht angestellt worden sind. 



B. Die Resultate Ferrier's. 

I. Allgemeine Oiferenzen zwischen den Reizeffecten 
Ferrier's und den Meinigen. 

Zwischen den Resultaten Ferrier's und den meinigen existiren 
zwei principielle Differenzen: Erstens ist nach Ferrier fast das ganze 
Grosshirn erregbar, insbesondere die Gyri 6, c, d (Stirntheil) und 
der grössere Theil der von mir als Hinterhaupts- und Schläfenlappen 



zur Physiologie des Grosshirns. 



73 



angesprochenen Zonen, während schon durch F ritsch und mich die 
Oberflächen der letztgenannten Theile als unerregbar bezeichnet waren, 
und ich in der vorgedruckten Abhandlung den eigentlichen Stirn- 
theil incl. des grösseren Theils des Gyrus d als unerregbar bezeichne. 
Man sieht sofort ein, dass wenn die F er rier 'sehen Angaben richtig 
wären, man sich ein ganz anderes Bild von dem anatomischen und 
physiologischen Verhalten des Centraiorgans würde machen müssen, 
als wenn es bei den Unsrigen sein Bewenden hätte. 

Wir hatten als eins unserer wesentlichsten Resultate durch den 
Druck und die Stellung des Satzes noch besonders hervorgehoben 
die Thatsache, dass ein beträchtlicher Theil der die grossen Hemis- 
phären zusammensetzenden Nerveumassen in unmittelbarer Beziehung 
zur Muskeibewegung steht, während ein anderer Theil offenbar wenig- 
stens direct nichts damit zu schaffen hat. Wenn dem so war und 
ist, so musste man sich folgerecht vorstellen, dass ähnlich diesen 
motorischen Projectionsfeldern auch gesonderte sensible und sensuelle 
bestünden. Wären aber die F er rier 'sehen Untersuchungen richtig, 
so würde diese Annahme fast zur Unmöglichkeit; denn für die Katze 
wenigstens ist es ihm gelungen Erregbarkeit fast des ganzen Gross- 
hirns nachzuweisen. Beim Hunde freilich fand er einige Stellen von 
etwas grösserem Umfange unerregbar. Nach diesen Ergebnissen würde 
man also zu der Annahme gedrängt, dass die nach Innen und nach 
Aussen gerichteten seelischen Vorgänge, sowie die dazwischen liegen- 
den Verbindungsglieder ihr materielies Substrat nicht in gesonderten 
Hirnabschnitten, sondern durch einander gemischt besässen. An und 
für sich wäre ein solches Verhalten ja nicht unmöglich. Es würde 
sich in der That mehr der Flourens 'sehen neuerdings wieder von 
Brown-Sequard vertretenen Anschauung nähern. Aber ob es so 
ist oder nicht ist, das festzustellen ist eine der wichtigsten Auf- 
gaben, die sowohl in den praktischen als ideellen Wissenschaften, 
deren Object das Gehirn oder die Seele ist, je aufgeworfen wurden. 
F er rier will durch seine Versuche diese Aufgabe nicht etwa im 
Sinne jener beiden Forscher, sondern in unserem Sinne lösen. 

Die zweite principielle Differenz besteht darin, dass 
Ferrier für die gleichen Muskelgruppen mehrere, gelegentlich weit 
auseinanderliegende Centren augiebt, andererseits aber von ein- und 



74 



Kritische uud experimentelle Untersuchungen 



derselben Stelle aus verschiedene Muskelgruppen in Bewegung setzt, 
während wir nur diejenigen Stellen als Centren betrachteten, von 
denen aus man bei einer ganz geringen Stromintensität localisirte 
Muskelinnervation vermitteln kann. Solcher Centren fanden wir aber 
für jede Muskelgruppe nur eins. 

Beide Differenzen erklären sich in einfacher Weise aus der ver- 
schiedenen Stärke der von uns angewendeten Ströme. Jeder, auch 
der ungeübteste Experimentator wird dies bei einer Wiederholung 
der Versuche ohne Weiteres herausfinden. Uebrigens stehen dieFer- 
ri er 'sehen Keizeffecte nicht nur mit den unsrigen, sondern auch 
unter einander in dem erdenklichsten Widerspruche. Einen Theil 
dieser Widersprüche haben wir oben S. 66 bereits angeführt, einige 
andere lasse ich folgen. 

An der Stelle, wo beim Hunde das Schwanzcentrum (9) (Fig. 4) 
liegt, ist das Hirn der Katze (3) (Fig. 6 u. 7) unerregbar, wo die 
Katze (4) die Brauen runzelt und das Ohr bewegt ist das Hirn des 
Hundes (10) unerregbar. Eeizung des Schläfenlappens giebt bei der 
Katze Schliessung und Oeflfnuug der Kiefer und Hervorstrecken der 
Zunge, beim Hunde nichts. Hingegen lässt Keizung der Stelle, 
welche dem Hunde (19) die Kiefer schliesst, die Katze (6) mit der 
Pfote schlagen und die Klauen hervorstrecken. Bewegungen der 
Augäpfel werden bei der Katze von den bei mir mit /', n und g 
bezeichneten Gyris ausgelöst. Drehung des Kopfes nach der ent- 
gegengesetzten Seite erfolgt auf Keizung fast des ganzen Hinter- 
hirns u. s, w. u. s. w. — Das Hirn der Katze unterscheidet sich 
von dem des Hundes nur wenig. Der wesentlichste Unterschied 
besteht darin, dass das Katzenhirn sehr viel kleiner ist. Unter 
diesen Umständen wäre die erhebliche Differenz, welche Ferrier's 
Versuche zwischen den correspondirenden Regionen beider Thiere, 
wenn auch nicht für ihn, so doch für mich ergeben, schon an und 
für sich geeignet, die ernstesten Bedenken gegen die richtige Locali- 
sation seiner Keizeffecte wachzurufen. 

Ich habe zum Ueberfluss jede einzelne seiner Angaben 
in soweit sie das Grosshirn des Hundes, der Katze und des 
Meerschweinchens betreffen, in der eingeh endsten Weise 
experimentell geprüft und ich werde in Folgendem die 



zur Physiologie des Grosshirus. 



75 



Ergebnisse dieser vergleichenden Untersuchungen, soAveit 
es erforderlich ist, im Detail vortragen. 

Ausser diesen Untersuchungen über das Grosshirn publicirt Fer- 
rier in demselben Aufsatze noch nach den gleichen Grundsätzen an- 
gestellte Untersuchungen über den Streifenhügel, den Sehhügel, die 
Corpora quadrigemina und das Kleinhirn. Bei allen diesen Unter- 
suchungen ist die Literatur so gut wie gar nicht berücksichtigt, 
namentlich werden die Einwände, welche früher gegen derartige, 
wenig vorsichtige Methoden erhoben worden sind, nirgends in Be- 
tracht gezogen. Ich habe immer geglaubt, dass so umfangreiche 
Untersuchungen eine über Jahre ausgedehnte Thätigkeit erforderten, 
und ich bin deswegen für jetzt ausser Stande experimentelle That- 
sachen neuereu Datums über die Function auch dieser Hirnproviuzen 
beizubringen. Indessen verweise ich, was das Kleinhirn betrifft auf 
zwei unten folgende, von mir bereits im Anfang des Jahres 1872 
in Reichert's und du Bois-Beymond's Archiv zuerst publicirte 
Abhandlungen. Ausserdem erinnere ich unter Hinweis auf S. 9, 
dass ich meine eigenen Untersuchungen mit dem generellen Nach- 
weise der Erregbarkeit des Kaninchenhirns begonnen habe. Wegen der 
Kleinheit der Theile ist hier eiue Isolirung der Reize noch schwerer 
zu beweisen als beim Katzengehirn. Es scheint mir deshalb zwecklos 
vor der Hand auf Versuche, welche Ferrier auch an diesem Thiere 
angestellt hat, überhaupt einzugehen. 



II. Specielle Diferenzen zwischen den Reizeffecten 
Ferrier's und den Meinigen. 

1. Versuche an Hunden. 

Die Mehrzahl meiner, hier in Frage stehenden Versuche wurden 
an Hunden angestellt, da die Katze, wie wir später sehen werden, 
sich für dieselben weniger eignet. Ich opferte im Ganzen diesem 
Zwecke 17 Thiere, von denen eines in Folge von Anämie, zwei an- 
dere in Folge der angewendeten Narkotica unbrauchbar wurden, oder 
zu Grunde gingen. Es bleiben also 14 brauchbare Vivisectionen. 



76 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



Die Operation wurele bei dieser Reihe von Versuchen fast immer 
ohne Narkose angefangen und, wenn es möglich war, auch beendet. 
Waren die Thiere hingegen nach Freilegung des Hirns entweder zu 
unruhig oder bekamen sie, was in diesem Stadium sehr häufig der 
Fall ist, allgemeines Zittern, so wurde ihnen eine subcutane Morphium- 
Injection von 0,02 bis 0,04 Gramm Morphium muriaticum gemacht, 
in Folge deren die angeführten Erscheinungen sich soweit verloren, 
dass die Untersuchung fortgeführt werden konnte. Vor der Injection 
wurde jedoch das Zuckungsminimum für den Orbicularis palpebrarum, 
womöglich auch für die Vorderextremität festgestellt und nach der 
Injection von Zeit zu Zeit controlirt, ob die Erregbarkeit erheblich 
gesunken war oder nicht. Ich überzeugte mich von Neuem, dass 
das Morphium unter den gegebenen Verhältnissen einen Einfluss auf 
die Erregbarkeit nicht hat. 

Zur Blutstillung pflege ich kleine Streifen Feuerschwamm zu be- 
nutzen, welche theils in die blutenden Emissarien eingeführt, theils auf 
die durchschnittenen Knochenflächen aufgedrückt werden. Den Thieren 
wurde regelmässig die Tracheotomie gemacht, um dem Schreien 
vorzubeugen. Der Inductionsapparat wurde durch ein sehr schwaches 
Element nach Leclanche getrieben. Im üebrigen verweise ich wegen 
der Methode auf die Angaben der beiden vorstehenden Abhandlungen. 

a) Un erreg bare Zone. 

In der von mir als unerregbar bezeichneten Zone fand Ferrier 
zunächst eine Reihe von Hirnpartieen erregbar, Avelche nach hinten 
an die von mir als erregbar bezeichneten Theile grenzen. Der erste 
Punkt") (9) liegt im Gyrus m. Ferrier hat von ihm aus bei dem 
einen seiner Versuche am Hunde Schwanzbewegungen hervorgebracht, 
bei dem zweiten Versuche wurde dieser Punkt nicht berücksichtigt. 
Dieses eine Resultat genügt Ferrier, um die betreff'ende Partie 
nicht nur als Centrum für die Schwanzbewegungen zu bezeichnen, 
sondern auch mit Rücksicht auf die Ausdehnung dieser Stelle weit- 
tragende Schlüsse zu ziehen, von denen später die Rede sein wird. 
Ich selbst fand die fragliche Stelle bei der Stromstärke des Zuckungs- 

1) Die säramtlicheu Punkte sind auf Fig. 4 S. 79 reproducirt. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



77 



minimiims und beträchtlich höheren Stromstärken stets unerregbar. 
Bei einzelnen Versuchen konnte man sogar mit 10 Elementen ohne 
Nebenschliessung und mit beliebig starken Inductionsströmen reizen, 
ohne dass Zuckungen eintraten. Bei anderen Versuchen hingegen be- 
wegte sich unter diesen Umständen allerdings der Schwanz. Dann 
nahm die Stärke der Contractionen aber stets zu, sobald die Elek- 
troden nacli vorne in die erregbare Zone rückten. Jedoch reagirte 
auch diese Stelle auf die Stromstärke des Zuckungsminimums und 
die nächst höheren Stromstärken nicht mit Schwauzbewegungen, wäh- 
rend man unter den letztangeführten Bedingungen deutliche Zuckungen 
von dem Centrum für die hintere Extremität aus auch in der Schwanz- 
muskulatur hervorrief. Wir hatten bereits in der ersten Abhandlung 
angegeben, dass wir nicht nur diese Muskelu, sondern auch die des 
Kumpfes von der erregbaren Zone aus hätten in Bewegung setzen können, 
dass uns jedoch ihre Isolirung nicht gelungen sei. Gelegentlich der in 
der zweiten Abhandlung angeführten Versuche hatte ich auf Isolirung 
der Schwanzmuskeln wiederum viele Mühe verwendet. In der That 
war es mir denn auch bei einigen Versuchen gelungen den Schwanz 
von der oben bezeichneten Stelle, dicht lateralwärts neben dem Cen- 
trum für die hintere Extremität aus isolirt in Bewegung zu setzen. 
Da jedoch dieses Resultat nicht constant hervorzubringen war, so 
glaubte ich auf die Wiedergabe desselben verzichten zu sollen. ' ) Die 
neuerdings angestellten Versuche haben in dem damals erreichten 
Zahlenverhältniss so wenig geändert, dass ich auch jetzt noch Anstand 
nehme die betreffenden Theile als der Rinde angehörig zu betrachten. 
Des Centrums für das Hinterbein war bei Ferrier, merkwürdig-er 
Weise nur in einer Anmerkung gedacht, auch ist die Stelle nicht 
mit einer Zahl, wie die Uebrigen bezeichnet. Ferrier schliesst sich 
mit seiner Angabe der Unsrigen an, macht aber von dort ans her- 
vorzurufender Schwanzbewegungen keine Erwähnung. 

Nach Diesem muss ich schliessen, dass die Reizeffecte, welche 
Ferrier bei Faradisirung des Punktes (9) sah, auf zu anderen Thei- 
len gelangende Stromschleifen zurückzuführen sind. 

1) Doch haho ich auf der Kupfertafel Fig. 1. a. a. 0. 1873 diese Stelle 
durch eine punktirte Linie angedeutet, und,' dieses Zeichen auch auf den 
Figg. 2 und 5 reproducirt. 



78 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



Der Punkt (11) Ferrier's liegt unmittelbar hinter dem Cen- 
trum für den Orbicularis palpebrarum. Bei dem ersten von Fer- 
rier's Versuchen bewirkte dessen Eeizung Schluss des Auges, bei 
dem zweiten Drehung des Kopfes nach der anderen Seite. Keizte er 
bei dem zweiten Versuche zwischen (11) und (5) (Centrum für Or- 
bicularis palpebrarum), so hob sich die Augenbraue; also drei ver- 
schiedene Eeizeffecte! Bei meinen eigenen Versuchen fand ich diese 
Gegend auf die Stromstärke des Zuckungsmiuimums und die nächst 
höheren Stromstärken niemals mit einem Eeizeffecte antwortend. Bei 
beträchtlich stärkeren Strömen traten Zuckungen im Orbicularis pal- 
pebrarum ein, die an Intensität zunahmen, sobald ich mich mit den 
Elektroden dem von uns als Centrum für diesen Muskel bezeichneten 
Punkt (5) näherte. 

Ich kann deshalb nur den Schluss ziehen, dass auch hier die 
Eeizeffecte Ferrier's durch Stromschleifen, welche zu dem bezeich- 
neten Punkte (5) gelangten, bedingt sind. 

Der dritte Punkt, welcher die erregbare Zone nach hinten be- 
grenzt (!6), liegt in dem Gyrus o. Bei dem ersten seiner zwei 
Versuche fand Ferrier denselben nicht erregbar, bei dem zweiten 
Versuche wurde das Ohr nach unten und hinten gezogen. Ich fand 
bei meinen Versuchen die fragliche Stelle unerregbar. 

Der vierte Punkt (20) liegt an der Stelle, wo Gyrus h und i 
zusammen laufen. Durch Eeizung desselben rief Ferrier keine 
Bewegungen hervor; auch mir gelang dies nicht; auf die Schlüsse, 
die Ferrier zieht, kommen wir zurück. 

Wir betrachten die Punkte (11), (12), (16), und (17) Fer- 
rier's, wie den dazwischen gelegenen Eaum mit Ferrier gemein- 
schaftlich. Der in Frage stehende Eaum umfasst den ganzen Hinter- 
hauptlappen bis zur Grenze des Schläfenlappens, abgesehen von der 
äusseren Fläche des Eandwulstes. Bei dem ersten von Ferrier's 
Versuchen ergab Eeizung dieser Eegion keine Bewegungen, nur, wie 
schon angeführt, traten auf Eeizung von (11) Contractionen im Orbi- 
cularis palpebrarum ein und bei Eeizung von (12) (Eollenabstand 
4 Cm.!) eine Bewegung des Kopfes nach der anderen Seite, durch 
welche ein epileptiformer Anfall eingeleitet wurde. Bei dem zweiten 
Versuche trat auf Eeizung von (11), (12) und des zwischen (11) und 



zur Physiologie des Grosshirns. 



79 



(17) liegenden Raumes Drehung des Kopfes nach der anderen Seite 
ein; (16) ergab, wie schon angeführt, eine Ohrbeweguug und (17) 
wurde nicht gereizt. Ferrier zieht hieraus den Schluss, dass diese 
ganze Gegend die von ihm, ich weiss nicht aus welchem Grunde 
zusammengeworfenen, seitlichen Bewegungen des Kopfes und Ohres 
vermittle. 



Fig. 4. 




L. f. : Stirnregion. L. o. : Hinterhaupts- 
region. F S. : Fossa Sylvii. S. c und 
14: Sulcus cruciatus (Leuret), front. 
(Owen), e-h Scheitelwindungen, m-o 

Hinterhauptswindungen, i vordere 
Schläfenwindimg. a-d Stirnwinduugen 
(die Buchstaben a-c stehen vor den 
durch sie bezeichneten Theilen). 



Fig. 5. 




Die Buchstaben wie auf Fig. 4 , A 
Reizpunkt für Rumpfmuskelu ; i' 
und -|- für vordere Extremität; 
# für Hinterextremität; : für 
Schwanz; I für beide Extremitäten; 
v': für Bewegung und Schutz des 
Auges ; © für Zunge; •• für Kiefer- 
öffnung; unmittelbar dahinter zwei 
durch eine Linie verbundene Punkte 
für Schluss der Kiefer, Eetraction 
der Mundwinkel und Eetraction der 
Zunge; X für Ohrbewegungen. 



Die Reizung von (17) hat ihm in keinem Falle von seinen zweien 
ein Resultat ergeben. Ich begreife darnach nicht, mit welchem Recht 
er auch diese Stelle hier glaubt namhaft raachen zu dürfen. Ebenso 
ergab (11) bei dem einen Versuche Schluss des Auges und nur beim 
zweiten Drehung des Kopfes. Nur (12) hätte in beiden Fällen wirk- 
lich Drehung des Kopfes ergeben, und (16) in dem einen Falle die 
Ohrbewegung; dazu war die Drehung des Kopfes bei (12) in dem 
einen Falle noch die Einleitung zu einem epileptiformen Anfalle. 

Bei meinen eigenen Versuchen fand ich, dass man in der grossen 
Mehrzahl der Fälle fast die ganze, nicht unmittelbar an die erreg- 
bare Zone grenzende Partie mit Strömen jeder Intensität reizen kann, 
ohne dass weder Bewegungen des Kopfes noch des Ohres eintreten. 



80 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



In spärlichen Fällen beobachtete ich jedocb allerdings Drehung des 
Kopfes nach der anderen Seite, sowie Rückwärtsbewegung des Ohres 
bei Anwendung sehr starker Ströme. Auch bei mir bildete die er- 
stere Bewegung einmal die Einleitung zu einem epileptiformen An- 
falle, während ich, wie später gezeigt werden wird, Ohrbewe- 
gungen mit schwächeren Strömen, aber nur in einer kleinen Zahl 
von Fällen, von einer mehr nach vorn gelegenen Stelle aus hervor- 
bringen konnte. Die Stromstärke des Zuckungsminimums, sowie be- 
trächtlich stärkere Ströme ergaben aber von den jetzt in Rede 
stehenden Punkten aus in keinem Falle eine Zuckung. Es handelt 
sich also bei jenen ausnahmsweise eintretenden Reizeffecten zweifels- 
ohne um nach der Basis zu vordringende Stromschleifen. Die frag- 
lichen Partieen selbst sind auf Grund der anderen Versuche mit Be- 
stimmtheit als unerregbar anzusprechen. Ich bemerke zur Stütze 
dessen ausdrücklich, dass bei meinen Untersuchungen das etwaige 
Vorhandensein eines Erschöpfungsstadiums nicht in Frage kommen 
konnte; denn bei jedem einzelnen Versuche wurde von Zeit zu Zeit 
der Erregbarkeitszustand der genau bekannten Centren controlirt 
und dann mit dem Erregbarkeitszustande zweifelhafter Theile ver- 
glichen. Sobald ein nennenswerthes Absinken der Erregbarkeit zu 
constatiren war, wurde der Versuch entweder ohne Weiteres auf- 
gegeben, oder die erhaltenen Resultate nur unter Reserve notirt. 

Soviel von den nach hinten gelegenen Partieen. Nach vorwärts 
von den durch mich bezeichneten Grenzen fand Ferrier den ganzen 
Rest des Hirns erregbar. Die mediale Partie des Gyrus d, sowie 
dessen Vereinigungsstelle mit dem Gyrus a, resp. der senkrecht abfal- 
lende Theil des Gyrus c/, (4) und (15) ergaben, in dem einen Versuche 
Erhebung des oberen Lides, bei dem anderen Versuche wurden diese 
Punkte nicht gereizt. Ich mache darauf aufmerksam, dass bei jenem 
Versuche ein Punkt in dem hinteren Theile der unerregbaren Zone 
mit Erhebung des oberen Lides geantwortet hatte, welcher bei dem 
ersten Versuche seinerseits nicht reagirte. Dieses schiebt Ferrier 
darauf, dass er den rechten Punkt nicht getroffen habe. Es gäbe 
also zwei weit auseinanderliegende Centraistellen für diese Function. 

Bei meinen eigenen Versuchen konnte ich in der Regel die frag- 
lichen Stellen sowohl mit Inductions-, als auch galvanischen Strömen 



zur Physiologie des Grosshirns. gl 



jeder Intensität reizen, ohne dass die entsprechende oder eine andere 
Keaction eintrat. In einigen Versuchen erfolgte allerdings eine, je- 
doch doppelseitige Erhebung des oberen Lides, die zweifelsohne 
auf eine Innervation des Levator palpebrae superioris und nicht etwa 
des Frontalis zu beziehen war. Indessen auch hierzu war ein un- 
verhältnissmässig starker Strom erforderlich : Das Zuckungsminimum 
trat nämlich im Orbicularis palpebrarum bei 15 S. EE. Widerstand 
der Nebenschliessung ein, während die fragliche Stelle erst auf 100 
Wendung deutlich reagirte, 80 Wendung ergab noch nicht die Spur 
einer Zuckung. Die Stromstärke für das Zuckungsminimum auf 
Reizung mit dem Inductionsstrome war an dieser Stelle 80 Rollen- 
abstand. Rückte man nun mit den Elektroden mehr und mehr 
lateralwärts, so nahm bei gleicher Stromstärke die Intensität der 
Muskelcontraction mehr und mehr zu, auch wurde eine Anfangs un- 
deutliche Pupillendilatation deutlicher. Die Reaction war am Stärk- 
sten und das Zuckungsminimum lag am Niedrigsten in der Gegend 
von A Figg. 1. 2. 5. Auch dort waren aber immer 70 S. EE. 
Wendung erforderlich um überhaupt eine minimale Bewegung zu 
erzielen. 

Es kann sich also auch bei diesem Reizeffecte nur um Vordringen 
von Stromschleifen nach der Basis zu handeln, und grade dieser wie 
die zuletzt angeführten Versuche würden auf's Deutlichste beweisen, 
wenn es eines besonderen Beweises bedürfte, nicht nur wie ausser- 
ordentlich vorsichtig man mit seinen Schlüssen bei dieser Materie 
sein muss, sondern auch wie dieselben niemals allein auf solche Ver- 
suche basirt werden dürfen, bei denen erheblich grössere Strominten- 
sitäten als die des Zuckungsminimums zui' Anwendung kommen. — 

Die Untersuchung des Vorderlappens unterliegt wegen der Klein- 
heit der Theile besonderen Schwierigkeiten. Man muss zu diesem 
Behufe den Bulbus exstirpiren und selbst dann nocli hängt die Auf- 
deckung dieses Theiles in der möglichen Ausdehnung, ohne Neben- 
verletzungen hervorzubringen, und ohne dass das Thier durch Blut- 
verlust und Schmerz zu sehr erschöpft wird, bei aller Sorgfalt und 
Uebung von Zufälligkeiten ab. Ausserdem sammelt sich in dieser 
Gegend mit Vorliebe Cerebrospinalflüssigkeit und Wundsecret aus der 
Orbitalgegend her an, so dass die Untersuchung dieses Hirntheiles mit 

Hitzig, ExperimeuteUe Untersuchungen. 6 



82 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



doppelter Vorsicht, und die Schlussfolgerungen, soweit positive ßeiz- 
effecte erscheinen, mit doppelter Reserve in die Hand genommen 
werden müssen. 

Ferrier fand bei dem einen seiner beiden Versuche, (23) bei 
dem die Spiralen bis auf 4 Cm. genähert waren, ein plötzliches Zurück- 
ziehen des Kopfes gegen die Brust; bei dem zweiten Versuche wurde 
auch dieser Punkt nicht gereizt. 

Bei meinen eigenen Versuchen sah ich ausserordentlich häufig 
auf Anwendung stärkerer Ströme Bewegungen aller Art eintreten, 
und zwar liessen sich unterscheiden einfache Reflexbewegungen und 
solche, die durch Stromschleifen zu anderen Theilen bedingt waren. 
Reflexbewegungen kommen hier sehr leicht wegen der Nähe der Dura 
zu Stande und sie trugen hier wie überall den Charakter zweck- 
mässiger Fluchtbewegungen. Andererseits traten manchmal doppel- 
seitige Contractionen der zwischen Sternum und Zungenbein, Kiefer 
und Zunge verlaufenden Muskeln ein, welche an Intensität zunahmen, 
sobald man etwas mehr nach Hinten ging, als man in eine Gegend 
kam, welche wie wir sehen werden, mit diesen Bewegungen directer 
etwas zu thun hat. Ausserdem habe ich durch starke Ströme von 
derselben Gegend aus schüttelnde Bewegungen mit dem Kopfe, Ver- 
ziehung der Nase nach der rechten Seite und andere Bewegungen her- 
vorgebracht. Auf die Stromstärke des Zuckungsminimums und die 
nächst höher liegenden Stromstärken reagirte der Stirnlappen nie. 
Hingegen gelang es sogar in einzelnen Fällen, bei denen die Präpa- 
ration diesen Theil in grösserer Ausdehnung gänzlich von flüssigen 
and festen Umgebungen isoliren konnte, ausserordentlich starke Ströme 
anzuwenden, ohne dass Zuckungen eintraten. Zu gleicher Zeit reagirten 
die übrigen Centren in der gewohnten Weise. Wenn man aber bei Strö- 
men mittlerer Intensität die Electroden in die sich am Schädelgrunde 
ansammelnde Flüssigkeit tauchte, so traten unfehlbar Zuckungen ein. 

Die Punkte (21) und (22) Ferrier's liegen nach der Beschrei- 
bung, und soweit diese verständlich ist,') auch nach der Zeichnung 

1) Die fraglichen Abbildungen des Hundehirns sehen diesem Orgaue an 
dessen Vorderseite wenig ähnlich. Ferrier hat otfenbar die Pia nicht ab- 
gezogen, und vermuthet deshalb auch eine nicht bestehende Continuifät 
zwischen Stirn- und Scheitelwiuduugen. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



83 



im Gyrus c und an der Grenze des Gyrus a gegen den Letzteren. 
Perrier sagt Folgendes über die hier erzielten Reizeffecte: „Punkt 
(21): Zurückziehen des Kopfes und Oeffnen des Mundes. 
Das Thier macht einen schwachen Versuch zu einem Schrei oder 
Knurren. Das Thier war zu diesem Zeitpunkte ausserordentlich er- 
schöpft. Wiederholte Application der Elektroden an diesem Punkte 
und seiner Nachbarschaft verursachten winselnde und knurrende Ge- 
räusche, wie sie ein träumender Hund macht. Diese Laute wurden 
bei Application der Elektroden auf andere Theile des Gehirns zu 
dieser Zeit nicht ausgestossen. " (Ich bin überzeugt, wenn Perrier 
die Elektroden zu gleicher Zeit hätte auf andere Theile der Dura 
appliciren wollen, so würde er gleiche Laute zu hören bekommen 
haben.) „Punkt (22) Spiralen auf 4 Cm. (!) da die Erregbarkeit des 
Gehirns herabgesetzt ist; das Thier öffnet den Mund, zieht 
die Oberlippen zurück und macht eine A rt von schnüffeln- 
dem oder brummendem Geräusch." 

Bei dem zweiten Versuche wurden auch diese Punkte nicht 
untersucht, und dennoch genügen jene einmal an einem „ausserordentlich 
erschöpften Thiere" bei einer Annäherung der Spiralen auf 4 Cm. er- 
reichten Reizeffecte, Perrier zu seinen Schlussfolgerungen. Er fasst 
diese Punkte mit den in zwei anderen Gyris liegenden Punkten (13), 
(14), (18), (19) und (probably 20) ') zusammen, um ihrer Gesammt- 
heit alle einseitigen und doppelseitigen Bewegungen des Mundes, der 
Zunge, des Kiefers und einige Nackenbewegungen zuzutheilen. 

Ich werde auf die fraglichen Bewegungen an einer anderen Stelle 
einzugehen haben, und darf mich hier wohl mit der Bemerkung be- 
gnügen, dass massig starke Ströme auch von den Punkten (21) 
und (22) Perrier's aus nicht mit Zuckungen beantwortet werden. 
Dennoch mache ich noch ausdrücklich darauf aufmerksam, dass man 
an diesen Stellen sehr leicht mit dem ersten und zweiten Aste des 
Quintus in Collision geräth. Namentlich der Supraorbitalis liegt hier 



1) „Probably" weil (20) das eine Mal nicht gereizt worden war und das 
andere Mal keinen Reizeffect gegeben hatte. Bei der Katze trat an der ent- 
sprechenden Stelle Drehung des Kopfes ein. Punkt (20) liegt aber an der Syl- 
vischen Grube, darum muss er wohl zu der Articulation in beziehung stehen!" 

6* 



84 Kritische und experimentelle Untersuchungen 



dicht neben den Elektroden. Ich habe Gelegenheit genommen mich 
von seiner directen Betheiligung bei den Reizeffecten Ferrier's zu 
überzeugen. Andererseits hat F er rier möglicherweise die Reizeffecte 
einer etwas mehr nach Hinten gelegenen Fläche irrthümlich an diese 
Stellen localisirt und sie an richtigen Stellen beobachtet. Wenn 
man nur einen Versuch macht, sind derartige Irrungen natürlich un- 
vermeidlich. 

Auf Grund dieser Untersuchung halte ich nach wie vor auch 
den Stirntheil des Hundehirns für unerregbar, und die Reizeffecte 
Ferrier's für Täuschungen durch Stromschleifen. — 

Resumiren wir diesen Theil der Untersuchung, so finden wir, 
dass der vordere Theil der früher von mir als unerregbar bezeichneten 
Zone, welcher also die Grenze der erregbaren Zone nach Hinten bildet, 
auf schwache Ströme nie mit Muskelcontractionen antwortet; dass er 
auf stärkere Ströme manchmal aber nicht immer reagirt, dass 
diese Reaction stärker wird, wenn man bei gleicher Reizgrösse auf von 
uns bezeichnete Centren zurückt; dass Application der Elektroden 
auf den noch weiter nach Hinten liegenden Theil entweder überhaupt 
keine Bewegungen, oder nur dann solche auslöst, wenn Ströme von 
enormer Intensität zur Anwendung kommen. Dasselbe finden wir 
rücksichtlich der vorderen, von mir früher als unerregbar bezeichneten 
Zone. 

Es gelang mir bei einer Anzahl dieser ausnahmsweise auf- 
tretenden Reizeffecte den Hergang der Täuschung zu verfolgen. Bei 
diesen lagen die Einströmungsstellen meist an den Rändern der 
freigelegten Hirnfiäche. Der Mechanismus einer anderen Zahl aus- 
nahmsweiser Reizeffecte Hess sich nicht verfolgen. Hier lagen die 
Einströmungsstellen mehr nach der Mitte der freigelegten Hirnflächen 
hin. Von beiden Speeles werden wir im Folgenden fernere Beispiele 
kennen lernen, und alsdann Gelegenheit nehmen einige Worte über 
dieselben zu sagen. 

Eine Förderung ist der Sache durch die bisher geprüften Ver- 
suche Ferrier's nicht geworden, insofern die von ihm publicirten 
Reizeffecte Producte unzulässiger Methoden sind und ausserdem in- 
constant auftreten. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



85 



b) Erregbare Zone.') 

Die Versuche Ferrier's über Reizung der von Fritsch und 
mir bezeichneten Stellen gaben im Allgemeinen dieselben Resultate, 
welche wir publicirt hatten. Nur sind die Seinigen mehr complicirter 
Natur als die Unsrigen. Er bekommt z. B. gleichzeitig Schliessung 
des Auges, doppelseitige Aiigenbewegungen, Pupillendilatation und 
Drehung des Kopfes nach der anderen Seite von unserem Facialis- 
Centrum, Punkt (5) aus. Andererseits bekommt er dieselben Bewe- 
gungen von einer ganz anderen Stelle, nämlich von unserem Nacken- 
muskelcentrum, Punkt (3) aus. Dies ist bei der enormen von ihm 
angewendeten Stromintensität leicht verständlich. Wir wollen darauf 
nicht noch einmal eingehen. 

Reizung seines Punktes (1) ergab ihm dieselben Resultate wie 
uns. Die Stelle für das Hinterbein hatte er bei den hier in Frage 
kommenden Untersuchungen, wie es scheint, zu elektrisiren vergessen. 
Ausserdem liegen in der erregbaren Zone noch seine Punkte (6), (7), 
(19), (18), (14), (13) und ein Theil der Region (8). 

Die Punkte (6), (7) und (8) ergaben ihm denselben Reizelfect 
wie (5) nämlich Schluss des Auges, was sich durch ihre Nachbar- 
schaft erklärt. Nur bleibt eben bei schwächeren Strömen die frag- 
liche Reaction aus. 

Bei Reizung der Punkte (13), (14), (18) und (19) trat Ver- 
ziehung eines oder beider Mundwinkel ein, bei (14) gleichzeitig eine 
Ohrbewegung, bei (18) gleichzeitig eine Nackenbewegung und bei 
(19) gleichzeitig Kieferschluss. In allen Fällen waren die Spiralen 
sich einander bis auf 6 Cm. genähert. 

In der mit Herrn Fritsch gemeinschaftlich publicirten Ab- 
handlung war über Reizung dieser Theile nichts gesagt worden, da 
wir sie nicht untersucht hatten. In der vorstehenden Abhandlung 
sind nur Reizeffecte des Punktes (19) erwähnt. Die übrigen hier 



1) Sämmtliche in diesem Abschnitte angeführten Zeichen beziehen sich 
auf Fig. 5, die Zahlen auf Fig. 4 S. 86. Diejenigen Theile, welche Fer- 
rier als erregbar anspricht sind auf Fig. 4, und diejenigen, welche ich für 
erregbar halte, auf Fig. 5 durch die Schraffirung bezeichnet. Man vergleiche 
zur Orientirung die Schraffirung der Figg. 2 u. 3. 



86 



Kritische iiud experimentelle Untersuchungen 



in Frage kommenden Punkte hatte ich bei dieser Gelegenheit frei- 
lich untersucht, indessen aus später zu erwähnenden Gründen von 
der Erwähnung des damals Gesehenen Abstand genommen. Bei der 
jetzigen Serie von Experimenten wurde dieser Kegion um deshalb 
die grösste Aufmerksamkeit zugewendet, weil die von dort aus zu 
producirenden Reizelfecte, nachdem sie einmal zur Sprache gebracht 
sind, neue Elemente in die Discussion einführen werden, übrigens 
auch wegen gewisser Beziehungen zur Pathologie ein besonderes In- 
teresse beanspruchen. 

Fig. 4. Fig. 5. 




L. f : Stirnregion. L. o.: Hinterhaupts- 
region. F S. : Fossa Sylvii. S. c und 
Ii: Sulcus cruciatus (Leuret), front, 
(Owen), e-h Scheitelwindungen, m-o 

Hiiiterhauptswindungen. i Tordere 
Schläfenwindiing. a-d Stirnwindungen 
(die Buchstaben a-c stehen vor den 
durch sie bezeichneten Thoilen). 




Die Buchstaben wie auf Fig. 4 . A 
Reizpunkt für Rumpfmuskeln; ~i' 
und 4- für vordere Extremität; 

für Hinterextremität; : für 
Schwanz; I für beide Extremitäten; 
vj für Bewegung und Schutz des 
Auges ; © für Zunge; "• für Kiefer- 
öflfnung; unmittelbar dahinter zwei 
durch eine Linie verbundene Punkte 
für Schluss der Kiefer, Retraction 
der Mundwinkel und Retraction der 
Zunge; ^% X für Ohrbewegungen. 



Dieser ganzen Region kommt eine Eigenschaft zu, welche die 
Untersuchung nicht nur, sondern auch die Beurtheilung der erhal- 
tenen Reizeffecte auf das Aeusserste erschwert, so dass ich trotz 
aller Mül-.e mir in mancher Beziehung ein definitives Urtheil auch 
jetzt noch nicht habe bilden können und mir dasselbe bis nach Vor- 
nahme neuer Untersuchungen nach modificirten Methoden vorbehalte. 
Man erhält nämlich v'on dem Gyrus g und von der nach 
Vorn gelegenen, den Gyris /, ^und /i gemeinschaftlichen 



zur Physiologie des Grosshirns. 



87 



Partie aus i n c i n e f Zahl von Fällen schon bei Strömen, 
welche den Wertli des Zuckungsniinimums nicht erheb- 
lich überschreiten, gut localisirtc Zuckungen, während 
in anderen Fällen unter scheinbar ganz gleichen Um- 
ständen, und nachdem die vorbereitende Operation tadellos voll- 
bracht war, zur Erzielung derselben Keizeffecte ausser- 
ordentlich viel grössere Stromintensitäten erforderlich 
sind. Eine Ausnahme macht der mit © Fig. 5 bezeichnete Punkt, 
w^elcher auf den Werth des Zuckungsminimums regelmässig mit einer 
doppelseitigen Zungenbewegung, bei stärkeren Inductionsströmen mit 
Herausstecken der, Zunge antwortet. Diese Bewegungen werden auf 
die gleiche, höhere Stromintensität auch von der ganzen, den Gyris 
t\ g und h gemeinschaftlichen Partie aus hervorgerufen. Ausserdem 
treten bei Reizung der letztgenannten Stelle Kieferbewegungen und 
zwar sowohl Oeffnung als Schluss der Kiefer, endlich Bewegungen 
der Mundwinkel, mit einem Worte also Fressbewegungen ein. Etwas 
nach oben und nach der Mittellinie zu von dem ebenerwähnten Reiz- 
punkt für die eigentlichen Zungenmuskeln lassen sich die Sterno- 
hyoidei und thyreoidei erregen. 

Die Stelle für Oeffnung der Kiefer ist, auch wenn man zur An- 
wendung stärkerer Ströme schreiten muss, immer gut zu localisiren. 
Sie liegt unmittelbar über dem Punkt für die Zunge und die von 
dort aus mit dem Indiictionsstrome erzielte Bewegung ist sehr charak- 
teristisch. Man kann den Hund die Kiefer so weit aufreissen lassen, 
wie er es willkürlich nie thut. Man sieht, dass diese Stelle nicht 
weit von Ferrier's Punkt (22) liegt, bei deren Reizung der Hund 
schrie, winselte und das Maul aufsperrte. Es ist also möglich, dass 
Ferrier's Reizefiecte zum Theil auf Stromschleifen beruhten, welche 
nach jenen leichter reizbaren Theilen gelangten und nur zum Theil 
auf gleichzeitige Reizung der Dura zurückzuführen sind. Die Stelle 
ist auf Fig. 5 mit zwei bei einanderliegenden Punkten bezeichnet. 

Weniger sicher zu localisiren ist die Schliessung der Kiefer. In 
der Mehrzahl der Fälle lässt sich dieselbe von der unmittelbaren 
Nachbarschaft der letztgenannten Stelle aus, etwas nach Hinten in 
der Richtung auf den Gyrus g zu hervorbringen. Bei einer anderen 
kleineren Reihe von Fällen braucht man aber hier stärkere Ströme 



88 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



als bei dem Punkte (19)') Ferrier's (zwei durch eine Linie ver- 
bundene Punkte), so dass derselbe, was diese Fälle angeht, mit 
seiner Angabe Kecht hätte. Ebenso ist es richtig, dass von dem 
vorderen Theil des Gyrus </, den Funkten (14) und (18) aus Ver- 
ziehung der Mundwinkel, übrigens auch gleichzeitige Depression der 
Unterlippen (beiderseits) hervorzubringen ist. Aber abgesehen davon, 
dass wie erwähnt die erforderlichen Stromintensitäten variabel sind, 
fallen auch alle von hier, nämlich vom Gyrus g und der den Gyris /, 
(j und h gemeinschaftlichen Partie aus resultirenden Bewegungen, selbst 
auf die für diese Theile geltende Stromstärke des Zuckungsminimums 
doppelseitig aus. Die Contractionen sind dabei auf beiden Seiten 
gleich stark. Eine Ausnahme von dieser Regel machen die Zygomatici, 
insofern als dieselben manchmal sogar auf der Seite der Reizung 
viel stärker innervirt werden. Der Mund wird also dann, wenn z. B. 
links gereizt wurde, sehr stark nach links und schwach, oder auch 
gar nicht nach rechts verzogen. 

Endlich muss ich noch eine Restriction der von mir früher be- 
züglich der Reizeffecte des Punktes (19) gemachten Angaben aus- 
sprechen. Ich hatte in der vorstehenden Abhandlung S. 47 diesen 
Punkt als einen solchen bezeichnet, von dem aus die unteren Aggregate 
des Facialis mit der Stromstärke des Zuckungsminimums zu innerviren 
wären. Die zwischen ihm und (5) liegenden durch Punkte einge- 
schlossenen Theile besässen geringere Erregbarkeit, aber grössere als 
die mehr nach Vorn gelegenen Partieen. Diese Resultate waren da- 
durch gewonnen worden, dass die erstgenannten Stellen bei mehreren 
übereinstimmenden Versuchen mit der Stromstärke des Zuckungs- 
minimums und die nachher markirten Grenzen mit einer um etwas 
höher liegenden Stromstärke nach der auf S. 12 und 45 beschriebenen 
Methode bezeichnet wurden. 

Gelegentlich der jetzigen, viel eingehenderen Untersuchung, bei 
der insbesondere die Graduirung der Nebenschliessung um einzelne 
Einheiten viel häufiger Statt hatte, zeigte sich nun erstens von 



1) Punkt (19) ist um etwa 2 Mm. zu weit nach Hinten gezeichnet. Wegen 
der auf Fig. 4 und 5 angewendeten perspectivischen Verkürzung scheint dieser 
Fehler noch erheblicher. Die Stelle ist bei g Fig. 3 S. 47. zu suchen. 



zur Physiologie des Grosshirns. 89 

Neuem, dass der Reizpunkt für das obere jener beiden Centren, (ebenso 
übrigens auch für die Centren der Extremitäten) sobald wirklich die 
niedrigste überhaupt erregende Stromstärke in Anwendung kommt, 
nicht grösser als ein Stecknadelkopf ist. Es zeigte sich ferner, dass in 
der grösseren Zahl von Fällen der Punkt (19) nicht auf die Stromstärke 
reagirt, welche den Effect der Mundwinkelerhebung entweder von dem 
letztgedachteu Punkte O oder von einem um ein Geringes nach Vorne 
liegenden Punkte aus hat. Diejenigen Fälle, in denen die Erhebung 
des Mundwinkels von dem Punkt (19) aus leichter eintritt, als von 
jener Region sind vielmehr seltener und ich muss es demnach als 
einen Zufall betrachten, dass mir damals mehrere Versuche hinter- 
einander das entgegengesetzte Resultat ergaben. 

Insofern als die in Frage stehenden Muskeln — Emporzieher 
der Wange — ebenfalls Schutz des Auges bezwecken, wird meine 
Auffassung jenes Innervationsgebietes als eines Heerdes für Bewegung 
und Schutz des Auges durch die eben gegebene Berichtigung nicht 
alterirt. 

Wenn ich also das Resultat der über die einzelnen Aggregate 
des Facialis angestellten Reizversuche resumiren soll, so stellt sich 
heraus, dass auf den Werth des Zuckungsminimums regelmässig 
Contractionen nur an der zuerst von uns bezeichneten Stelle (5) ein- 
treten ; dieselben betreffen den Orbicularis palpebrarum und meistens 
auch die Muskeln, welche die Backe und den Mundwinkel gegen das 
Auge emporziehen. Manchmal liegt der Reizpunkt für die letzt- 
angeführten Muskeln um wenige Millimeter weiter nach vor- und 
abwärts, aber in demselben Gyrus. Manchmal jedoch liegt er im 
Gyrus g, entsprechend dem Punkte (19) Ferrier's und den durch- 
kreuzten Punkten auf Fig. 2 und 3. Diese Bewegungen treten nur 
gekreuzt auf. Die mehr nach vorn gelegenen Theile des Gyrus rj 
antwoi-ten hingegen mit doppelseitiger Breitziehung des Mundes (Zygo- 
matici), welche nicht selten auf der gleichnamigen Seite stärker aus- 
fällt, und in der Regel nur durch Ströme, die den Werth des Zuckungs- 
minimums um ein Beträchtliches übersteigen, ausgelöst wird. 

Was nun die noch nicht besprochenen Ohrmuskeln angeht, so 
zeigt sich rücksichlich derselben etwas in einer gewissen Beziehung 
Analoc^es. Ferrier hatte in dem einen seiner beiden Versuche eine 



90 



Kritische und experimentelle Unttrsiichungeii 



Rückvvärtsbewegung dos Ohres von seinem Punkt (16) aus liervorbrin- 
gen können. Bei dem anderen Versuche waren an dieser Stelle über- 
haupt keine Bewegungen aufgetreten. Obwohl ein grosser Theil der von 
ihm berichteten Resultate sich lediglich auf nachher an diesem Thierc 
hervorgerufene ßeizeflfecte stützt, so schiebt er dieses negative Er- 
gebniss doch auf die Erschöpfung seines Versuchsobjectes und hält 
durch den anderen Versuch für erwiesen, dass Punkt (16) die Centrai- 
steile für die Ohrbewegungen berge. Ich habe schon früher angegeben, 
dass Ohrbewegungen von diesem Punkte aus auch bei Anwendung 
der stärksten Ströme nur ausnahmsweise hervorzubringen waren, 
während derselbe auf einigermassen schwächere Ströme überhaupt 
niemals reagirt. Nun giebt es aber mehrere andere Punkte, deren 
Reizung gelegentlich auch bei schwächeren Strömen mit Zuckung be- 
antwortet wird, während in anderen Fällen wieder sehr viel stärkere 
Ströme erfolglos bleiben. Ausser diesen existirt ein Punkt, er liegt 
unmittelbar hinter der Syl vis eben Grube und ist mit einem X be- 
zeichnet, welcher bei Ausschaltung der Nebenschliessung, nicht aber 
bei 100 S. E. E. Wendung, mit einer Rückwärtsbewegung des Ohres 
antwortete. Die ersterwähnten Punkte liegen in den Gyris g und /i, 
und sind mit bezeichnet. Das am meisten nach Vorn liegende 
Sternchen markirt eine Stelle, welche bei einem Versuche auf die 
Stromstärke des Zuckungsminimums (15 S. E. E. Wendung) mit 
Vorwärtsbewegung des Ohres, combinirt mit Contraction des Orbicu- 
laris oder auch Emporzieben der Backe antwortete. Isolirt war die 
Ohrbewegung an dieser Stelle nicht hervorzubringen; ging man nun 
aber in demselben Gyrus nach rückwärts bis zu dem zweiten Sternchen, 
so hörten zwar bei niedrigeren Stromstärken die Zuckungen gänzlich 
auf, von 50 S. EE. Wendung an indessen trat dieselbe Ohrbewegung 
aber nun isolirt auf. Es war ganz merkwürdig zu sehen, wie bei 
jeder Schliessung das Ohr der gegenüberliegenden Seite isolirt nach 
Vorn zuckte in einer Art und Intensität, wie es willkürlich und ein- 
seitig wohl kaum ausgeführt werden könnte. 

Mir schien von grossem Interesse nachzusehen, ob ähnliche in- 
constante Reizeffecte neben den schon beschriebenen auch noch von 
anderen Stellen aus zu produciren sein würden, und es gelang mir 
auch noch mehreren gleichartigen Erscheinungen auf die Spur zu 



zur Physiologie des Grosshirns. 



91 



kommen. So erzielt man bei Reizimg des Punktes (19) gelegentlich 
schon auf sehr schwache Ströme, abgesehen von den früher erwähnten 
Kiefer- und Mundwinkelbewegungen, auch noch Contractionen der 
Nacken-, Hals- und der übrigen Gesichtsmuskeln. Endlich reagirt 
auch der Gyrus A, welcher sonst ziemlich starke Ströme ohne Reaction 
erträgt, manchmal mit mehr weniger verbreiteten Muskelzusammen- 
ziehungen. — 

Durch die Ergebnisse der zuletzt vorgetragenen Untersuchungen 
wird der bis dahin scheinbar einfache Sachverhalt bei Weitem com- 
plicirter. Wenn nur auf stärkere Ströme inconstante und doppel- 
seitige Bewegungen einträten, so würde auf Grund meiner frühern 
Untersuchungen die Erklärung nahe liegen, dass Stromschleifen zu 
den mit doppelseitigen Bewegungen reagirenden Basalganglien (Linsen- 
kern) vordrängen. Schon das Verhalten des von uns sogenannten 
Centrums für die Nackenmuskeln hatte mich in dieser Beziehung 
misstrauisch gemacht, denn wir hatten in der ersten Abhandlung 
anführen müssen, dass wir dasselbe nicht immer auffinden konnten 
und in der zweiten war erwähnt worden, dass ich gelegentlich den 
Reizeffect nur mit stärkeren Strömen hätte sichtbar machen können. 

Es liess sich aber für diese Erscheinungsweisen noch ein anderer 
Weg zur Erklärung denken. Die Mehrzahl der hier in Frage stehen- 
den Bewegungen setzen einen grösseren Kraftaufwand voraus, als die 
Bewegungen des Orbicularis palpebrarum, des Bulbus, der Vorderextre- 
mität und der hinteren Extremität. Da nun schon bei Reizung der, 
den letztgenannten Muskelgruppen entsprechenden Centraigebiete sich 
eine, wenn auch geringe und der Masse des zu bewegenden Organes 
proportionale Verstärkung der für das Zuckungsminimum des Orbi- 
cularis palpebrarum erforderlichen Stromintensität als nothwendig 
ergab, so durfte man annehmen, dass auch bei den anderen Körper- 
theilen der Strom um so stärker würde sein müssen, je schwerer 
die zu bewegende Last, der zu überwindende Widerstand war. Aus 
diesem Grunde habe ich, sobald ich von der Stromstärke des Zuckungs- 
minimuras spreche, die beschränkende Wendung „und die nächst höher 
liegenden Stromstärken" gebraucht. 

Um diese Frage zu entscheiden, deckte ich schon anlässlich 
meiner Beschäftigung mit den Nackenmuskeln dieselben auf. Denn 



92 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



wenn auch der Kopf bei den schwächsten Strömen nicht in Bewegung 
gesetzt wurde, so lag doch kein Grund vor — die Richtigkeit der 
früheren Voraussetzungen angenommen — dass sich nicht die einzelnen 
jedesmal in den Bereich der Reizung gezogenen Muskeln contrahiren 
sollten. Ich habe bereits auf S. 48 als Resultat der damaligen 
Untersuchung angegeben, dass diese Vermuthung zutraf. Man sieht, 
wie ich dies auch neuerdings bestätigt habe, dass sich wirklich auf 
die Stromstärke des Zuckungsminimums einzelne Muskeln oder auch 
Theile von Muskeln in Bewegung setzen. 

Weder die gleiche Untersuchungsmethode noch das gleiche 
Raisonnement Hess sich auf die Production der Fressbewegungen und 
der Ohvbewegungen anwenden. Die Fressbewegungen entziehen sich, 
insoweit es Kieferbewegungen sind, dieser controlirenden üntersuchungs- 
methode, weil die Thiere zu häufig äusserst kräftige willkürliche 
•Kieferbewegungen ausführen; narkotisirt man sie aber so tief, dass 
die willkürlichen Bewegungen aufhören, so hebt das Absinken der 
Erregbarkeit die Wirkung schwacher Ströme an und für sich auf. 
Ich habe mir in dieser Beziehung durch Blosslegung der Muskeln und 
Anbringung von Fühlhebeln die erdenklichste Mühe erfolglos gegeben, 
hoffe aber der Sache in anderer Art noch auf die Spur zu kommen. 

Dass sich das gleiche Räsonnement auf die Verziehung des 
Mundes und des Ohres nicht anwenden lässt, ist ja klar; denn diese 
Theile sind gewiss leichter in Bewegung zu setzen als selbst die 
Zehen einer Vorderpfote. Ausserdem treten noch als eine besondere 
Schwierigkeit jene inconstant, aber selbst durch schwache Ströme zu 
erzielenden Bewegungen dazu. Es wäre möglißh, dass deren Auf- 
treten einer Reizung von Leitungsbahnen entspräche; welche bei der 
immerhin variablen Form der Gyri in diesem oder jenem Falle mehr 
oder weniger oberflächlich gelagert sein könnten. Ich bin aber 
principiell immer mehr geneigt derartige Verhältnisse auf Varianten 
der Leitung, als auf Varianten der Organisation zurückzuführen, denn 
dass die Ersteren existiren, wissen wir, während die Letzteren vor- 
läufig doch rein hypothetischer Natur sind. Wenn zu irgend einem 
Punkte in der Tiefe einmal ein etwas dickeres Gefäss hinabsteigt, 
so kann seine Umgebung leicht von dichteren Schleifen getroffen 
werden, als es in der Regel der Fall ist. Liegt dort ein motorischer 



zur Physiologie des Grosshirns. 



93 



Theil, so wird er ausnahmsweise reagiren. Dies wäre eine Möglich- 
keit der Erklärung, ich kann aber nicht sagen, dass sie mich bis 
zum Aufgeben der Sache befriedigte : Mit einem Worte halte ich den 
Modus und den Ort der Prodaction der Fressbewegungen nicht für 
hinlänglich aufgeklärt, sondern fernerer Untersuchungen für bedürftig, 
während die Ohrbewegungen sowie die übrigen ausnahmsweise auf- 
tretenden Reizeffecte wohl sicher auf irgend welche zufällige Leitungs- 
anomalien zurückzuführen sind. Wir werden auf diese Fragen in 
einer der nachstehenden Abhandlungen noch einmal zurückkommen. 

Blicken wir auf die in dem letzten Abschnitte besprochenen 
Untersuchungen zurück, so finden wir, dass dieselben neue That- 
sachen zu Tage gefördert haben. Hierher sind die von Fer- 
rier an dem medialen Theile der Convexität erzielten 
Keizeffecte nicht zu rechnen. Wir hatten bereits vor vier 
Jahren ausführlich beschrieben, von welchen Punkten aus man iso- 
lirte Muskelcontractionen erzielt, und dass die von jenen eingefassten 
Gebiete auf stärkere Ströme mit weiter und weiter verbreiteten Be- 
wegungen antworten. Ferrier's Untersuchungen haben zu diesen 
Thatsachen weder etwas hinzugefügt noch etwas davon hinwegge- 
nommen.') 

Indessen hat der englische Autor, soweit es durch 
einen einzelnen Versuch geschehen kann, unabhängig 
nachgewiesen, dass von seinem Punkte (19) aus Schliess- 
bewegungen des Unterkiefers und von dem vorderen Theile 
des Gyrus g aus Verziehnng der Mundwinkel zu erzielen 
sind. Ausserdem hat er angegeben, dass der vordere und basale 

1) Gegenüber den Angaben Ferrier's rücksicbtlicb der Augenmuskeln 
befinde ich mich in derselben Lage, wie ich sie schon bei Besprechung seiner 
das Hinterbein und die Fressbewegungen betreifenden Notizen geschildert habe. 
Ferrier konnte zur Zeit der l'ublication seiner Arbeit meine hierher ge- 
hörigen, in der vorstehenden Abhandlung enthaltenen Untersuchungen noch 
nicht kennen. Seine Angaben sind also als ihm eigenthümliche zu betrachten. 
Sie befinden sich in zwei Anmerkungen, beziehen sich auf spätere Versuche 
und besagen, dass bei Reizung unseres Nackenniuskelcentrums doppelseitige 
Internus-Contraction und bei Reizung meines Augenniiiskelcentrums doppel- 
seitige Drehung nach Aussen und Unten eintrat. Ein Theil der letzten An- 
gabe entspricht dem wirklichen Sachverhalte zu einem Theile. Der Rest ist 
ebenso zu beurtheilen, wie die übrigen Reizeffecte Ferrier's. Vgl. S. 43. 44. 



94 Kritische und experimentelle Untersuchungen 



Theil des Gehirns Oeffnimg der Schnauze vermittle. Wenngleich 
die Art seiner auf den letzteren Punkt bezüglichen Notizen so wenig 
Vertrauen erweckend, als möglich ist, so möchte ich ihm doch auch 
dieses Verdienst nicht schmälern, Wundt') hat in neuester Zeit 
rücksichtlich der Kaumuskeln eine ähnliche, ebenfalls unabhängig 
gewonnene Angabe gemacht. 

2. Versuclie an Katzen. 

Katzen eignen sich zu den fraglichen Versuchen ausserordent- 
lich schlecht. Die Blutung bei Eröffnung der Schädelhöhle ist viel 
stärker, als sie in der Regel bei Hunden von gleicher Grösse zu 
sein pflegt. Die Katze hat Emissarien von relativ grösserem Lumen 
als der Hund. Ausserdem trägt auch die Wuth, in welche diese 
Thiere durch die Operation versetzt werden, zur Erhaltung der Blutung 
bei. Aber nicht allein, dass die Thiere stärker bluten, so ertragen 
sie auch den Blutverlust schlechter als Hunde. Die Erregbarkeit des 
Gehirns nimmt äusserst schnell ab. Dies ist auch, wenngleich in 
geringerem Grade dann der Fall, wenn der Blutverlust kein über- 
mässiger war. 

Das Gehirn der Katze ist ferner sehr viel kleiner, als das des 
Hundes und eignet sich schon aus diesem Grunde weniger zu Ver- 
suchen, bei denen die Möglichkeit der Isolirung lediglich auf der 
Grösse des räumlichen Abstandes der Theile von einander beruht. 
Mindestens wird deshalb die Nothwendigkeit mit der Stromstärke 
des Zuckungsminimums zu untersuchen und die Elektroden einander 
möglichst zu nähern, nur um so dringender. 

Katzen scheinen durch Morphium schwer narkotisirt zu werden. 
Den Aether vertragen sie schlechter als Hunde, während sie das 
Chloroform gut ertragen. Die Vornahme der Operation hat also, 
wenn man sich des Chloroforms bedienen will, und die Blutung 
mässig ist, keine besondern Schwierigkeiten, wohl aber die Unter- 
suchung derjenigen Theile, welche den Mund, die Kiefer und die 
Zunge bewegen. Man muss zu diesem Endzwecke die Schnauze los- 



1) Grundzüge der physiologischen Psychologie. Leipzig 1873. S. 168. 
Anm. 2. Das Buch giug mir während des Druckes zu. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



95 



binden und das Thier erwachen lassen. Dann aber beisst die Katze 
mit solcher Wuth um sich, dass die Fortsetzung der Operation so- 
wohl für Operateur als Assistent gradezu gefährlich wird, jeden- 
falls, ungetheilte Aufmerksamkeit nicht zulässt. 

Unter diesen Umständen und da die Aebnlichkeit in der For- 
mation des Hunde- und Katzeugehirns, wie oben angeführt, sehr 
gross ist, begnügte ich mich damit, die aprioristisch anzunehmende 
Gleichheit in der Lagerung der Centren, sowie die Begrenzung der 
erregbaren Zone nothdürftig zu constatiren, indem ich das Detail- 
studium den später fortgesetzten ^ Versuchen an Hunden vorbehielt. 
Hierzu waren im Ganzen genommen 7 Versuche erforderlich. Drei 
von diesen Vivisectionen missglückten, da die Thiere theils an Blutung, 
theils in Folge der angewendeten Narkotica zu Grunde gingen. Es 
bleiben also 4 Versuche, deren Kesultate mich übrigens innerhalb 
der erforderlichen Grenzen vollständig überzeugten. 

a) Unerregbare Zone.') 

Die von mir beim Hunde als unerregbar bezeichnete Zone, deren 
ünerregbarkeit bei der Katze aus aprioristischen Gründen anzunehmen 
war, fand Ferrier bei diesem Thiere in noch grösserer x\usdehnung 
erregbar, als dies beim Hunde der Fall gewesen war. 

Der Punkt (3) ergab Ferrier bei seinem einem Hundeversuche, 
wie erinnerlich, Bewegungen des Schwanzes; an der Katze kein Re- 
sultat. Punkt (8) unmittelbar hinter dem Centrum für Bewegung 
und Schutz des Auges ergab ihm Schluss des Auges, Zurückziehen 
des Ohres, Heraufziehen der linken Backe und Nasenhälfte, sowie 
Bewegung der Bulbi. Bei einem zweiten Versuche trat nur Schluss 
des Augs eein. Bei einem dritten Versuche erhielt er ähnliche Reiz- 
elfecte wie beim ersten. 

Meine eigenen Versuche ergaben Ünerregbarkeit dieses, sowie 
des vorigen Punktes, sobald mit den Stromstärken des Zuckungs- 
minimums oder den nächst höheren Stromstärken gereizt wurde. Bei 

1) Die in diesem Abschnitte angefahrten Zeichen, Buchstaben und Zahlen 
beziehen sihc auf Fig. 6 und 7 S. 9G. Diejenigen Theile, welche ich für er- 
regbar halte, sind auf Fig. 6 durch die Schraffiruug bezeichnet. Nach Fer- 
rier ist bis auf Punkt (3) und (5) die ganze sichtbare Fläche erregbar. 



96 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



Anwendung sehr starker Ströme traten Reizetfecte ähnlicher Art wie 
Ferrier sie beschreibt, ein. Dieselben nahmen zu, wenn sich die 
Elektroden der erregbaren Zone näherten. Ich halte dieselben des- 
wegen für das Product von Stromschleifen. 

Der Punkt (4) Ferrier 's liegt weiter nach Hinten und würde 
der Lage nach, Ferrier 's Untersuchungen am Hunde folgend, theils 
dem Centrum für die Schwanzmuskeln entsprechen, theils unerregbar 
sein. Reizung bei der Katze ergab bei dem einen Versuche Runzeln 
der Augenbraue und Ohrbeweguugen. Wiederholt wurde der Ver- 
such nicht. 



Fig. G. Fig. 7. 




L. f. Stirnregion. L. o. Hinterhauptsregion. F. S. Fossa Sylvii. S. c. Sul- 
cus cruciatus. -f Reizpnnkt für Vordorextremität und Riimpfmuskoln : (2) für 
vordere, für hintere Extremität; Cj für Bewegung und Schutz des Auges. 
(19), (20) d Stirnwindungen, e-h Scheitelwindungen, m-o Hinterhaupts- 

windungon. 



Die Punkte (9), (10), (11), (12), (13), (14) und (16), welche 
fast den ganzen Hinterlappen, den oberen Theil des Schläfenlappens 
und den unmittelbar vor der Sylvischen Grube gelegenen Theil des 
Gyrus h einnehmen, ergaben Drehung des Kopfes nach der anderen 
Seite. Sie liegen in vier verschiedenen Gyris. Punkt (9) und (10) er- 
gaben ausserdem noch Augenbewegungen, Punkt (13) Ohrbewegungen, 
Punkt (14) Ohr- und Lidbewegungen, Punkt (16) endlich Schluss 
des Auges und Zurückziehen des Mundwinkels. Punkt (13) und (14) 
wurden bei dem zweiten Versuche und, wie es scheint, auch bei dem 
dritten Versuche mit ähnlichem Erfolge gereizt. Die anderen Punkte 
wurden keiner wiederholten Untersuchung unterworfen. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



97 



Bei meinen eigenen Untersuchungen traten auf Reizung mit 
der Stromstärke des Zuckuugsminimums, wie den nächst höher ge- 
legenen Stromstärken niemals Zuckungen irgend welcher Muskeln 
auf Reizung der genannten Theile ein. In einem Falle ergab sogar 
die Reizung mit Ausschaltung der Nebenschliessung, sowie 6 Cm. 
Rollenabstand von sämmtlichen angeführten Punkten aus keine Drehung 
des Kopfes. Die Gegend des Punktes (4) und ihre Nachbarregionen 
antwortete allerdings bei 100 Wendung mit Facialis-, insbesondere 
Ohrbewegungen. Wurde mit der gleichen Stromstärke am lateralen 
Hirnrande gereizt, so zuckte regelmässig der zurückpräparirte M.tem- 
poralis. AVurde aber am vorderen Rande gereizt, so zuckte der Fa- 
cialis der gleichen Seite, sobald zwischen dem Hirn und seinen Be- 
deckungen sich eine Brücke Flüssigkeit befand. Dies beweist, Avenn 
es überhaupt eines Beweises bedürfte, wie gross der Verbreitungs- 
bezirk so starker Ströme ist. Wurde die Flüssigkeit weggetupft, 
so hörten alle Zuckungen auf. Ich kann deswegen, und da Ströme 
von erlaubter Intensität ohne jeden sichtbaren Erfolg blieben, die 
sämmtlichen eben angeführten Reizetfecte nur als Producte von 
Stromschleifen auffassen, welche zu tiefer gelegenen Theilen vor- 
drangen. Eine Ausnahme macht nur der Punkt (16) von dem aus 
ich auf verhältnissmässig niedrige Stromstärken (20 Wendung) Zu- 
sammenklappen der Kiefer gleichzeitig mit Contractionen fast der 
ganzen Muskulatur jedoch nur bei einem Versuche erhielt.') Bei 
einem zweiten Versuche ergab Reizung derselben Stelle nichts. Die 
Protocolle der anderen beiden Versuche enthalten über diesen Punkt 
keine Angaben. Da beim Hunde die Partie unerregbar ist, der eine 
von meinen beiden Versuchen mir mit grosser Sicherheit dasselbe 
Resultat ergeben hatte, da endlich der Mantel an dieser Stelle eine 
nur dünne Decke über dem Stammlappen bildet, so halte ich gleich- 
wohl jene Stelle für unerregbar und betrachte die fraglichen Reiz- 
efifecte um so mehr als Producte einer durch Zufälle bedingten Fort- 
leitung von Strom schleifen, als sie wie oben angeführt, fast die ge- 
sammte Muskulatur betrafen. 2) 

1) Fenier sah von dort aus Drehung des Kopfes, Schluss des Auges und 
VerziehuDg des Mundwinkels, also ebenfalls complicirte und ausserdem andere 
Bewegungen. 2) Vgl. hierzu das auf S. 89 ff. Ausgeführte. 

Hitzig, lixperimeiiteüe Untersuchungen. 7 



98 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



Punkt (15) am basalen Theile des Schläfenlappens gelegen, in 
einer beim Hunde nach Ferrier unerregbaren Stelle ergab ihm in 
zwei Versuchen Schliessung der Kiefer (Spiralen auf 4 Cm. genähert, 
da 8 Rollenabstand ohne Erfolg blieb!). Bei dem dritten Versuche 
wird dieser Punkt nicht erwähnt. (S. unten S. 100) 

Bei meinen eigenen Versuchen trat nie eine Zuckung in irgend 
einem Muskel ein, wenn sich nicht eine Verbindung zwischen den 
Elektroden und der Cerebrospinalflüssigkeit nachweisen Hess. Dann 
freilich kam es zu allerlei Bewegungen, deren Aufzählung einen 
Werth nicht beanspruchen kann. 

Unerregbar fand Ferrier abgesehen von Punkt (3) nur den 
hintersten Theil des Gyrus m. Der ganze Rest der äusseren Mantel- 
fläche steht also nach ihm in Beziehung zur Muskelbewegung. Nach 
meiner Ueberzeugung entspricht die erregbare Zone des Katzen- 
gehirns sehr genau der des Hundehirns, und ist übrigens durch die, 
bei der Katze viel constantere Formen zeigende Furchenbildung noch 
besser begrenzt. Die Furche 11 gabelt sich bei der Katze vorn so, 
dass die beiden Zinken dieser Gabel die hintere und mediale Grenze 
der erregbaren Zone abgeben. Die hintere und laterale Grenze wird 
sehr genau durch die Furche 8' gebildet, welche bei der Katze regel- 
mässig, wie beim Hunde ausnahmsweise, ohne in Continuität mit 
dem occipitalen Theile derselben Furche zu treten, sich lateralwärts 
halbmondförmig nach Vorn krümmt. 

Die Erregbarkeit des medialen Theiles des Gyrus d hat Fer- 
rier nicht ausdrücklich behauptet. Auch ich fand denselben un- 
erregbar. Die Basis des Stirnlappens gab bei Ferrier auf Reizung 
mit 6 Cm. Rollenabstand Zurückwerfen des Kopfes, bei noch stär- 
kerer Reizung Bewegungen des Hinterbeines und Schwanzwedeln — 
Bewegungen, die sich, wie schon am Hunde nachgewiesen, so zweifel- 
los als Reflexbewegungen manifestireu, dass ich kaum nöthig habe 
anzuführen, dass die Erregung des Vorderlappens mir ebenso wie 
beim Hunde ein negatives Resultat ergab. 

Das Resume dieses Abschnittes fällt dahin aus, dass 
sämmtliche Angaben Ferrier's nur für unzulässige Me- 
thoden, und auch dann nur ausnahmsweise dem Sach- 
verhalte entsprechen. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



99 



b) Erregbare Zone. 

Die Kesultate meiner eigenen Versuche stimmen hier im Groben 
mit denen Ferrier's überein. Nm- hat Ferrier auch an der Katze 
das Centrum für das Hinterbein nicht isolirt, der Keizpunkt für Be- 
wegung und Schutz des Auges liegt weder an der Stelle (7) noch bei 
(8) wie Ferrier angiebt, sondern genau zwischen beiden Punkten, 
seine Reizeffecte sind immer, grade wie beim Hunde, aus der Wir- 
kung mehrerer Muskelgruppen zusammengesetzt; endlich zählt er bei 
Reizung verschiedener Punkte analoge Effecte auf. Dies ist leicht 
verständlich, wenn man die von ihm angewendete Stromintensität 
berücksichtigt. Anstatt der hier gebotenen grösseren Vorsicht hat 
Ferrier im Gegentheil noch stärkere Ströme als beim Hunde be- 
nutzt. Wir finden mit Vorliebe den Rollenabstand 4, 5 und 6 Cm. 
bei dem ersten und zweiten Versuche notirt; bei dem dritten Ver- 
suche fehlen Angaben über die Rollenabstände, 



Fig. 6. Fig. 7. 




L. f. Stirnregion. L. o. Hinterhauptsregion. F. S. Fossa Sylvii. S. c. Sul- 
cus cruciatus. -f Reizpunkt für Vorderextremität und Rumpfmuskeln; (2) für 
vordere, # für hintere Extremität; Q für Bewegung und Schutz des Auges. 
(19), (20) d Stirnwindungen, e-h Scheitelwindungen, w-o Hinterhaupts- 
windungen. 



Ich hebe wieder ausdrücklich hervor, dass Ferrier bei allen 
drei Versuchen neu anführt, dass durch Reizung basalwärts und 
vorwärts gelegener Theile Ooffnung des Kiefers und Bewegungen der 
Zunge eintraten. Allerdings sind diese Angaben auch wieder nicht 

7* 



lüü 



Kritische und experimeutelle Untersuchungen 



hinlänglich kritisch geprüft, noch sind die fraglichen Stellen ganz 
genau localisirt. Die drei Punkte (17), (18) und (20) sollen nach 
den VersuchsprotocoUen in Beziehung zu jenen Functionen stehen. 
Der letztere Punkt wird bei dem Eückblicke aber nicht erwähnt, 
auch ist ein Irrthum auf der Zeichnung vorhanden, so dass von dem- 
selben um so mehr abgesehen werden kann, als er mit den Mund- 
und Zungenbewegungen nichts zu thun hat. Die Punkte (17) und 
(18) sind hingegen die einzigen von Ferrier gelegentlich dieser 
Arbeit einigermaassen genügend untersuchten, und ich möchte dies 
um so mehr anerkennend erwähnen, als dadurch in der That 
eine der Wirklichkeit entsprechende Thatsache neu auf- 
gedeckt worden ist. Ich verzichte deshalb auch willig auf die 
Einwürfe, welche gegen mancherlei Nebenbedingungen zu erheben 
wären. Denn ich wünsche selbst den Schein zu vermeiden, als ob 
die zahlreichen Einwände, die ich gegen Ferrier's Methode der 
Untersuchung und der Darstellung erheben muss, mich gegen eine 
wirkliche Förderung des Wissens ungerecht gemacht hätten. 

Bei meinen eigenen Untersuchungen, soweit sie reichen, fand 
ich Verhältnisse, die denen am Hundehirn ähnlich sind. Indessen 
würde ich auf diese Versuche, wenn sie nicht ein Correlat an den 
Hundeversuchen hätten, überhaupt nichts geben. Einmal machen 
die Thiere in ihrer Wuth so viele willkürliche Kieferbewegungen, 
dass die Aufsuchung des Zuckungsminimums besondere Schwierig- 
keiten findet.') Dann aber hat man dazu gar nicht lange Zeit. 
Denn wenn man den Bulbus exstirpirt und das Hirn freigelegt hat, 
vermindert sich die Erregbarkeit des Hirns ziemlich schnell, und 
dann ist es, wie mehrfach auseinandergesetzt, mit aller Isolirung 
vorbei. Ueberhaupt ist diese bei der Kleinheit der Theile sehr be- 
denklich. Ich erinnere an das, was ich oben (8. 97) über die Eei- 
zung des Punktes (16) gesagt habe. 



1) Ferrier führt als Reizefifect des Punktes (15) hinter der Sylvischen 
Grube abwechselnde Schliessung und Oeffnung der Kiefer und abwechselndes 
Herausstecken und Zurückziehen der Zunge an. Diese Bewegungen werden 
von den gequälten Thieren minutenlang gemacht, ohne dass überhaupt irgend- 
wo gereizt wird. Es ist ganz unbegreiflich, wie so charakteristische Aeusse- 
rungen der Verzweiflung verkannt werden konnten. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



101 



Die Stelle von der aus ich sehr charakteristisches Aufsperren 
der Kiefer, Retraction der Mundwinkel und Zungenhewegungen pro- 
duciren konnte, entspricht der Lage nach ziemlich genau dem Punkt 
(17) Ferrier's und dem ebenso antwortenden Centrum des Hundes. 
Ich habe den Eindruck gewonnen als ob auch hier stärkere Ströme, 
als an den übrigen Centren erforderlich wären, möchte aber Ange- 
sichts der vorhandenen Schwierigkeiten und meines geringen Ver- 
suchsmateriales mir ein Urtheil nicht erlauben. 

Gesichts- und Augenbewegungen erzielte ich von O aus, einem 
Punkte, welcher zwischen den Ferrier'schen Centren (7) und (8) 
liegt, und dem gleichnamigen Centrum des Hundehirns der Lage 
nach ganz genau entspricht. Die beiden angeführten Reizpunkte 
Ferrier's waren bei der Stromstärke des Zuckungsminimums un- 
erregbar; auf etwas stärkere Ströme reagirten sie in der gedachten 
und von ihm erwähnten Weise. 

Die Pfoten Hessen sich von dem mit (2) und # bezeichneten 
Stellen aus in mannichfacher Art in Bewegung setzen. Diese Punkte 
entsprechen der Lage nach den äquivalenten Regionen des Hunde- 
hirns; das Gleiche gilt von den auf den Abbildungen nicht repro- 
ducirten Centren I und A. 

Die Untersuchungen des letzten Abschnittes lehren uns zunächst, 
dass in functioneller Beziehung die grösste Uebereinstimmung zwischen 
den gleichgelagerten Regionen des Hunde- und Katzengehirns existirt. 
Auf die Stromstärke des Zuckungsminimums reagirt jeder einzelne 
Punkt mit denselben wohl abgegrenzten Muskelcontractionen. Solche 
Differenzen wie Ferrier sie in seinen Versuchsprotocollen, keineswegj^ 
aber bei seinen Schlüssen anführt, existiren in der Wirklichkeit nicht. 
Seine Angaben sind hier ebenso ungenau, wie an den bereits be- 
sprochenen Stellen seiner Arbeit. 

Hin gegen hat Ferrier auch an der Katze durch Elektri- 
sirung des Vorderhirns Fressbewegungen hervorgerufen, 
und es ist sein Verdienst diesen Befund zuerst publicirt zu haben. 

3. Versuche an Meerschweinchen. 

Der Schädel des Meerschweinchens ist im Verhältniss zur Grösse 
des Thieres dick und hart; die Dura liegt ihm sehr dicht an und 



102 



Kritische und experimontello Untersuchungen 



ist zart; die Menge der Cerebrospinalflüssigkeit ist gering. Unter 
diesen Umständen bedarf es grosser Sorgfalt und Uebung. wenn bei 
Eröffnung der ScMdelkapsel Verletzungen der Hirnrinde vermieden 
werden sollen. Die Möglichkeit, dass die mit dem Durchkneifen des 
Knochens nothwendig verknüpften Erschütterungen, sowie etwaiger 
Druck der Knochenzange Innervationsstörungen hervorbringen können, 
ist bei der grossen Vulnerabilität des Thieres nicht auszuschliessen. 
Aus den angeführten Gründen ist auf nervöse Reiz- und Lähmungs- 
erscheiuungen, welche in Folge der Freilegung der Hirnoberfläche 
auftreten, nur bedingungsweise etAvas zu geben. 

Ferrier') führt einen (1!) Versuch an einem Meerschwein- 
chen an, dem in der Chloroform -Narkose die linke Schädelhälfte 
freigelegt war. Dieses Thier krümmte sich nach dem Erwachen so 
nach rechts, dass die rechte Seite des Kopfes den Schwanz berührte. 
Ferrier schloss aus diesem einen Versuche: ,dass die durch 
die Freilegung der Hemisphäre hervorgebrachte vitale 
Reizung auf die Muskelu der entgegengesetzten Körper- 
hälfte djUrch das Corp. striat. hindurchwirkend tetani- 
schen Krampf und Pleurothotonus hervor gebracht hätte." 

Ich brauche nicht zu sagen, dass ein solcher Versuch über- 
haupt nichts beweist, am wenigsten aber dann, wenn das Versuchs- 
object ein Meerschweinchen war. Es wäre aber möglich, dass der 
Versuch zufällig fehlerfrei gewesen wäre, und dann war der Nach- 
weis der Erregbarkeit des Hirns durch den Luftreiz so wichtig, dass 
die Angabe Ferrier's allerdings eine Prüfung erforderte. Ausser- 
dem hatte ich selbst bereits im Jahre 1870 einige Beobachtungen 
gemacht, welch(? zu dem Glauben an eine durch Muskelcontractionen 
in die Erscheinung tretende Wirkung der Luft auf die Hirnrinde 
hätten verleiten können. Bei einem Versuche gerieth nämlich eine 
als Index in den Glaskörper gesteckte Nadel in zitternde Bewegungen, 
nachdem die Pia freigelegt war. Bei einer Anzahl von ferneren Ver- 
suchen am Kaninchen trat Nystagmus ein, sobald ich die Schädel- 
decke des kleinen Gehirns abgetragen hatte. Die erstangeführte 
Beobachtung Hess sich aber nicht reproduciren; auf die letzteren 
kommen wir an einem anderen Orte zurück. 

1) A. a. 0. S. 34 f. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



103 



Immerhin musste in Kechnung gezogen werden, dass der Luft- 
reiz nicht direct auf die Hirnsuhstanz, sondern zunächst auf die, 
mindestens bei grösseren Thieren ziemlich dicke Pia einwirkt. Bei 
Meerschweinchen freilich ist die Pia sehr zart, und vielleicht machte 
dieser Umstände grade dieses Thier trotz seiner vorhin angeführten 
Eigenschaften zu einem besonders günstigen Versuchsobjecte. Ich 
stellte deswegen acht Versuche an Meerschweinchen an, denen in der 
Aether-Narkose die linke Hirnhälfte freigelegt war. 

Versuch I. 2 ühr Beginn der Aether-Narkose. Vor Beginn der Ope- 
ration, während das Thier schon ziemlich betäubt ist, plötzlich Kratzbewegung 
mit der rechten Hinterpfote nach der rechten Gesichtshälfte und epileptifor- 
mer Anfall. Der Anfall wiederholt sich während der Operation sehr häufig, 
und zwar bald einmal linksseitig, bald einmal rechtsseitig beginnend. In der 
absoluten Narkose keine Anfälle. Operation beendigt 2 ühr 15 Min. Die 
Rinde zeigt viele oberflächliche Verletzungen. 

2 ühr 15 Min. bis 2 ühr 20 Min. Thier vollständig erwacht, hat wohl- 
charakterisirte Anfälle von Opisthotonus, bei denen der Kopf genau in der 
Mittellinie bleibt. 

2 ühr 25 Min. bis 30 Min. 3 bis 4 kurzdauernde Anfälle von rechts- 
seitigem Pleurothotonus. Darauf sitzt das Thier mit dem Kopf in der Mittel- 
linie still da und hat alle 2 bis 3 Sek. einen Frostschauder. 

Versuch II. 2 ühr 8 Min. Operation beendigt. Mehrfache Verletzung 
der Rinde im hinteren und mittleren Theil. 

2 ühr 12 Min. Thier liegt auf dem Bauche, das linke Ohr nach unten, 
das rechte nach oben. 2 ühr 15 Min. Anfall von Opisthotonus von 3 Sek. 
Dauer. Nachher versucht es sich aufzurichten und zu gehen und 
dreht sich dabei stetsnach rechts. Die rechte Vorderpfote wird 
nämlich nicht mitbewegt, derart, dass sie bei dem ersten Geh- 
versuche unter die linke Pfote geräth. Bei diesen der Manege ähn- 
lichen Bewegungen fällt das Thier vom Tische und bekommt sofort einen 
3 Minuten dauernden epileptiformen Anfall, der mit rechtsseitigen Körper- 
bewegungen und Nystagmus beginnt, in Opisthotonus übergeht und mit Empros- 
thotonus endigt; kein Pleurothotonus. Nachdem das Hirn in der Aether-Narkose 
noch etwas weiter freigelegt war, neues Manegelaufen unter denselben Erschei- 
nungen, wobei das Thier immer etwas nach rechts hinübersinkt. 

2 Ühr .55 Min. Scarificirung der Rinde, Blutung sehr gering; liegt etwa 
2 Minuten lang auf der rechten Seite. Sitzt dann in der Mittelstellung. Man 
kann das rechte Vorderbein in beliebige Stellungen bringen, 
ohne dass es zurückgezogen wird. Die übrigen drei Extremitäten 
werden zurückgezogen. 

Versuch III. 1 ^ hr 19 Min. Operation beendigt. Das Gehirn nicht 
▼erletzt, jedoch mit dem Schwamm ein grosses Stück Pia an dem medialen 
und vorderen Theile oberflächlich abgestreift. 



104 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



1 Uhr 20 Min. Thier noch nicht ganz zu sich gekommen, droht sich 
plötzlich nach rechts, unmittelbar darauf ein mehrere Minuten dauernder An- 
fall von tonischen Opisthotonus -Bewegungen, darauf ein Anfall von kloni- 
schem Trismus, alsdann einige Emprosthotonus-Bewegungen, endlich klonische 
Krämpfe in den verschiedensten Muskelgruppirungen, unter anderen auch 
(1 Uhr 27 Min.) ein Anfall, wahrend dessen das Thier eine halbe Minute lang 
mit der linken Seite der Schnauze die linke Hinterbacke berührt. 

1 Uhr 30 Min. bis 1 Uhr 45 Min. Frostschauder; Manegebewegungen 
nach rechts; der Körper etwas nach rechts geneigt; das rechte 
Kniegelenk höher als das linke; das rechte Hinterbein mehr ab- 
ducirt, das rechte Vorderbein geräth wie bei Versuch II unter 
das linke. Wenn das Thier still sitzt, bildet Kopf und Rumpf 
eine grade Linie; wird es zum Gehen gereizt, so wendet es sich 
nach rechts. Reaction auf passive Bewegungen nicht notirt. 

Versuch IV. 3 Uhr 25 Min. Operation beendigt; Pia an einer ganz 
kleinen Stelle ganz vorn verletzt 

3 Uhr 29 Min. Thier noch nicht ganz erwacht, dreht das linke Ohr 
nach unten. 

3 Uhr 33 Min. Thier noch nicht ganz erwacht dreht den Kopf einmal 
kurz nach hinten. 

3 Uhr 35 Min. Frostschauder, sich später in kurzen Pausen wieder- 
holend. 

3 Uhr 42 Min. Dreht den Kopf schraubenförmig so nach links, dass der 
Scheitel auf den Tisch kommt. 

3 Uhr 45 Min. Hat sich nun soweit herumgedreht, dass es auf den 
Rücken fällt, während die rechte Seite der Schnauze einen Augenblick die 
rechte Hinterbacke berührt. Dann sitzt es grade, nur die linke Seite des 
Kopfes etwas herabhängend. 

6 Uhr. Das Thier hat bisher ganz still den Kopf in der Mittellinie hal- 
tend gesessen. An der verletzten Stelle ein stecknadelkopfgrosses und vier 
punktförmige Extravasate. 

Versuch V. 1 Uhr 15 Min. Operation beendigt. Minimale Verletzung 
der Pia im vorderen Viertel. 

1 Uhr 16 Min. Thier bereits erwacht, dreht sich plötzlich so nach rechts 
herüber, dass die rechte Kopfhälfte den rechten Oberschenkel berührt, läsßt 
sich leicht in die Mittelstellung zurückbringen, dreht aber losgelassen den 
Kopf sofort wieder nach rechts. Die bogenförmige Krümmung des 
Körpers wird dadurch hervorgebracht, dass das rechte Vorder- 
bein sofort unter das linke geräth, und die beiden hinterenEx- 
tremitäten nicht mit bewegt werden. 

1 Uhr 20 Min. Thier verharrt in der Mittellage, Frostschauder. Rechte 
Vorderextremität kann in beliebige Stellungen gebracht werden. Dasselbe 
Verhalten an der hinteren Extremität undeutlich. 

1 Uhr 25 Min. Abstreifen der Pia mit dem Schwamm. 

1 Uhr 45 Min. Mehrere epileptiforme Anfälle. 



zur Physiologie des Grosshirns. 



105 



VevsuchVI. Während des Hautschnitts dreht sich dasThier 
so nach rechts, dass der Scheitel den Tisch berührt. Gleich dar- 
auf Kratzbewügung und epileptiformer Anfall. 

2 Uhr. Operation beendigt. Keine Verletzung des Hirns. Muskelbewusst- 
sein in der rechten Vorderextremität im höchsten Grade, in der rechten Hinter- 
extreniität undeutlich gestört, hat eine Neigung nach rechts hinüber zu sinken. 
Frostschauder. Li'isst sich auf beide Seiten legen, ohne sich aufzurichten ; sitzt 
im Uebrigen still da, den Kopf in der Mittellinie. 

2 Uhr 20 Min. Abwischen der Pia unter Geschrei, nachher Manegebewe- 
gungen nach rechts in der mehr beschriebenen Weise. 

Versuch VU. 1 Uhr 45 Min. Operation beendigt. Keine Verletzung der 
Pia. Störung des Muskolbewusstseins in beiden rechten Extremitäten schnell 
undeutlich werdend, aber nachweisbar. 

Keine abnormen Bewegungen oder Körperstellungen. 

2 Uhr 5 Min. Muskelbewusstsein wieder vorhanden; Abwischen der Pia: 
Muskelbewusstsein gänzlich verloren. 

Versuch VIII. Chloroform-Narkose. Nachdem die linke Schädelhälfte 
freigelegt war, aber vor ihrer Verletzung, wurde das Thier losgebunden und 
abgewartet, bis es erwacht war. Sobald es anfing zu erwachen, drehte es den 
Kopfsonachlinks, dassderScheitelaufdenTischkam, darauf suchte 
es nach rechts zu entweichen, wobei die Hinterbeine wie in früheren 
Versuchen regungslos blieben, das rechte Vorderbein aber nichts Ab- 
normes zeigte. Neue Narkose, Eröffnung der Schädelhöhle mit Schonung der 
Dura. Entfernung der Dura ohne Verletzung der Pia. Das zu sich gekom- 
mene Thier sitzt eine Zeit lang in der Mittelstellung still, alsdann wendet es 
den Kopf nach links und sucht nach links zu entweichen, was wegen der 
Immobilität der Hinterbeine zu einer bogenförmigen Krümmung nach 
links führt, ohne dass das linke Vorderbein unter das rechte geriethe; sitzt 
dann lange in der Mittelstellung. Keine deutliche Störung des Muskolbewusst- 
seins, doch ist die rechte Vorderpfote etwas mehr supinirt, mehr mit der Planta 
aufgesetzt, auch die Zehen mehr gespreizt. Eine halbe Stunde nach Eröffnung 
der Schädelhöhle die mehrfach erwähnten Schüttelfröste. Eine halbe Stunde 
später Abwischen der Pia des Vorderhirns mit dem Schwamm. Sofort äus- 
serste Störung des Muskelbewusstseins der rechten Vorderpfote. 



Bei den acht soeben referirten Versuchen bilden allerdings 
Krämpfe den am meisten in's Auge fallenden Theil der Erschei- 
nungen. Fragen wir indessen, ob dieselben auf eine Reizung der 
Hirnrinde durch die Luft bezogen werden dürfen, so muss die Ant- 
wort entschieden verneinend ausfallen. 

Vor Allem muss der Umstand, dass mehrere der Versuchsthiere 
allgemeine oder mehr localisirte Krampfanfälle bekamen, bevor der 



106 



Kritische und expeiimentclle Untersuchungen 



Schädel oder selbst die Haiii verletzt war, zur grössten Vorsicht in 
der Deutung mahnen. Unter solchen Umständen gewinnen sonst 
tadellose Versuche mit negativem Resultat doppelt an Gewicht. Wir 
sahen, dass mehrere Versuchsthiere entweder überhaupt keine 
Erscheinungen von abnorm starker Innervation zeigten oder dass 
diese lediglich in gewissen Bewegungsstörungen bestanden, welche 
auch ohne Eröffnung der Schädelhöhle auftraten (Rotation des Kopfes), 
oder dass eine Art von Manege -Bewegung eintrat, über deren Me- 
chanismus Avir noch zu reden haben werden. 

Wenn nun auch ohne Weiteres einleuchtet, dass bei einer An- 
zahl der Versuchsthiere Krampferscheinungen unabhängig von der 
Freilegung des Gehirns eintraten, so muss doch auf der anderen 
Seite zugestanden werden, dass durch die Operation Krämpfe und 
andere Anomalieen der Muskelinnervation hervorgebracht wurden. Was 
zunächst die Krämpfe angeht, so sehen wir aber, dass dieselben 
keineswegs immer oder besonders häufig in rechtsseitigem Pleurotho- 
tonus bestanden, obwohl eine bogenförmige Krümmung als Resultat 
von Gehversuchen in der Regel beobachtet wurde. Wir sehen im 
Gegentheil, dass allgemeine langdauernde, epileptiforme Krämpfe, 
Opisthotonus, Emprosthotonus, partielle Krämpfe abwechseln, eigent- 
licher Pleurothotonus hingegen, d. h. eine krampfhafte bogenförmige 
Drehung, in welche das Thier nach passiver Aenderung seiner Stellung 
zurückschnellt, nicht vorkommt. Wir sehen ferner, dass alle diese 
krampfhaften Erscheinungen überhaupt ausbleiben können oder 
dort, wo sie nicht als unabhängig von der Operation betrachtet 
werden mussten, mit mehr weniger erheblichen Quetschungen des 
Gehirns durch die Zange verknüpft waren. 

Wenn wir nun dazu berücksichtigen, dass wie Westphal gezeigt 
hat, ein einfacher Schlag auf den Kopf genügt, um Meerschweinchen 
epileptisch zu machen, dass in anderen Fällen Sturz von dem Tische, 
vielleicht auch die Respiration der Narkotica zur Erzeugung epilepti- 
former Anfälle bei diesem Thiere ausreicht, so dürfen wir auf Grund 
der angeführten Thatsachen mit Bestimmtheit annehmen, dass die 
nach Entblössung der Hirnfläche eintretenden Krämpfe, insoweit es 
überhaupt Krämpfe sind, mit der Entblössung nicht das Mindeste 
zu thun haben, sondern theils das Resultat von Nebenverletzungen, 



zur Physiologie des Grosshinis. 



107 



theils accidenteller Natur sind. Als solche Nebenverletzung-en sind 
zu betrachten Druck und selbst oberflächliche Zertrümmerung des 
Gehirns durch die Zange, dann aber besonders auch Zerrungen an 
der Dura, wenn dieselbe von der Zange mitgefasst wurde. Diese 
Zerrung kann ja natürlich auf sehr entfernt gelegene Hirntheile 
wirken, und wird es nach Lage der Sache wahrscheinlicher Weise 
auch gethau haben. 

Das andere bei diesen Versuchen hauptsächlich in's Auge fallende 
Symptom war die von den Thieren in der Richtung nach rechts aus- 
geführte Manege-Bewegung, welche nicht selten mit einer bogenför- 
migen Krümmung endigte, so dass die rechte Seite der Schnauze die 
rechte Hinterbacke berührte. Diese Stellung des Thieres ist eigentlich 
das Wesentliche des von Ferrier Beobachteten und von ihm irr- 
thümlich als Pleurothotonus gedeutet. Es geht aus den voranstehen- 
den Versuchen mit aller wünschenswerthen Sicherheit hervor, dass 
diese Ersciieinung überhaupt kein Reizungs-. sondern ein Läliraungs- 
symptom, und übrigens unabhängig von der En t bloss nng der Pia, 
aber abhängig von deren Verletzung oder von der Quetschung der 
Hirnsubstanz ist. Denn die Thiere, welche die gedachte Stellung ein- 
nehmen, setzen der Eeduction des Körpers in die Mittelstellung ent- 
weder keinen oder nur geringen Widerstand entgegen und sie ver- 
harren kürzere oder längere Zeit, sogar stundenlang in dieser ihnen 
natürlichen Haltung. Reizt man sie aber zu Gehbewegungen, dann 
drehen sie sich wieder nach rechts. Diese sämmtlichen Manege- 
Bewegungen erklären sich aus den einzelnen Momenten der Vivi- 
sectionen in der einfachsten Weise. Die Thiere haben in Folge 
der ihnen zugefügten Hirnquetschung oder in Folge des 
Abstreifens der Pia das Muskelbewusstsein ihrer rechten 
Vorderextremität verloren. Man kann dieselbe in beliebige 
Stellungen bringen, ohne dass das Meerschweinchen sich dagegen 
wehrt oder nach Entfernung der Hand diese Stellung ändert. Da- 
bei ist die Sensibilität intact und willkürliche Bewegungen können 
ausgeführt werden, wie sich sofort zeigt, wenn man das Thier z. B. 
auf den Rücken legt. Will es aber gehen, so tritt in Folge des 
von links her einwirkenden Reizes der Operationswunde zunächst 
überhaupt eine Tendenz zur Bewegung nach rechts ein, gelegentlich 



108 



Kritische und experiim-ntelle Untersiicliuugen 



entweicht ein Thier aber aiicli einmal nach links. Bei derselben 
geräth nun wegen der mangelhaften Innervation der rechten Vorder- 
extremität dieses Glied unter die gleichnamige linke Extremität. Dies 
geschieht manchmal so stark, dass das rechte Beincheu auf der Aussen- 
seite des linken ganz und gar hervorsieht. 

Nach der früher von Schiff gelegentlich seiner Versuche über 
Durchschneidung des Hirnschenkels aufgestellten Erklärung würde 
nun dieses Verhältniss zu der einfachen Manege -Bewegung führen. 
Indessen kommt es hierzu keineswegs immer, sondern viel häufiger 
zu der beschriebenen bogenförmigen Krümmung wegen der eigen- 
thümlichen Immobilität, in der die Hinterbeine verharren. Auch 
dieses Symptom ist wie aus den angeführten Versuchen, insbesondere 
auch aus dem letzten derselben erhellt, als lediglich accidenteller 
Natur aufzufassen. Denn in diesen wie auch in früheren Fällen war 
die Motilität der Hinterbeine gestört, ehe überhaupt etwas mit dem 
Schädel des Thieres geschehen war. Die fragliche Motilitätsstörung 
dürfte also wohl einfach als Effect der ümschnürung der Beine und 
ihrer Zerrung aufzufassen sein. 

Wir kommen also zu dem Endresultate, dass die Annahme 
Ferrier's, nach welcher der auf die Hemisphäre (die Pia) 
wirkende Luftreiz die Muskeln der entgegengesetzten 
Seite zur Contraction anrege, irrig sei; dass die von ihm 
in seinem einzigen Versuche beobachtete bogenförmige Drehung des 
Körpers nicht als eine Keizungs-, sondern als eine Läh- 
mungserscheinung aufzufassen ist; endlich, dass durch grobe 
Verletzungen des Gehirns allerdings Krämpfe hervorgebracht werden 
können, ohne dass diese jedoch immer oder vorwiegend einen halb- 
seitigen Charakter hätten, oder sich überhaupt auf das Grosshirn 
localisiren Hessen. 



C. Die Schlüsse Ferrier's. 

Ehe wir zu der Beleuchtung der von Perrier gezogenen Schluss- 
folgernngen übergehen, müssen wir noch einen Augenblick bei der 
Art verweilen, wie er ganz systematisch die Reizefifecte der einzelnen 



zur Physiologie des Grosshirns. 109 



Versuche zusammenstellt, um sie nachher für seine Schlüsse zu be- 
nutzen. Charakteristisch für die von ihm hierbei benutzte Strenge 
der Kritik ist das Eingangs angeführte Beispiel, welches von dem 
Nachweise symmetrischer Anordnung im Hundehirne handelt. Traten 
einmal Reizeffecte auf, welche ein anderes Mal ausgeblieben waren 
(wenn unser Forscher nämlich überhaupt eine Wiederholung für 
nöthig hielt) so heisst es „the present results are more definite," das 
Thier war bei dem ersten Versuche zu aufgeregt oder zu erschöpft. 
Damit ist dann die Sache zum ferneren Schlüsse reif, die Annahme 
genügt, der Beweis durch neue Versuche würde zu weit führen. 

Auf derselben Gleichgültigkeit gegen die sichere Begründung 
durch Thatsachen beruht es, wenn Ferrier einen auch bei ihm 
stets reactionslosen Punkt unter Beifügung des Wortes , wahrschein- 
lich" mit einer bestimmten Function ausstattet, so dass die ganze 
Frage plötzlich eine andere Färbung erhält. 

Nachdem in der beschriebenen Weise die einzelnen Bezirke fast 
der ganzen Oberfläche des Grosshirns der verschiedenen Thiere mit 
bestimmten Functionen ausgestattet sind, werden die einzelnen Thiere 
mit Bezug auf diese Bezirke unter einander verglichen. Hierzu dient 
ein für alle Mal die Formel: „Vergleiche Punkt «, b, c bei der Katze 
mit Punkt tZ, / etc. beim Hunde. " Wenn man nun dieser Auf- 
forderung folgt, so findet man, dass die Vergleichung mit Rücksicht 
auf die anatomische Lage häufig ganz unmöglich ist. Es ereignet 
sich sogar, dass Punkte vor der Syl vischen Grube, mit einem 
Solchen hinter dieser wichtigsten Grenzmarke ohne jede Bemerkung 
zusammengeworfen werden, und damit scheint für den, jener Auf- 
zählung nicht Punkt für Punkt folgenden Leser freilich alles in der 
vollkommensten Harmonie. — 

Auf Grund der so gewonnenen Daten entsteht nun folgender 
Schluss. „Schlagende und mit den Gewohnheiten der Thiere corre- 
spondirende Unterschiede finden sich in der Difierencirung der Cen- 
tren. So sind die Centren für den Schwanz beim Hunde, die Vorder- 
pfote bei der Katze, für Lippen und Mund beim Kaninchen höchlichst 
differencirt und ausgesprochen."') Diese Differencirung soll nun in 



1) A. a. 0. S. 94 und anderwiirts. 



110 



Kritische und experimentelle Untersuchungen 



grösserer Ausdehnung und Zahl der Flächen bestehen, welche gleich- 
artige Bewegungen vermitteln. So muss der Schwanz, mit dem er 
viel wedelt, beim Hunde, die Vorderpfote, mit der sie Ball schlägt, 
bei der Katze, die Fresswerkzeuge, welche es mehr als andere Thiere 
gebraucht, beim Kaninchen im Gehirn besonders entwickelte Centrai- 
apparate besitzen. Wie es scheint, ist nicht nur von Ferrier, son- 
dern auch von anderer Seite auf diesen Schluss besondere Wichtig- 
keit gelegt worden. Ich will dennoch dem Leser mit Allem, was 
sich gegen denselben anführen liesse, nicht lästig fallen und nur 
zwei Momente hervorheben. Das eine besteht darin, dass ein solcher 
Schluss nur dann begründet sein könnte, wenn es gelänge die Reiz- 
effecte der Leitungsbahnen auszuschliessen oder als solche zu erkennen. 
An deren Existenz scheint Ferrier aber gar nicht gedacht zu haben, 
und seine Versuche sind zur Erreichung dieses Zweckes grade am 
Wenigsten geeignet. 

Der andere Punkt ist, dass Ferrier ganz willkürliche und nicht 
einmal äusserlich gerechtfertigte Schlüsse aus jenen Reizefifecten ge- 
zogen hat. Ich will mich auch hier auf andere Details nicht ein- 
lassen und bemerke nur, dass wenn ich einmal einen solchen Schluss 
ziehen wollte, ich auf Grund der Angaben Ferrier's das Verdrehen des 
Kopfes als hauptsächlichste Gewohnheit der Katze, und die Mimik 
als vorwiegende Eigenschaft des Hundes betrachten würde. — 

Seine Versuche über symmetrische Anordnung der Centren führt 
Ferrier an, um damit einen Boden für eine nicht ganz neue Theorie 
der Aphasie zu gewinnen. Auch hier ist die Voraussetzung von der 
er ausgeht, irrthümlich. Es hat Niemand bezweifelt, dass die moto- 
rischen Centren im Gehirn bilateral -symmetrisch angeordnet seien. 
Niemand hat wegen des eigenthümlichen Zusammentreffens der Aphasie 
mit linksseitiger Rindenerkrankung angenommen, dass etwa in der 
dritten Stirnwindung der rechten Seite irgend welche motorische 
Organe ihren Sitz hätten, welche linkerseits fehlten und von Maga- 
zinen für Wortbilder ersetzt seien. Nimmermehr kann durch den 
bereits von uns geführten Nachweis symmetrischer Anordnung der 
motorischen Centren etwas dir e et für Symmetrie sämmtlicher Organe 
in functioneller Beziehung Sprechendes abgeleitet werden. Wahr- 
scheinlich ist die durchgreifendste Symmetrie allerdings aus tausend 



zur Physiologie des Grosshirns. 



III 



anderen Gründen von jeher gewesen, aber gewisser scheint sie mir 
durch die fraglichen Untersuchungsmethoden überhaupt nicht werden 
zu können. 

Die nach häufigerer Reizung der gleichen Hirnstellen entstehen- 
den Nachbewegungeu setzt Ferrier unbedenklich in eine Linie mit 
der Chorea, und erklärt diese für derselben Natur, wie die Epilepsie, 
weil sich aus den Nachbewegungeu epileptiforme Anfälle heraus- 
bilden können. Er übersieht nur, dass diese choreaähnlichen Nach- 
bewegungen ohne jeden willkürlichen Bewegungsimpuls und durchaus 
nicht unter der Form abnormer Mitbewegungen eintreten, üeber- 
haupt lassen sich ja die fraglichen Thatsachen nicht ohne Weiteres 
vergleichen. Wohin sollte es führen, wenn jede oberflächliche Aehn- 
lichkeit das Recht zu so weittragenden Schlüssen gäbe! 

Kurz Ferrier hat diese Versuche, welche mit einem Schlage 
die Geheimnisse aller einzelnen Hirnprovinzen entschleiern sollten, 
dazu benutzt, noch neben jenen Folgerungen für die Physiologie die 
weitgehendsten Schlüsse auf viele Gebiete der Nervenpathologie zu 
ziehen. Wir waren damals von dem entgegengesetzten Principe aus- 
gegangen, von der üeberzeugung, dass die Schlüsse sich leicht finden, 
wenn nur die Thatsachen wohl unterstützt sind. Der Leser wird zu 
entscheiden haben, durcli welches Verfahren die Sache mehr geför- 
dert wird. Die Resultate seiner bisherigen Untersuchungen werden 
wohl kaum an vielen Stelleu den Wunsch wachrufen, dass Fer- 
rier's Ingenium noch einmal unserem mangelhaften Verständnisse 
zu Hilfe komme. 

Ferrier hat, um es mit einem Worte zu reca pituliren 
nach einer allen Einwürfen ausgesetzten Methode und 
in ganz oberflächlicher Weise constatirt, dass durch 
starke elektrische Ströme von den vorderen und basa- 
len Hirnpartieen des Hundes und der Katze aus Fress- 
bewegungen hervorzubringen sind. Darin besteht sein 
Verdienst. Auf der anderen Seite hat er nicht einmal 
die von uns angegebenen Reizpunkte mit Sicherheit wie- 
dergefunden; er hat eine Menge von Angaben gemacht, 
welche inconstante oder auf fehlerhafte Methoden zurück- 
zuführende Reize ffecte betreffen; er hat endlich sein Werk 



W2 Kritische und experimeutelle Untersuchungen 

ohne Namenneniuing mit Entdeckungen geschmückt, die 
nicht ihm, sondern uns angehörten. 



Bevor und während ich diese controlirenden Versuche unter- 
nahm, habe ich mich oft genug gefragt, ob es sich der Mühe und 
des unvermeidlichen Odiums lohne, so viel Arbeit auf die Wider- 
legung von Untersuchungen zu verwenden, welche gänzlich ohne die 
nothwendige phj^sikalisclie Vorbildung, ohne Selbstkritik, ohne Be- 
rücksichtigung fremder, nicht angefochtener Angaben angestellt wur- 
den; welche jede Einzelne den Charakter einer vorläufigen Mitthei- 
lung über einen, bereits anderweitig ausführlich bearbeiteten Gegen- 
stand trägt. Ich war von jeher der Ansicht, dass die productive 
Thätigkeit der rein kritischen, zumal der polemischen unendlich vor- 
zuziehen sei, und habe nach dieser Ansicht gehandelt. Grade in dieser 
Zeit aber war mein Interesse durch die Verfolgung eigener Ideen 
anderweitig auf das Möglichste gefesselt. 

Unter diesen Umständen war mir die vorliegende Arbeit ein 
grosses Opfer; ein Opfer zu dem mich nur die Wichtigkeit der an- 
geregten Fragen und der Antheil, welchen ich an ihrer ersten Ent- 
stehung habe, veranlassen konnte. Dennoch hätte ich die Discussion 
gern Anderen überlassen, wenn nicht die einer besseren Sache wür- 
dige Geschicklichkeit, mit der die Entdeckungen Ferrier's auf alle 
Weise in Scene gesetzt wurden, zur Eile mahnte. 

Wenige Wochen nach dem Auftreten dieses Forscher's begannen 
seine Irrthümer bereits in den Werken anderer Autoren eine Rolle 
zu spielen. Wissenschaftliche und politische Zeitungen verkündeten 
den Beginn einer neuen Aera für die Nervenpathologie. Kaum der 
Name von Sir Charles Bell schien glänzend genug, um neben 
dem Ferrier's genannt zu werden. So erhielten diese Publicationen 
eine bedenkliche Wichtigkeit. Aber schlimmer als dies, die Gefahr 
liegt aller Analogie nach zu nahe, dass seine Untersuchungen ein- 
fach als Maassstab für die Unsrigen benutzt werden. Spricht doch 
die englische Literatur sogar überall von wesentlichen Ver- 
besserungen, die Ferrier der Methode gegeben habe. Damit 
würde aber wegen jener offenkundigen Fehler Alles von uns müh- 



zur Physiologie des Grosshirns. 



113 



sam und, wie ich denke, zur Förderung der Sache Erreichte vor 
der Hand gänzlich in Frage gestellt und der Polemik das weiteste 
Feld eröffnet sein. 

Ich hoffe, dass diese Arbeit noch zeitig genug erscheint um dem 
einen Damm zu setzen. Jedenfalls muss ich erklären, dass wenn ich 
auch einmal zur detaillirten Widerlegung von Behauptungen ge- 
schritten bin, die sich schon durch die angewendete Methode richten, 
dass ich mich dieser Mühe ein zweites Mal nicht unterziehen werde. — 

Die Herren Drr. Ullrich, derzeit Assistent an der psychia- 
trischen Klinik in Erlangen, und Veit jun. in Berlin verpflichteten 
mich durch ihre bei diesen Versuchen geleistete Hülfe zu grossem 
Danke. 



Hitzig, Experimeutelle Untersuchungen. 



8 



IV. 

Ueber einen interessanten Abscess der Hirnrinde.') 



Durch die vorstehenden Abhandlungen ist nachgewiesen worden, 
dass die normale Entstehung der Muskelbewegungen gewisser Centra 
der Grosshirnrinde bedarf. Ihre Reizung mit elektrischen Strömen 
setzt bestimmte Bezirke der willkürlichen Muskulatur in Bewegung, 
ihre Zerstörung bringt eine Beeinträchtigung der willkürlichen Be- 
wegung in denselben Bezirken hervor. 

Wir haben bisher die directe üebertragung der am Hundegehirn 
gewonnenen Resultate auf bestimmte Localitäten des menschlichen 
Gehirns vermieden. Denn hierfür fehlte es an der Vorbedingfung', an 
der Feststellung derjenigen Hirntheile des Menschen, welche den von 
uns bezeichneten Hirntheilen des Hundes gleichwerthig sind. Diese 
Aufgabe bleibt noch zu lösen. 

Drei Wege giebt es, auf denen die Lösung möglich erscheint: 
Die histologische Untersuchung, die vergleichend anatomische Be- 
trachtung und die klinische Beobachtung. 

Man hatte bereits früher diese drei Methoden zur Feststellunß' 
der physiologischen Dignität der einzelnen Hirnbezirke angewandt. 
Indessen war man zu endgültigen Resultaten bisher kaum oder nur 
in beschränkten Grenzen gelangt, obwohl namentlich die moderne 
Histologie manche bisher für unbesiegbar gehaltene Schwierigkeiten 
überwunden hat. 

Der klinischen Forschung und den aus der Autopsie zu ziehen- 
den Schlüssen stellten sich gleichfalls mannigfache Hindernisse ent- 

1) Diese Abhandlung wurde zuerst gedruckt in dem Archive für Psychiatrie 
und Nervenkrankheiten. Bd. III, H. 2. 



Ueber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 115 

gegen. Nicht das Geringste bestand wohl darin, dass der Kliniker 
in diesem Gebiete von dem Physiologen im Stiche gelassen wurde. 
Bis in die letzten Jahre hatte man, wie von uns gezeigt worden ist, 
über die speciellere Function der Grosshirnrinde so unsichere nnd 
theilweise irrige Ansichten, dass die nächsten physiologischen Anhalts- 
punkte für die Verwerthung des am Krankenbette und am Leichen- 
tische Gefundenen ausfielen Wir dürfen hoffen zur Beseitigung die- 
ses Uebelstandes beigetragen zu haben. 

Ein anderer Uebelstand wird aber bestehen bleiben. Es ist der, 
dass man selbstverständlich auf cir cum Scripte Läsionen des Gross- 
hirns zu fahnden hat, während das menschliche Leben selbst sehr 
ausgedehnte erträgt. Um so reichlicher und sorgfältiger muss das 
klinische Material gehäuft werden. Man kann hoffen, dass es so 
durch Vergleichung vieler analoger Fälle gelingen wird, das Un- 
wesentliche unter den Symptomen zu erkennen und auszuscheiden. 

Von diesem Gesichtspunkte aus habe ich mich während des 
Krieges gegen Frankreich bemüht, so viele Kopfverletzungen als mög- 
lich zu Gesichte zu bekommen. Auf Anregung Frerichs' hatte mir 
die Militärverwaltung in Nancy gestattet, alle die Stadt passirenden 
Soldaten mit Kopfwunden auf meiner Station aufzunehmen. Dies 
liess sich aber nur in der Art ausführen, dass ich mir aus den 
Eisenbahnzügen die verbundenen Köpfe heraussuchte. Man kann sich 
denken, dass ich so niemals Mangel an Parotiten, cariösen Zähnen 
u. dgl. hatte. Ein Fall, den ich nachstehend mittheile, belohnte 
mich indessen für meine Bemühungen. Er ist wirklich geeignet Licht 
auf die gestellte Frage zu werfen. Aber selbst dieser Fall muss von 
dem eben erwähnten Gesichtspunkte aus beurtheilt werden. Dann 
jedoch scheint er mir allerdings wichtige vorläufige Anhalts- 
punkte zu geben, und die Aufmerksamkeit des Klinikers auf einen 
nun schon mehr umschriebenen Kindenbezirk zu lenken. 

Der 20 Jahre alte Soldat im 30. französischen Linien-Infanterie-Regiment 
Joseph Masseau wurde am 14. Dezember 1870 in das Lazareth der Tabaks- 
manufactur zu Nancy aufgenommen. Er hatte am 10. bei Orleans einen 
Streifschuss an der rechten Seite des Kopfes erhalten. 

19. XII. 70. Ganz oberflächliche Hautabschürfung an der rechten Seite 
des Kopfes durch Flintenschuss. Verband mit Carbolwasser (1 : 100). 

10. I. 71. Die Wunde beginnt namentlich an der Peripherie, weniger 

8* 



116 



Ueber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 



nach der Tiefe zu sich zu vergrössern, die ganze Wundfläche hat ein 
schmutzig graues Ansehen. Sehr geringe Secretion. Kein übler Geruch. 
Carbolöl (1 : 7). An demselben Tage erkrankte ich. 

15. I. Als ich den Verwundeten wiedersah. Die Wunde hat sich er- 
heblich vergrössert, bildet eine kreisrunde Höhle von etwa 4 Cm. Durch- 
messer, stark gewulsteten, infiltrirten, unterminirten, rothen Rändern, schmutzig 
grauem Grunde, nur geringes Secret absondernd. Wird isolirt und mit Liquor 
ferri sesquichlor. behandelt. Flierdurch gelang es dem Fortschreiten des Pro- 
cesses Einhalt zu thun, nachdem die Wunde eine Länge von 7 Cm. und eine 
Breite von 6 Cm. erhalten hatte. 

3. IL Der untere Wundwinkel, der durch Spaltung einer unterminirten 
Stelle entstanden war, befindet sich nunmehr 5 Cm. oberhalb der Mündung 
des rechten Meatus auditor. extern., die obere Circumferenz 11 Cm. über 
demselben. Innerhalb dieser Grenzen sind die Ränder noch etwas unter- 
minirt und der Knochen zunächst in der Mitte der Wunde in nierenförmiger 
Gestalt auf die Länge von 3 Cm. und die Breite von IV2 Cm., dann auch in 
dem hinteren Wundwinkel, zungenförmig mit der erstgenannten Stelle zu- 
sammenhängend, biosgelegt. Da übrigens eine reichliche, gute Granulations- 
bildung in der Wunde begonnen und auch der Knochen sich bereits zu be- 
decken angefangen hat, das Allgemeinbefinden auch ganz ungetrübt ist, wird 
Patient auf seinen früheren Platz zurück verlegt. 

4. II. Die Wunde hat wieder ein etwas schlafferes Aussehen, am vor- 
deren Rande weisslicher Belag. Betupfen desselben mit Liquor ferri. 

Nachdem Patient bereits am Morgen etwas über Kopfschmerzen an der 
rechten Seite des Kopfes geklagt hatte, um 10 Uhr Vormittags plötzlich 
ein Anfall von klonischen Krämpfen ohneVerlust des Bewusst- 
seins, hauptsächlich im Gebiete des linken Facialis. Die Muskeln 
um Mund und Nase namentlich, dann auch Orbicul. palpebr. contrahiren 
sich mit äusserster Heftigkeit im Anfange des Anfalls in Pausen von etwa 1 
Secunde. Die Pausen wurden im Verlaufe des Anfalles, während derselbe an 
Heftigkeit noch zunahm, kleiner, so dass die Krämpfe ein tetauisches Aus- 
sehen bekamen, doch konnte man immer noch die einzelneu Zuckungen unter- 
scheiden. An dem Anfalle betheiligten sich ferner die übrigen dem Facialis 
angehörigen Muskeln, wenn auch in geringerem Grade; die Muskeln der 
Zunge in hohem Grade, Respirationsmuskeln, da während des Anfalles 
ein mit den übrigen Zuckungen synchronisches Schluchzen statthatte, und ein 
vorderer Halsmuskel, wahrscheinlich Sternokleidomastoid. dexter. (Wegen 
der Menge von Dingen, auf die schnell die Aufmerksamkeit gerichtet werden 
musste, konnte dies nicht genau constatirt werden). Gleichzeitig grosse Aengst- 
lichkeit, Gesichtsfarbe kreideweiss. Dieser Anfall dauerte im Ganzen 
5 Minuten. Unmittelbar nachher bestand eine passagere, aber für 
den Moment fast complete Lähmung des ganzen linken Facialis 
und der linken Zungenmuskulatur. Nach wenigen Minuten be- 
reits Hess diese Lähmung zunächst im oberen Aste desFacialis, 
nachher auch in den übrigen nach und zwar derart, dass Pa- 
tient willkürliche Bewegungen imAnfange nur ausführte, wenn 



üeber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 



117 



ihm geheissen wurde die linke Seite allein zu bewegen, wäh- 
rend bei gemeinschaftlichen Gesichtsbewegungen diese Seite 
ruhig blieb. Im Verlaufe einer halben Stunde begannen auch gemein- 
schaftliche Bewegungen beider Gesichtshillften, jedoch blieb immer noch die 
linke Gesichtshälfte zurück. 

Etwa 10 Minuten nach dem Sistiren des soeben beschriebenen Anfalles 
traten ganz analoge klonische Zuckungen von geringer Intensität und Dauer, 
im Ganzen etwa 40—50 in sämmtlichen Beugemuskeln der Finger incl. des 
Daumens der linken Hand ein, während gleichzeitig der Facialis nur ein 
leichtes Vibriren zeigte. 

Nach dem Anfalle kehrte die normale Gesichtsfarbe fast augenblicklich 
wieder zurück, M'ährend Patient mit stark lallender Zunge versicherte, dass 
es ohne Zweifel nichts gewesen sei. Die Zunge zeigte noch den ganzen Tag 
über und zwar beiderseitig, stärker jedoch links klonische Zuckungen ge- 
ringeren Grades. An den Pupillen keine Veränderung. 

Der Puls war während des Anfalles beschleunigt und rechts auf- 
fallend viel kleiner als links; namentlich auch war das Arteiienrohr rechts 
weniger gespannt als links. Nach dem Anfalle war grade das Ent- 
gegengesetzte der Fall. Die rechte Radialis war nun draht- 
ähnlich hart zu fühlen. 

12 Uhr Mittags. Ein dem ersten ganz gleicher Anfall von derselben 
Dauer, aber vielleicht noch etwas heftiger, mit dem gleichen Schluchzen und 
denselben Arterienerscheinungen, jedoch ohne Betheiligung der Armmuskeln. 
— Gegen Abend ist die Parese des linken Facialis fast ganz geschwunden. 
Temperatur 39,8. Puls 120. Respiration 28. 

5. II. Erbrechen, Klage über geringen Appetit, gleichwohl isst er alles 
durcheinander. Sein ganzer Gedankengang bewegt sich um seinen Appetit 
und seine angeblich davon abhängige Wiederherstellung. Die Wunde sieht 
gut aus, nachdem der Aetzschorf sich abgestossen hat. 



Morgens. 


Abends. 


Temp. 39,3 


39,9 


Puls 120 


120 


Resp. 26 


27 


Temp. 38,9 


39,8 


Puls 100 


120 


Resp. 26 


27 



7. II. Die Wunde etwas trocken; der Gedankenkreis sehr beschränkt; 
es ist schwer möglich eine präcise Antwort zu erhalten, gleichwohl hat 
er keine irrthümlichen Vorstellungen über sein Verhältniss zur Aussenwelt. 
Leichte Parese, besonders des unteren Facialisastes, derart, 
dass bei gemeinschaftlichen Gesichtsbewegungen die linke Ge- 
sichtshälfte fast ganz zurück bleibt. Bei isolirten Bewegungen 
der Letzteren contrahiren sich dieMuskeln etwa mit derselben 
Energie wie rechts. Das Auge wird gut geschlossen, die Frontalrunzeln 
sind links hingegen weniger tief. 



118 



Ueber eiuen interessanten Abscess der Hirnrinde. 



Gl eichzeitig besteht e in leichterKrampfimlinkenDepressor 
anguli oris, Orbicul. oris und den linken Nasenmuskeln, der sehr 
hiiufig, etwa alle halbe Minute, eintritt und durch den das Gesiebt links einen 
weinerlichen Ausdruck erhält. Die Zunge wird ausserordentlich schief her- 
ausgesteckt. Die Spitze weicht nach links ab, kann aber willkürlich fast ganz 
in die Mitte gebracht werden. Die Uvula steht sehr stark mit der Spitze 
nach rechts, 

Die Sensibilität ist (auch auf der Zunge) gegen leichte Berührungen so- 
wohl als gegen Nadelstiche vollkommen intact. 
T. 38,3, P. 100. 

3 Uhr Nm. Sehr heftiger Anfall im Gebiet des Facialis, bei dem auch 
ein sehr heftiger klonischer Krampf des linken Abducens und des rechten 
Rectus internus vorhanden war. 3'/2 Uhr neuer Anfall mit Betheiligung des 
linken Pector. major und der Bauchmuskeln beiderseits. Bald nachher noch 
ein Anfall, bei dem Folgendes beobachtet wurde. 

1) Mit Rücksicht auf den Willen: Der Kranke vermag während des An- 
falles normal zu gehen, die rechte Hand zu reichen und mit ihr eiuen massig 
kräftigen Druck auszuüben, während er mit der linken nur sehr beschränkte 
und unbestimmte Bewegungen vollbringt. Den Mund vermag er willkürlich 
nicht zu öffnen. 

2) Was die Krämpfe betrifft: dieselben erstrecken sich nunmehr mit auf 
einzelne Muskelbündel des rechten Frontalis, auf den ganzen Stern alkopf des 
rechten Sternokleido, während der linke ganz frei bleibt; dagegen contrahirt 
sich das linke Platysma sehr stark, während das rechte ganz frei ist. Ausser- 
dem contrahiren sich beiderseits sämmtliche zwischen Unterkiefer, Kehl- 
kopf und Sternum befindliche Muskeln. Im Arm keine Bewegungen. 

3) Was das Sensorium betrifft: Er vorsteht die Worte, die man an ihn 
richtet, und behält sie so im Gedächtniss, dass er nachher richtige Auskunft 
darüber geben kann. 

Solche Anfälle treten im Laufe des Nachmittags noch mehrmals ein. In 
den Pausen stehen die Augen immer in den linken Winkeln und der Kopf 
durch Contractur des rechten Sternokleido nach links gedreht. Abends T. 
39,0. P. 100. 

8. II. Anfall von einstündiger Dauer zwischen ßV4 und 7V4 Uhr Morgens. 
Der Anfall begann mit Zuckungen im Gesicht und Ablenkung der Bulbi wie 
bei früheren Anfällen, dann traten Krämpfe im linken Arm und der linken 
Thoraxhälfte ein, endlich auf der Hohe des Anfalles, während die Zuckungen 
im linken Arm ausserordentlich stark waren, auch im rechten Arm. Das 
Bewusstsein war wiederum nicht verloren. T. 39,6. P. 110. Abends T. 40,5. 
P. 120. 

9. II. T. 39,3. P. 110. Abends schnarchende Respiration, Stupor, gegen 
9V2 Uhr Anfall von halbstündiger Dauer, der aber viel schwächer als der 
letzte und ohne Betheiligung der rechten Seite verlief. T. 39,6. P. 120. 

10. II. Morgens 10 Uhr Sopor, schnarchende Respiration. 11 Uhr Tra- 
chealrasseln, Puls klein, häufig, Arterienrohr leer, die Welle rechts viel kleiner 
als links. Die linke Pupille stark contrahirt, ganz reactionslos, auch die 



Ueber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 119 

rechte reagirt nur wenig. Weder jetzt noch früher war der Leib eingezogen. 
Während der Agone bei jeder der tiefen schnarchenden Inspirationen eine 
ausgiebige Contraction in Muskeln des unteren Astes des linken Facialis, 
namentlich im Depressor anguli oris. Puls des Morgens 8 Uhr 120, T. 38,4, 
Morgens 10 Uhr 41,5. 11 Uhr 41,6. 4 Uhr 5 Min. Nachmittags erfolgte der 
Tod. T. 41,8. Postmortale Temperatursteigerung 4 Uhr 15 Min., 10 Min. 
nach dem Tode 42,0. — 

Autopsie 11. II. zwanzig Stunden nach dem Tode. 

Schädeldach massig dick, an der äusseren Tafel des Scheitelbeins, ent- 
sprechend der Wunde hat sich eine sehr deutliche Demarcationslinie von 
ohrmuschelförmiger Gestalt gebildet, welche in den grössten Dimensionen 
4,4 Cm. Länge (von Oben nach Unten) und 2,5 Cm. Breite (von Hinten nach 
Vorn) besitzt. Der höchstgelegeue Punkt dieser Demarcationslinie ist von der 
Pfeilnaht 6,5 Cm. entfernt. Zieht man von ihm aus eine grade Linie nach 
der Pfeilnaht, so liegt der Punkt, wo beide Linien zusammentreffen, 9,3 Cm. 
von der kleinen Fontanelle nach Vorn. An der inneren Tafel, entsprechend 
der eben bezeichneten Stelle, war der Knochen mit dickem, anhaftendem 
gelblichem Eiter bedeckt, nach dessen Abspülung in der Ausdehnung eines 
Guldens grau, missfarbig, Verlust des normalen Glanzes, Rauhigkeiten, von 
unregelmässiger Gestalt, etwas über die Fläche erhaben und von grösseren 
und kleineren Poren durchsetzt zeigend. Derartige rauhe Stellen finden sich 
noch vielfach in der Umgebung. ^) An dem oberen Ende der erstbezeichneten 
Stelle hat sich ein Kuochenplättchen von Linsengrösse abgestossen, welches 
nur noch an seinem oberen Ende locker mit der Tabula vitrea zusammenhängt. 
Ueber die ganze Schädelhälfte verbreitet ausserordentlich zahlreiche Vasculari- 
sationeu, die der inneren Fläche ein rothgeflecktes Aussehen geben. 

Bei Eröffnung des Schädels entleert sich aus einem Loche der Dura, 
welches genau jenem Knochenplättchen entspricht, etwa ein halber Esslöffel 
grün-gelblichen Eiters. Die ganze rechte Hirnhälfte unter der Dura blau- 
grün, die linke roth. Die ganze Dura der rechten Convexität an der inneren 
Fläche mit gelbem Eiter bedeckt, ungemein stark verdickt. In der Umgegend 
des erwähnten aussen scharfrandigen, innen trichterförmigen Loches, das halb 
bohnengross ist, beträchtliche Auflagerung, die von zahlreichen grösseren 
und kleineren mit der Pia zusammenhängenden Gefässen durchsetzt ist und 
ein schwärzliches Aussehen hat. Auch die linke Hälfte der Dura mit zahl- 
reichen, kleineren, neugebildeten Gefässen durchsetzt. 

Die Pia der rechten Convexität von Vorn bis Hinten mit dickem Eiter 
bedeckt, der nur zum Theil unter dem Wasserstrahle sich lösst, die Hirnhaut 
selbst, mit Ausnahme des hinteren Drittels, in eine dicke Schwarte verwandelt. 
Ihre Venen überall mit festen nicht anhaftenden Gerinnseln gefüllt, nur in 
der Umgegend des gleich zu nennenden Abscesses flüssigen, gelben Eiter 
enthaltend. 



1) Letztere wurden aber erst nach der Trockung des Knochens sicht- 
bar; dann hoben sie sich durch eine weissere Farbe noch mehr von der 
Umgebung ab. 



120 



Ueber einen interessanten Absccss der Ilirnriude. 



Entsprechend dem Substanzverluste der Dura findet sich ein Absccss aus 
dem sich bei der Eröffnung des Schädels der Eiter zum Theil entleerte. 
Seine äussere Oeffnung hat V/2— 2 Cra. im Durchmesser, seine Tiefe beträgt 
knapp ebensoviel. Sein oberer Rand liegt 6V2 Cm. von der Mittellinie, sein 
hinterer Rand 2V3 Cm. nach Vorn vor dem mittleren Theile der Sylvischen 
Grube und unmittelbar am vorderen Rande der Rolandischen Furche, der 
Abscess selbst also zwischen den unteren Ausläufern dieser und dem Sulcus 
praecentralis von Ecker, an der Uebergangsstelle der vorderen Centraiwindung 
in den Klappdeckel, doch schon im Bereiche des Letzteren. 

Fig. 8. 




Linke Hemisphäre nach Ecker. F. Lobus frontalis. P. Lobus parietalis 
0. Lobus occipitalis. T. Lobus temporalis. S. S.' Fossa Sylvii. R. R.' Sul- 
cus Rolando. S. p. Sulcus praecentralis. A. Vordere. B. hintere Centrai- 
windung. H. Abscess von Hitzig. W. Zertrümmerung von Wernh er (H 
ist Behufs leichterer Vergleichung auf die linke Hemisphäre übertragen.) 



Die Ventrikel enthalten nur eine ganz geringe Menge seröser Flüssigkeit 
Die Substanz des Grosshirns mehr noch rechts als links, am auffälligsten in 
der Marksubstanz an der Grenze der Rindensubstanz ist mit vielen kleinen 
Blutpunkten durchsetzt. Ihre Consistenz ist im Allgemeinen die normale nur 
in der Umgebung des Abscesses ist die Hirnsubstanz sehr mürbe Fast an 
der ganzen rechten Convexität haftet die Pia abnorm der Rindensubstanz an 
so dass nach ihrer Entfernung die Letztere ein zernagtes Aussehen erhält. ' 

Die Dura der rechten Basis mit Ausnahme des hinteren Drittels in ähn- 
lichem Zustande, wie die der Convexität. 



Ucber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 



121 



In dem linken Pleurasack etwa 750 Cc. blutig seröser Flüssigkeit. Die 
linke Lunge zeigt an der Basis die Zeichen einer hypostatischen Pneumonie, 
die Spitze emphysematös. Andere Veränderungen von Wichtigkeit fanden 
sich nicht vor. 

Kecapituliren wir die wesentlichsten Punkte der vorstehenden 
Beobachtung. Es war durch einen gangränösen Process ein Theil 
des rechten Scheitelbeines blosgelegt und der Berührung mit dem 
Eisenchlorid ausgesetzt worden. Bei der Section fand sich, dass ein 
Theil der äusseren Tafel an jener Stelle in der Sequestration be- 
griften war. Dem entsprechend fand man ein Plättchen der inneren 
Tafel bereits abgestossen, während in der Umgebung ähnliche nekro- 
tisirende Processe den Knochen ergriffen hatten. Ebenso war hier der 
Hauptheerd der Erkrankung, welche die Hirnhäute und die Hirn- 
substanz selbst betraf. Die Häute waren hier der Sitz besonders 
starker Verdickungen und Auflagerungen, in deren Centrum sich aber 
eine eitrige Schmelzung ihrer Substanz fand, welche ihrerseits wieder 
mit einem Abscesse des Gehirns communicirte. Indessen hatten sich 
die geschilderten Entzündungserscheinungen der Hirnhäute und des 
Gehirns selbst nicht nur auf die nächste Umgebung, sondern über 
weite Strecken, endlich auch offenbar auf die andere Seite fortge- 
pflanzt. Dennoch Hess sich aus der Summe aller dieser Erschei- 
nungen, namentlich aus ihrer örtlich verschiedenen Intensität und 
Entwicklungsstufe, mit Sicherheit constatiren, dass der Anfang aller 
dieser Processe an der Stelle des späteren Abscesses gewesen war. — 

Auch während des Lebens beobachtete man eine allmählige Aus- 
breitung in den Symptomen von Reizung der Hirnsubstanz, wäh- 
rend die Zeichen der Lähmung von Anfang an einen ziemlich eng- 
umschriebenen Muskelbezirk betrafen, bis endlich die Aufhebung der 
sensorischen Functionen auch der willkürlichen Muskelbewegung im 
Allgemeinen ein Ende machte. 

Es war von Anfang an die Muskulatur des linken Facialis und 
der Zunge, welche die Aufmerksamkeit erregten und während der 
ganzen Dauer der Beobachtung wach erhielten. In diesen Muskeln 
traten die Krampferscheinungen zuerst auf, und in ihnen fehlten sie 
bei allen späteren Anfällen niemals. Dieselben Muskeln zeigten zu 
gleicher Zeit, von dem ersten Augenblicke an, als man der cerebralen 



122 Ueber eiueu interessanten Abscess der Hirnrinde. 



Erkrankung gewahr wurde, eine allmählich zunehmende Beeinträch- 
tigung der willkürlichen Innervation. In anderen Muskeln traten Läh- 
mungen überhaupt nicht ein. Allerdings konnte man während der 
Anfälle eine Störung der willkürlichen Muskelinnervation auch in 
solchen Provinzen nachweisen, die für den Augenblick nicht der Sitz 
von Krämpfen waren.') Indessen waren dies Erscheinungen, die 
mit dem, was wir Lähmung zu nennen gewohnt sind, nichts gemein 
hatten. Man sah allerdings ein theilweises Abgeschnittsein der nor- 
malen Willensimpulse, aber ebenso gut könnte man die unbestimmten 
Bewegungen, die ein Schlaftrunkener auf Geheiss macht, als die eines 
Gelähmten bezeichnen. Wenn man die äusserst auffallenden Differen- 
zen in der Füllung der rechten und der linken Eadialis in Betracht 
zieht, wenn man sich gleichzeitig der im Moment der Anfälle auf- 
tretenden Entfärbung des Gesichtes erinnert, so dürfte sich wohl eine 
solche theilweise und vorübergehende Ausserfunctionsetzung grösserer 
Hirnprovinzen durch plötzliche Circulationsstörungen gerade nach 
Analogie des Schlafes in ungezwungener Weise erklären. In den 
zum Theil ja sehr langen Pausen war eine Motilitätsstörung der 
Extremitäten nicht vorhanden. 

Noch einen Punkt, sei es gestattet, in die Erinnerung zurück 
zu rufen. In der Agone contrahirte sich synchronisch mit jeder der 
so charakteristischen tiefen Inspirationen ein Theil von den während 
des Lebens besonders afficirten Muskeln. 

Halten wir nun das klinische Bild mit dem anatomischen Befunde 
zusammen, so weit dies erlaubt scheint, so unterliegt es wohl keinem 
Zweifel, dass man die Innervation derjenigen Muskelbezirke, welche 
zuerst und am constantesten von Krämpfen betroffen, welche anderer- 
seits von Anfang an gelähmt waren, in Verbindung zu setzen hat 
mit demjenigen Hirntheile, welclier die vorgeschrittensten und ältesten 
pathologischen Veränderungen, welcher einzig und allein eine Zer- 
trümmerung der Substanz zeigte. Dies wäre in der Peripherie der 
Innervationsbereich des Facialis und des Hypoglossus, im Centrum 
die obere und vordere Grenze des Klappdeckels, 



1) Siehe die Notizen vom 7. Februar. 



Ueber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 



123 



Wohl könnte man einwenden, dass bei einer Zertrümmerimg der 
Substanz zwar Lähmungen aber kein Krampf möglich sei. Doch ist 
dieser Einwand um deswillen hinfällig, weil selbst bei einer gänz- 
lichen Zertrümmerung eines Centrums der Rinde, die dort mündenden 
Markfasern intact und der Erregung zugänglich bleiben können. Dass 
aber in der That grade ein Ceutralgebiet des Facialis ausser Function 
gesetzt sein musste, das beweisen zum Ueberfluss die agonalen Mit- 
bewegungen im Bereiche jenes Nerven. 

Es ist eine bekannte und unbestrittene Thatsache, dass nicht 
degenerirte Nerven, deren Verbindung mit der Innervation des Gehirns 
eine Unterbrechung erlitten hat, der Ausbreitung von Reflexen und 
motorischen Irradiationen in ihrer Bahn ausserordentlich zugängig 
sind. Ein solcher Fall lag hier vor. Die tiefen Inspirationen Agoni- 
sirender werden sicher durch einen heftigen, am letzten Ende auf die 
MeduUa oblongata einwirkenden Reiz hervorgebracht, und seiner Aus- 
breitung in eine labilere Bahn muss man es zuschreiben, wenn in 
diesem Falle grade diejenigen Muskeln sich noch einmal bis zum 
Ende in Bewegung setzten, welche von Anfang an die Hauptrolle 
gespielt hatten. 

Die Berechtigung, die geschilderten Functionsstörungen im Ge- 
biet des Facialis und Hypoglossus auf jene zertrümmerte Rinden- 
partie zu beziehen, wird uoch unterstützt durch das Verhalten des 
Knochens und der Dura mater. Mau konnte sich leicht überzeugen, 
dass die Erkrankung der Schädelcontenta von der mehrerwähnten 
Stelle ausgegangen war, und sich von hier aus] erst allmählig aus- 
gebreitet hatte. 

Ich will nicht versuchen, der Entstehungsart der übrigen beob- 
achteten Krampferscheinungen specieller nachzugehen. Nur eine kurze 
Bemerkung sei in dieser Beziehung gestattet. Man weiss, dass ent- 
wickeltere En tzündungs Vorgänge auf den Hirnhäuten in der Regel 
Krämpfe erzeugen, und man kann in Folge dessen sämmtliche beob- 
achtete Krampferscheinungen auf diese im gegebenen Falle mehr als 
hinreichend vorhandenen Processe beziehen. Indessen ist noch eine 
andere Auffassung möglich. Gelegentlich unserer experimentellen Un- 
tersuchungen hatten wir nachgewiesen, dass beim Einstechen von 
Nadeln in die Gehirnsubstanz sich andere Muskeln auf den elektrischen 



124 



üeber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 



Reiz in Bewegung setzten, als diejenigen, welche bei der Reizung des 
entsprechenden Rindengebietes zuckten. Wahrscheinlich hat man dies 
als eine Reizung von Fasern aufzufassen, welche sich von den vor- 
deren Gebieten der Hemisphäre nach dem Hirnstamme zu begeben. 

Man darf also nicht vergessen, dass bei Zerstörung eines Theiles 
der Rinde, sei es nun durch einen Abscess oder durch eine Neubil- 
dung, sehr wohl Leitungsfasern, die jenem Rindentheile im Wesent- 
lichen fremd sind, von dem fremden Körper in den erregten Zustand 
versetzt werden, und so Zuckungen bedingen können. Ich richte die 
Aufmerksamkeit auf diesen Punkt, weniger wegen des vorliegenden 
Falles, bei dem es auf die Krampferscheinungen insofern nicht so sehr 
ankommt, da ihm seine Wichtigkeit hauptsächlich durch das corre- 
spondirende Vorkommen einer isolirten kaum haselnussgrossen Zer- 
störung der Rinde und einer circumscripten Lähmung innewohnt. 
Aber für die Deutung anderer Fälle, bei denen die einzelnen Sym- 
ptome sich noch schwerer entwirren lassen, ist es doch vielleicht 
gut, an die erwähnte und in der Wirklichkeit gewiss häufig vor- 
kommende Möglichkeit zu erinnern. 

Wegen des Lage -Verhältnisses unseres Abscesses und des von 
F ritsch und mir gefundenen Centrums für den Facialis verweise 
ich auf die folgende Abhandlung. Es kann selbstverständlich nicht 
meine Absicht sein, hiermit die Identität jener beiden Regionen als 
bestimmt erwiesen zu behaupten. Dazu sind weitere Erfahrungen 
und bestätigende Untersuchungen auf den beiden Eingangs erwähnten 
Wegen erforderlich. 

Interessant ist der Vergleich der Art der motorischen Störung 
bei dem Kranken Masse au und denjenigen Hunden, denen wir 
das Centrum für die rechte Vorderextremität exstirpirt hatten. Der 
Kranke, Masseau, hatte eine motorische Hemmung im Facialis- 
Gebiete, welche vollkommen oder fast vollkommen war, sobald er 
gemeinschaftliche Gesichtsbewegungen ausführen, z. B. lachen sollte. 
Wurde aber seine Aufmerksamkeit auf das Gebiet des abnorm fun- 
girenden Muskels gerichtet, Hess man ihn isolirte Bewegungen des 
linken Facialis vornehmen, so zeigte sich, dass das Entstehen der er- 
forderlichen Impulse in der That nicht so sehr gehemmt war, als es 
anfänglich den Anschein hatte. Die Bewegung kam nun immer bis 



lieber einen interessanten Abscess der Hirnrinde. 125 



7A\ einem gewissen Grade zu Stande. — Wie ausserordentlich ver- 
schieden hiervon ist das Verhalten der Muskeln bei Lähmungen, die 
ihren Sitz z. B. im Corpus striatum haben. Allerdings ist auch bei 
ihnen selten die ganze Bahn verlegt, sondern der obere Ast fungirt 
mehr oder weniger gut. Aber dasjenige, was nun einmal gelähmt 
ist, fungirt in der allerersten Zeit nach der Läsion einfach nicht, 
sondern erholt sich, wenn es überhaupt dazu kommt, erst nach Ab- 
lauf einer mehr weniger geraumen Zeit. Dann aber sieht man nicht 
das hier geschilderte Verhalten, sondern die Motilität ist auch bei 
gemeinsamen Gesichtsbewegungen in den gegebenen Grenzen vor- 
handen. 

Als ich dem Grunde für dies Zurückbleiben des linken Facialis 
nachging, so glaubte ich ihn zuerst darin zu finden, dass der Mas- 
se au bei gemeinschaftlichen Impulsen sich keine richtige Vorstellung 
von dem bilden konnte, was im Gebiete dieses Nerven geschah. In 
diesem Falle wäre der Vorgang ganz ähnlich gewesen demjenigen, 
welchen wir bei den operirten Hunden voraussetzen mussten. In- 
dessen sprach doch der Umstand gegen die Annahme einer Berau- 
bung des Bewusstseins jener Muskelzustände, dass grade der bewusste 
Wille einen sich der Norm mehr nähernden Einfluss auf die Muskeln 
hatte, während die mehr maschinenmässig vor sich gehende gemein- 
schaftliche mimische Innervation die grössere Abnormität zeigte. 

Demnach ist es wahrscheinlicher, dass der an einem dritten Orte 
gebildete, für beide Hirnhälften gleichberechnete Willensimpuls wegen 
der vorhandenen theilweisen Zerstörung rechts schwächer aufgenommen 
und fortgepflanzt wurde, dass aber doch noch hinlänglich Substanz 
vorhanden war, um bei Verstärkung des Impulses eine annähernd 
normale Bewegung auszulösen. 



V. 



Ueber äquivalente Regionen am Gehirn des Hundes, 
des Affen und des Menschen. 



Wenn die in den vorstehenden Abhandlungen gegebene und 
vertheidigte genauere Begrenzung des motorischen Gebietes ihre volle 
Wichtigkeit für die menschliche Pathologie und die vergleichende 
Physiologie gewinnen soll, so muss vorher die üebertragung der be- 
zeichneten Grenzen auf die äusseren Flächen des menschlichen Ge- 
hirns möglich gemacht sein. 

Welches Interesse das Gelingen dieser Aufgabe für sich in An- 
spruch nehmen dürfte, brauche ich kaum auszuführen. Inmitten der 
bisher räthselvoUen Windungsfelder des Menschengehirns wäre ähnlich 
wie am Hundehirn ein Gebiet abgegrenzt, das sich durch eine ihm 
eigenthümliche Function nicht nur von den Nachbargebieten unter- 
scheidet, sondern auch durch dieselbe und vermöge seiner Lagerung 
zwischen den übrigen Theilen des Mantels für diese wieder, sei es 
vordere sei es hintere Grenzen zeichnet. 

Man kann das gesteckte Ziel wie ich schon Eingangs der vor- 
stehenden Abhandlung andeutete, auf verschiedenen Wegen anstreben. 
Ich selbst versuchte mir durch vergleichend anatomische Betrachtung 
ein Urtheil zu bilden, um so mindestens die Discussion herbeizu- 
führen, und mit derselben den Anstoss zn neuen Arbeiten auf diesem 
Felde zu geben.') 



1) A. a. 0. 1873. Cap. 7. 



Ueber äquivalente Regionen am Gehirn ii. s. w. 



127 



Vor Allem schien eine möglichst genaue und sichere Bestimmung 
der vorderen Grenzen der erregbaren Zone von Nöthen. Wenn 
nämlich nur auf Grund der in der ersten Abhandlung von uns ge- 
machten Angaben das Lageverhältniss der als erregbar bezeichneten 
Mantelmassen zum Schädel ins Auge gefasst wurde, so konnte, wie 
es geschehen ist, die Ansicht entstehen, dass dieselben dem Stirntheile 
des Menschen äquivalent seien. Nachdem ich indessen nachgewiesen 
hatte, dass nicht nur der, mehr durch seine Flächen- als Dicken- 
dimensionen ausgezeichnete, vor der Verlängerung der Fossa Sylvii 
belegene Theil, sondern ausserdem fast ein ganzer, die hintere 
Grenze dieses Einschnittes bildender Gyrus (d) unerregbar seien, ge- 
wann der Gegenstand ein anderes Gesicht. Jetzt musste er- 
wogen werden, ob nicht vielmehr dieser, durch das Fehlen 
der motorischen Keaction charakterisirte Abschnitt dem 
Stirntheile entspräche. 

Eine dahin auslaufende Ansicht hatte von vorne herein Mancher- 
lei für sich. Der in der vorstehenden Abhandlung beschriebene Abscess 
sass nicht in der Stirn- sondern in der Scheitelregion. Fälle von 
Wem her und Loeffler, welche im Anschluss an unsere Unter- 
suchungen theils publicirt, theils (durch Th. Simon) reproducirt wur- 
den, und auf die wir unten einzugehen haben, bestätigen die aus der 
Beobachtung jenes Abscesses geschöpften Ansichten im Allgemeinen, 
ohne jedoch die Details klarer zu legen. 

Die Intelligenz im höheren Sinne ist von Alters her in den Stirnlappen 
verlegt worden, und stets wurde mit dieser Vorstellung die Idee 
mächtigerer Entwickelung der Stirn und der unmittelbar von ihr be- 
deckten Organgruppen verknüpft. Nun nimmt die Massenhaftigkeit 
des Hundehirns von Vorn nach Hinten zu. Au der Grenze des 
motorischen Abschnittes findet ein plötzlicher Sprung in der Entwicke- 
lung statt, so dass man den Eindruck erhält, als ob hier ein Organ- 
complex für reich ausgestattete Functionen mit einem spärlich 
Bedachtem zusammenstosse. Vor der vorderen Verlängerung der Syl- 
vischen Grube sind zwar die Flächen gross aber der Querdurchmesser 
klein. Der dahinter liegende motorische Theil ist bereits beträchtlich, 
noch stärker der occipitale und temporale Theil entwickelt. Ver- 
gleicht man mit diesem Verhalten des Substrates die Lebensäusserungen 



128 



lieber äquivalente Regionen am Gehirn 



desselben — die Seelenthätigkeiten , so scheint sich eine Parallele, 
wenn auch nur in grossen Zügen, fast von selbst aufzudrängen. 
Die geringe Entvvickelung bei gleichwohl gut zu unterscheidender 
Anlage des Stirnlapp ens würde der mangelhaften Ausbildung höhe- 
rer Seelenthätigkeiten beim Hunde wohl entsprechen; in absteigender 
Linie hat die viel weniger intelligente und bildungsfähige Katze (Vgl. 
Figg. 5 und 6) bereits einen beträchtlich reducirten Stirntheil auf- 
zuweisen. Durch die plötzliche, den motorischen Theil betreffende 
Massenzunahme würde die Menge der dem Hunde zukommenden 
Muskelleistungen gedeckt werden. Unvergleichlich höher als die 
Muskelthätigkeiten sind aber die, nach anatomischen Untersuchungen 
(Meynert) in den hinteren Hirnregionen zu suchenden, sen- 
suellen Fähigkeiten dieses Thieres veranlagt und auszubilden. 

Ich sah mich nun nach natürlichen und constanten Grenzlinien 
auf der Mantelfläche üm, und fand im Verhältniss der Furchenbiidung 
zur Function in der That gewisse x^nhaltspunkte. Die Fossa Sylvii 
erlaubt einen Theil der hinteren Abgrenzung der Scheitel region 
ohne Weiteres zu erkennen. Die mediale Hälfte dieser Grenze, so- 
weit sie auf der Convexität liegt, ist beim Menschen nur zu einem 
Theile durch die dem Hunde fehlende Fissura parieto occipit. scharf 
bestimmt. Beim Hunde lässt sich hingegen eine Trennung bald mehr 
bald weniger deutlich durch die ganze Mantelfläche verfolgen, wenn 
man eine Linie zieht von der Knickungsstelle der sylvischen Windung 
durch die Knickungen der um jene concentrisch gelagerten Windungen 
nach einer der obersten Knickung gegenüberliegenden und sich an 
der inneren Fläche des Randwulstes vorfindenden Einkerbung. An 
Stelle eines Theils dieser Knickungen findet man nicht selten Furchen- 
bildung, wie ich in Fig. 1 rechte Hemisphäre gezeichnet habe. Durch 
die angeführten, tiefgreifenden Einschnitte und durch die an oder 
mindestens dicht vor ihnen aufhörende motorische Reaction entsteht 
nun eine natürliche anotomische und physiologische Abgrenzung, 
welche durch den Umstand an Bedeutsamkeit gewinnt, dass andere 
natürliche Grenzlinien in den mehr rückwärts gelegenen Partieen 
nicht existiren. Der eine Theil dieser Grenzmarke, insoweit er der 
sylvischen Grube angehört, kann aber aller Analogie nach, nur 
auf den Scheitellappen bezogen werden, so dass nun die grösste 



des Hundes, des Affen und des Menschen. 



129 



Wahrscheinlichkeit erwächst, dass auch die medialen Einschnitte das 
hintere Ende dieser Eegion bezeichnen. 

Die vordere Grenze nahm ich a. a, 0. an der vorderen Verlän- 
gerung der sylvischen Grube an und sprach die Vermuthung aus, dass 
der Sulcus cruciatus (Leuret) Figg. 4 und 5 S. 79 mit der Furche 
Rolando's zu identificiren sei. Die nähere Begründung dieser An- 
sicht kann dort eingesehen werden. Inzwischen hat sich durch gleich 
zu erwähnende Untersuchungen in der unzweideutigsten Weise her- 
ausgestellt, dass diese letztere Annahme — Identificirung des Sulcus 
cruciatus mit der Furche Rolando's — irrig ist, während meine An- 
nahme, dass die erregbare Zone und ihr bis zu der erst erwähnten 
Grenze reichendes Nachbargebiet der menschlichen Scheitelregion ent- 
spricht, durch die gleichen Untersuchungen bis zu, an Gewissheit 
grenzender Wahrscheinlichkeit erhoben wird. 

Aus der Vergleichung der Figg. 9 und 8 S. 130 und 131 wird 
deutlich, eine wie grosse Aehulichkeit zwischen den Gehirnen selbst 
niederer Affen und dem des Menschen besteht. Während am Hirn 
des Hundes, der Katze und nahestehender Typen nur die Sylvische 
Grube mit Sicherheit zu identificiren ist, kann beim Affen die Ro- 
landische Furche und der Sulcus praecentralis, um die es sich 
hauptsächlich handelt, ohne Weiteres erkannt werden. So war es 
von grösstera Interesse Affengehirne auf die Lage der Muskelcentron 
untersuchen zu können. 

Indessen ist es in Berlin ausserordentlich schwierig und kost- 
spielig, sich lebende Affen zu verschaffen. Auf der anderen Seite ist der 
Sprung in der Gehirnforraation, welcher zwischen den übrigen Thieren 
und den Affen statthat, scheinbar so gross, dass die Vergleichung 
todter Gehirne, wie ich sie bereits vor längerer Zeit unternahm, zu 
allseitig überzeugenden Resultaten niclit führen kann. Endlich ist 
es mir, nachdem ich bereits fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, 
durch die Güte des Herrn Director Bodinus gelungen, aus den Be- 
ständen des hiesigen zoologischen Gartens ein noch kräftiges Exem- 
plar von Innuus Rhesus für diesen Zweck zu erhalten. — 

Bevor ich aber auf die Resultate dieser in Gegenwart mehrerer 
Professoren und Aerzte ausgeführten Vivisecfcion näher eingehe, will 
ich erwähnen, dass auch Ferrier am Affen experimentirt hat. Die 

Hitzig, Experiineutelle Untersuchungen. 9 



130 



üeber äquivalente Regionen am Gehirn 



Kesultate dieser Versuche sind mir zum Theil aus einem in der 
Times enthaltenen Referate zugänglich geworden. Allerdings lässt 
sich aus demselben nicht viel ersehen; nur scheint es, dass Ferrier 
wieder einen viel grösseren Theil der Rinde als erregbar anspricht 
und die Centren überhaupt mehrfach anders localisirt als ich, — 



Linke Hemisphäre nach Ecker. F. Lobus frontalis. P. Lobus parietalis. 
0. Lobus occipitalis. T. Lobus temporalis. S.- S.' Fossa Sylvii. R. R.' Sul- 
cus Rolando. S. p. Sulcus praecentralis. A. Vordere, B. hintere Centrai- 
windung. H. Abscess von Hitzig. W. Zertrümmerung von Wernher. (H. 
ist Behufs leichterer Vergleichung auf die linke Hemisphäre übertragen.) 

Die Operation — Eröffnung der linken Schädelhälfte — wurde 
in der Aether-Narkose und fast ohne jeden Blutverlust ausgeführt. 
Als der Affe wieder zu sich gekommen war, lag er so still, dass die 
elektrische Reizung mit viel grösserer Leichtigkeit als gewöhnlich 
an Hunden vorgenommen werden konnte. Da ich nicht die Hoffnung 
hegen durfte, sobald wieder in den Besitz eines Affen zu kommen, 
so sollte mir dieses Thier in erster Linie zur Beantwortung der 
Frage dienen, an welchen Theilen seines Gehirnes sich die- 
jenigen Punkte befänden, deren Reizung mit „schwachen 



Fig. 8. 




T/ 



des Hundes, des Affen und des Menschen. 



131 



Strömen" beim Hunde durch Bewegungen beantwortet 
wird. Die Untersuchung der übrigen ßindentheile wurde erst in 
zweiter Linie in Aussicht genommen. 

Fig. 9. 




Das erhaltene Kesultat war im höchsten Grade merkwürdig, 
üm es mit einem Worte zu sagen; Die sämratlichen Centren 
fanden sich in der vorderen Centraiwindung wieder, und 
zwar derart, dass sie deren Fläche von der grossen Horizontalspalte 
an bis hinab zur Syl vi sehen Grube einnahmen. Unmittelbar neben 
der Mittellinie, nur etwa 3 Mm. von derselben entfernt (1 Fig. 9), 
fand sich das Centrum für die hintere Extremität. Wieder 3 Mm. 
lateralwärts (2 Fig. 9) lag das Centrura für die vordere Extremität. 
Fast 7 Mm. lateralwärts (3 Fig. 9) wurde ein Theil der mit dem 
Gesichtsnerven zusammenhängenden Gebilde, endlich dicht an der 
Fossa Sylvii, 6 Mm. medianwärts von deren Rande und 12 Mm. von 
dem vorigen Punkte entfernt (4 Fig. 9) diejenigen Stellen gefunden, 
welche zu den Mund-, Zungen- und Kieferbewegungen in Beziehung 
stehen. — 

Besonders interessant war die künstliche Innervation der Muskeln 
der oberen Extremität, namentlich bei Reizung mit Inductionsströmen. 
Man konnte dadurch, dass man die Elektroden abwechselnd auf die 
verschiedenen Nachbargebiete des bezeichneten Punktes applicirte, 
eine grössere Zahl von entschieden coordinirten und zweckmässigen 
Bewegungen hervorrufen, die den willkürlichen Bewegungen des 

9* 



132 



Ueber äquivalente Regionen am Gehirn 



Thieres ganz ausserordentlich ähnlich sahen. Eine etwas mehr nach 
Vorn gelegene Stelle reagirte mit Pronation des Armes, wenige Milli- 
meter hinter derselben und etwas lateralwärts zwischen 2 und der 
Eolandi scheu Furche ergab die Reizung Extension des Carpus und 
Spreizung der Finger. Dicht daneben brachte man Greifbewegungen 
oder Zusammenlegen der Spitzen des Daumens und der beiden ersten 
Finger hervor. 

Das mehr lateralwärts gelegene Centrum 3 antwortete mit Re- 
traction des Ohres und Schluss des Auges. Ging man nun noch 
mehr lateralwärts, so gesellten sich zu den Ohrbewegungen noch 
Contractionen der Masseteren, endlich Lippenbewegungen, und an 
der Stelle unmittelbar über der Fossa Sylvii auf den Inductionsstrom 
intensives Aufsperren des Mundes. Etwas höher als dieser Centrai- 
punkt, jedoch noch mit ihm zusammenhängend, trat Retraction der 
Mundwinkel und in einer ebenfalls sehr benachbarten, aber nicht 
genau bestimmten Gegend traten Bewegungen der Zunge, sowie der 
übrigen zwischen Kiefer, Zungenbein und Sternum belegenen Motoren 
ein. Die um den Punkt 4 gruppirten Bewegungen waren sämmtlich 
doppelseitig. Dicht bei dem Centrum für die vordere Extremität 
bekam man auch eine Rotation des Kopfes von rechts nach links, 
während ein leichtes Heben des Kopfes von einer etwas lateral- und 
rückwärts von dem Centrum für den oberen Theil des Facialis ge- 
legenen Stelle ausgelöst wurde, — 

Das Zuckungsmiuimum lag im Allgemeinen an diesen Stellen 
sehr niedrig; im obern Theil des Facialis traten die Bewegungen 
schon bei 10 S. E. W, stark, in den Masseteren spurweise auf. Die 
Armbewegungen erforderten etwas stärkere Ströme bis zu 30 S. E. W. 
Das Zuckungsminimum bei Reizung mit dem Inductionsstrome lag 
für Orbicularis palpebrar.- und Ohrbewegungen schon bei 120 Rollen- 
abstand, die Extremitäten reagirten deutlich auf 110, die Oeffnung 
der Kiefer erfolgte hingegen erst bei 100 R. A. 

Es wurde leider versäumt zu untersuchen, ob von dem Centrum 
für den Orbicularis palpebrarum aus auch Augenbewegungen hervor- 
zubringen wären. Indessen ist dies nach Analogie der am Hunde 
und der Katze von mir erzielten Resultate wohl mit Sicherheit vor- 
auszusetzen. 



des Hundes, des Aflfeu und des Menschen. 



133 



Die eigentliche Parietal-Kegion, sowie auch der Stirnlappen wurden 
nur oberflächlich untersucht, nachdem mit Sicherheit constatirt worden 
war, dass dieselben schwache Ströme mit Zuckungen nicht beant- 
worteten. Vor dem Sulcus praecentralis ergab z. B. Ausschaltung 
der Nebenschliessung oder 80 R. A. Drehung des Kopfes von links 
nach rechts und intensive doppelseitige Contraction des Frontalis, 
während Reizung mit 100 S. E, W. unbeantwortet blieb. Etwas leichter, 
jedoch auch nur auf verhältnissmässig starke Ströme reagirte die 
hinter der Rolandischen Furche gelegene Partie des Scheitel- 
lappens, am leichtesten noch der obere Theil der hinteren Centrai- 
windung. Mehr nach hinten zu hörten auch bei starken Strömen 
alle Zuckungen auf. Ueberall, wo man überhaupt Zuckungen bekam, 
betheiligte sich übrigens auf Anwendung stärkerer Ströme das Ohr. 
Ausserdem gewannen die Zuckungen auf so starke Ströme immer 
einen mehr weniger allgemeinen Charakter, und es gelang nicht, so 
geartete Bewegungen wie in der vordem Centraiwindung auf ganz 
kleine Stellen zu localisiren. 

Ich stehe unter diesen Umständen nicht an, d i e v o r d e r e C e n t r a 1 - 
Windung als die eigentlich motorische Partie der Hirn- 
rinde des Affen, oder vielmehr als denjenigen Theil zu 
bezeichnen, welcher in sehr oberflächlicher Lage Zu- 
sammenfassungen fast sämmtlicher Kör permuskeln ent- 
hält. — 

Die Contractionen der Ohrmuskeln, des M. frontalis und anderer 
mehr weniger grosser Gruppen von Muskeln, die nur durch stärkere 
Ströme, dann aber von ausgedehnten Flächen aus hervorzurufen 
waren, betrachte ich als Producte von Strom schleifen nach tiefer 
liegenden Theilen. Aehnlichen Reizeffecten sind wir bei Besprechung 
der Versuche Ferrier's in Menge begegnet. Ich erinnere z. B. an 
die bei Reizung des ganzen Hinterhirns der Katze entstehende Dre- 
hung des Kopfes und die ein ähnliches Verhalten zeigenden Augeu- 
bewegungen. Auf S. 19 und 20 haben wir schon dargelegt, wie 
gerade die strenge Localisation der Zuckungen ein Beweis für die 
oberflächliche Lage unserer Centren ist. Consequenter weise wird 
das entgegengesetzte Verhalten den Schluss auf Stromschleifen nach 
tiefer liegenden Theilen bedingen. 



134 



Ueber äquivalente Regionen am Gehirn 



Wesentliche Differenzen gegenüber den anderweiten Reizeffecten, 
aber eine auffällige Uebereinstimmung mit den gleichnamigen Be- 
wegungen beim Hunde und der Katze zeigten die Fressbewegungen. 
Sie traten nicht nur grossentheils doppelseitig auf, sondern sie er- 
forderten auch wiederum stärkere Ströme. Indessen muss doch 
hervorgehoben werden, dass die Masseteren sich hier schon auf den 
Eeiz ganz schwacher Ströme bewegten. Andererseits erfordert die 
Kieferöffnung neben Ueberwindung eines beträchtlichen Widerstandes 
das zweckmässige Zusammenwirken einer grösseren Zahl von Muskeln. 
Hierin könnten Momente zur Erklärung jener Verschiedenheiten ge- 
funden werden. Die Doppelseitigkeit der Bewegung bleibt dabei aber 
ganz unbeleuchtet, und sie darf um so weniger ausser Acht gelassen 
werden, als doppelseitige Bewegungen in einzelnen Motoren schon 
bei geringen Stromstärken beobachtet wurden. 

Man möge mir fernere Zurückhaltung über dieses Thema auch 
jetzt noch um so mehr gestatten, als der Gesichtskreis doch nur 
durch die Resultate eines Versuches erweitert worden ist. — 

Betrachten wir nun das anatomische Verhältniss dieser 
Region zu denjenigen Theilen des Hundehirns, welche ihr in physio- 
logischer Beziehung parallel zu setzen sind, so stellt sich heraus, 
dass meine Ansicht, nach der die erregbaren Theile am Menschenhirn 
in der parietalen Gegend zu suchen sein würden, schon durch die 
Reaction des Affenhirns Bestätigung findet. Ich sehe dabei \on der 
unter den Anatomen herrschenden Meinungsverschiedenheit, ob die 
vordere Centraiwindung zum Stirn- oder Scheiteil appen zu rechnen 
sei, übrigens ab, und berücksichtige nur ihr Lageverhältniss zum 
Schädel. Wie Bisch off nachgewiesen hat wird die vordere Centrai- 
windung noch durch das Scheitelbein mitbedeckt und steht insofern 
allerdings in einer natürlichen genetischen Beziehung zu den anderen 
von dem gleichen Knochen bedeckten Windungen. 

Der Furchenbildung lege ich freilich wichtige Beziehungen zu 
den Hirnfunctionen unter, aber nicht derart, dass ich aus dieser 
oder jener Variante oder aus der Massenhaftigkeit irgend welche 
Schlüsse abzuleiten gedächte. Eben so wenig erblicke ich die Noth- 
wendigkeit, dass jeder Lappen bei jeder Speeles von einer mehr oder 
weniger durchschneidenden Transversalfurche begrenzt sei. Wo aber 



des Hundes, des Affen und des Menschen. 



135 



derartige tiefeinschueidende Furchen den Typus vervollständigen und 
nicht etwa blos gelegentlich als Anomalien vorkommen, scheinen 
sie mir als natürliche Grenzen für eine bestimmte Zahl grosser 
Gruppirungen von Functionen gelten zu können. Es ist klar, dass 
Zusammengehöriges nicht durch tiefe Furchen getrennt sein darf. 
Denn dadurch würde wegen der nothwendigen Verbindungsbahnen 
eine unendliche Verschwendung an Raum und Material veranlasst 
werden. 

Von demselben Gesichtspunkte aus betrachte ich die beim Men- 
schen regelmässig vorhandenen Ueberbrückungen der vor der Centrai- 
furche transversal verlaufenden Furche, wodurch dieselbe in mehrere 
Fragmente zerrissen wird. Wahrscheinlich werden sehr nahe Rinden- 
beziehungen zwischen Stirnlappen und vorderer Centraiwindung von 
Nöthen sein. Deshalb können aber doch die Functionen der Stirn- 
und der Scheitelregion so sehr als möglich differiren. Lassen wir 
z. B., um einen nahe liegenden Gedanken aufzugreifen, einen Theil 
der Klang -Wortbilder in der dritten Stirnwindung deponirt sein, so 
wird allerdings das Bedürfniss einer directen Verbindung zwischen 
diesem Rindenbezirke und dem die Centraiorgane der Sprechmuskeln 
bergenden der vorderen Centraiwindung entstehen. Es wäre ja im 
höchsten Grade umständlich und unzweckmässig, wenn die Verbindung 
erst durch Umgehung der Furche hergestellt werden sollte. 

Andererseits denke ich nicht daran aus der verhältnissmässig 
glatten Oberfläche der Stirn-Scheitelregion unseres kleinen Aeffchens 
etwa besonders innige Beziehungen zwischen irgend welchen Rinden- 
organen ableiten zu wollen. Die Zahl und Complicirtheit der Furchen 
steht so offenbar in directem .Zusammenhange mit der Massenhaftig- 
keit des Gehirnes, dass man aus ihrem örtlichen Fortfalle, der An- 
sicht Reichert's folgend, nur schliessen kann, dass die anderweitigen 
Einschnitte ausreichen, die Blutgefässe genügend tief in das Innere 
des Organes eindringen zu lassen. 

Die eben ausgeführten Anschauungen werden anderweitig unter- 
stützt durch Vergleichung der Lage der erregbarsten Stellen beim 
Affen und beim Hunde. Sie liegen bei dem Letzteren scheinbar in 
zwei verschiedenen Windungen und deren Adnexen, bei dem Ersteren 
jedoch in einer einzigen Windung. So verwirrend dieser Umstand 



136 



Ueber äquivalente Regionen am Gehirn 



ZU Anfang war, so sehr hat er nachher, als die Vergleichnng vieler 
Gehirne mir erst den Schlüssel gegeben hatte, zur Klärung meines 
eigenen Urtheils in der Frage beigetragen. 



Ich glaube, dass die Vergleichnng des unter Fig. 10 abgebildeten 
Hundehirns mit dem Alfenhirne, namentlich wenn meine anderen Ab- 
bildungen mit heran gezogen werden, allseitig überzeugend wirken 
dürfte. Man sieht an demselben nämlich, wie die beiden hier in 
Frage kommenden, die Centren tragenden Gyri breit in einander 
übergehen, so dass sie einen hakenförmigen Gyrus bilden. Denkt 
man sich nun diesen Haken gestreckt, so dass der nach Vorne liegende, 
laterale Theil (bei 4) ganz an den lateralen Kand und an seine 
Stelle der gekrümmte Theil des Hakens käme, so hat man das 
Lageverhältniss der Centren zu einander, wie es beim 
Affen existirt, vollkommen wiederhergestellt. Von der 
Mittellinie nach Aussen gerechnet würden die Centren in derselben 
Reihe auf einanderfolgen, nämlich hintere Extremität 1, vordere Ex- 
tremität 2a und Nacken- 2b, Gesichts- 3, endlich 4 Fressbewegungen. 

Wenn nun diese beiden zu einem vereinigten Gyri als vordere 
Centraiwindung aufzufassen sind, so muss folgerecht die ßolandi- 
sche Furche unmittelbar hinter ihnen zu suchen sein. An dem auf 
Fig. 10 abgebildeten Gehirne existirt aber an dieser Stelle wenigstens 
linkerseits keine durchschneidende Furche, sondern es besteht eine 



Fig. 10. 



Fig. 11. 




des Hundes, des Affen und des Menschen. 



137 



Brücke zwischen den zwei mit R. R. R. bezeichenden Fragmenten. 
Auf der rechten Hemisphäre desselben Gehirns fehlt jedoch diese 
Brücke, so dass die beiden Fragmente zu einer grossen Furche zu- 
sammen laufen. Dadurch entsteht ein Bild, welches Fig. 3 besonders 
gut versinnlicht. Fig. 1 rechte Hirnsphäre zeigt ein ähnliches Gehirn 
von oben gesehen. 

Vergleicht man sehr viele Hundegehirne auf das Verhältniss 
jener beiden Windungen und der sie umgebenden Furchen, so sieht 
man gleiche oder ähnliche Varianten immer wiederkehren. Die rechte 
Hemisphäre des Gehirns Fig. 10 enthält z. B. eine Uebergangsstufe 
zu dem Zusammenfliessen der beiden Gyri. Es besteht eine schmalere 
secundäre Windung zwischen ihnen. Ebenso schneidet an anderen 
Gehirnen bald einmal die von Vorn nach Hinten, bald einmal die 
median-lateralwärts verlaufende Furche durch. Dies beweist nach 
meinen eben entwickelten Anschauungen nur, dass beim Hunde die 
beiden Hälften der als Gyrus praecentralis zu betrachtenden Win- 
dungen irgend welche wichtige physiologische Verbindungen unter- 
einander in der Rinde nicht eingehen. In der That liegt auch auf 
der Hand, dass die in der einen Hälfte zusammen localisirten Or- 
gane — Extremitäten und Rumpf — gemeinschaftlicher und naher 
Beziehungen bedürfen, und dass dasselbe für die in der anderen 
Hälfte zusammen liegenden, nämlich Gesichts-, Augen-, Zungen- 
und Kieferbewegungen zutrifft, während diese beiden grossen Com- 
plexe in relativer Unabhängigkeit von einander stehen. 

Bei der Katze ist das Zusammenfliessen jener beiden Gyri (e und 
f) die Regel, während die Furchen bei den von mir untersuchten 
Hirnen gesondert bleiben. Jedenfalls hat die Vergleichung der Ge- 
hirne sehr vieler Thiere derselben Species etwas ungemein Belehren- 
des, und ich glaube, dass ich mit dieser Beschäftigung meine An- 
sichten berichtigt und erweitert habe. Indessen fehlt mir das Material 
um das gleiche Studium auf viele Species und deren Embryonen aus- 
dehnen zu könneit, während Abbildungen, die ja doch immer nur den 
Typus geben, wenig fördern. 

Deshalb halte ich mich zu einer irgend weitergehenden Ausfüh- 
rung dieser vergleichenden Betrachtung nicht für berechtigt und 
möchte nur gerade das feststellen und erklären, was aus den Reiz- 



138 



Ueber äquivalente Regionen am Gehirn 



versuchen direct hervorgeht. Dies aber last sich wohl mit einem 
Worte dahin zusammen fassen, dass die Gyri e, /des Hundes 
und der Katze demGyruspraecentralis des Affen und die 
Gyri g, h dem Koste der Scheitelregion wahrscheinlich 
entsprechen. Hieraus folgt denn unmittelbar, dass meine früher 
ausgesprochene Annahme, nach der die rudimentären Gyri a, c 
und der Gyrus d des Hundehirns die Anlage des Stirnlappens ent- 
hielten, und ihrer Weiterentwickelung die Massenzunahme des Hirns 
der Primaten vorwiegend zu danken sei, dem wirklichen Sachverhalte 
entspricht. Denn die Weiterentwickelung des Stirnhirns lässt sich 
an der Stufenleiter der Affen bis zu den, dem menschlichen Gehirne 
immerhin sehr nahestehenden Gehirnen der anthropoiden Affen ohne 
Schwierigkeit nachweisen. Der einzige Punkt, um den sich Alles 
dreht, und der deshalb der ferneren und festesten Begründung auf 
das Dringendste bedarf, ist der eben angestrebte Nachweis, dass 
wirklich Gyrus e und / des Hundes der vorderen Centraiwindung 
des Affen resp. des Menschen äquivalent sind. — 

Von diesem Gesichtspunkte aus sind pathologische Beobachtungen 
am Menschen, soviel sich auch gegen deren zu unbedingte Benutzung 
einwenden lässt, Behufs weiterer Förderung der Sache nicht zu ver- 
schmähen. Alle unsere Beweise kommen am letzten Ende darauf 
hinaus, dass wir jeden Weg betreten der die Wahrscheinlichkeit des 
zu Beweisenden mehr und mehr erhöht. Bis zur Gewissheit des 
mathematischen Beweises bleibt immer noch eine Lücke, deren Be- 
deutsamkeit ich, insbesondere bei unserem Thema wahrlich nicht 
unterschätze. 

Ich habe in der vorigen Abhandlung von den Schwierigkeiten, 
welche sich der physiologischen Ausnutzung klinischer Beobachtungen 
entgegenthürmen , bereits gesprochen. Um nicht durch ein leicht 
mögliches Missverständniss noch neue Hindernisse für die gleichmässige 
Beurtheilung solcher Thatsachen entstehen zu lassen, fühle ich mich 
verpflichtet, an dieser Stelle, und bevor ich selbst auf derartige Er- 
örterungen eingehe noch einmal ausdrücklich hervorzuheben, dass ich 
weder die vordere Centraiwindung des Affen, noch die Gyri / des 
Hundes als die einzigen mit der Muskelbewegung in Zusammenhang 
stehenden Theile des Grosshirns betrachtet wissen will. Meine bis- 



des Hundes, des Affen und des Menschen. 



139 



herigen Keizversiiche an der Rinde richteten sich vielmehr ganz 
allein auf die Feststellung derjenigen centralen Zusammenfassungen 
und ihrer örtlichen Anordnung, welche am oberflächlichsten 
und deshalb für die Reizmittel des Untersuchenden am zugäng- 
lichsten liegen. Ausser diesen giebt es gewiss noch andere 
gleichen Werthes und möglicherweise wieder andere verschiedenen 
Warthes. Jede einzelne der untersuchten Thierspecies liess bei An- 
wendung mässig starker Ströme die eine oder die andere Muskel- 
bewegung vermissen. Es ist kein Grund wahrzunehmen, warum 
nicht auch diese Motoren durchaus äquivalente Zusammenfassungen 
im grossen Gehirn besitzen sollten. Vielleicht liegen dieselben in 
der Tiefe der von den Wülsten gebildeten Faltungen. Vielleicht ist 
ihre Faseranordnung derart zerstreut, dass schwache Ströme zur Be- 
thätigung der Function nicht geeignet sind. Man kann darüber nur 
Vermuthungen haben. 

Diese Umstände werden namentlich bei der Beurtheilung von 
Läsionen, welche die hintere Centraiwindung und den Rest der 
Scheitelregion betrafen, in Rechnung zu ziehen sein. Es wäre gewiss 
sehr wünschenswerth, wenn bei von Aussen her eindringenden, mit 
Krämpfen oder Paresen verknüpften Processen dieser Gegend beson- 
derer Fleiss auf makroskopische und mikroskopische Untersuchung der 
Tiefe verwendet würde, bis zu der die Veränderung sich ausge- 
breitet hat. — 

Es ist nicht meine Absicht, die ganze Literatur der OberÜächen- 
Aflfectionen des Grosshirns in die Besprechung zu ziehen. Dahin- 
gehende Bestrebungen, die übrigens wohl von anderer Seite her in 
Aussicht genommen sind, finden noch besondere Schwierigkeiten, wie 
schon Ecker hervorgehoben hat, in der mangelhaften Kenntniss, 
welche das ärztliche Publicum von den typischen Grosshirnwindungen 
besass, und der damit in Verbindung stehenden mangelhaften Locali- 
sation der Krankheitsheerde. Man würde sich einer entschiedenen 
Förderung der Sache versehen können, wenn die verdienstliche Schrift 
von Ecker: „Die Hirnwindungen des Menschen," Braunschweig 
1869, durch welche die Orientirung ausserordentlich erleichtert wird, 
den Aerzten bekannter würde. Ich werde also an dieser Stelle nur 
diejenigen Rindenaffectionen zur Besprechung heranziehen, welche 



140 



lieber äquivaleute Regionen am Gehirn 



seit der Veröffentlichung unserer ersten Untersuchungen Gegenstand 
der Discussion geworden sind. 

Die erste hierhergehörige Beobachtung habe ich selbst in dem 
vorigen x\ufsatze mitgetheilt, und ich glaube, dass sie trotz der com- 
plicirenden Momente, welche durch die bei der Section gefundenen 
meningitischen Producte dem an und für sich klaren Sachverhalte 
beigemischt sind, ein ungewöhnliches Interesse beanspruchen darf. 
Dieses Interesse liegt in dem Umstände begründet, dass einerseits, 
die während des Lebens wahrnehmbaren Erscheinungen von Einden- 
reizung — Krämpfe von ihrem ersten Anfange an durch mich selbst 
in allen ihren Details verfolgt wurden, dass sich ferner parallel dem 
äusserlich wahrnehmbaren Ausgangspunkte der Krämpfe auf der Hirn- 
rinde ein bestimmter Ausgangspunkt der Centraierkrankung auffinden 
Hess, welcher seinerseits wieder durch das mit gleichen 
Keizeffecten antwortende Centrura des Affenhirns ört- 
lich gedeckt wird. 

Der oben beschriebene Abscess hatte seinen Sitz in der vor- 
deren Centraiwindung bei H (Fig. 8). Diese Stelle liegt zwischen 
dem Centrum 3 und 4 (Fig. 9) des Affengehirns. Bei ihrer Reizung 
„trat Ketraction der Mundwinkel, Bewegungen der Zunge, sowie der 
übrigen zur Zunge in Beziehung stehenden zwischen Kiefer, Zungen- 
bein und Sternum belegenen Motoren ein." Die letztangeführten 
Bewegungen waren sämmtlich doppelseitig. Die ersten Krampfanfälle 
meines Patienten betrafen namentlich die Muskeln um Mund und 
Nase, die Muskeln der Zunge in hohem Grade und zwar doppelseitig, 
ausserdem in geringerem Grade solche Muskeln, welche sowohl in der 
Peripherie benachbart liegen, als auch in der Hirnrinde nachbarliche 
Innervationsheerde besitzen — Orbicularis palpebrarum besonders, 
dann vordere Halsmuskeln. Unmittelbar nach dem Anfalle bestand 
eine sehr passagere aber für den Moment fast complete Lähmung 
des Facialis und der entsprechenden Zungenhälfte. 

Schon bei diesem Anfalle lässt sich eine allmälige Verbreitung 
des Eeizes auf Muskeln, deren Centraiorgan beim Affen etwas mehr 
medianwärts liegt, nachweisen; zuerst zuckten die Muskeln um den 
Mund und die Zungenmuskeln, nachher der Orbicularis palpebrarum 
(Centrum 3). Unmittelbar auf diesen Anfall folgte ein anderer, der 



des Hundes, des Affen und des Menschen. 



141 



eine weitere Verbreitung des Keizes nach der Mittellinie zu andeutet. 
„Etwa 10 Minuten nach dem Sistiren des so eben beschriebenen An- 
falls traten ganz analoge klonische Zuckungen von geringer Inten- 
sität und Dauer in sämmtlichen Beugemuskeln der Finger inclusive 
des Daumens der linken Hand (Centrum 2) ein, während gleichzeitig 
der Facialis nur ein leichtes Vibriren zeigte." Bald gesellten sich 
auch Augenmuskeln und andere Muskeln der oberen Extremität, 
dazu, die Muskeln der unteren Extremität aber, deren Centrum (1) 
beim Ajfen am entferntesten von der Stelle des Abscesses liegt, 
blieben bis zu Ende in Ruhe. Diejenigen Muskeln, deren cen- 
traler Innervationsheerd nach unten unmittelbar an den Abscess 
grenzt, die eigentlichen Herabzieher des Unterkiefers wurden eben- 
falls nicht in Bewegung gesetzt. Man wird hierbei daran erinnert, 
dass für die künstliche Kieferöffnung sowohl beim Hunde, als auch 
beim Affen stärkere Ströme erfordert wurden. Endlich findet sich, 
dass die einzige wirklich zerstörte Stelle im Gehirn, der Abscess, 
genau dort sitzt, wo die einzigen bei Lebzeiten gelähmten Muskeln, 
die des Gesichtes und der Zunge in der Hirnrinde des Affen ihr 
motorisches Centraiorgan haben. — 

Nicht lange nach der Publication meiner Beobachtung erschien 
eine in mancher Beziehung ähnliche von Wernher'). Durch ein 
Trauma war das linke Schläfenbein verletzt, die Dura und Pia durch- 
rissen und die beiden Gyri, Avelche die Sylvische Grube begrenzen, 
gegenüber dem unteren Ausläufer der Kol an di sehen Furche (W 
Fig. 8) zerquetscht. Nachdem schon am zweiten Tage eine leichte 
Parese der Schliessmuskeln des Unterkiefers und des Levator palpe- 
brae superioris nebst einer aphasischen Sprachstörung beobachtet 
war, begannen am dritten Tage Krämpfe. Dieselben gingen niemals 
in allgemeine Convulsionen über, sondern beschränkten sich immer 
auf einzelne Muskelgruppen der gegenüberliegenden (rechten) Körper- 
hälfte. Insbesondere wurde der rechte Mundwinkel, die Nasenflügel, 
die Lider, die Zunge in Bewegung gesetzt ; ferner machten die Finger 



1) Verletzung des Lobas frontalis der linken Grosshirnhälfte, ein Beitrag 
2ur Pathologie der Gehirnverletzungen und zur Localisation der Gehirnfunc- 
tionen. Virchow's Archiv Bd. LVI. H. 3. 



142 



Ueber äquivalente Regionen am Gehirn 



krampfhafte Flexions- und Extensionsbewegungeii ; auch die Muskeln 
der rechten Hals- und Nackenseite waren in ähnlicher Weise bethei- 
ligt. Als der Kranke am sechsten Tage zu Grunde gegangen war, 
fand sich ausser den erwähnten Veränderungen, dass auf der Ober- 
fläche der linken Hemisphäre ein im Zerfallen begriffenes Blutextra- 
vasat lag, welches hauptsächlich den linken Stirnlappen einnahm, 
sich aber auch über den Scheitel- und Schläfenlappen erstreckte. 
Die Oberfläche des Frontallappens war bis zu ganz geringer Tiefe 
erweicht, während die Hirnhäute keine wesentlichen Veränderungen 
zeigten. 

Durch die letztangeführten Befunde, sowie dadurch, dass die 
ursprüngliche Läsion sich über drei Windungen erstreckte, wird die 
Eeinheit der Beobachtung wesentlich getrübt, ebenso wie die eitrige 
Meningitis in meinem Falle complicirende Momente eingeführt hatte. 
Gleichwohl ist dieser Publication eine grosse Wichtigkeit nicht ab- 
zusprechen, denn nach den früher schon hervorgehobenen Erfahrungen 
zu schliessen, darf man kleine Läsionen der Oberfläche ohne ander- 
weitige Zerstörungen der Hirnsubstanz und ohne Betheiligung der 
Häute nur höchst ausnahmsweise auf dem Sectionstische erwarten. 
Es wird also wesentlich darauf ankommen durch fernere Autopsieen 
zu constatiren, ob Verletzungen des Rolandischen Theiles der ersten 
Temporalwindung oder des Sylvischen Theiles der hintern Centrai- 
windung partielle Convulsioueu hervorgebracht haben. Vor der Hand 
aber dürfte als wesentlich hervorzuheben sein, dass wiederum eine 
Verletzung des unteren Areals der vorderen Centraiwindung 
localisirte Krämpfe auslöste, welche das Gesicht, die Zunge, die 
obere Extremität und den Hals in Bewegung setzten, während wie 
in meinem Falle die untere Extremität, deren Centraipunkt am 
weitesten von dem Heerde entfernt liegt, in Ruhe blieb. — 

Vergleichen wir hiermit eine Beobachtung von Griesinger') 
auf die M. Bernhardt neuerdings wieder aufmerksam gemacht hat. 

Ein 41jähriger Tagelöhner war plötzlich mit Zuckungen im 
rechten Beine, die Anfangs nicht alle Tage kamen und nur ganz 



1) Cysticerken und ihre Diagnose. Gesammelte Abhandlungen, Berlin, 
1872, Band I, S. 399—443. 



des Hundes, des Affen und des Menschen. 



143 



momentan waren, erkrankt. Später wurden die Anfälle häufiger, so 
dass sie selbst mehrmals täglich auftraten. Vier Wochen nach dem 
Beginne der Erkrankung wurde auch der rechte Arm convulsivisch 
bewegt, während gleichzeitig eine leichte Parese beider Extremitäten 
eintrat. Acht Tage später wurde Patient in die Gr iesinger'sche 
Klinik aufgenommen, wobei noch constatirt wurde, dass durch will- 
kürliche Bewegungen des Beines sofort ein Krampfanfall hervorge- 
bracht werden konnte. Dabei dreht sich der Kopf stark nach rechts 
und es tritt Zittern und Zucken bald in den Flexoren bald in den 
Extensoren der rechten Extremitäten ein. Beide Bulbi stellen sich 
nach rechts, beide Pupillen erweitern sich und reagiren nicht, manch- 
mal beide, gewöhnlich ein Facialis betheiligen sich an dem Anfalle; 
auch die im Munde liegende Zunge zittert am Ende des Anfalls. 
Zu Anfang seiner Krankheit war der Patient nur ausnahmsweise 
bewusstlos geworden, später hingegen immer, ohne dass sich jedoch 
mit Ausnahme der letzten Zeit seines Lebens Muskeln der andern 
Körperhälfte betheiligt hätten. Hingegen war eine Anfangs kaum 
wahrnehmbare Facial-Paralyse noch am Todestage nicht recht deutlich 
geworden, während die Extremitäten längst ganz gelähmt waren. 

Der Kranke starb 80 Stunden nach der Aufnahme. Bei der 
Section fand sich zunächst eine 4 Cm. breite, 4,3 Cm. lange, 5—6 
Cysticercus-Blasen enthaltende Cyste, welche unmittelbar der linken 
Seite der Falx anlag, Ihr vorderes Ende entsprach einer vom Ohr 
heraufgezogenen Linie. Ausser dieser Blase sassen noch 5 etwa 
bohnengrosse Säcke an der Oberfläche derselben Hemisphäre und 
zwar sowohl in den hinteren Partieen des Scheitellappens als auch 
auf dem Stirnlappen. Die beigegebene Zeichnung ist nicht sehr deut- 
lich und es fehlt leider die Benennung der Gyri. Indessen sind 
doch zwei transversal verlaufende Gyri, welche die Stelle der Centrai- 
windungen einnehmen, deutlich umrissen, und wenn ich mit der 
Zeichnung die Bemerkung, dass eine vom Ohr heraufgezogene Linie 
das vordere Ende des Sackes getroffen hätte, in Beziehung bringe, 
so scheinen mir diese Gyri allerdings den Centraiwindungen zu ent- 
sprechen. Denn die genannte Cyste bedeckt die medialen Ausläufer 
derselben gänzlich und dehnt sich um ein Geringes nach Vorne und 
Hinten aus. 



144 



üeber äquivalente Regionen am Gehirn 



Vergleichen wir nun die Ausbreitung der Krampferscheinungen 
dieses Falles und der beiden anderen angeführten Beobachtungen, 
so finden wir, dass die Eeihenfolge eine umgekehrte war. Hier wurde 
zuerst das Bein, dann der Arm, dann die übrigen Muskeln ergriffen. 
So sass dann auch die grosseste Cyste an dem medialen Kande der 
Hemisphäre zunächst dem Centraipunkte für die untere Extremität, 
während in den beiden anderen Fällen die Läsion den lateralen Theil 
einnahm. Allerdings ist auch diese Beobachtung nicht rein, denn 
nicht nur occupirte der Sack den Bereich mehrerer Windungen, son- 
dern es fanden sich auch mehrere andere, wenn gleich viel kleinere 
Blasen an anderen Stellen des Gehirns. Mit Bezug hierauf könnte 
ich nur die anlässlich der vorigen Beobachtungen gemachten Bemer- 
kungen wiederholen. 

Uebrigens würden auch die später auftretenden linksseitigen 
Krampfanfälle ihre Erklärung in einer stark haselnussgrossen Blase 
finden, welche offenbar an der unteren Grenze des medialen Drittels 
der vorderen Centraiwindung lag, wenn es nicht sein Missliches hätte, 
Schlüsse aus Krampfanfällen ziehen zu wollen, die den Charakter der 
epileptischen schon angenommen haben. — 

Grösseres Interesse gewinnen diese Beobachtungen noch durch 
einige kriegschirurgische Erfahrungen, welche Löffler') mittheilt, 
und auf die Th. Simon^) bereits die Aufmerksamkeit gelenkt hat. 

Im Anschlüsse an die Beobachtung Griesinger's ist zunächst 
Löffler's Fall 233) von Interesse. Hier bestand eine Schussfractur 
beider Scheitelbeine auf der Höhe des Scheitels. Die Wunde war 
etwa 8 Groschen gross, die Dura nicht verletzt, hingegen nach Innen 
gedrückt. Hier nun waren beide Beine gelähmt und hyperästhetisch, 
während anderweitige Lähmungserscheinungen nicht eintraten. 

Daran reiht sich der vollkommen mit den angeführten That- 
sachen im Einklänge stehende 19. Fall*). Ein dänischer Unter- 



1) Generalbericht über den Gesundheitsdienst im Feldziige gegen Däne- 
mai k 1864, Berlin 1867. 

2) Zur Pathologie der Grosshirnrinde. Berl. klin. Wochenschr. 1873. No. 
4 und 5. 

3) A. a. 0. S. 89 f. 

4) A. a. 0. S. 82 £f. 



des Huudes, des Affen und des Menschen. 



145 



corporal war am vorderen oberen Winkel des linken Scheitelbeins 
nahe der Pfeilnaht durch eine Flintenkugel verwundet worden. Es 
bestand eine 2 Zoll lange, | Zoll breite und 4 Linien tiefe Depression. 
Bei der Trepanation wurde ein 12 Linien langes, 5 Linien breites 
und 2| Linien dickes Knochenstück entfernt, welches die Dura durch- 
bohrt und den Sinus longitudinalis verletzt hatte. „Im Moment der 
Verletzung war der Soldat zusammengebrochen und nicht melir von 
der Stelle gegangen, weil das rechte Bein vollkommen be- 
wegungs- und gefühllos geworden." Am siebenten Tage 
nach der Verwundung dehnte sich die Lähmung über den 
rechten Arm aus; verschwand aber aus diesem Gliede bald wie- 
der, während sich die Lähmung des Beines langsam verbesserte. 
Also auch in diesem Falle betraf eine Läsion der Scheitelhöhe der 
vorderen Ceutralwindung (die vorderste Partie des Scheitelbeines deckt 
die vordere Centraiwindung) zunächst die Innervation des Beines und 
breitete sich dann entsprechend der Lage der Centren auf den Arm 
aus, ohne die übrigen Muskeln des Körpers insbesondere die des 
Gesichts in ihr Bereich zu ziehen. 

Der Kranke des Falles 11') hatte einen Splitterbruch durch 
eine streifende Flintenkugel erhalten. Das rechte Scheitelbein war 
auf seiner Höhe in der Ausdehnung von 1 Zoll Länge und | Zoll 
Breite zerschmettert. Bei der Section fand sich ein Hühnerei grosser 
Abscess. Die Extremitäten waren sofort gelähmt gewesen, der Facialis 
wurde jedoch erst am 11. Tage paretisch und am 12. Tage deut- 
licher gelähmt. — Auch im Falle 20^) hatte eine Schussfractur der 
Höhe des rechten Scheitelbeins ausschliesslich zu einer Parese der 
linken unteren Extremität geführt. — 

Th. Simon^) endlich beschreibt den Fall eines dementen Knaben, 
der neben Aphasie rechtsseitige Extremitäten-Lähmung und Contractur 
hatte. Der Facialis war hingegen bis zu Ende freigeblieben. Bei 
der Section wurde Atrophie und Sklerose der linken Grosshirn- 
rinde ohne Betheiligung tieferer Schichten gefunden. Der Process 



1) A. a. 0. S. 73. 

2) A. a. 0. S. 88. , 

3) A. a. 0. No. .5. 

Hitzig, Experimeutelle Untersuchungen. 



10 



146 



lieber äquivalente Regionen am Gehirn 



hatte die untere Hälfte der hinteren Ceutralwindung, die unterste 
Spitze der vorderen, die Inselwindungen, die ganzen hintereu zwei 
Drittel der dritten Stirnwindung, die Parietal -Windungen mit Aus- 
nahme der obersten und sämmtliche Occipital -Windungen zerstört. 
Diejenigen Theile indessen, wo die Centraipunkte für den Facialis 
und die Extremitäten zu suchen wären, waren verschont geblieben. 
Die während des Lebens an den Extremitäten beobachteten Motilitäts- 
störungen würden sich also aus dem Leichenbefunde in so einfacher 
Weise nicht erklären, während die Verschonung des Facialis immer 
hin bemerkenswerth erscheint. Simon selbst ist zu vorsichtig, um 
aus einem chronisch verlaufenden Falle, der mit einem so ausge- 
dehnten Kindendefect endete, weitgehende Schlüsse ziehen zu wollen. — 

Wenn wir nun einen Rückblick auf die angeführte Casuistik 
werfen, so zeigt sich, dass die IJebereinstimmung in den Symptomen 
der einzelnen Fälle, so klein ihre Zahl auch sein mag, werthvolle 
Anhaltspunkte für die uns beschäftigende Frage ergiebt. lieber all 
finden wir, dass Läsionen der Höhe des Scheitellappens 
von Motilitätsstörungen der Extremitäten begleitet sind, 
und dass Läsionen der Basis des Scheitellappens Motili- 
tätsstörungen im Bereiche der Mund- und Zungenmusku- 
latur auslösen. Werden grössere Abschnitte der vorderen Centrai- 
windung in den Bereich der Affection gezogen, so betheiligen sich mehr 
und mehr Muskelgruppen, insbesondere auch der Rest des Facialis. 

Auf der andere Seite kann ich nicht unterlassen die Aufmerk- 
samkeit auf diejenigen Beobachtungen zu lenken, bei denen der Stirn- 
lappen durch äussere Gewalt fast gänzlich vernichtet war, ohne dass 
irgendwelche Motilitätsstörungen nachgewiesen werden konnten. Diese 
Fälle sind so zahlreich und bekannt, dass ich die Mittheilung einer 
Auslese derselben für überflüssig erachte. 

Ich bin weit entfernt — das brauche ich wohl kaum zu sagen 
— hiermit die angeregten Fragen für abgeschlossen zu erachten. In- 
dessen lehrt grade die Gegenüberstellung der immensen, von keinen 
Motilitätsstörungen begleiteten Verletzungen des Stirnlappens und der 
kleinen, durch wohlumgrenzte Alterationen der Bewegung charakte- 
risirten Läsionen des Scheitellappens, dass die grössere Wahrschein- 
lichkeit für die Eingangs von mir entwickelten Ansichten spricht. 



des Hundes, des Affen und des Menschen. 



147 



Es kann nicht fehlen, dass die von mir in dem vorigen Aufsatze 
ausgesprochene Hoffnmig allmälig in Erfüllung geht, dass es durch 
Vergleichung vieler analogGr Fälle gelingen wird das 
Unwesentliche in den Symptomen zu erkennen und aus- 
zuscheiden. 



10* 



VI. 

Ueber die Auffassung einiger Anomalieen 
der Muskelinnervation.') 



I. 

Das Material, welches den, in den nachfolgenden klinischen Ar- 
beiten angeführten Thatsachen zu Grunde liegt, stammt grössten- 
theils aus meiner Poliklinik, und ist von mir seit Jahren gesammelt 
worden. Es bedurfte dieser Zeit, um die Ueberzeugung zu gewinnen, 
dass das Gesehene nicht Product des Zufalles sei, und um durch 
variirte Versuche das Wesen der Sache, soweit es möglich war auf- 
zuklären. Allerdings gelangt man auch günstigsten Falls bei jeder 
Arbeit über Pathologie des Centrainervensystems immer an einen 
Punkt, wo die Deutung sich nur noch auf eine unterbrochene 
Reihe von Thatsachen stützen kann. Ich habe mich jenseits dieses 
Punktes einer doppelten Vorsicht des Ausdrucks befleissigt, in der 
Ansicht, dass es besser sei, unumwunden zu sagen, was wir nicht 
wissen, als die Dinge mit Scheingründen glatt abzurunden. Das 
Studium abnormer Mitbewegungen wird uns in den folgenden 
Abhandlungen beschäftigen. — 

Die bisher vorgebrachten Ansichten über die Ursachen der 
in Folge von Apoplexieen so häufig auftretenden Con- 
tractu ren weichen nicht unerheblich von einander ab. Einige Auto- 
ren beschuldigen einfach die Prävalenz der Flexoren, ohne dass damit 
doch mehr als eine bequeme Redewendung, mit der man über die 
Schwierigkeit der Erklärung hinweg kam, gegeben worden wäre. 



1) Diese Abhandlung wurde zuerst gedruckt in dem Archive für Psychi- 
atrie und Nervenkrankheiten. Bd. III. H. 2. 



Ueber die Auffassung einiger Anomalieen der Muskelinnervation. I. 149 



Wenn wirklieb einzig und allein die Anwesenheit grösserer Mus- 
kelmassen an den Beugefläclien, die jedoch keineswegs allein Sitz 
solcher Contracturen sind, bedingend wäre, so könnte man nicht ein- 
sehen, w^arum jenes Symptom nicht sofort, oder wenigstens im Laufe 
einiger Tage nach dem Eintritt der cerebralen Läsiou zum Vorschein 
kommt. Ausserdem hätte man dann bei peripheren Brachiallähmun- 
gen namentlich aber bei isolirten Lähmungen des Nervus radialis 
denselben Symptomeucomplex zu finden, welches nicht der Fall ist. 

Andere Autoren suchen den Grund im Gehirne. Duchenne') 
hält die Contractur Hemiplegischer für ein Zeichen eines im Gehirn 
ablaufenden Entzündungsvorganges, der in den Wänden der hämor- 
rhagischen Cyste seinen Sitz hätte. Ich brauche nicht anzuführen, 
dass es reichliche Fälle von hemiplegischen Contracturen giebt, bei 
denen man keine Veranlassung hat, an Blutergüsse in die Hirn- 
substanz zu denken. Im Uebrigen giebt jener verdienstvolle Forscher 
keine Gründe für seine Ansicht an, wenn man nicht etwa die nicht 
weiter belegte Angabe, dass er nach Faradisirung der Glieder solcher 
Leidenden, „accidents" erlebt habe, dafür nehmen will. Er räth in 
Folge dessen in allen Fällen vom Faradisiren ab, und macht weiter- 
hin Remak bittere Vorwürfe, weil dieser die Lösung paralytischer 
Contracturen durch den „noch stärker reizenden" galvanischen Strom 
versucht hatte. 

Da ich der Therapie eine besondere Besprechung zu widmen nicht 
gedenke, möchte ich hier gleich bemerken, dass ich Kranke mit 
mannigfaltigen Formen hemiplegischer Contracturen in sehr reich- 
licher Zahl mit faradischen und galvanischen Strömen peripher und 
central (galvanisch) behandelt habe, ohne dass ich jemals auf Er- 
scheinungen gestossen wäre, die mir ein Bedenken gegen Elektri- 
sirung solcher Personen eingeflösst hätten. Ich will gar nicht in Ab- 
rede stellen, dass Hemiplegische nicht auch einmal in der Wohnung 
des Arztes oder grade beim Elektrisiren einen Anfall bekommen 
können. Zeit und Ort eigenen sich dazu so gut wie jeder andere. 
Ja, wenn man bedenkt, dass viele Kranke mit ausserordentlicher 



1) De l'electrisation localisee. Deuxifeme edition. Paris 1861, 
S. 362. 



150 



lieber die AuflFussung 



Mühe grosse Strecken zurücklegen, um erst zum Aizte zu gelangen, 
und sich dann nicht selten in Angst und Aufregung, wegen der 
ihnen unbekannten Dinge befinden, die nun mit ihnen vorgenommen 
werden sollen, so muss man sich nur wundern, dass bei diesen doch 
einmal disponirten Personen nicht häufiger Kecidive zu so ungelege- 
ner Zeit eintreten. Um jedoch zu beweisen, dass irgend eine Elektri- 
sirung als solche die Veranlassung abgegeben habe, wäre die Vor- 
bringung genauer Daten doch sehr wünschenswerth. 

Ohne nun auf Remak's Angaben näher einzugehen, möchte ich 
nur hervorheben, dass Alles was bisher über günstige oder ungün- 
stige Wirkungen elektrischer Heilmethoden bekannt geworden oder 
von mir selbst beobachtet worden ist, mir nichts für die Duchenne' 
sehe, auch von M. Meyer und Anderen acceptirte Ansicht Sprechen- 
des beizubringen scheint. 

Auch in der Heranbildung und dem weiteren Verlaufe solcher 
Contracturen liegt mancherlei, was die fragliche Ansicht von vorn 
herein unwahrscheinlich macht. In der Kegel sieht man die ersten 
Zeichen des Symptoms erst im Laufe des 2. — 3. Monats nach dem 
Insulte erscheinen. Dann aber pflegt es nur zu häufig bis an das 
Lebensende nicht wieder zu weichen, sondern im Gegentheil an In- 
tensität immer mehr und mehr zuzunehmen. Wenn man nun 
auch zugeben kann, dass die Entzündung in der Cystenwand erst 
im 2. oder 3. Monat entsteht, was mir freilich Angesichts der An- 
wesenheit eines fremden Körpers etwas spät vorkommt, so kann man 
ihr doch eine Jahre und Jahrzehnte lange Dauer kaum zugestehen. 
Man kann dies um so weniger, wenn man berücksichtigt, dass nach 
dem Zustande der Contractur zu urtheilen, diese Entzündung immer 
heftiger werden müsste, ohne doch andere schwere Erscheinungen 
zu setzen. 

Andere Autoren sprechen mehr unbestimmt „von der Einwirkung 
abnormer Reize auf die motorischen Fasern der Beugemuskeln. " Hier- 
mit dürfte nicht viel erklärt sein und ich muss nur wiederholt in 
Erinnerung bringen, dass es keineswegs immer die Beugemuskeln 
allein sind, welche von der Contractur heimgesucht werden. — Wieder 
Andere (ßoudet, Durand-Fardel) glauben, dass die Contractur 
eine Läsion der Convexität oder der Ventricel bedeute. Dagegen 



einiger Aiiomalieen der Muskelinnervatiou. I. 



151 



sprechen zahlreiche Sectionsbefunde, bei denen Contractiir ohne den 
vorausgesetzten Ergiiss auf die freien Flächen des Gehirns bestand. 

Die meiste Wahrscheinlichkeit hat die in den neueren Arbeiten 
nicht berücksichtigte Ansicht ßouchards') für sich, obwohl sich 
zeigen wird, dass sie für sich allein die vorhandenen Symptome 
nicht erklärt. Bouchard, der in sehr dankensvverther Weise die 
verschiedenen secundären Rückenmarksdegenerationen studirte, widmet 
dem Auftreten und den Symptomen der cerebralen Contractur eine 
ganz besondere Aufmerksamkeit, Er hat wohl die genaueste Be- 
schreibung dieses Symptoms, ohne dass er freilich die eigentliüm- 
lichen, schon früher bekannten plötzlichen Aenderungen in dem Ver- 
halten der betreffenden Muskulatur erwähnte. Nach ihm wäre die 
frühzeitig (innerhalb der ersten Tage) auftretende mit Temperatur- 
steigerung verknüpfte Contractur als Entzündungserscheinung, die 
späte Contractur aber als Product der gleichzeitig beginnenden se- 
cundären Bindegewebswucherung im Kückenmark zu deuten. Wir 
wollen dahingestellt sein lassen, ob grade die Bindegewebswucherung 
als Reiz einwirkt; dass in der That ein Reizzustand in den Centrai- 
organen anzunehmen ist, werden wir später näher besprechen. Mir 
erregt nur der Umstand, dass Heilungen wenn auch selten vor- 
kommen, rücksichtlich des Bindegewebes einiges Bedenken. — 

Ich habe nun zunächst einige neue Thatsachen beizubringen. 
Bei verschiedenen Autoren findet sich die Angabe, dass mitunter, 
ohne eine hinreichend erkennbare Ursache die hemiplegischen Con- 
tracturen sich plötzlich und vorübergehend vollständig lösten. Diese 
sonderbare Erscheinung passt in keine der gangbaren Erklärungen 
hinein. Man hat aber die Bedingungen dieses plötzlichen Wechsels 
nicht studirt, namentlich auch sich nicht überzeugt, unter welchen 
Umständen derselbe constant auftritt. Andere Beobachter sahen als 
momentane Folge psychischer Aflfecte Streckung krampfhaft gebeugter 
Finger und Erhebung des vorher gegen den Rumpf gepressten Armes. 
Bei derartigen Vorgängen haben wir es aber nicht mit einem einfachen 
Nachlasse der Contractur, sondern mit einer gleichzeitigen, plötzlichen 
und unwillkürlichen Innervation der Antagonisten zu thun. 

1) Des degenerations secondaires de la moelle epiuiere. Archives gene- 
rales 1866. (4. Artikel). 



152 



üeber die Auffassung 



Die einfache Lösung der Contractur tritt innerhalb 
einer langen Zeitp eriode der Krankheit regelni ässig nach 
längerer Ruhe, insbesondere nach dem nächtlichen Schlafe 
aufJ) So lange die Kranken auch nach dem Erwachen 
ruhig im Bette liegen, bleiben ihre Glieder weich und 
biegsam. Ja es kommt sogar vor, dass Personen die nur 
in Folge starrer Contracturen an vollkommener Immo- 
bilität der betreffenden Partie zu leiden scheinen, die- 
selbe unmittelbar nach dem Schlafe ziemlich gut bewegen 
können. Mit dem Augenblicke aber, wo sie eine, die Er- 
zeugung grösserer Willensimpulse voraussetzende Be- 
wegung machen, ist die Contractur und damit die Immo- 
bilität wieder da. Häufig ist dies der Fall, wenn solche Kranke 
das Bett verlassen haben, manchmal genügt schon das Wechseln 
des Hemdes im Bett, in anderen Fällen tritt die alte Starrheit in 
ganzer Intensität erst nach Zurücklegung eines mehr oder weniger 
langen Weges ein. 

Diese Verschiedenheiten hängen wahrscheinlich ab von der In- 
tensität der Affection und von dem bereits seit dem Insulte ver- 
flossenen Zeitraum, üeber die ganz alten Contracturen vermag ich 
übrigens nichts auszusagen, da sie mir so gut wie gar nicht zur 
Beobachtung kommen. Indessen war ich doch in der Lage, das 
Symptom über mehrere Jahre hinaus verfolgen zu können. Es mag 
sein, dass die Contractur nach Jahrzehnte langem Bestehen über- 
haupt permanent wird. Dem liegen jedoch wohl ganz diflferente Ur- 
sachen — secundäre Veränderungen der Muskeln und Gelenke zu 
Grunde. 

Lässt man Hemiplegische, deren Contractur nach Zurücklegung 
eines längeren Weges ziemlich starr geworden ist, sich niederlegen, 
so verschwindet nicht selten ein grosser Theil der Starre. Dies 
dauert aber nur so lange sie liegen. Wenn sie wieder aufgestanden 
sind und einige Bewegungen gemacht haben, ist die frühere Starre 



1) Benedict Elektrotherapie S. 219 erwähnt beiläufig: „Bei der Nacht 
verschwinden (diese Spannungen, wie auch) gewöhnlich die cerebralen Con- 
tracturen." 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. I. 



153 



wieder da. Es begegnen uns manclimal Kranke, bei denen dieser 
Wechsel nur ganz kurze Zeit in Anspruch nimmt, so dass man das 
Experiment oft hintereinander wiederholen kann. Legt man dann 
die eigenen Finger vorsichtig auf die Spitzen der krallenartig ein- 
geschlagenen Finger der Kranken, so kann man sehr deutlich das 
jedesmalige Nachlassen und wieder Zuschnappen fühlen.') 

In anderen Fällen kann man eine Verstärkung der Contractur 
auch durch andere als Ortsbewegungen des ganzen Körpers erzielen. 
Tch habe z, B. eine Kranke mit leicbter apoplektischer Contractur 
der rechten Seite beobachtet, welche jedesmal, sobald ich sie mit der 
linken Hand einen schweren Gegenstand heben liess, den Daumen und 
Zeigefinger der rechten Hand die sonst ziemlich flexibel waren, ganz 
starr einschlug. Liess sie den Gegenstand wieder herab, so war auch 
der alte Zustand wieder da. 

Wir haben hier also mehrere Formen. Bei den letzterwähnten 
Beobachtungen tritt eine unwillkürliche Zusammenziehung einzelner 
Muskeln nur während der Dauer gewisser Bewegungen ein. Bei 
anderen dauert sie nach einer Anzahl von willkürlichen Bewegungs- 
impulsen so lange der Mensch steht oder geht an, lässt aber nach 
einiger Ruhe nach. In wieder anderen Fällen endlich ist nur lange 
Ruhe — der nächtliche Schlaf — im Stande die Contractur voll- 
ständig zu lösen, während schon massige Bewegungsimpulse sie in 
voller Intensität wieder herzustellen vermögen. 

Es liegt auf der Hand, dass diese, in den mehr oder 
weniger paralytischen Gliedern eintretenden unwillkür- 
lichen Bew egungen, welche wir Contracturen nennen, als 
Mitbewegungeu aufgefasst werden müssen. 

Sehr viel klarer tritt der Charakter der Mitbewegung bei einer 



1) Vorsichtig muss man hierbei verfahren, weil die Reflexerregbarkeit 
in diesen Grliedern sehr gross zu sein pflegt. Auf jede auch nur geringe 
Zerrung antworten die Muskeln sofort mit noch stärkerer Zusammenziehung. 
— Die Lösung der Contractur tritt auch gelegentlich ein, wenn man den 
Kranken durch galvanische Ströme Schwindel macht, und ebenso, wenn man 
ihnen durch passive Bewegungen des entzündeten Schultergelenkes (Vergl. 
meine Abhandlung: üeber eine bei schweren Hemiplegieen u. s. w. Virchow's 
Archiv Bd. 48.) Schmerz verursacht. 



154 



Uebur die Auffassung 



bisher wenig beschriebenen Form cerebraler Halblähmung, der so- 
genannten Hemiplegia spastica infantium zu Tage. 

Eine im Allgemeinen treffende Beschreibung dieser Krankheit 
finde ich eigentlicli nur bei Benedict. ') Er irrt sich jedoch in der 
Angabe, dass dabei die Lähmungen fehlten. Benedict beschreibt 
nämlich diese Affection als lediglich durch Muskelspannungen be- 
dingt. Wahrscheinlich sind ihm durch Zufall nur spätere Stadien 
zur Beobachtung gekommen, wobei dann allerdings die krampfartigen 
Erscheinungen bei Weitem in den Vordergrund treten. In früheren 
Stadien, und bei einzelnen Individuen auch auf lange Zeit hinaus, 
besteht aber eine wohl charakterisirte Halblähmung des Körpers und 
auch des Gesichtes. Mit der eintretenden Motilität ändert sich das 
Bild, und man bekommt allmählig die unzweckmässigsten Mitbewe- 
gungen, die man sich denken kann, derart, dass nicht selten der 
antagonistische Effect oder eine beliebige andere wunderliche Com- 
bination von Muskelwirkungen herauskommt. Berücksichtigt man 
nur diese Mitbewegungen, so kann man die Krankheit wohl für 
Chorea halten. 

Es lässt sich hierbei nun ganz das Gleiche wie bei den Hemi- 
plegieen Erwachsener nachweisen. Wenn man solche Kinder, nach- 
dem sie erst die anfängliche Aengstlichkeit überwunden haben, einige 
Zeit auf dem Sopha ausgestreckt liegen lässt, so gelingen ihnen Be- 
wegungen, die sie sonst absolut nicht ausführen können, in bei 
Weitem zweckmässigerer Weise. Die krampfartigen Bewegungen, 
welche beim Gehen, häufig auch schon beim Stehen auftreten, fallen 
aber in der absoluten Ruhe häufig gänzlich aus. — 

Ich glaube übrigens, man gestatte mir diese Parenthese, dass 
man hierauf den Heilplan dieser Krankheit zu basircn hat. Bene- 
dict stellt die Prognose rücksichtlich der willkürlichen Bewegung 
absolut ungünstig. Ich kann dem nicht vollkommen beipflichten. 
Abgesehen davon, dass auch die Elektricität bei vernünftiger Me- 
thode ihre Erfolge hat, so lässt sich durch die Heilgymnastik nicht 
wenig erreichen. Ich lasse zuerst passive, dann auch active Bewe- 
gungen anfänglich im Liegen, dann im Sitzen, endlich im Stehen 



1) Elektrotherapie S. 219 f. 



einiger A lomalieen der Muskeliiinervation. I. 



155 



ausführen. Mit einiger Geduld kann man die Mutter sehr gut dazu 
aulerneu. Allerdings rauss mau aber den Leuten nicht Hoffnungen 
auf allzu schnelle Erfolge machen. Solche Cureu dauern gar nicht 
selten Jahre lang. — 

Andererseits lassen sich jene Mitbeweguugen ebenfalls durch 
Aufbietung stärkerer Willensimpulse bedeutend verstärken. Man kann 
dies leicht zur Anschauung bringen, wenn man den Kindern Gewichte 
verschiedener Schwere in die gesunde Hand giebt. Je schwerer die 
Gewichte werden, um so weiter wird der Bereich der abnormen 
Mitbewegungen und ihre Intensität. 

Wenn ich diese Krankheit in den Kreis der Besprechung ziehe, 
so entgeht es mir nicht, dass man mir Einwendungen rücksichtlich 
der Pathogenese machen kann. Bei den gewöhnlichen apoplektischen 
Hemiplegieeu Erwachsener pflegt es sich um Hämorrhagieen oder 
Erweichungen dieser oder jener Art zu handeln. Bei Kindern sind 
derartige Zufälle jedenfalls seltener. Nach den Aeusserungen der 
erfahrensten Kinderärzte zu schliessen, könnte man die fragliche 
Krankheit, obwohl sie in der Regel apoplektiform beginnt, nicht 
auf die gewöhnlichen Insulte Erwachsener beziehen. Man hätte viel- 
mehr an Tuberkeln, erforderlichenfalls an Solitärtuberkeln zu denken. 
Selbstverständlich kann diese Frage nur durch erneute Leichenunter- 
suchungen entschieden werden. Mir scheint sie jedenfalls nicht ganz 
abgeschlossen zu sein. Namentlich regen sich meine Zweifel, wenn 
ich berücksichtige, dass bis dahin ganz gesunde Kinder plötzlich im 
Gefolge von Diphtheritis oder einer anderen Infectionskrankheit von 
Hemiplegie befallen werden, und da?s neuere Untersuchungen grade 
bei Diphtheritis capilläre und auch reichlichere Blutungen in den 
Centraiorganen nachgewiesen haben. Dies muss nun dahingestellt 
bleiben. 

Man könnte mir aber, wenn es sich nun doch nur um einen 
Tuberkel handelte, einwerfen, dass man es bei den Kindern mit einer 
reizenden Geschwulst zu thun hätte, was bei den Erwachsenen 
in der Regel nicht der Fall sei. Ich glaube nicht, dass dieser Ein- 
wand berechtigt wäre. Der ganze Symptomencomplex hat durchaus 
keine Aehnlichkeit mit dem einer reizenden Geschwulst, sondern bietet 
äusserlich betrachtet, das reine Bild gewöhnlicher Hemiplegieeu, nur 



156 



Ueber die Auffassung 



dass wie ich soeben gezeigt habe, die Mitbewegiingen bei der will- 
kürlichen Innervation einen tonischen Charakter in dem einen, einen 
klonischen in dem anderen Falle haben,') das lässt sich aber wohl 
zwangslos ans der, zur Zeit der Läsion noch nicht beendeten Ent- 
wickelimg des kindlichen Gehirns erklären. Offenbar liegt bei der 
Hemiplegia spastica der Kinder ein abgelaufener Process vor, der 
eine theilweise Zerstörung von Fasern oder Centren, daneben aber 
einen fremden Körper, sei es nun ein Tuberkel, eine Ausschwitzung 
oder etwas Anderes hinterlassen hat. Ganz dasselbe ist aber auch 
bei der Hemiplegie der Erwachsenen nach Ablauf einer gewissen 
Zeit der Fall. Nur ist der fremde Körper in der Regel hier die 
apoplektische Schwiele oder Cyste oder dergleichen. In beiden Fällen 
besteht die einzige übrig bleibende ßeizungserscheinung wie ich so- 
eben gezeigt habe, in Mitbewegungen, welche je nach dem Alter 
einen verschiedenen Charakter annehmen. 

Uebrigens fehlt es keineswegs an üebergängen zwischen diesen 
beiden Formen. Ich habe bisher die Coutractur der Erwachsenen nur 
als Ausdruck von Mitbewegungen bei allgemeinen Körperbewegungen 
und bei auf andere Glieder gerichteten Willensintentionen geschil- 
dert. Ganz ebenso häufig strahlen die Impulse auch bei Erwachsenen 
in abnormer Stärke in antagonistische Muskeln derselben Extre- 
mität ein. Schon von alten Zeiten her weiss man, dass halbseitig 
Gelähmte, denen man die Hand öffnen und die Finger strecken heisst, 
das Glied nur noch fester zukrallen. Liegt der Mensch aber ruhig 
im Bette, so gelingt ihm die geforderte Bewegung. Analoges be- 
obachtet man auch an den Muskeln des Oberarmes. Es ist keine 
so gar seltene Erscheinung, dass ein heilender Schlagflüssiger, wenn 
er seinen Vorderarm gegen den Oberarm beugen soll, allem Au- 
scheine nach eine colossale Summe von Willensimpulsen verbraucht. 
Sieht man näher zu, so findet man, dass er gleichzeitig mit den 



1) Es kommen allerdings bei Hemiplegieen der Kinder auch andere Rei- 
zungserscheinungen — Erschütterungen und Krämpfe einer Körperhälfte ohne 
Verlust des Bewusstseins vor. Grade dann pflegen aber die fraglichen cbo- 
reaartigen Bewegungen zu fehlen. Bei ihnen könnte man ehei; an eine sich 
weiter entwickelnde Neubildung denken, doch habe ich niemals Zunahme der 
Lähmung beobachtet. 



einiger Anomaliecn der Muskelinnervation. I. 



157 



Beugern, den Triceps in einer die Wirkung der Ersteren wesentlich 
hemmenden Weise innervirt.') Dasselbe kann auch bei Streck- 
bewegungen mit den Beugern der Fall sein. Dann nähert sich das 
Bild wieder bis zur Verwischung dem gewöhnlichen Bilde der Con- 
tractur. Häufig findet sich dabei ein ruckweiser, absatzweiser Cha- 
rakter der Muskelaction. Man beobachtet auch Kranke, bei denen 
krampfhaft gebeugte, dem Willenseinflusse scheinbar entzogene Finger 
gestreckt werden, sobald eine Erhebung des Oberarmes angestrebt 
wird. Bei anderen hingegen wird auf dieselbe Willensintentiou die 
Beugung noch stärker. — 

Es würde sich nun um eine einleuchtende physiologisch- patho- 
logische Erklärung für alle diese so ausserordentlich eigenthümlichen 
Erscheinungen handeln. Denn wenn wir einen abstracten Ausdruck 
für die im Voranstehenden geschilderten Vorgänge gebrauchen wollen, 
so würde der lauten: Aborme Innervation, unter Umständen 
sogar Innervation von absolut abnorm er Stärke in für den 
normalen Willensimpuls mehr oder weniger gelähmten 
Muskeln. Für den ersten Augenblick scheint ein Widerspruch darin 
zu liegen, dass gelähmte Muskeln unter Mitwirkung irgend welcher 
Willensimpulse abnorm stark innervirt werden sollen. Doch besteht 
ein Widerspruch, wie wir sehen werden thatsächlich nur zum Schein. 

Beschäftigen wir uns zuerst mit den äusserlich wahrpehmbaren 
Modalitäten einer normalen willkürlichen Bewegung, und benutzen 
wir dazu das eben angeführte Beispiel der Beugung des Vorderarms 
gegen den Oberarm. Es muss hier zunächst der Ansicht entgegen- 
getreten werden, als ob bei Vollzug dieses Willensactes nur die 
Beuger innervirt würden. Dies wäre im Gegentheil abnorm, und 
würde eine abnorme Bewegung hervorbringen. Bei der Beugung 
werden nicht nur Strecker mit innervirt, sondern gleichzeitig noch 
eine Menge anderer Muskeln, die für die genannte Bewegung erst 
die Vorbedingung zu schaffen haben. 

Soll der Vorderarm in irgend einer Weise gegen den Oberarm 
bewegt werden, so ist dazu einmal erforderlich, dass der Letztere 



1) Nothnagel, Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Bd. III. 
H. 1, S. 214—18, publicirt einen ähnlichen Fall, 



158 



Ueber die Auffassung 



durch Schulter- und ßrustmuskehi im Schultergelerike in einer ge- 
wissen Stellung fixirt werde. Jene scheinbar so einfache Bewegung 
ist ohne den genannten gleichzeitigen, unbewussten Willensact durch- 
aus unmöglich. Selbst wenn man beabsichtigt, den Oberarm am 
Körper ganz schlaff herunter hängen zu lassen, wozu eine grosse 
Herrschaft über die eigene Muskulatur gehört, kann man eine ge- 
wisse nicht ganz geringe Spannung einzelner Muskeln, die mit der 
Beugung direct nichts zu thun haben, namentlich des Delta und des 
Pector. major gar nicht vermeiden. Die Beugimg selbst ist dann 
wieder eine höchst complicirte Verrichtung aller Muskeln des Ober- 
arms und des Supin. longus auf die wir nur mit Rücksicht auf die 
Rolle des Triceps etwas näher eingehen wollen. — Die Action des 
Triceps beginnt in demselben Augenblicke, wo die Beuger zu spielen 
anfangen, und sie besteht darin, dass er aus einem anfänglich stär- 
keren Contractionszustande in einen schwächeren übergeht, während 
die Beuger denselben Vorgang in umgekehrter Richtung durclimachen. 
Durch ein derartiges Zusammenwirken einer Menge von Muskeln ge- 
winnen unsere Bewegungen überhaupt den Charakter des „ Associirten." 
Damit sie ihn bewahren, ist die ungestörte Function jedes einzelnen 
betheiligten Muskels nötliig. Fällt ein Einziger aus oder wird er 
falsch innervirt, so ist die Harmonie gestört, nicht nur bei der Func- 
tion, die man ihm wohl zuschreibt, sondern bei allen Bewegungen 
des Gliedes. 

Es giebt zwei Gelegenheiten bei denen man die Walirheit des 
Gesagten mit Leichtigkeit studiren kann. Die Eine bereits früher, 
namentlich von Duchenne viel benutzte, besteht in der Beobachtung 
von Lähmungen. Die andere, meines Wissens nach nicht verwerthete, 
bietet das nach Resection des Ellenbogengelenks manchmal zurückblei- 
bende Schlottergelenk. Hier kann man die nun noch wichtiger gewor- 
dene Rolle des Triceps recht verfolgen. Heisst man einen solchen 
Kranken den Arm beugen, so sieht man, wie er zuerst die Feststel- 
lung des Vorderarms gegen den Oberarm durch eine mächtige Con- 
traction dieses Muskels vornimmt. Sind namentlich an dessen unteren 
Enden, an seinen mehr weniger von Knochen abgelösten Ansatzpunkten 
tiefgehende Narben vorhanden, so sieht man diese energisch nach 
oben gezogen werden. Mit dem Moment, wo die wirkliche Beugung 



einiger Anornalieen der Muskelinnervatioii. I. 



159 



beginnt, tritt aber ein sanftes Nachlassen des contvahirten Muskels 
ein, das man an ihm selbst fühlen und an den Narben sehen kann. 

Im Princip dasselbe wie bei der eben besprochenen Beugung des 
Vorderarms gegen den Oberarm ist bei jeder willkürlichen Bewegung 
der Fall. Man wird mir ein näheres Eingehen darauf jedoch wohl 
erlassen. Aber mit dem, was man an den Bewegungen eines einzelnen 
Gliedes studiren kann, ist die Lehre von der synergischen Muskelwir- 
kung bei Weitem nicht erschöpft. Jede denkbare Einzelbewegung 
eines Gliedes setzt wieder eine bestimmte Allgemeinstellung, ich möchte 
sagen Fixation des Körpers voraus, um die wir nicht gänzlich herum- 
kommen, und wenn wir uns lang gestreckt auf ein Ruhebett legen. 
Beim Stehen und Gehen nun vollends giebt es nur wenige Muskeln 
des ganzen Körpers, die sich nicht in unablässigem Wechsel zwischen 
Zusaramenziehung und Nachlass befänden. Dieses Zusammenwirken 
der Muskeln ist anatomisch und physiologisch präformirt und zwar der- 
art präformirt, dass der grössere Theil isolirter Muskelwirkungen über- 
haupt unmöglich ist. Der motorische Theil unseres Gehirnes weiss 
nichts von Triceps und Biceps, er weiss nur von Beugung etc. unter 
Winkel x oder Winkel y, wie die Erfahrung ihm das gelehrt hat. 
Wir müssen also, mögen wir wollen oder nicht, bei jeder intendirten 
Bewegung eine grössere Summe von centralen Stätten der Muskel- 
bewegung in den Erregungszustand versetzen, wir müssen, mögen wir 
wollen oder nicht auch denjenigen Muskeln, welche als Antagonisten 
wirken oder welche erst durch eine geeignete Körperstell.mg die Vor- 
bedingung für die beabsichtigte Bewegung schaffen, ihr Theil Impulse 
zukommen lassen. 

Die Ausbreitungsgrösse und Art der Impulse über die einzelnen 
Centraibezirke ist aber von zwei Factoren abhängig, einmal von den 
jedesmaligen Modalitäten der intendirten Bewegung, d. h. also ob sie 
mehr den Charakter der Beugung, Streckung, Rotation etc. haben 
soll, dann jedoch, was uns hier hauptsächlich interessirt, von 
der Grösse der überhaupt im gegebenen Augenblicke pro- 
ducirten motorischen Willensimpulse. 

Wenn ich meinen Arm in die Höhe heben will, so muss ich 
meinen Körper irgend eine Stellung geben, und dazu eine gewisse 
Zahl von Muskeln innerviren. Nehme ich aber bei dieser Bewegung 



160 



üeber die Auffassung 



ein Pfund in die Hand, so muss ich nicht nur die Muskeln meines 
Arms, sondern auch diejenigen, \yelche meinen Körper in seiner 
Stellung erhalten sollen, stärker innerviren und wenn ich 10 Pfund 
nehme, so wird die Grösse der für den gleichen Nutzeffect erforder- 
lichen Arbeit in dem ganzen arbeitenden Gebiete nach dem Gesetze 
von der Erhaltung der Kraft proportional anwachsen. Wächst die 
geforderte Arbeit zu einer sehr bedeutenden Grösse an, so scheint 
der Erregungszustand im Centraisystem sich auch in der Norm auf 
grössere Gebiete zu verbreiten, derart dass beim Heben einer schweren 
Last kaum ein Muskel des ganzen Körpers in Kuhe bleibt. Selbst 
die Kiefer werden dann mit Gewalt zusammengepresst obwohl diese 
Theile mit dem Heben einer Last direct gar nichts zu thun haben. 
Sehr viel leichter und eleganter lassen sich diese Verhältnisse wie- 
derum an Kranken studiren, doch wollen wir unter Verweisung auf 
das oben bereits Angeführte darauf hier nicht weiter eingehen. Im 
Allgemeinen sehen wir also bei der vom Centrum her- 
stammenden willkürlichen Innervation ein durchaus ähn- 
liches Gesetz walten, als bei der von der Peripherie aus 
erregten unwillkürlichen — der Keflexinnervation. Auch 
bei dieser breitet sich unter zunehmender Intensität der 
(peripheren) Kelze der centrale Erregungsvorgang nach 
gewissen Gesetzen auf grössere und grössere Gruppen 
von Muskeln aus. 

Allen diesen physiologisch präformirten ßewegungserscheinungen 
liegen auch präformirte anatomische Einrichtungen im Hirnstamm 
und Rückenmark zu Grunde, wie uns das die Anatomie selbst, haupt- 
sächlich aber die Experimentalphysiologie zur Genüge gelehrt hat. 
Wenn Flourens Vögeln das ganze Grosshirn genommen hatte, so 
waren dieselben auf äussere Reize noch zu so complicirten Bewe- 
gungen befähigt, als der Gang und das Fliegen sind. Es geht dar- 
aus unbestreitbar hervor, dass bei jenen Thieren abwärts vom Gross- 
hirn noch Apparate bestehen, welche das Zustandekommen associ- 
irter Bewegungen auch bei Ausfall des Grosshirns vermitteln, diesen 
Bewegungen eine gewisse Unabhängigkeit vom Willen verleilien. 

Freilich kann man die am Centrai-Nervensystem von Thieren ge- 
wonnenen Resultate nicht schablonenmässig auf den Menschen über- 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. I. 



161 



tragen. Denn offenbar gehen beim Thier vielerlei Bewegungs- und 
scheinbare Willensacte mehr zwangsmässig und mehr nach dem Schema 
der Reflexe vor sich als beim Menschen. Schon in dem grossen Werk 
von Longet, dieser Fundgrube unserer Kenntnisse der Functionen 
des Nervensystems finden wir dies erkannt. Longet macht darauf 
aufmerksam, wie ungemein verschieden die Zerstörung der Hirnlappen 
auf die Bewegungen der Thiere wirkt, je nachdem sie mehr oder we- 
niger vollkommen organisirt sind. Je vollkommener ein Thier orga- 
nisirt ist, ja selbst je mehr durch Heranwachsen der Einfluss von Vor- 
stellungen auf die Bewegung zugenommen hat, um so deutlicher wird 
der Einfluss von Zerstörungen innerhalb jener Organgruppen auf die 
sogenannte willkürliche Muskulatur. Aber gerade das vergleichend 
physiologische Studium lehrt uns, dass principielle Verschieden- 
heiten in der Organisation dieser Mechanismen nicht bestehen, son- 
dern dass nur jede Species entsprechend ihrer grösseren allgemeinen 
Entwicklung auch nach dieser Richtung hin verfeinerte Apparate be- 
sitzt. Es ist also hiernach in hohem Grade wahrscheinlich, dass diese 
Apparate beim Menschen noch weiter entwickelt und aus der Sphäre 
der Reflexe in die der Vorstellungen und Willensacte gerückt sind. 

Die Zeit ist noch nicht gekommen zu entscheiden, wie viele 
Stationen der Centraiorgane zu dieser innigen Verbindung der Muskel- 
innervation beitragen. Indessen haben wir aus der Untersuchung der 
Reflexe bei Paraplegieen doch den directen Beweis gewonnen, dass 
beim Menschen ebenfalls gemeinsame Bewegungen der Glieder bei 
gänzlichen Ausschluss des Willens auch im Rückenmarke entstehen, 
dass beim Menschen ebenfalls bis in das Rückenmark hinab die in- 
nigste Verbindung der motorischen Centraiapparate unter einander 
besteht. Andererseits haben unsere und Nothnagels Lähmungs- 
versuche am Grosshirn des Hundes und Kaninchens bewiesen, dass 
schon bei diesen Thieren die Coordination der willkürlichen Bewegungen 
mit der Integrität gewisser Rindenbezirke des Grosshirns zusammen- 
hängt. Nach Zerstörung ganz kleiner Mengen Rindensubstanz konnten 
die Versuchsthiere zwar noch das von dort aus innervirte Bein be- 
wegen, aber die Bewegungen hatten das Geordnete der gesunden Seite 
verloren und glichen den Bewegungen Tabischer. Wir dürfen in 
Folge der für die willkürliche Bewegung grösseren Wichtigkeit des 

Hitzig, Experimentelle Untersuchungen. H 



162 



Ueber die Auffassung 



Gehirns beim Menschen wohl annehmen, dass eine gleiche, dem mensch- 
lichen Gehirne zugefügte Läsion bei Weitem schwerere aber im Princip 
doch ähnliche Erscheinungen auslöst. In der That ist das der Fall. 
Denn bei Zerstörungen so wichtiger Theile innerhalb der motorischen 
Organe des menschlichen Gehirnes ist die eigentliche Lähmung 
eine viel erheblichere und andauerndere als beim Hunde, wo selbst 
grosse Zerstörungen, wenn das Thier sie überlebt, sich ausgleichen. 
Aber im Princip sehen wir wieder die Aehnlichkeit in der Art der 
Bewegungsstörung. Sowohl bei dem Experiment als während einer 
gewissen Krankheitsperiode der Hemiplegischen besteht die Motilitäts- 
störung wesentlich in abnormer Vertheiluug der motorischen Impulse. 
Der Hund setzt sein Bein anders als er sonst that, der Mensch inner- 
virt seine Muskeln anders als er will. 

Ich meine diese beiden Zustände lassen sich ihrer physiologisch- 
pathologischen Bedeutung nach wohl vergleichen, wenn auch beim 
Menschen häufiger Leitungsbahnen als Centren von der Function aus- 
geschlossen werden. Denn es ist wahrscheinlich für die willkürliche 
Bewegung gleichgültig ob ein Centrum überhaupt nicht mehr existirt, 
oder ob nur seine Verbmdung mit der Peripherie abgeschnitten ist. 

Führen wir die soeben zusammengestellten Thatsachen auf einen 
gemeinsamen Werth zurück, so ergiebt sich folgende Lehre. In den 
abwärts gelegenen Theilen des Centrainervensystems existirt eine An- 
zahl von Zusammenfassungen der peripheren Nerven, welche bei ge- 
wissen Beizen die Möglichkeit zur gemeinschaftlichen Function der 
Letzteren schafft. Bei weniger hoch organisirten Thieren, bei denen 
auch die Bewegungen eine weit geringere Mannigfaltigkeit besitzen, 
genügt es, wenn Beize von der Peripherie aus eindringen, um die 
wenigen ihnen zu Gebote stehenden Bewegungen auch bei Anwesen- 
heit des Grosshirnes ebenso auszulösen, als wenn das ganze Centrai- 
organ noch vorhanden wäre. Bei Thieren einer höheren Stufe genügt 
es, dass überhaupt noch Impulse des Grosshirns nach abwärts ge- 
langen, um das ungestörte Fortspielen der Maschine zu ermöglichen. ' ) 



1) Vgl. hierzu die Versuche von P'lourens, der Vögeln den grösseren 
Theil der Hirnrinde abtrug, ohne dadurch die äusserlich wahrnehmbaren 
Zeichen ihrer seelischen Functionen zu vernichten. 



einiger Anomalieeu der Muskelinnervalion. I. 



163 



Sind die Thiere noch höher organisirt, so genügt es nicht mehr, dass 
irgend welche cerebrale Erregungen einwirken, um normale Be- 
wegungen auszulösen, sondern nun bedarf es der ungeschmälerten 
Impulse weiterer Zusammenfassungen von Nerven, um die nun auch 
mannichfaltiger gewordenen Modalitäten der Muskelwirkung in ihrer 
ganzen Fülle zur Anschauung zu bringen. Aber doch finden wir 
noch immer die Tendenz der Maschine zu Mitbewegungen. Denn 
die dem Reize der Vorstellungen entzogenen Glieder werden gleich- 
wohl in Bewegung gesetzt, sobald die anderen gewöhnlich zusammen- 
wirkenden Apparate zu functioniren beginnen. — 

Sehen wir nun zunächst zu, welchen Nutzen wir aus der Kennt- 
niss der im Vorstehenden zusammengestellten Thatsachen für die Deu- 
tung der uns beschäftigenden Krankheitserscheinungen ziehen können. 
Wir überzeugten uns, dass ein schlagflüssiger Mensch, den man in 
eine Lage versetzt, welche an und für sich nur geringe motorische 
Impulse von ihm verlangt, die Glieder seiner kranken Körperhälfte 
in einer sich der Norm um Vieles nähernden, übrigens von dem 
Grade der Restitution des Centraiorgans abhängenden Weise bewegen 
kann. Will derselbe Mensch aber Allgemeinbewegungen des Körpers 
ausführen, erzeugt er grosse motorische Impulse, so strahlen dieselben 
mit Heftigkeit, unabhängig von dem Willen in einzelne Bahnen ein, 
welche bei sehr verschiedenen Impulsen für dasselbe Individuum die- 
selben bleiben. Von demselben Augenblicke an ist es mit der soeben 
noch möglichen willkürlichen Innervation ganz oder grösstentheils 
vorbei. 

Dem entsprechend treffen wir auch bei Thieren und bei dem nor- 
malen Menschen abwärts vom Grosshirn Vorrichtungen, welche eine 
gemeinschaftliche Reaction auf cerebrale Reize haben, und unter Ver- 
stärkung der motorischen Impulse selbst in der Norm die unwillkür- 
liche Ausbreitung der centralen Erregung gestatten. Man könnte nun 
annehmen, dass jene Unordnung der Innervation allein durch den 
Ausfall der Impulse des einen oder des anderen jener Grosshirncentra 
entsteht. Dann könnte man sich aber nicht wohl erklären, wie die 
normalere Bewegung bei der Ruhelage zu Stande käme. Man könnte 
sich auch zu der Ansicht neigen, dass die abnorme Innervation nur 
durch den Ausfall eines T heiles der motorischen Bahnen für die 

11* 



164 



lieber die Auffassung 



eine Muskelgruppe bei gleichzeitiger Integrität der Bahnen für die 
Antagonisten bedingt sei. Wenn auch sicher ein Theil der moto- 
rischen Bahnen dauernd zerstört ist, so haben wir doch für die sup- 
ponirte Vertheilung der Zerstörung nicht nur keine Anhaltspunkte, 
sondern es wäre auch mit derselben die sich in der Starre der Con- 
tractur ausdrückende Stärke der Reaction auf einen verhältnissmässig 
geringeren Eeiz, und ihre schliessliche Dauer über die willkürliche 
Bewegung hinaus noch nicht erklärt. 

Nehmen wir hingegen an, dass sich während des Ab- 
laufes des Krankheitsprocesses ein Reizzustand irgend 
einer Art innerhalb einzelner, zur Coordination der Be- 
wegungen bestimmter Abschnitte der Centraiorgane ent- 
wickelt, durch welchen die zweckmässige Vertheilung 
der Impulse von dem Augenblicke an, in dem die herab- 
gelangenden Impulse diesen Abschnitt betreten, der Re- 
gulirung Seitens des Willens entrückt wird, so lassen sich 
fast sämmtliche hierher gehörigen Thatsachen bereits erklären. Denn 
unser Wille vermag erfahrungsgemäss mit abnormen Reizzuständen 
innerhalb centraler Organisationen nicht zu rechnen, sondern er giebt 
seine Impulse ohne Rücksicht auf diese stets so ab, als ob alle 
Bahnen sich in normalem Erregungszustande befänden. 

Dass in der That ein Reizzustand existirt, lässt sich auf man- 
cherlei Art nachweisen. Der anatomische Befund könnte herangezogen 
werden, und wenn ich auch oben meine Bedenken geäussert habe, 
dass das gewucherte Bindegewebe selbst der Reiz sei, so muss 
man doch nach analogen Erfahrungen diese Wucherung durch das 
Vorhandensein eines Reizzustandes deuten. Doch liegt es keineswegs 
im Bereiche der Unmöglichkeit, dass nur die allmählige und unvoll- 
kommene Wiederherstellung cerebralen Einflusses abnorme Erregungs- 
zustände setzt, und dass das Zusammenwirken dieser beiden Momente 
— der Ursache und des von ihr erzeugten Folgezustandes ohne das 
directe Dazwischentreten der degenerativen Vorgänge das uns be- 
schäftigende Verhalten veranlasst. Ich werde in den folgenden Ab- 
handlungen noch etwas zur Aufklärung beitragen. Für den Augen- 
blick halte ich diese Frage aber für viel zu complicirt, und 
die Vorbedingungen zu ihrer Lösung für viel zu wenig vorhanden, 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. I. 



165 



um eine bestimmte Ansicht auszusprechen. Es mag vor der Hand 
genügen, dass wir überhaupt das Vorhandensein eines Reizzustandes 
nachweisen können. Zu Gunsten dieses Nachweises spricht ferner die 
Erhöhung der Reflexerregbarkeit. Wenn man wie ich oben bereits 
anführte, der Haut des gelähmten Armes nur geringe Reize zufügt, 
oder die Muskeln desselben nur wenig zerrt, so beobachtet man so- 
fort eine Zunahme der Contractur. Wenn man geringe Reflexreize 
auf die Haut des Beines einwirken lässt, so bewegt sich nicht nur 
dieses, sondern auch der Arm geräth in unwillkürliche Bewegungen. 

Man könnte hieraus ohne Weiteres schliessen wollen, dass der 
Sitz des Reizes im Rückenmark und damit alles erklärt sei. Indessen 
lassen sich diese Reizerscheinungen doch weit höher hinauf, selbst 
bis zum Sitze der psychischen Fähigkeiten verfolgen. Auch beim 
Recken und Gähnen bewegt sich der kranke Arm, manchmal gemein- 
schaftlich mit dem gesunden, manchmal ohne ihn. Der kranke Arm 
bewegt sich ohne den gesunden, wenn plötzliche Erregungen der Seele 
— Schreck, Zorn, Angst sich in dem Gehirne abspielen; und dies ist 
Marshall Hall so unerklärlich gewesen, dass er offenbar grössten- 
theils deshalb seine Lehre von den verschiedenen Principien der Seelen- 
erregung und der Willenskraft neben seiner Vis nervosa aufstellte, ja 
sogar für die Erstere sich nicht kreuzende Bahnen angenommen wissen 
wollte. Interessant, wenn auch dunkel ist der Umstand, dass bei 
dieser Art von Bewegungen, welche nicht auf Willensintentionen 
sondern auf entferntere Reflexreize und psychische Eindrücke erfolgen, 
nicht die contracturirten Muskeln, sondern im Gegentheil ihre Anta- 
gonisten innervirt zu werden pflegen. Ich möchte mich also über 
den Ort, wo die fraglichen Innervationsanomalieen beginnen, eben- 
falls des definitiven Urtheils enthalten. — 

Es würde sich nun fragen, wie die Verlängerung der Contractur 
über die Dauer des Willensreizes hinaus zu erklären sei. Ich glaube, 
dass man hierfür Anhaltspunkte in dem Entwicklungsgange der Con- 
tractur findet. Im Anfange scheint die Contractur allerdings nicht 
lange über den Impuls hinaus zu dauern, mit der Zeit aber hält sie 
immer länger an, bis sie endlich nur durch verhältnissmässig lange 
Ruhe gelöst wird. Vielleicht mag auch ein Zeitpunkt eintreten, zu 
dem sie überhaupt permanent wird. In gleichem Verhältniss wie die 



166 



Ueber die Auffassung 



Dauer uimmt aber auch die Intensität der Contractur zu. Man darf 
unter diesen Uniständen wohl die Vermuthung äussern, dass dem 
eine allmählige Zunahme der Reizung der betreffenden morphologi- 
schen Elemente zu Grunde liegt, durch die sie befähigt werden, die 
ihnen gewordenen Erregungen länger und länger über die gewöhn- 
liche Dauer hinaus festzuhalten, -— 

Mit dem Umstände in Verbindung, dass auf Centralläsionen der 
Thiere nie Contracturen folgen muss die von allen Autoren einhellig 
gemachte Beobachtung besprochen werden, dass die obere Extremität 
fast ausnahmslos am Heftigsten, die untere Extremität weniger, der 
Rumpf aber niemals von der Contractur befallen wird, ßouchard') 
deutet dies durch den in der Nackenzone des Rückenmarks grösseren 
Reichthum an sich kreuzenden also cerebralen und degenerirenden 
Fasern. Diese Auffassung erscheint mir nun keineswegs hinreichend 
gestützt, ßouchard spricht an der Stelle freilich gar nicht von 
den Rumpfmuskeln, sondern nur von denen der Arme und Beine. 
Es würde ihm sonst vielleicht nicht entgangen sein, dass diese nach 
seiner Theorie von einer Contractur befallen sein müssten, die ihrer 
Stärke nach zwischen der des Armes und der des Beines liegen 
müsste. Nun aber findet man dort gar keine Contractur. Ausser- 
dem rührt doch der grössere Reichthum cerebraler, degenerirender 
Fasern der oberen Rückenmarkspartieen nur daher, dass die für die 
abwärts gelegenen Körpertheile bestimmten virtuellen Fortsetzungen 
derselben noch nicht abgegeben sind, also in ihrem centralerem Ver- 
laufe mit degeneriren. Nach dem Gesetze der excentrischen Erschei- 
nung müsste man folglich, wenn Bouchard's Anschauung richtig 
wäre, durchgehends eine gleiche Intensität der Contractur antreffen, 
was nicht der Fall ist. 

Im ganzen Verlaufe dieser Abhandlung ist es mein Bestreben 
gewesen, darauf hinzuweisen, wie die Hauptbedingung für das Zu- 
standekommen der Contracturen in unserer von vorn herein auf ge- 
meinschaftliche Bewegungen angelegten Organisation liegt. Ich glaube, 
dass man hierin auch den Grund für die Verschiedenheit der Inten- 
sität zu suchen hat, mit welcher die einzelnen Muskelgruppen befallen 



1) A. a. 0. p. 294. 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. I. 



167 



werden. Es ist in hohem Grade wahrscheinlich, dass gleichwie in 
der Stufenleiter der Thiere die centralen Apparate hei Zunahme der 
Mannigfaltigkeit in der Muskelleistung mehr und mehr verfeinert, 
wie immer mehr und mehr Zusammenfassungen der einzelnen Nerven 
gebildet werden, dass ebenso für die einzelnen Gruppen der mensch- 
lichen Muskulatur, je nach den ihnen obliegenden Leistungen eine 
grössere oder geringere Entwickelung der Uebertragungsapparate statt- 
findet. Da nun, wie ich hinlänglich bewiesen zu haben hoffe, in 
diesen die Ursachen für die Mitbewegungen überhaupt liegen, so ist 
auch anzunehmen, dass in gleichem Verhältniss wie die Wichtigkeit 
ihrer Rolle in dem Mechanismus der normalen Bewegung, auch ihre 
Wichtigkeit für das Eintreten abnormer Mitbewegungen wächst. 
Unsere Rumpf- und Athemmuskeln haben kaum andere Functionen 
zu erfüllen wie die analogen Muskeln mancher Thiere, — sie werden 
nie von der Contractur befallen. An die Beine werden schon mehr 
Ansprüche gestellt, — an ihnen beobachtet man die Contractur be- 
reits ziemlich häufig; und das zu den complicirtesten Verrichtungen 
bestimmte Glied, die obere Extremität, wird auch am häufigsten und 
stärksten von diesem Leiden heimgesucht. 

Zu den von mir entwickelten Anschauungen stimmt auch der 
Umstand, dass die Intensität und Ausbreitung der Contractur gleich- 
mässig mit der oben beschriebenen bedingten willkürlichen Innervation 
zunimmt. Stellt sich irgend ein Erguss im Gehirn ein, so wird eine 
Zahl von morphologischen Elementen zertrümmert, eine andere Zahl 
wird aber nur in grösserem oder geringerem Grade mechanisch be- 
leidigt, so dass sie ihre Function nur vorübergehend verliert. Für 
diese Zeit werden dann allerdings alle dort passirenden Impulse auf- 
gehalten. Mit der eintretenden Resorption stellt sich aber allmählig 
die Fähigkeit zur Erzeugung oder Leitung der Impulse wieder her, 
und es beginnt nun vor der Hand eine abnorme Function, die je 
nach der gesetzten Zerstörung entweder der Norm weichen, oder 
mit der Zeit immer abnormer werden kann. 



VII. 



Ueber die Auffassung einiger Anomalieen 
der Muskelinnervation.') 



II. 

In der vorstehenden Abhandlung habe ich nachgewiesen, dass 
sich in Folge von Lähmungen, welche centrale Abschnitte des 
motorischen Apparates betreffen, regelmässig Irritationszustände des 
Centralorganes herausbilden, die unter der Form abnormer, aber sehr 
typischer Mitbewegungen — Contracturen in die Erscheinung treten. 
Ich werde nunmehr zu zeigen suchen, dass auch periphere Läh- 
mungen zwar der Form nach verschiedene aber im Princip ganz 
ähnliche und wohl charakterisirte Anomalieen der Muskelinnervation 
herbeizuführen pflegen. FiS handelt sich um die nach completen, 
peripheren Facialislähmungen im Stadium der Wiederherstellung 
der motorischen Leitung regelmässig eintretenden abnormen Mit- 
bewegungen, sowie um einige andere gleichzeitig erscheinende und 
weniger bekannte Reizerscheinungen. — 

Das Vorhandensein abnormer Mitbewegungen im Gebiete des 
früher gelähmten Facialis ist freilich längst bekannt, und man findet 
es bei den meisten genau beobachtenden Autoren erwähnt; jedoch 



1) Diese Abhandlung wurde zuerst gedruckt in dem Archive für Psychiatrie 
und Nervenkrankheiten. Bd. III. H. 3. 



Ueber die Auffassung einiger Anomalieen der Muskelinnervation. II. 169 

hat man diesem Symptome irgend welche Aufmerksamkeit bisher 
nicht geschenkt; wie denn auch die neuesten Autoren, welche diese 
interessanteste Lähmungsform im üebrigen mit so grosser Sorgfalt 
beobachteten, davon wenig Notiz genommen haben. Ich halte mich 
deswegen einer Anführung der Literatur wohl mit Kecht für über- 
hoben. 

Diese abnormen Mitbewegungen könnten an verschiedenen Sta- 
tionen der motorischen Bahn ausgelöst werden. Der erste Gedanke 
wird sich natürlich dem verletzten Nerven oder der direct von ihm 
abhängigen Muskulatur zuwenden; indessen wäre es doch möglich, 
dass auch mehr central gelegene Organe die Veranlassung für diese 
bisher unerklärte ßeizerscheinung in sich trügen. 

Ich will nun zunächst die bezüglichen Notizen aus einigen 
Krankengeschichten geben; denke aber im Einverständniss mit dem 
Leser zu handeln, wenn ich nicht die ganzen, grösstentheils mehrere 
Bo gen umfassenden Journale abdrucke, sondern mich nur auf das 
unmittelbar auf den fraglichen Punkt Bezügliche beschränke. 

1. Beobachtung. Student von 22 Jahren. Complete rechtsseitige, peri- 
phere Facialislähmung seit den letzten Tagen des December 1866. Gewöhn- 
licher Verlauf der Erregbarkeitsveränderungen. 

Am 26. II. 1867 (Anfang des 3 Monats) erste Spuren der Motilität. 21. 
III. (Ende des 3. Monats) erste Spuren von Miibewegung das rechte Ohr be- 
treffend. Die Mitbewegungen breiten sich dann allmälig aus, und werden bis 
zum 2. V. 1868, bis l'/'2 Jahre nach der Läsion verfolgt Beim Runzeln der 
Stirn ziehen sich die Heber der Oberlippe, bei Schluss des Auges die Zygo- 
matici, und bei Zusammenpressen der Lippen der Orbicularis palpebrarum 
mit grosser Intensität zusammen. Die Reizerscheinung beschränkt sich auf 
die rechte (kranke) Seite. Es besteht schliesslich eine massige Contractur 
der gelähmten Muskeln, welche nach dem nächtlichen Schlafe deutlicher aus- 
gesprochen ist. 

2. Beobachtung. Mädchen von 33 Jahren. Complete periphere Fa- 
cialislähmung seit dem 21. XII. 1868. Gewöhnlicher Verlauf der Erregbarkeits- 
veränderungen. 

18. III. 69. (10. Woche). Die ersten Spuren von Motilität in den Mus- 
keln um den Mund 

24. IV. (5. Monat). Beginnende Motilität im Frontalis, gleichzeitig leichte 
Mitbewegung in den Zygomaticis. 

Allmählige Zunahme der Motilität und der Mitbewegungen. 



170 



Ueber die Auffassung 



29. VI. (7. Monat.) Mitbewegungen in den Muskeln der unteren Gesichts- 
hälfte bei Innervation der Muskeln der oberen Gesichtshälfte sehr stark. Die 
Reflexerregbarkeit der Ersteren sehr erhöbt, so dass z. B. Annäherung des 
Fingers an das Auge Bewegungen in den Muskeln um den Mund hervorruft. 

3. Beobachtung. Frau von 26 Jahren. Linksseitige, complete, peri- 
phere Facialis-Paralyse seit dem 11. VIII. G7. Gewöhnlicher Verlauf der Er- 
regbarkeitsveränderungen. 

16. X. (9. Woche.) Spuren von Motilität im Frontalis. 

18. X. Die ersten Spuren von Mitbewegungen in den Muskeln um den 
Mund bei Innervation des Orbicularis palpebrarum und des Frontalis, während 
die willkürliche Beweglichkeit in den erstgenannten Muskeln noch fehlt, aber 
in den nächsten Tagen eintritt. 

4. Beobachtung. Knabe von 11 Jahren. Complete, linksseitige, peri- 
phere, traumatische Facialis-Paralyse seit Mitte Juli 1867. Gewöhnlicher 
Verlauf der Erregbarkeitsveränderungen. 

5. X. Erste Spuren der Motilität im Frontalis. 

15. X. (13. Woche.) Erste Mitbewegungen bei kräftiger Innervation des 
Orbicularis palpebrarum in den Hebern der linken Oberlippe, welche will- 
kürlich erst einige Tage später zum ersten Mal wieder innervirt werden. 

29. X. Deutliche Zunahme der Motilität. Bei Innervation des Frontalis 
schwache, bei Innervation des Orbicularis palpebrarum starke Mitbewegungen 
in den Muskeln um den Mund ; bei Innervation der Letzteren starke Mit- 
bewegungen im Orbicularis palpebrarum. 

5. Beobachtung. Oeconom von 22 Jahre. Complete rechtsseitige peri- 
phere Facialislähmung seit Anfang August 1869. Spuren von Motilität im 
Frontalis und Spuren von Mitbewegungen bereits bei der Aufnahme am 1. 
X. 1869. Die Motilität stellt sich ziemlich schnell und vollständig wieder ein, 
während die Mitbewegungen nicht sehr intensiv werden und zum Theil durch 
den Willen unterdrückt werden können. Nur bei sehr kräftiger Innervation 
des Orbicularis palpebrarum und des Frontalis sind Mitbewegungen in den 
Muskeln um den Mund nicht ganz zu vermeiden. 

Weniger bekannt, ja sogar kaum erwähnt, finde ich das Vor- 
handensein abnormer Reflexerregbarkeit in dem gleichen Stadium 
dieser Krankheit. Indessen ist es aufmerksameren Beobachtern doch 
nicht gänzlich entgangen. So erwähnt Erb') gelegentlich des ersten 
von ihm angeführten Falles dieser Krankheit, dass 13 Monate nach 
der Läsion sich ein kurzes blitzähnliches Zucken in den Muskeln, 
sowohl spontan, als auch in Folge von Hautreizungen gezeigt habe. 



1) Deutsches Archiv für klinische Medicin. Bd. IV, Heft 5 u. 6. S. 546. 



einiger Anomalieen der Muskelinnervatiou. II. 



171 



Inzwischen habe ich eine mehr oder weniger beträchtliche Erhöhung 
der Reflexerregbarkeit in allen jenen Fällen, wo ich darauf achtete, 
beobachtet. 

So finde ich bereits in dem Journale einer 46jährigen Frau, 
die ich im Jahre 1866 behandelte, dass 9 Monate nach dem Insulte 
auf die Reizung mit einer Kette von 26 Daniell zwar im Momente 
des Kettenschlusses selbst keine Zuckungen in der direct gereizten 
Muskulatur eintraten, dass dieselben aber unmittelbar nachher be- 
gannen und dann eine Weile anhielten. Auch bei der Beobachtung 
2. habe ich bereits der Reflexe erwähnt. An anderen Kranken habe 
ich dieselben ausführlicher studirt. 

6. Beobachtung. Frau von 27 Jahren. Complote, linksseitige, peri- 
phere Facialis-Paralyse seit Ende November 1868. Gewöhnlicher Verlauf der 
Erregbarkeits Veränderungen. 

5. XII. (12 —13. Tag ) Ehe noch Spuren von wiederkehrender Motilität 
vorhanden sind, bei Percussion der linken unteren Gesichtshälfte schwache 
klonische Zuckungen, aber diese regelmässig im Levator labii superioris der 
anderen (gesunden) Seite. 

8. XII. Auf denselben Reiz Reflexzuckungen auch in den Zygomaticis. 

10. XII. Dieselben Reflexzuckungen sind auch von anderen Punkten 
(Arcus zygomaticus) aus hervorzurufen. Leider blieb die Kranke nach dem 
21. XII., ehe noch die Motilität wiedergekehrt war, aus der Behandlung. 

7. Beobachtung. Knabe von 15 Jahren. 6. VII. 70. Complete, peri- 
phere, linksseitige Facialis-Paralyse seit 2 Jahren. Motilität: Nur eine Spur 
von Function im Orbicularis palpebrarum; gleichzeitig aber auch eine Spur 
von Mitbewegung in den Lachmuskeln. Faradische Erregbarkeit im unteren 
Aste annähernd normal, fehlt ganz im oberen Aste. Mechanische Erreg- 
barkeit überall normal, Galvanische Erregbarkeit fehlt extra- und intra- 
muskulär im Frontalis, Corrugator supeicilii und Orbicularis palpebrarum 
gänzlich; in den Muskeln der unteren Aeste ist sie wesentlich geringer als 
rechts. Gleich nach der Sitzung beträchtliche Motilität der ganzen unteren 
Gesichtshälfte. 

7. VII. Erhöhte Reflexerregbarkeit auf optische, mechanische und galva- 
nische Reize vom Opticus und vom Trigeminus auf die Kinnmuskeln. 

14. VII. Starke Mitbewegungen in den Lachmuskeln bei Innervation 
des Orbicularis palpebrarum und in letzterem Muskel bei Innervation des 
Orbicularis oris. 

8. Beobachtung. Maurer von 26 Jahren. Complete, periphere, rechts- 
seitige Facialislähmung seit dem 25. XI. 68. Gewöhnlicher Verlauf der Er- 
regbarkeitsveränderungen, 



172 



Ueber die Auffassung 



31. XII. (Ende der 5. Woche.) Bei Percussion des rechten Arcus zygo- 
maticus Zuckung im linken Orbicularis palpebrarum. 
23. I. Spuren von Motilität im Frontalis. 

27. II. Plötzliche Rückkehr eines Theiles der Motilität der unteren Ge- 
sichtshälfte. 

8. III. (4 Monat). Spuren von Mitbewegung bei Innervation des Fron- 
talis in den Hebern der Oberlippe, die durch den Willen noch unterdrückt 
werden können. 

16. III. Bei Innervation des Frontalis Mitbewegungen der Muskeln um 
den Mund, die noch schwach sind, aber nicht mehr unterdrückt werden können. 

23. III. Aehnliche Mitbewegungen bei Innervation des Orbicularis pal- 
pebrarum. Bei Reizung der Stirnhaut Reflexbewegungen in den Muskeln um 
den Mund. 

18. IV. Starke Mitbewegungen, enorm grosse Reflexerregbarkeit, vom 
Trigemi^us und vom Opticus aus. 

9. Beobachtung. Knabe von 10 Jahi-en. Linksseitige, periphere Fa- 
cialis-Paralyse durch Fractur der Schädelbasis seit 7 Monaten. 

2. X. 71. Parese im ganzen P'acialisgebiet; Fehlen der faradischen und 
mechanischen, Herabsetzung der galvanischen Erregbarkeit. Bei Innervations- 
versuchen der Muskeln des oberen Astes Mitbewegungen in denen der unteren 
Aeste. Reflexerregbarkeit stark erhöht, sowohl vom Opticus, als auch vom 
Trigerainus aus. Die Reize strahlen hauptsächlich in den unteren Ast und 
Orbicularis palpebrarum ein. 

10. Beobachtung. Uhrmacher von 25 Jahren. Periphere, linksseitige 
Facialis-Parese seit 6 Jahren. 

25. II. 69. Paralyse des Frontalis, Parese des Orbicularis palpebrarum. 
Faradische Erregbarkeit annähernd normal, nur bleibt die Zuckungsgrösse 
im Frontalis, auch bei starken Strömen, nur gering. Gleich nach der Sitzung 
ist die Motilität im Frontalis grossentheils wieder da. Bei Innervation des 
Frontalis und Orbicularis palpebrarum starke Mitbewegungen in den Zygo- 
maticis und den Hebern der Oberlippe. Bei elektrischer Reizung der Haut 
zucken dieselben Muskeln ; nachher dauert dieser Krampf noch eine Weile an. 

1. III. Die Reflexerregbarkeit ist jetzt so gross, dass der halbseitige 
Gesichtsmuskelkrampf schon bei blosser Annäherung des Percussions-Hammers 
an die Haut beginnt. 

11. Beobachtung. Kaufmann von 22 Jahren. Hat bereits vor 5 Jahren 
an rechtsseitiger Gesichtslähmung gelitten; vor 2 Jahren trat eine Lähmung 
auf derselben Seite ein, in Folge deren er noch jetzt über Motilitätsstörun- 
gen klagt. 

25. III. 72: Leichte rechtsseitige Contractur; Uvula etwas nach links, 
Motilität in allen Muskeln, jedoch unvollständig, wieder vorhanden. Leichte 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. II. I73 

fibrillärc Zuckungen in den Kinumuskeln. Faradisclie Erregbarkeit, was das 
ZuckuDgsminimum angeht, rechts nur wenig geringer; was das Zuckungs- 
maximura angeht, beträchtlich herabgesetzt. Galvanische und mechanische 
Erregbarkeit gering. Sehr intensive Mitbewegungen in der gewöhnlichen 
Weise, doch treten auch beim Zusammenpressen der Lippen und bei Inner- 
vation der Lachmuskeln leichte Mitbewegungen im Frontalis und bei Inner- 
vation der Letzteren auch eine geringe Hebung des unteren Lids ein. Opti- 
sche Reize wirken wie oben angeführt. Leichte oder stärkere Hautreize, 
sowie Berührungen der Wimpern führt zu zitternden Contractioiien in den 
Muskeln der unteren Gesichtshälfte, die sich namentlich auf faradische Haut- 
reize zu einem nicht unbedeutenden Krampf steigern, der sich auch auf den 
Frontalis und den gleichnamigen Muskel der anderen Seite ausdehnt. 



Ueberblicken wir nun zuerst dasjenige, was wir rücksichtlich 
der Mitbewegungen bei diesen Lähmungen gefunden haben. Nach 
unseren bisherigen Beobachtungen scheint es so, als ob in der 
Regel die ersten Mitbewegungen etwa gleichzeitig mit 
der Motilität in den Muskeln der unteren Gesichtshälfte ein- 
treten. Ja, in einigen Fällen (vgl. Beobachtung 3 und 4) traten 
sogar die ersten Spuren von Mitbewegungen um einige Tage früher 
als die willkürliche Bewegung ein. Freilich war es nicht in allen 
Fällen möglich, ihren ersten Anfang zu beobachten, einmal weil die 
Aufmerksamkeit nicht in allen Fällen genügend darauf gelenkt war, 
dann aber weil andere schon mit dieser Bewegungsauomalie in die 
Behandlung traten. Endlich mag sie, je nach den grade obwalten- 
den besonderen Bedingungen, das eine Mal längere, das andere Mal 
kürzere Zeit zur Entwickelung nöthig haben. 

Von dem Ort und der Art der Läsion des Nerven scheinen 
die Mitbewegungen gänzlich unabhängig zu sein. Denn ich beob- 
achtete sie nicht nur nach der gewöhnlichen Form rheumatischer 
Lähmung, sondern auch bei Fällen traumatischer Lähmung in Folge 
von Fractur der Basis cranii, auch bei einem Falle, dem wahrschein- 
lich Syphilis zu Grunde lag. Uebrigens wäre es, wie man später 
sehen wird, von Interesse, zu entscheiden, ob auch solche Läsionen, 
die den extracraniellen Verlauf des Nerven treffen, zu gleichen Stö- 
rungen führen. 

Die Art, in der diese Mitbewegungen auftreten, und ihre all- 
mählige Ausbreitung ist in allen Fällen gleich und höchst characte- 



174 



üeber die Auffassung 



ristisch. Zuerst bemerkt man bei Innervationsversuchen der oberen 
Gesichtshälfte eine leichte Verziehung des Mundes, Später wird die- 
selbe deutlicher, und endlich tritt auch beim Zusammenpressen der 
Lippen ein nicht beabsichtigter Schluss des kranken Auges ein. Manch- 
mal kommt es auch (s. Beobacht. 11) bei Innervation der unteren 
Gesichtshälfte zu einer Contraction im Frontalis. Der durch diese 
Bewegungen erzielte mimische Effect ist bei grösserer Intensität des 
Phänomens nicht mehr von der Action des einen oder des anderen 
Muskels allein abhängig sondern entsteht durch das Zusammenwirken 
mehrerer Muskeln, und giebt dem Gesicht einen höchst fratzenhaften 
Ausdruck; Letzteres um so mehr, als die andere Gesichtshälfte dabei 
in Kuhe bleiben kann. 

Dieser mimische Ausdruck lässt sich mit denjenigen, welche 
durch die Affecte erzeugt werden, nur schwer vergleichen. Ich will 
deswegen lieber versuchen, die bei jeder Muskelinnervation abnormer 
Weise mit innervirten Muskeln zu benennen. Es ist selbstverständ- 
lich, dass durch mehr oder weniger vollständige Wiederherstellung 
der Leitung in den einzelnen Aesten des Nerven die grössere oder 
geringere Betheiligung des einen oder anderen Muskels beeinflusst 
werden kann. 

Bei Innervation des Frontalis sowohl, als bei Innervation des 
Corrugator supercilii contrahiren sich Levator alae nasi labiique sup, 
Zygomatici und Orbicularis oris. Bei Innervation des Corrugator 
supercilii tritt dann noch der Triangularis menti mit hinzu. Der 
Gesammteffect dieser abnormen Innervation ist aber eine Verziehung 
der ganzen Gesichtshälfte nach Oben, während bei willkürlicher In- 
nervation des Orbicularis palpebrarum dieselben Muskeln, aber nun 
so mitbewegt werden, dass das Gesicht in die Quere verzogen, der 
Mundwinkel der kranken Seite also dem Ohre genähert wird. Will- 
kürliche Innervation der Lachmuskeln bringt keine Mitbewegungen 
hervor, während Zusammenpressen des Mundes wieder eine sehr deut- 
liche Mitbewegung im Orbicularis palpebrarum erzeugt, wodurch dann 
das Gesicht einen etwas schalkhaften Ausdruck erhält. Auch zwischen 
der bei Innervation des Frontalis und bei der des Corrugator super- 
cilii eintretenden Verzerrung lässt sich ein deutlicher Unterschied wahr- 
nehmen. Bei der Ersteren haben die Zygomatici immer noch etwas 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. II. 



175 



das Uebergewicht, während bei der Letzteren die Heber der Ober- 
lippe entschieden vorwiegen. — 

Die nächste Frage wäre nun, von welchem Organ denn 
diese Bewegiingsanomalie ausgelöst wird. Man könnte 
vielleicht an das Ganglion geniculi denken, insofern dieses bei einer 
Anzahl von Lähmungen wahrscheinlich beleidigt wird, und insofern 
als es ja möglich wäre, dass in einem solchen Ganglion ähnliche 
Verknüpfungen der Muskelbewegung stattfinden, als in anderen Cen- 
tralorganen. Indessen haben wir doch gar keine Anhaltspunkte für 
die letztere Annahme, ausserdem sollte man meinen, dass bei einer 
Zerstörung eines Organs von solcher Function diese Function nicht 
stärker werden, sondern im Gegeutheil ausfallen müsste. Man würde 
dann eher zu erwarten haben, dass bei der willkürlichen Innervation 
die im Normalen vorhandene mimische Mitbewegung entweder ganz 
ausfiele oder schwerer zu Stande käme. Endlich ist es kaum anzu- 
nehmen, dass in allen meinen Beobachtungen, die Läsionen von so 
verschiedener Natur betreffen, die Leitungs Unterbrechung immer in 
den Bereich jenes Ganglion gefallen sei. 

Man könnte auch den übrigen Theil des motorischen Nerven 
verantwortlich machen wollen: man müsste dann aber mindestens 
voraussetzen, dass derselbe eine grössere Leitungsfähigkeit als ein 
normaler Nerv besässe, was nach den zahlreichen vorhandenen Unter- 
suchungen, denen ich ebenso zahlreiche eigene anreihen könnte, wenig 
wahrscheinlich ist. 

Man könnte drittens den Grund im Muskel suchen. Letzterer 
zeigt allerdings auch in späteren Perioden gebesserter Facialis-Läh- 
mungen gewisse abnorme und wenig bekannte Zustände, die mög- 
licher Weise ihren Grund in gesteigerter Erregbarkeit der Muskel- 
substanz selbst haben. Man bemerkt nämlich in den Muskeln fibril- 
läre und partielle Contractionen, welche auf das Lebhafteste an das 
gleiche bei progressiver Muskelatrophie vorhandene Phänomen er- 
innern. Gleichzeitig aber ist die Erregbarkeit gegen mechanische 
und elektrische Kelze auf das Entschiedenste herabgesetzt, während 
jenes Muskelzittern nach jeder Keizung der sensiblen Nerven — sei 
es durch Anblasen der Haut, sei es durch mechanische, sei es durch 
elektrische Eeize — auf das Deutlichste verstärkt oder erst hervor- 



176 Ueber die Auflfassung 

gerufen wird. Unter diesen Umständen ist es noch sehr zweifelhaft, 
um nicht zu sagen, unwahrscheinlich, dass in der That der Mus- 
kel selbst sich im Zustande gesteigerter Erregbarkeit befinde.') 

Wie dem nun auch sein mag, und ob man nun den Nerven 
oder den Muskel zur Erklärung heranziehen will, in jedem Falle 
wäre erforderlich, dass, wenn auf einen Willensimpuls eine Contrac- 
tion eintreten soll, dieser Willensimpuls in die betreffende Leitungs- 
bahn gelangt. Auch bei der allergrössesten Steigerung seiner Keiz- 
barkeit wird der Muskel in Ruhe bleiben, wenn diese Bedingung 
nicht zutrifft. Da nun die abnormen Mitbewegungen vom Centrum 
her nicht beabsichtigt werden, ja sogar ihre Entstehung durch den 
Willen so gut wie immer fruchtlos unterdrückt zu werden versucht 
wird, so muss zwischen dem motorischen Centrum und 
dem peripheren Nerven irgend wo ein Mechanismus in 
Unordnung gerathen sein, durch den nun die centralen 
Impulse in nicht gewollte Bahnen geschleudert werden. 

Es findet mit anderen Worten ein ähnliches Ver- 
halten statt, wie bei den hemiplegischen Contracturen; 
auch dort gelangen, wie ich oben gezeigt habe, die Im- 
pulse in nicht beabsichtigte Bahnen hinein. Indessen könnte 
man einwenden, dass jede Willensinnervation des einen Gesichts- 
muskels eine, wenn auch nur schwache Mitinner vation der anderen 
Gesichtsmuskeln voraussetze, ähnlich wie ich dies bezüglich anderer 
Muskelgruppen a. a. 0. ausgeführt habe. Bei den gewöhnlichen 
Bewegungen des Gesichtes sind die Grenzen der Mitinnervation, wenn 
es überhaupt dazu kommt, freilich ganz anders gezogen. Doch könnte 
man in einer mehr oder weniger künstlichen Beweisführung dafür 
plädiren, dass der Nutzeffect der Muskelinnervation für gewöhnlich 
latent bliebe. Dann würden also in der That Impulse in die peri- 
pheren Bahnen gelangen, und es würde der Annahme eines Reiz- 
zustandes in centralen Organen nicht bedürfen. Gegen eine solche 



1) Nach längerer elektrischer Behandlung findet man übrigens neben 
Besserung dieser Reizerscheinungen erhebliche Zunahme der intramuscu- 
lären faradischen Contractilität, während die extramusculäre Anspruchsfähig- 
keit auf spärliche Fasern beschränkt sein kann. 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. II. X77 

Auffassung ist der Nachweis abnormer Keflexvorgänge aller- 
dings von entscheidender Wichtigkeit. Beschäftigen wir uns nun- 
mehr mit diesen. 

Es war die Rede von Keflexcontractionen, welche einmal bei 
Reizen, die auf den Opticus wirkten und dann bei solchen, die den 
Trigeminus angingen, zu Stande kamen. 

Die durch optische Reize ausgelösten Zusammenziehungen 
können, obwohl wir sie unter dem Namen der Reflexcontractionen 
anführten, wie sich bei genauerer Prüfung herausstellt, als solche 
nicht ohne Weiteres aufgefasst werden. Diese Contractionen werden 
nämlich von vielen Kranken vollkommen verhindert, und zwar immer 
dann, wenn das Blinzeln mit den Lidern bei Annäherung eines fremden 
Körpers unterdrückt werden kann. Bei denselben Kranken treten 
aber sofort höchst intensive allgemeine Mitbewegungen auf, sobald 
man die Wimpern — sei es bei offenen oder bei geschlossenen Augen 

— besonders des unteren Lides leise berührt. Unter diesen Um- 
ständen müssen die anfänglich als optische Reflexe imponirenden 
Contractionen als eine besondere Art von Mitbewegung aufgefasst 
werden. Auf den optischen Reiz tritt die normale Reflexbeweo-uno- 
des Lidschlusses ein, mit ihr aber zufolge der vorausgesetzten Un- 
ordnung in jenem centralen Apparate eine höchst unzweckmässige 
Bewegung in dem ganzen krankhaft afficirten motorischen Gebiete. 

Da diese Thatsachen mir für die Bedeutung der vorliegenden 
Beobachtungen von grossem Interesse schienen, so habe ich die eben 
beschriebenen Versuche seit langer Zeit au meinen Kranken unzäh- 
lige Male wiederholt und habe dabei, den gleichen Zustand der 
Leitungsfähigkeit in den motorischen Nerven vorausgesetzt, immer 
das gleiche Resultat gefunden. Kommt es jedoch infolge Leituugs- 
unfähigkeit des Orbicularis palpebrarum auf Berührung der Wimpern 
noch nicht zum reflectorischen Lidschlusse, so beobachtet man eine 
andere Reflexbewegung, dann zuckt nämlich der ganze Kopf zurück, 

— während bei Reizung der anderen Seite nur die normale Reflex- 
bewegung, der Lidschlusse, eintritt. Man braucht diese ungewöhnliche 
Reflexbewegung freilich nicht als Beweis einer abnormen Reizbarkeit 
aufzufassen, sondern man kann sie als ein Analogen jenes beim de- 
capitirten Frosche bekannten Vorganges betrachten, insofern als der 

Hitzig, Experimentelle Uiitersuchungen. 12 



178 



üeber die Aufifassuiig 



Frosch zur Abwehr von ßeizen eine ganze Reihe von Motoren nach 
einander in Bewegung zu setzen vermag. 

Das Interesse dieser Thatsache liegt darin, dass hier die Mit- 
bewegung nicht in Folge von Willensimpulsen, sondern als Folge 
von äusseren Reizen auftritt. Die centrale Bahn für den Willens- 
impuls kommt also in Wegfall und wir vermögen dadurch den Heerd 
der Reizung genauer zu localisiren. Bei der Schwierigkeit, der die 
Analyse aller centralen Vorgänge unterliegt, scheint eine jede solche 
Thatsache mir -von nicht geringer Wichtigkeit zu sein. — 

Wenn nun die durch den Opticus vermittelten Bewegungen mehr 
den Character der Mitbewegung tragen, so lassen sich die bei Rei- 
zung des Trigeminus auftretenden Contractionen um so sicherer 
als reine Reflexe erklären. 

Ich habe der Reihe nach bei diesen Kranken alle möglichen 
Reize versucht, und es giebt keinen einzigen Reiz, von dem ein- 
fachen Streichen der Haut mit dem Finger an, bis zur elektrischen 
Reizung, durch den ich nicht die vielgenannten Muskelgruppen hätte 
in Bewegung setzen können. Natürlich ist je nach dem Grade der 
vorhandenen Erregbarkeit in dem einen Falle ein stärkerer, in dem 
anderen Falle ein geringerer Reiz erforderlich. In einzelnen P'ällen 
wurden die Reflexe sogar auf die andere Seite übertragen (Beobacht. 
6 und 8, s. a. Beobacht. 12 und 13). Diese üebertragnngen auf 
die andere Seite wurden bereits in einer ganz frühen Periode der 
Lähmung beobachtet, so dass auch dies dafür spricht, dass jener 
Reizzustand durch den die Mitbewegungen und die abnormen Re- 
flexbewegungen hervorgebracht werden, bereits lange bestehen kann, 
ehe die ursprünglich verlegte motorische Leitungsbahn wieder ge- 
öfliiet ist. 

Fassen wir alle diese Thatsachen zusammen: das Vorhandensein 
von Mitbewegungen im Stamme desselben Nerven, deren Auftreten 
auch bei peripherer Reizung vom Opticus aus, das Vorhandensein 
von abnormen Reflexbewegungen, die leichte Uebertragbarkeit auf 
die andere Seite; so ergiebt sich schon hieraus mit der grössten 
Wahrscheinlichkeit, dass der Sitz der abnormen Reizung in 
dem eigentlichen Reflexorgane des Facialis sein muss^ 
d. h. in der Medulla oblongata. 



einiger Anomalieen der Muskeliunervation. II. 



179 



Ehe wir nun in unserer Betrachtung weiter gehen, seien hier 
noch zwei Krankheitsfälle, wenn auch in möglichster Kürze doch 
etwas ausführlicher angeführt, insofern als sie nicht nur durch ihre 
Seltenheit ein allgemeineres Interesse beanspruchen können, sondern 
auch zur Illustrirung der uns beschäftigenden Anomalieen besonders 
geeignet sind, 

12. Beobachtung. Mädchen von 19 Jahren. Erkrankte vor 3 Jahren 
an completer, linksseitiger Facialis- Lähmung, welche bis auf fehlende Moti- 
lität im Frontalis und Contractur des Orbicularis palpebrarum geheilt war, 
als sie am 6. III. 1869 von Neuem mit Ohrenschmerzen und Lähmung des- 
selben Nerven erkrankte. 

Status präsens. 9. III. 1869. Keine Gesichtsverzerrung; nur das linke 
(kranke) Auge bedeutend kleiner als das rechte. Zunge grade; Uvula mit 
der Spitze erheblich nach rechts. Motilität fehlt gänzlich im Frontalis, ist 
höchst unvollkommen in den anderen Gesichtsmuskeln. Mechanische Erreg- 
barkeit fehlt. Galvanische Erregbarkeit intramuskulär äusserst gering; (Kinn- 
muskeln bei 18 Ell Zuckung, in den anderen Muskeln bei 20 Ell keine 
Zuckung). Faradische Erregbarkeit intra- und extramuskulär, namentlich im 
oberen Aste, beträchtlich herabgesetzt. 

10. III. Faradische Contractilität noch geringer. 

11. III. Faradische Erregbarkeit mit Ausnahme einiger Spuren im Cor- 
rugator supercilii und einzelnen Bündeln des Qudratus menti gänzlich ver- 
loren. Motilität spurweise in den genannten Muskeln, fehlt sonst. 

3. IV. (Leichtes Oedem des Gesichts und zunehmende Empfindlichkeit, 
sowie Ansteigen der galvanischen, intramuskulären Erregbarkeit schon seit 
den ersten Tagen der Behandlung). Jetzt Frontalis, rechts 12, links 8; die 
anderen Muskeln, rechts 10, links 8. Deutliches Vorwiegen der Anode im 
Frontalis und der Oberlippe, Vorwiegen der Kathode am Kinn. Mechanische 
Erregbarkeit sehr gei'ing. 

Seit Anfang Mai allmählige Zunahme der Motilität. 

25. V. (12. Woche). Motilität sämmtlicher Gesichtsmuskeln, ausgenom- 
men Frontalis fast complet; am meisten bleibt noch zurück Orbicularis pal- 
pebrarum. Bei Innervation des Frontalis und Orbicularis palpebrarum Mit- 
bewegungen der Muskeln um den Mund. 

10. VI. Inzwischen allmählige Zunahme der Mitbewegungeu und auch 
der Motilität des Frontalis; jetzt treten auch bei Innervation des Orbicularis 
oris schwache Mitbewegungen im Orbicul. palpebrarum auf. Ueber die me- 
chanische Erregbarkeit der Muskeln lässt sich wegen der enormen Reflex- 
erregbarkeit kein sicheres Urtheil gewinnen. Schon bei Annäherung eines 
Gegenstandes an die Haut, namentlich der linken, doch auch der rechten 
Gesichtshälfte, zucken die Muskeln um den Mund; desgleichen bei leichtem 
Herüberfahren über die Haut. Gleichzeitig spontane fibrilläre Zuckungen. 

16. XI. Reflexerregbarkeit noch immer sehr gross. Die Percussion des 
oberen und des unteren Orbitalrandes, sowie des linken Theiles der Nase 

12* 



180 



lieber die Auffassung 



und des Arcus zygomaticus, sowie das oberflächliche Stechen aller dieser 
Punkte mit Nadeln, sowohl bei offenen als bei geschlossenen Augen lust 
Zuckungen, ja bei längerer Dauer der Reizung klonische Krämpfe in allen 
linksseitigen Gesichtsmuskeln, ausgenommen Frontalis, aus. Endlich bleibt 
ein tonischer Krampf des Quadratus menti für einige Minuten zurück. 

2. IV. 70. Klagen über Innervationsstörung der re cht en Gesichtshälfte. 
Nichts nachweisbar, als geringe Schwäche des Orbicularis palpebrarum. 

5. IV. Incomplete Lähmung des redeten Facialis, theilweise Erhöhung 
der faradischen Erregbarkeit, (z. B. Orbic. palpbr., Corrug. supercilii extra- 
musculär 170). Auf der rechten Zungenhälfte süsslicher Geschmack. Gal- 
vanische Geschmacksempfindung am vorderen und seitlichen Zungenrande 
rechts abgestumpft. 

Allmähliges Abfallen der faradischen Erregbarkeit. 

12. IV. Frontalis unerregbar, die anderen Muskeln zwischen 150 und 
120 noch zu erregen. Bei dieser Untersuchung äusserst starke, nicht zu be- 
herrschende Reflexcontractionen in dem linken Facialis. 

19. IV. Grosse Empfindlichkeit der rechten Gesichtshälfte; noch keine 
mechanische Erregbarkeit, faradische Erregbarkeit in den oberen Aesten =0, 
in den unteren Aesten bei schwachen Strömen in einzelnen Bündeln, bei stär- 
keren Strömen kein grösserer Reizeffect. Motilität verhält sich ebenso. Gal- 
vanische Erregbarkeit: Kinn 6, Oberlippe 8, Frontalis 10; Vorwiegen der 
Kathode. 

21. IV. Spuren mechanischer Erregbarkeit. 

27. IV. Seit gestern Nachmittag plötzlich der letzte Rest von Motilität 
auf der rechten Gesichtshälfte verschwunden. Bei leichter Percussion des 
rechten Frontalis, weniger der übrigen Gesichtsmuskeln, leichte klonische 
Krämpfe der Muskeln um den Mund auf der anderen Seite. 

29. IV. Rechte Gesichtshälfte ziemlich stark geschwollen, äussert em- 
pfindlich. Spuren mechanischer Erregbarkeit im Frontalis. Noch grössere 
galvanische Erregbarkeit. 

5. V. (5. Woche.) Spuren von Motilität im Frontalis, Corrugator und 
Orbicularis palpebrarum. Mechanische Erregbarkeit zugenommen. Bei der 
geringsten Reizung der Haut der rechten Gesichtshälfte sehr starke Con- 
tractionen auf der linken Seite. 

7. V. Mechanische Erregbarkeit sehr bedeutend erhöht. Weiteies An- 
wachsen der galvanischen Erregbarkeit. Stetes Vorwiegen der Kathode. Kam 
bald nachher aus der Beobachtung. 

Das hauptsächlichste Interesse dieser Beobachtung liegt 1) darin, 
dass die Kranke drei Lähmungen ihrer zwei Gesichtsnerven davon 
getragen hat, 2) in der kolossalen Steigerung der Reflexerregbarkeit, 
die sich eben auch in starker Projection der Reize nach der anderen 
Seite äusserte. Man kann aus diesem Falle ferner unmittelbar er- 
sehen, dass die Contractur, welche nach peripheren Lähmungen zu- 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. II. 



181 



rückbleibt, in der That im Muskel und nirgends anders ihren Sitz 
hat. Denn der linke Orbiculaiis palpebrarum befand sich von der 
ersten Lähmung her noch in Coutractur, und behielt dieselbe bei, 
obwohl eine complete Leitungsunterbrechung seines motorischen Astes 
von Neuem eintrat. Ja ich erinnere mich, diese Kranke noch ge- 
legentlich ihrer rechtsseitigen Facialislähmung stets mit der ver- 
kleinerten Lidspalte gesehen zu haben. Endlich verliefen die ander- 
weitigen Erregbarkeitsveränderungen innerhalb der zum zweiten Male 
befallenen Muskulatur in der gewöhnlichen Weise, nur die mecha- 
nische Erregbarkeit erfuhr linkerseits nicht die gewöhnliche Stei- 
gerung. 

13. Beobachtung. Köchin von 42 Jahren. Rheumatische rechtsseitige 
Facial-Paralyse seit dem 16. IX. 68. 

Status präsens 16. X. 68: Complete Paralyse des Facialis, jedoch ohne 
Betheiligung der Uvula. Faradische Erregbarkeit fehlt gänzlich; (im Corrug. 
superc. und Frontalis sind einige Fasern gegen den Willen und den fara- 
discheu Reiz erregbar geblieben). Galvanische Erregbarkeit beträchtlich er- 
höht. (Vorwiegen der Kathode ) Fast gänzlicher Verlust der Geschmacks- 
Empfindungen am rechten Rande und der Spitze der Zunge. Bei jedem 
kräftigen Innervationsversuche des Frontalis will sie für die Dauer desselben 
auf der kranken Seite einen tiefen Ton hören. (Mit Resonatoren werden 
rechte alle Töne schärfer als links gehört. Lucae). 

2. XI. (7. Woche) Spuren von Motilität in der unteren Gesichtshälfte. 

20. XI. (9. Woche ) Die Motilität hat inzwischen zugenommen. Fara- 
dische Erregbarkeit in sämmtlichen Muskeln spurweise, am grösUen im Fron- 
talis, keine im Orbicularis palpebrarum. Beim Klopfen auf den Unterkieferast 
des Facialis in der Gegend des Angulus mandibulae (zur Untersuchung auf 
mechanische Erregbarkeit des Nerven) zucken plötzlich zuerst die Muskeln, 
welche dieser Ast versorgt mehrmals hinter einander; noch während dieser 
Zuckungen beginnen auch die Zygomatici dasselbe Spiel. Dann fangen zuerst 
die mimischen ünterkiefermuskeln der anderen Seite an sich zu contrahiren; 
das Zucken verbreitet sich auf sämmtliche mimische Muskeln der anderen 
Seite, und zwar derart, dass durch kräftige laugsame Contractionen ein ausser- 
ordentlich heftiger Krampf im Gebiete des ganzen Facialis entsteht, wie man 
ihn in so grosser Heftigkeit bei Fällen von reinem Gcsichtsmuskelkrampf kaum 
jemals zu sehen bekommt. Nachdem der Krampf sich beruhigt hatte, wurde 
der Klopfversuch wiederholt. Nun entstand neben dem Facialiskrampf gleich- 
zeitig ein Krampf in beiden Trigeminis der Art, dass abwechselnd die Kiefer 
gegen einander gepresst wurden und dann seitliche Bewegungen machten, etwa 
wie ein kauendes Pferd. Einen sehr eigenthümlichen Anblick gewährte es, 
dass sich einzelne Bündel der linken Gesichtsmiiskeln isolirt mit ganz ausser- 
ordentlicher Energie zusammengezogen. Bei einem dritten Versuch bekam die 



182 



Ueber die Auffassung 



Kranke eine Art von Schüttelfrost ähnlichem Krampf, wollte aber nebenbei 
über Kälte oder sonstige abnorme Empfindungen nicht zu klagen haben. 

21. XI. Gestern Abend 7'/2 ühr ein halbstündiger Anfall von doppel- 
seitigem Krampf des Facialis und Trigeminus. Während desselben fort- 
während Gebörsempfindungen auf dem kranken Ohre. Seit heute Morgen 
unausgesetzt doppelseitiger Facialis- und Trigeminuskrampf, ausserdem häu- 
fige Schüttelfrost ähnliche Krämpfe. 

Mittags 3 Uhr in der von Gräfe'schen Klinik. Inzwischen waren meh- 
rere Anfälle von Krämpfen, auch in den Extremitäten, jedoch ohne Verlust 
des Bewusstseins vorhanden gewesen. Der erste Anfall hatte sich auf die 
Arme beschränkt, beim zweiten waren auch Zuckungen in den Beinen auf- 
getreten. Zwei solcher Anfälle wurden in der Klinik mit von Gräfe beob- 
achtet. Sie begannen beide im rechten Facialis, breiteten sich sehr schnell 
über alle Gesichtsmuskeln aus, dann kam es zu schluchzenden Bewegungen, 
Schüttelfrost, dann begann der rechte Arm bei halb gebeugten Fingern schüt- 
telnde Bewegungen zu machen, endlich traten tonische Streckbewegungen des 
rechten Beines mit klonischen Dorsalflexiouen des rechten Fusses auf. Die 
krampfhaften Bewegungen der linken Extremitäten waren nur ganz unbe- 
deutend. Während des zweiten Anfalles waren beide Recti inff. in tonischer 
Contraction. Dabei war die Haut feucht und der erst volle und weiche, 
nur wenig beschleunigte Puls unzählbar häufig, leer und klein. Verordnung: 
Vollkommene Ruhe; Kali brom: 

1. XII. Hat inzwischen nur wenige kurz dauernde Anfälle und zwar 
jedes Mal in Folge von Aufstehen, und namentlich von Sprechen gehabt. Da- 
bei waren Krämpfe in den beiden Extremitäten der kranken Seite, und gegen 
Ende der Anfälle auch in der gesunden Seite vorhanden. 

7. XII. Selbst bei vollkommener Ruhe immer noch kleine Anfälle von 
Krampf, namentlich in den Muskeln des unteren Astes und auch der gesunden 
Seite vorhanden Bei Bewegungen auch mit der gesunden Seite werden die 
Krämpfe stärker. Druck auf die Muskeln der kranken Seite ruft sie in allen 
Muskeln des Gesichts in grosser Intensität hervor. 

14. XII. Heut ist der Krampf auf der kranken Seite stärker. 

30. XII. Reflexerregbarkeit immer noch kolossal. Bei plötzlichem Nähern 
des Fingers an das Auge heftige Gesichtsmuskelkrämpfe, an denen sich auch 
der linke Rectus iuf. bei Reizung links betheiligt, so dass der linke Bulbus 
unter Schliessungsbewegung des Lides nach Unten gerollt wird, während der 
rechte grade aus sieht. 

Den Rest der Krankengeschichte übergehe ich, indem ich nur noch hin- 
zufüge, dass die Steigerung der Reflexerregbarkeit in allmählig abnehmenden 
Grade und die abnormen Mitbewegungen noch lange beobachtet wurden, die 
Motilität stellte sich allmählig wieder ein. 

Das Interesse dieser Beobachtiiug, für die mir Analoga nicht 
bekannt sind, liegt in der Ausbreitung des Reizzustandes auf be- 
nachbarte Innervationsstätten. Nachdem sich zuerst der Facialis der 



einiger Anomalieen der Muskelinnervation. II. 



183 



gereizten (kranken) Seite in Bewegung gesetzt hatte, folgte ihm der 
Facialis der anderen Seite, dann die Trigemini und so breitete sich 
der Krampf ziemlich gleichzeitig sowohl nach Vorn als nach Hinten 
nicht nur auf die willkürlichen Muskeln, sondern sogar auf den 
Herzmuskel aus. An den Extremitäten waren die Bewegungen auf 
der kranken Seite unvergleichlich viel stärker als auf der gesunden 
Seite. Die Krämpfe wurden sowohl durch Willensimpulse als auch 
Keflexreize, endlich auch durch auf dem Reflexwege producirte in- 
directe Eeize (vom Opticus her) ausgelöst. 

Dieser Fall scheint mir sich von den bisher angeführten nur 
graduell zu unterscheiden. Wir fanden bei jenen zunächst die Ten- 
denz zur Mitbewegung pathologisch angewachsen, dann zeigte sich 
eine Ausbreitung reflectorischer Reize auf benachbarte Motoren der- 
selben Seite, ja in einzelnen Fällen kam bereits ein Ueberspringeu 
des Reizes auf die andere Seite zur Beobachtung. In diesem Falle 
wurden nun auch entfernter liegende Motoren mit ergriffen. — 

Nach allem Diesem dürfte sich wohl kaum noch ein Zweifel da- 
gegen erheben, dass die geschilderten Bewegungsanomalieen 
wirklich in der Med. oblong, ihren Sitz haben und auf einen 
besonderen Reizzustand dieses Organes zurückzuführen 
sind. Die Frage wäre nur, woher denn dieser Reizzustand 
kommt? Dass Reizungen sensibler Nerven krampfhafte Zustände ver- 
schiedener Art bedingen können, ist bekannt genug, aber dass Läh- 
mungen motorischer Nerven einen gleichen Effect hätten, wusste man 
bisher nicht. Man ist also zunächst versucht, an die Anastomose des 
Facialis mit dem Quintus, d. h. an dem Facialis beigemischte sensible 
oder sensuelle Fasern, zu denken. Ich lasse dahingestellt sein, in wie 
weit dieser Erklärungsversuch das Richtige träfe. Thatsächlich ist mit 
Ausnahme der Geschmacksalteration eine Empfindungslähmung bei 
Facialis - Paralysen nicht zu constatiren, und die sich später ein- 
stellende, übrigens sehr verschieden starke Empfindlichkeit der kranken 
Gesichtshälfte dürfte wohl auf die dann vorhandene Miiskelentzündung 
zu beziehen sein. Man könnte auch diese Letztere verantwortlich 
machen wollen. Dagegen müsste ich indessen schon Einspruch er- 
heben;, denn die Dauer der abnormen Reizzustände erstreckt sich 
über Jahre hinaus, wenn von der Muskelentzündung längst nichts 



■j^g^ Ueber die Auffassung 

mehr wahrzunehmen ist. Weiter, glaube ich, kann mau für den 
Augenblick mit den Sichtungs- und Deutungsversuchen nicht gehen. 
Es genüge also einstweilen die durch meine Beobachtungen gewon- 
nene und in dieser Form unbestreitbare Thatsache, dass in Folge 
von Leitungslinterbrechungen eines peripheren moto- 
torisch (-sensuellen?) Nerven, des Facialis, sich ein der 
weiteren Ausbreitung fähiger, convulsivischer Zustand 
in seinem Eeflexorgaue einstellt, und dass dieser Zustand 
Jahre lang anhalten kann. 

In diese abstracte Form gebracht, finden unsere Beobachtungen 
am Menschen auch sofort ihr Analogon in den Eesultaten gewisser 
Vivisectionen. Durch die Versuche Brown-Sequard's ist es be- 
kannt, dass Durchschneidung des Ischiadicus am Meerschweinchen 
zur Ausbildung einer echten Epilepsie führt, bei der merkwürdiger 
Weise eine „epileptogene Zone" in den Bahnen des Quintus liegt. 
Einzelne neuere Beobachtungen desselben Forschers nähern diesen 
Krankheitsvorgang noch mehr dem von mir beschriebenen. Bei ein- 
zelnen Thieren trat nämlich die charakterisirte Epilepsie nicht ein, 
sondern es kam entweder nur zu unvollständigen Anfällen (vgl. Be- 
obacht. 13) oder einfach zu krankhafter Heizung der Keflexthätigkeit. 
Bei allen diesen Thieren konnte man eine ungewöhnlich schnelle 
Wiederherstellung der Leitungsunterbrechung nachweisen.') Die In- 
tensität des gesetzten Reizes war also offenbar von der Intensität 
der gesetzen Leitungsunterbrechung abhängig. Dies erinnert an 
meine Beobachtung 5, bei der der sonstige Verlauf gleichfalls für 
eine geringere Intensität der Läsion sprach und auch die Mitbewe- 
gungen nur schwach zur Anschauung kamen. 

Brown-iSequard ist geneigt die Entstehung der Epilepsie gleich 
der nach Durchschneidung des Ischiadicus entstehenden Degeneration 
des Hinterstranges auf einen Reiz zu beziehen, der nach ihm am cen- 
tralen Ende des durchschnittenen Nerven seinen Sitz haben soll. Die 
Verbreitung der Degeneration durch Continuität stellt er in Abrede. 

Wenn die Sache sich in der That so verhalten sollte, so würde 
die Anwendung auf die Lähmungen des 7. Paares allerdings sehr 



1) S. Archives de Physiologie Bd. III, S. 155 und Bd. IV, S. 118. 



einiger Auomalieen der Muskelinnervation. II. 



185 



ernfach sein, ausgenommen immer den schon einmal berührten Um- 
stand, dass im Facialis keine eigentlichen sensiblen Fasern zu ver- 
laufen scheinen. Es ist aber in dieser Beziehung nichts weniger als 
bewiesen, dass nur sensible Bahnen solche continuirlichen Erregungen 
nach dem Centrum zu projiciren vermögen. Mau kann als apriori- 
stischen Grund gegen eine solche Ansicht das doppelsinnige Leitungs- 
vermögen der Nerven anführen, und auch an casuistischen Belägen 
für den, der diese Ansicht planmässig bekämpfen wollte, dürfte es 
nicht fehlen. So erwähnt schon Pflüger einen Fall von John 
Cooke, bei dem eine Geschwulst in dem Muskelaste zum Semi- 
membranosus tödtliche Epilepsie heraufbeschworen hatte. Ich bin 
übrigens weit entfernt, weder für die eine noch für die andere An- 
sicht eintreten zu wollen. 

Kommen wir nun noch einmal auf den Ausgangspunkt unserer 
Untersuchungen zurück, so ergiebt sich als gemeinschaftliches Eesultat 
dieser beiden Abhandlungen, dass Leituugsunterbrechungen 
sowohl centraler als peripherer Nerven ebensogut beim 
Menschen als beim Meerschweinchen zu Irritationszustän- 
den gewisser motorischer Abschnitte des Centrainerven- 
systems führen, die ihrerseits wieder je nach Grad und 
Ort der Läsiou, sowie nach den anderweitigen Eigen- 
schaften des Individuums unter höchst verschiedenen 
Formen in die Erscheinung treten können. 



VIII. 

Zwei Fälle von anderweitigen Secundärerkranknngen 
des Nervensystems nach peripheren Verletzungen. 



Die in den beiden vorstehenden Abhandlungen angeregten Fragen 
sind durch die ausgezeichnete, inzwischen erschienene Monographie 
von Fried reich') „Ueber die progressive Muskelatrophie " in ein 
neues Stadium getreten. Friedreich hat in diesem Werke die 
schon vor Jahren von ihm gehegte Ansicht, dass der Symptomen- 
complex der progressiven Muskelatrophie als eine der Ausbreitung 
auch auf das centrale Nervensystem fähige, primäre Entzündung der 
Muskeln zu betrachten sei, mit einem bewundernswerthera Aufwände 
von Fleiss sowohl der eigenen Forschung, als auch in der Benutzung 
des literarischen Materiales bis in das kleinste Detail begründet. Ich 
kann mich zwar bisher nicht gänzlich auf den exclusiven Standpunkt 
Fried reich's stellen. Es scheint mir nicht ausgeschlossen zu sein, 
dass die Krankheit nicht ebensowohl den centrifugalen, als den cen- 
tripetalen Weg beschreiten könne; aber die Thatsache ist wohl, 
besonders durch Priedreich's eigene Untersuchungen über allen 
Zweifel erhoben, dass sich chronisch entzündliche Vorgänge von den 
Muskeln aus bis hoch hinauf in das Centraiorgan wirklich verbreiten. 
Hierin liegen Momente, welche so wesentlich zur Aufklärung der 
Pathogenese der von mir beschriebenen „Anoraalieen der Muskel- 



1) Ueber progressive Miiskelatrophie, über wahre und falsche Muskel- 
hypertrophie. Berlin 1873. 



Zwei Fälle von anderweitigen Secundärerkrankungen u. s. w. 



187 



innervation" beitragen, dass ich es für geboten erachte, an dieser 
Stelle unter Beibringung neuen Materiales auf den Zusammenhang 
der Erscheinungen hinzuweisen. 

Man kann, glaube ich, mit vollem Kechte den allgemeinen Satz 
aufstellen, dass alle irgend erheblichen Verletzungen des Nerven- 
systems, mögen dieselben nun in centralen Theilen ihren Sitz haben, 
oder mögen sie irgend eine Partie der peripheren Verästelungen 
betreffen, das ganze System in Mitleidenschaft zieben können. Das 
Nervensystem ist ebensowohl ein auf die regelrechte Function seiner 
einzelnen Theile angewiesenes Ganzes, als die übrigen Apparate des 
thierischen Körpers. Hier, wie dort machen sich Localerkrankungen 
durch weitreichende, secundäre Veränderungen, und sicherlich nach 
bestimmten Gesetzen geltend. Wenn wir den inneren Zusammenhang 
der eintretenden Erscheinungen und ihr gelegentliches Ausbleiben 
innerhalb der Neuropathologie weniger oft und weniger sicher zu 
erklären vermögen, so beruht dies auf der Multiplicität der mit in 
die Rechnung tretenden Factoren. Um zu weiter reichenden Erklä- 
rungen zu gelangen, wird man am besten als ein nächstes Ziel die 
Aufklärung des Zusammenhanges verwandter Affectio- 
nen erstreben. 

In diesem Sinne theile ich nachstehend zwei jüngst von mir 
beobachtete Krankheitsfälle mit, welche mir als Bindeglieder zwischen 
mehreren Formen von Secundärerkrankungen nach peripheren Läsio- 
nen, besonders interessant erscheinen. 



Bajonettstich durch den Oberschenkel, anhaltende Schmerzen in der Narbe, 
Epilepsie, Excision der Narbe, langsames Verschwinden der Epilepsie, fort- 
bestehende Schmerzen und halbseitige Zuckungen, Entwickelung choreati- 

scher Bewegungen. 

Der 50 Jahr alte pensionirte Schutzmann Michel erhielt im Jahre 1848 
einen Bajonettstich durch den rechten Oberschenkel. Seit dem 
Jahre 1849 wurde er unaufhörlich durch stechende Empfindungen in der 
Gegendgder Narbe, sowie durch Kribbeln im Oberschenkel belästigt. Im 
Jahre 1862 hatte er zum ersten Male einen yknfall von Krämpfen mit 
Verlust des Bewusstseins, bei dem sich nach der Angabe eines beobachtenden 
Arztes nur die rechte Hälfte des Gesichtos und des Rumpfes, die ulnare 
Hälfte der rechten Oberextremität und die rechte Unterextremität betlieiligt 



188 



Zwei Fälle von anderweitigen Secundärerkrankungen 



Laben soll. Jeder Anfall wurde durch eine im rechten Oberschenkel be- 
ginnende, in den Arm aufsteigende, sich neben die rechte Thoraxhälfte und 
endlich die rechte Kopfhälfte verbreitende Aura eingeleitet. Manchmal 
Zungenbeissen, aber niemals Krämpfe der linken Seite. Derartige Anfälle 
traten seit jener Zeit etwa alle acht Tage ein, so dass ihm im Jahre 1864 die 
Excision der Einstichstelle durch von Langenbeck gemacht wurde. 
Die Krampfanfällc wurden danach zunächst zw.ir nicht seltner, indessen wur- 
den die Pausen zwischen denselben doch seit dem Jahre 1867 immer grösser 
bis er endlich seit dem April 1873 von diesen epileptiformen Anfällen ganz 
verschont blieb. Hingegen leidet er bereits seit dem ersten Aufalle an 
zuckenden Bewegungen der rechten Seite, welche sowohl das Ge- 
sicht als die Extremitäten und den Rumpf betreffen, sowie an durchschiessen- 
den schmerzhaften Empfindungen in der rechten Schläfengegend. Im Winter 
1870 zu 71 begann er von heftigen rheumatoiden Anfällen in den unteren 
Extremitäten gequält zu werden, wegen deren er im darauffolgenden Herbste 
sechs warme Bäder nahm. Diesen schreibt er eine erhebliche Verschlimmerung 
seines Zustandes zu. Die Schmerzen seien alsbald so heftig geworden, dass 
er wegen derselben bis zum August dauernd bettlägerig war. Seit dem Früh- 
jahr 1871 traten allmählig stärker werdende unzweckmässige Mitbewegungen, 
welche er von den oben angeführten Rucken unterscheidet, sowie eine eben- 
falls allmählig zunehmende Schwäche der gesammten Muskulatur ein. Seit 
dem Winter 1872 zu 7.3 wurde ihm die Sprache schwerer, es begann sich 
Speichelfluss einzustellen, auch wurde ihm das Schnäuzen der Nase, wie er 
behauptet aus Mangel an Exspirationskraft beschwerlich. Hereditäres stellt 
er in Abrede. 

Status praesens. 23. Oktober 1873. Grosser, kräftig gebauter Mann 
mit ziemlich gut conservirtem Haupthaar, nur auf dem Scheitel 2 Thaler 
grosser Haardefect, etwas herabhängende Mundwinkel. ■ Während er ruhig 
sitzt nur gelegentlich einige Rucke in verschiedenen Muskeln des Rumpfes 
und der Extremitäten ; sobald er aber zu sprechen versucht, steht oder geht, 
erscheinen choreaartige Bewegungen in den Muskeln des Stammes, des 
Gesichtes und der Extremitäten; der Gang ist steifbeinig, schleppend, ge- 
legentlich durch eine Einwärtsdrehung im Hüftgelenke gestört. Er vermag 
alle geforderten Bewegungen, wenn auch unter Eintritt unzweckmässiger 
Mitbewegungen auszuführen. Insbesondere innervirt er auch die rechte, in 
der Ruhe etwas schlaffere Gesichtshälfte ebenso stark als die linke, jedoch 
vermag er nicht zu pfeifen, und der Speichel fliesst ihm immerwährend, be- 
sonders aus dem rechten Mundwinkel. Die grobe Kraft in den unteren 
Extremitäten ist nicht unbedeutend, nur die Hüftbeugung geschieht rechter- 
seits mit sehr geringer Energie. An anderen Beobachtungstagen beugt er je- 
doch rechts kräftig und sogar kräftiger als links. Weit mehr geschwächt sind 
die Bewegungen der oberen Extremitäten, obwohl auch hier noch die ent- 
wickelte Kraft über Erwarten gross ist. Bei diesen Impulsen kommt ts schon 
leicht zu Mitbewegungen. Weit characteristischer ist das Bild bei Sprech- 
versuchen. Wird eine Antwort verlangt, so sitzt der Kranke einige Mo- 
mente steif, plötzlich erfolgt eine motorische Explosion mit Verdrehung des 



des Nervensystems nach peripheren Verletzungen. 



189 



Kopfes auch wohl der Arme und dabei stosst er die Worte mühsam, etwas 
eintönig, zerhackt, nicht aber scandirend heraus. Es folgen drei, vier Worte 
schnell auf einander, dann kommt eiue Pause, einzelne Silben, endlich wieder 
stossweise Worte. Die Eigenthümlichkeit der Sprache wird durch das Ver- 
halten der Zunge nicht erklärt. Diese weicht mit der Spitze kaum wahr- 
nehmbar nach rechts ab und wird nicht erheblich unsicher gehalten; die 
Uvula ist grade, das Velum aber hebt sich bei der Phonation unter Zittern. 
Pupillen von mittlerer Weite, guter Reaction, kein Nystagmus, weder jetzt 
noch früher Doppeltsehen. Steht bei geschlossenen Füssen und Augen nicht 
unsicherer als bei offenen Augen. Kein Schwindel. 

Die Sensibilität ist im Allgemeinen intact mit Ausnahme einer runden 
Stelle von 14 Cm. Durchmesser, welche an ihrer unteren und äusseren Peri- 
pherie die sternförmige Narbe der Excisiouswunde trägt. Jene befindet sich 
auf der Aussenfläche des Oberschenkels 30 Cm. unterhalb des Trochanter 
major, ist von weisser Farbe, etwa thalergross, kaum adhärent; die Ausstich- 
stelle an der Innenfläche 28 Cm. unterhalb der Symphyse. Beide Narben 
sind auf Druck nicht empfindlich. Die Sensibilitätsstörung der erwähnten 
Stelle äussert sich darin, dass leise Berührungen nicht, Nadelstiche hingegen 
übermässig stark, insbesondere auch stärker als an den umgebenden Haut- 
partieen, sowie der correspondirenden Stelle des anderen Beines empfunden 
und mit heftigen Reflexbewegungen beantwortet werden. Die abnorme Reflex- 
erregbarkeit äussert sich auch in der Art, dass er eine Stunde nach einer 
Galvanisirung am Beine von einer lange anhaltenden metallischen Geschmacks- 
empfindung heimgesucht wurde, welche er sofort identificirte, als ihm zu diesem 
Zwecke die Elektroden auf die Zunge applicirt wurden. Ueber die Sinnes- 
organe hat er nicht zu klagen. Der Urin ist sauer, frei von Zucker und 
Eiweiss, specifisches Gewicht 1030—35. 

Die Behandlung, welche in Galvanisirung besonders des rechten Beines, 
später auch der Wirbelsäule bestand, brachte schon während der Anwendung 
der ersten Methode, und zwar innerhalb 5 Sitzungen eine immerhin be- 
merkenswerthe Besserung hervor. Der Speichelfluss hatte am 3. 11. aufge- 
hört, er konnte wieder pfeifen und legte einen Weg in 20 Minuten zurück, 
zu dem er vor der Behandlung l'/2 Stunden gebraucht hatte. Ich bemerke 
jedoch, dass die noch monatelang fortgesetzte Elektrisirung, sowie die Ver- 
abreichung des Jodkalium keine weiteren Erfolge als die Beseitigung einiger 
neuauftretender Beschwerden aufzuweisen hatte. 

Am 19. November nämlich habe er auf dem rechten Arme geschlafen und 
danach seien klonische ülnariskrämpfe, Parästhesieen im Ulnargebiet, später 
auch Sensationen in der rechten Kopfhälfte eingetreten. Objectiv nachweisbar 
war hingegen nichts. 



1) Aehnliche spät eintretende Irradiationen auf die Geschmacksnerveu 
sind mir, wenn auch selten, so doch mehrmals begegnet. Namentlich werth- 
voll waren mir die Angaben eines an Schreibekrampf leidenden Pfarrers, der 
wegen Empfindlichkeit des Ulnaris am Ellenbogen galvanisirt worden war. Die- 
ser ruhige, den Eindruck grösster Glaubwürdigkeit machende Mann erzählte 



190 Zwei Fälle von anderweitigen Secuudärerkrankungen 



Zerreissung des Nervus ulnaris, secundäre rheumatoide Schmerzen, Paralysis 
agitans, epileptoide Anfälle. 

Der 24 Jahr alte Arbeiter Kaulfuss, welcher mit Ausnahme eines im 
Jahre 1867 ohne Folgen überstaiidenen Typhus stets gesund gewesen, und 
aus einer von Nerven- und Geisteskrankheiten freien Familie stammen will, 
wurde am 15. April 1872 durch eine Kreissäge am linken Vorderarme schwer 
verletzt. Die Wunde drang bis auf den Knochen, es erfolgte eine andert- 
halb Tage dauernde, indessen nicht massenhafte und dann durch Compression 
gestillte Blutung. Die Wundheilung ging im Laufe eines Vierteljahres vor 
sich, ohne dass andere Zwischenfälle als eine starke Schwellung der Hand 
und des Vorderarmes, jedoch keine Eitersenkung eintrat. Seit der Verletzung 
bestand aber eine theilweise Lähmung der Finger der linken Hand, insbeson- 
dere des vierten und fünften, welche sich auch heute noch nicht verloren hat. 

Nach der Entlassung aus dem Krankenhause bekam P. gewöhnlich bei 
Witterungswechsel heftige reissende Schmerzen, die von den Narben 
nach den gelähmten Fingern hin ausstrahlten und auch jetzt noch auftreten. 
Etwa 6 Monate nach der Verwundung begann er wieder zu arbeiten, und 
bemerkte etwa 3 Monate später, dass sein linker Arm stärker und stärker 
zu zittern anfing. Im Laufe der Zeit (etwa IV* Jahr nach der Verwundung) 
seien gleichzeitig die rechte obere und beide unteren Extremitäten 
von einem ähnlichen Zittern befallen worden, während schon etwas früher 
zeitweilige reissende Schmerzen, besonders in den Knieen und zwischen 
den Schulterblättern erschienen, ausserdem will er an leichter Ermüdbarkeit, 
hingegen an anderweitigen hierhergehörigen Symptomen nicht leiden. 

Status praesens. 19. Februar 1874. An der Grenze des unteren 
Viertels der ulnaren Seite des linken Vorderarmes, halb auf der Streck-, halb 
auf der Beugeseite eine querverlaufende G'/a Cm. lange eingezogene, dem 
Knochen adhärente, auf Druck nicht empfindliche Narbe. Der vierte und fünfte 
Finger krallenartig eingeschlagen, stehen in den Metacarpo-phalangeal-Gelenken 
überstreckt, können in den Fingergelenken weder activ noch passiv gestreckt 
werden, während die Bewegungen in den Metacarpo-phalangeal-Gelenken frei 
sind. Die Bewegungen der übrigen Interossei fallen insofern aus als Beu- 
gung in den Metacarpo-phalangeal-Gelenken bei gleichzeitiger Streckung in 
den übrigen Gelenken unmöglich ist, während allgemeine Streckung und 
Abduction des Index, sowie schwache Äbduction des Mittelfingers gelingt. 
Beträchtliche Abmagerung des Kleinfingerballens, sämmtlicher Zwischen- 
knochenräume, besonders des ersten und der Palma; geringe Abmagerung 
des Daumenballens. Der 5. Finger zeigt abnorme Runzelung, bläulichrothe 
Färbung der Haut, die Nägel wenig verändert. Die Faradische Erreg- 
barkeit fehlt in sämtatlichen vom Ulnaris allein innervirten Muskeln der 



spontan, dass er am Nachmittage des Tages, an dem er Vormittags galvani- 
sirt worden war, die galvanische Geschmackssensation empfunden habe. 



des Nervensystems nach peripheren Verletzungen. 



191 



Hand gänzlich, hingegen treten auf Reizung mit starken Strömen im ersten 
und zweiten Zwischenknochenraume leichte Abductions-Bewegungen des Index 
und des Mittelfingers ein. 

Anästhesie gegen leise Berührungen und Nadelstiche an der Dorsal- 
fläche des fünften Fingers, der Ulnarseite der dritten Phalanx des vierten 
Fingers, gegen indifi'erente Berührungen am ulnaren Rande der Dorsalfläche 
des Carpus. Ueberall wo im Ulnargebiete Nadelstiche empfunden werden, 
geschieht es mit heftigen Schmerzensäusserungen und Reflexbewegungen. 

Das Zittern zeigt vollständig das Bild der Paralysis agitans, es ist 
in der absoluten Ruhe gering oder verschwindet ganz; es betrifft beim 
aufrechten Sitzen nur die Nacken- und Halsmuskeln, wird aber sofort an 
Intensität und Extensität stärker, sobald irgend welche Bewegungen 
intendirt werden. Schon wenn der Kranke zu sprechen versucht, beginnt 
die linke Hand, rhythmisch zitternde Bewegungen; je grösser der geforderte 
Kraftaufwand wird, um so mehr Gebiete werden befallen Beim Ausstrecken 
der linken Hand bewegt sich diese selbst und der ganze Arm rhythmisch hin 
und her, die rechte Extremität zittert gleichzeitig, wenn auch schwächer; an 
ihr ist besonders der Index und der Daumen befallen. Die unteren Ex- 
tremitäten zeigen keinen Tremor, sollen aber des Morgens gleich nach 
dem Aufstehen so stark zittern, dass P. kaum gehen könne. Ich vermag den 
Charakter d%r tremorartigen Bewegungen, wie er bei diesem Kranken und 
bei der Paralysis agitans sonst sich in den oberen Extremitäten zeigt, nicht 
wohl besser zu vergleichen, als mit denjenigen Bewegungen, die ein Barbier 
macht, wenn er in langsamem Tempo Seifenschaum schlägt. 

Ob die Rumpfmuskeln zittern, oder nur durch den Tremor der übri- 
gen Körpertheile mit in Bewegung gesetzt werden, ist nicht zu entscheiden. 

Die Gesichtsmuskeln zittern in der Ruhe nicht, ebensowenig wie die 
Kaumuskeln, sobald man den Kranken aber den Mund weit aufreissen lässt, 
so entstehen die rhytmischen Bewegungen sowohl in den masticatorischen, als 
auch den Mund umgebenden mimischen Muskeln. 

Ausserdem zeigt er einen eigenthümlicben Gesichtsausdruck, welchen man 
bei Paralysis agitans in der Regel trifft, auffälliges Aufreissen der Augen, 
wie eine gewisse Starrheit, Leblosigkeit der den Mund umgebenden Musku- 
latur. Bei jedem Affecte nimmt das Zittern enorm zu, so dass der 
ganze Körper, wenn der Kranke steht, hin und herbewegt wird. Kein Ny- 
stagmus, nur wenn maximale Excursionen nach Oben gefordert werden In- 
sufficienz. Keine Pupillendifferenz. Beide Pupillen verengern sich auf Liebt 
sehr prompt, die rechte zittert dabei aber etwas. Sie verengt sich im ersten 
Moment ziemlich stark, erweitert sich wieder etwas, verengt sich wieder u. s. w. 

Er will schon seit 2 Jahren, wenn er lange auf einen Punkt sieht doppelt 
sehen, sonst aber nicht (?) Auch bei Anwendung farbigen Glases keine Doppel- 
bilder! Keine Amblyopie. Bei geschlossenen Augen steht er ohne zu Schwan- 
ken; keine fibrillären Muskelzuckungen. 

Die grobe Kraft ist beim Händedrucke auch rechts erheblich herab- 
gesetzt, etwas weniger, doch gleichfalls hochgradig bei allen anderen Bewe- 



192 des Nervensystems nach peripheren Verletzungen. 



gungen der oberen und unteren Extremitäten, bei der Intention kräftigen 
Händedrucks fühlt man die Ungleichmässigkeit der Innervation durch. 

Im Uebrigen lassen sich keine nennenswerthen Anomalieen, insbesondere 
auch kein continuirlicher Speichelfluss nachweisen. Hingegen will 
er beim Essen und Sprechen öfters Speichel verlieren. Hier wird dies nie 
beobachtet. 

Die Zunge wird ruhig gehalten; die Sprache ist nicht scandirend, hin- 
gegen etwas mühsam, was zum Theil auf die polnische Abstammung des 
Kranken, zum Theil auf Schüchternheit zu schieben ist. Es bleibt zweifel- 
haft, ob die Krankheit an dieser Erscheinung einen wesentlichen Antheil hat. 
Die Wirbelsäule ist nicht empfindlich, ebensowenig der Kopf, hingegen be- 
steht eine aligemeine, vielleicht krankhafte, übergrosse Empfindlichkeit gegen 
elektrische und andere geringen Schmerz erregende Reize. Er hat eine Nei- 
gung zu hochgestellten Personen zu laufen, um deren Unterstützung nach- 
zusuchen. 

Am 27. Februar hat er auf dem Heimwege drei als epileptoide zu 
bezeichnende Anfälle. Er sei plötzlich von Zusammenziehen im Kreuz und 
Schwindel befallen worden, sei dann nach vorn über auf die Strasse gestürzt 
und habe nach Aussage der Umstehenden auf etwa 5 Minuten das Bewusst- 
sein verloren. Von krampfhaften Bewegungen hat er nichts erfahren, auch 
zeigt die Zunge keine Spuren von Bisswunden. 

Diejenigen centralen Secundärerkrankungen des Nervensystems 
nach peripheren Verletzungen, welche vor der Monographie Fried- 
reich's fast einzig die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatten, sind 
der Tetanus und die Epilepsie. Ob bei dem traumatischen Tetanus 
auch in denjenigen Fällen, wo gröbere Läsionen bisher nicht nach- 
gewiesen worden, an mehr oder weniger langsames Fortkriechen des 
Krankheitsprocesses nach dem Centraiorgane zu denken sei, das 
können wir hier billig dahingestellt sein lassen. Vielleicht giebt 
grade die Arbeit Friedreich's Veranlassung zu neuen und erfolg- 
reicheren Untersuchungen ab. Vor der Hand sind die positiven Be- 
funde, welche neuerdings von Michaudi) und früher bereits von 
Lepelletier, Curling, Froriep und Lockhardt Clarke be- 
richtet wurden, vollkommen geeignet, den Nachweis zu führen, dass 
ein directes, durch grobe Läsionen erkennbares, centripetales Fort- 
kriechen des Entzündungsprocesses vorkommt. 



1) Recherches anatomo-pathologiques sur l'etat du Systeme nerveux cen- 
tral et peripherique dans le tetanos traumatique. Arch. de physiol. normale 
et pathol. No. 1. 1872. 



des Nervensystems nach peripheren Verletzungen. 



193 



Untersuchungen des Rückenmarkes und des ganzen Verlaufes 
derjenigen peripheren Nerven, welche bei Fällen von traumatischer 
Epilepsie zu der ursprünglich verletzten Stelle führten, fehlen 
leider so gut wie ganz. Namentlich bietet die neuere Literatur 
wenig hierher Gehöriges; dennoch ist es die Frage, ob nicht bei 
vermehrter Aufmerksamkeit und bei sorgfältiger Verwendung der 
neueren Untersuchungs- Methoden noch andere Befunde an's Licht 
kommen würden, als die Neurome und die localen Entzündungen, 
von denen die ältere Literatur allerdings voll ist. 

Die beiden oben mitgetheilten Krankheitsfälle unterscheiden sich 
nun zwar, der Eine mehr, der Andere weniger von jener sogenannten 
Reflexepilepsie, aber doch nicht derart, dass sich nicht ein unmittel- 
barer innerer Zusammenhang herausfinden Hesse. 

Der Kranke, Michel, hat sogar ursprünglich an eigentlicher 
Epilepsie gelitten, und erst allmählig stellte sich das noch jetzt vor- 
handene Bild einer Chorea universalis heraus. Die Zwischenperiode 
zwischen der ursprünglichen Verletzung und dem Auftreten der ner- 
vösen Allgemeinerscheinungen wurde durch Zeichen sensibler Reizung 
ausgefüllt. Man wird sich die Ursachen des Krankheitsverlaufs derart 
vorzustellen haben, dass die ursprüngliche Verletzung einmal einen 
Irritationsheerd an der verletzten Stelle hervorbrachte, von dem aus 
immer neue Erregungen mehr functioneller Art nach dem Centrum 
projicirt wurden; zweitens aber eine ascendirende, chronische Neu- 
ritis veranlasste, welche zu den, als materielles Substrat der gegen- 
wärtigen Krankheit zu betrachtenden Veränderungen geführt hat. 

Durch Excision der Narbe mag die erste Krankheitsursache be- 
seitigt worden sein, wenn auch das Verschwinden der eigentlichen 
Epilepsie nur allmählig innerhalb einer Reihe von Jahren zu Stande 
kam. Die gegenwärtig wahrnehmbaren wesentlichen Effecte der vor- 
ausgesetzten chronischen Neuritis haben sich freilich sehr langsam 
entwickelt. Wenn man aber das Fortbestehen sensibler und moto- 
rischer L-ritationsphänomene und den Nachweis jener anästhetischen 
Zone berücksichtigt, so wird man dennoch zur Annahme eines ur- 
sächlichen Zusammenhanges gedrängt. Besonders wichtig ist der 
Umstand, dass die gegen leise Berührungen anästhetische, sonst aber 
hyperästhetische Hautstelle central von der Narbe liegt, und sich 

Hitzig, Experimeutelle Untersuchungen. 13 



194 Zwei Fälle von anderweitigen Secundärerkrankungen 



Übrigens im Laufe der Jahre nicht verloren hat. Wenn irgend etwas, 
so dürfte grade dieser Umstand für die Annahme materieller, von 
hier entspringender Veränderungen in's Gewicht fallen. 

Auch der andere Krankheitsfall, der wegen der grösseren Con- 
tinuität der einzelnen Krankheitsweisen viel beweisender ist, zeigt 
eine Brücke zur Epilepsie; denn jene plötzlich eintretenden Anfälle 
von Schwindel und Bewusstlosigkeit werden wohl seit Griesinger's 
Arbeiten allgemein als epileptoide aufgefasst werden. Auf der an- 
deren Seite ist dies nur ein nebensächlicher Zug des Krankheits- 
bildes. Dieses erhält seinen eigenthümlichen Charakter durch die 
zitternden Bewegungen. Beide Krankheitsfälle aber haben neben 
dieser Beziehung zur Epilepsie sowohl in symptomatischer, als in 
pathogenetischer Beziehung viel Gemeinschaftliches. Veranlasst wurde 
die Krankheit bei beiden durch eine Verletzung, welche den Aus- 
breitungsbezirk gemischter Nerven traf. Hier war es die Haut und 
die Muskulatur des Oberschenkels, dort der Stamm des ülnaris. Der 
Erfolg war beide Haider, dass die willkürlichen Bewegungen 
in ihrem gleichmässigen Flusse unterbrochen wurden; hier 
gradezu durch Mitbewegungen, so dass das klinische Bild der Chorea 
zu Stande kommt, dort durch Tremor, der ebenfalls unter dem Bilde 
ausgebreiteter Irradiation an und für sich schwacher Impulse erscheint. 

Wenn übrigens Charcot und seine Schule ein sicheres diffe- 
rentiell- diagnostisches Zeichen zwischen Paralysis agitans und der 
heerdweisen Sklerose darin finden, dass bei dem ersteren Leiden das 
Zittern continuirlich sei und bei dem anderen nur in Form von Mit- 
bewegungen auftrete, so kann ich dem, abgesehen von dem referirten 
Falle, auch sonst nicht beistimmen. Es kommen entschieden Fälle, 
wenigstens längere Stadien von Paralysis agitans vor, bei denen 
das Zittern ebenso wie bei der Sclerose en plaques nur als Begleit- 
erscheinung der willkürlichen Innervation auftritt. 

Ich gebe zu, dass die Vorbringung von Vermuthungen über die 
centralen Veränderungen, welche bei den uns beschäftigenden Krank- 
heitsfällen entstanden sein mögen, nicht viel fördert. Aller Analogie 
nach wird es sich wohl ebenfalls um sklerotische Atrophieen handeln. 
Um so' Avichtiger scheint mir aber als Resullat der beiden letzten 
Abhandlungen die klinische Thatsache, wenn sie auch noch nicht 



des Nervensystems nach peripheren Verletzungen. 195 



durch den anatomischen Befund zu dem vollen, ihr vielleicht zu- 
kommendem Werthe erhoben wird, dass mannichfaltige Formen 
von centralen, motorischen Reizerscheinungen schlei- 
chenden Verlaufes auf periphere Verletzungen folgen 
können, dass deren Reihe mit dem Tetanus und der Epi- 
lepsie bei Weitem nicht abschliesst. 

Wenn die abnormen Mitbeweguugen eine constante Folge 
peripherer completer Facialislähmungen, aber eine seltene Folge 
anderer peripherer Verletzungen sind, so erklärt sich das leicht aus 
der verschiedenen Länge des Weges den der Krankheitsprocess hier 
und dort zu durchlaufen hat. Dieser Umstand macht es aber erst 
recht wahrscheinlich, dass nicht eine rein functionelle Erregung, 
sondern ein continuirliches Fortkriechen eines chronischen Krankheits- 
processes vorliegt. 



13* 



IX. 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehen- 
den Störungen der Muskelinnervation und der Vor- 
stellungen vom Verhalten im Räume.') 



I. Literatur. 

Schon den älteren Experimentatoren im Gebiete der galvanischen 
Elektricität war es bekannt, dass bei Application von einigermassen 
intensiven Strömen in der Gegend des Kopfes Schwindelempfindungen 
eintreten können. So erwähnt Aiigustin^) einen einschlägigen 
Versuch: 

„Umwickelt man die Ohren mit Draht, befeuchtet sie mit Salzwasser und 
„taucht dann die Spitzen jenes Dralites in die Wassergläser, worin die an 
„den Extremitäten der Säule befestigten Ketten liegen, so wird einem schwind- 
„lich und man sieht elektrische Blitze." 

Bereits im Jahre 1827 wurde dieser Gegenstand aber von Pur- 
kinje^) in einer bei den neueren Autoren leider in Vergessenheit 
gerathenen Abhandlung ausführlicher behandelt. In dieser Arbeit, 
von der gleichwohl nur einige Seiten sich mit den galvanischen 

1) Diese Abhandlung wurde zuerst gedruckt in Reichert's und du Bois- 
Reymond's Archiv 1871, Heft 5 u. 6. 

2) Versuch einer vollständigen systematischen Geschichte der galvani- 
schen Elektricität und ihrer medizinischen Anwendung von Dr. F. L. August in. 
Berlin 1803. S. 129. 

3) Rust's Magazin für die gesammte Heilkunde etc. Bd. XXHI. Berlin 
1827. S. 297. 



üeber die beim Galvanisiren des Kopfes entutebenden Störungen u. s.w. 197 

Schwindelempfinduiigen beschäftigen, findet sich der grössere Theil 
des von den Versuchspersonen subjectiv Wahrgenommenen richtig 
beschrieben. 

„Es ist leicht zu vermutben, dass wenn ein Strom galvanischer Thätig- 
„keit durch das Gehirn geführt werden könnte, dieser einseitige Reiz auch 
,,die Scbwindelbewegungen erregen müsste. Dies gelingt vollkommen, wenn 
„man die Pole durch beide Ohren leitet. Man fühlt dann den Kopf einge- 
„nommen und einen allgemeinen schwindelhaften Zustand, dessen Richtung 
„sich bei näherer Beobachtung als diejenige ausweiset, die wir eben als senk- 
„recht stehenden Kreis mit nach links und rechts gerichteter Peripherie be- 
„schriebeu haben, dessen Fläche also mit dem Gesichte parallel geht, und der 
„das Gehirn senkrecht von Oben nach Unten und quer durchschneiden würde. 
,,Die Richtung der Kreisbewegung dieses Schwindels geht aufwärts von der 
„rechten zur linken Seite, wenn der Kupferpol im rechten Ohre, der Zink- 
„pol im linken ist, umgekehrt aufwärts von der linken zur rechten, wena der 
„Kupferpol ins linke, der Zinkpol ins rechte Ohr eingebracht wird. So oft 
„die galvanischen Leiter wieder abgezogen werden, tritt jedesmal der Schwindel 
„in entgegengesetzter Richtung ein und dauert längere oder kürzere Zeit nach, 
„je nachdem die primäre Einwirkung länger oder kürzer war." 

Von den späteren Forschern äussert sich zunächst Kemak') 
ausführlicher über diese Frage. 

„Eine häufige Nebenwirkung bei Strömen, die den Kopf, Hals oder Nacken 
„treffen ist der Schwindel, der seltener während des stetigen Stromes, als 
„bei Oeffnung der Kette eintritt und in einem vorübergehenden Wanken des 
„Kopfes nach der Seite der sich entfernenden Elektrode hin besteht. Nur 
„selten beobachtete ich Schwindel beim Eintritt des Stromes in die Schläfe. 
„Da der Schwindel besonders leicht beim Galvanisiren in der Gegend der 
„nachbenannten Organe entsteht, so scheint es beinah als wenn das obere 
„Ganglion des N. sympathicus oder das daneben liegende Ganglion des N. 
„vagus den Grund dieser sonderbaren Erscheinung enthielte. Bei anderen 
„Personen tritt dieser Schwindel freilich heftiger bei Strömen ein, die den 
„Proc. mastoid., oder den Nacken bis zum 6. Plalswirbel treffen, so dass es 
„sich dennoch vielleicht um eine Behelligung des kleinen Gehirns handelt, 
„dessen Verletzung bekanntlich nach Flourens' Entdeckung Drehbewe- 
„gung hervorruft Es ist nützlich sich mit diesem Schwindel und den Bedin- 
„gungen seines Eintritts vertraut zu machen, wenn man auf Kopf und Hals 
„Ströme anwenden will, obgleich er nur vorübergehend und von keinem blei- 
„benden Nachtheil ist." 



1) Galvanotherapie der Nerven- und Muskelkrankheiten. Von Dr. R. Re- 
mak. Berlin 1858. 



198 üeber die beim Galvanisireu des Kopfes eotstehendeu Störungen u. s. w. 



Benedikt^) hingegen bringt zum Theil ganz andere, zum 
Theil abweichende Angaben bei: 

„Bei der queren Durchleitung, besonders durch die Zitzenfortsätze muss 
„man die Vorsicht gebrauchen, zuerst den Zinkpol anzusetzen und zuerst den 
„Kupferpol wegzunehmen, weil man dadurch sicherer den Schwindel ver- 

„meidet. — Eintretender Schwindel, congestive Zustände mahnen, die 

„Dauer und Intensität der Application zu verringern, weil man sonst grosse 
„Beschwerden, selbst eclamp tische Anfälle, wie ich es sah, und Haemorrhagia 
„cerebri hervorrufen kann. — — — Allgemeine Aufregung, Convulsionen, 
„Muskelspannungen, Schwindel^), Schmerzen, Lähmungen, Blutungen ins Ge- 
„hirn, in die Lunge und in den Mastdarm, hochgradige Metrorrhagie sind 
„häufige Folgen zu schmerzhafter Ströme. Ausfallen der Zähne und Blind- 
„heit sind ebenfalls Erscheinungen, die auf zu starke elektrische Reizung im 
„Gesicht und im Kopfe eintreten können. — — — Alle diese Erscheinungen 
„sind keine Schreckbilder doctrinärer Phantasie, sondern der Erfahrung ent- 
„lehnte Thatsachen. — " 

Brenner 3) der sich nächst Purkinje offenbar am eingehend- 
sten mit dem Studium dieses Symptoms beschäftigte, hat wiederum 
theils neue, theils differirende und, wie wir sehen werden, nicht 
durchgehends richtige Angaben gemacht. Ich führe nachstehend alles 
Wesentliche aus seiner Darstellung des Sachverhaltes an. Ein voll- 
ständiger Abdruck derselben dürfte zu viel Kaum einnehmen, 

„Der Schwindel ist von den in den Sinnesorganen auftretenden Reiz- 
,erscheinungen vollkommen unabhängig und besteht in einer Störung des 
„Gleichgewichtes, welche nicht bloss von den Versuchspersonen gefühlt wird," 
sondern auch durch Schwanken derselben nach der Seite der Anode hin 
objectiv wahrgenommen werden kann. Kein Schwindel tritt ein, wenn die, 
beide Elektroden verbindende Linie der Medianebene parallel läuft, am stärk- 
sten ist er bei transversaler Galvanisirung. ,Das Gefühl besteht in 

der Empfindung „als sei die Schwere der einen Körperhälfte aufgehoben, und 
als falle man in Folge dessen nach der anderen Seite." Der Schwindel nimmt 
während des Schlusses der Kette noch allmählig zu. Die Reizmomente von 
denen er abhängig ist, sind An. S, An. D und KO. Indessen erfordert der 
Oeflfnungsschwindel grössere Stromintensitäten und ist von kürzerer Dauer. 
Seine Richtung ist die dem Schliessungsschwindel entgegengesetzte. Zwei 



1) Elektrotherapie. Von Dr. Moriz Benedikt. Wien 1868. S. 74 f. 

2) A. a. 0. S. 80 f. 

3) Untersuchungen und Beobachtungen auf dem Gebiete der Elektro- 
therapie von R. Brenner. Leipzig 1868. I. 1. S. 75 ff. und IL S. 30. f. 



Ueber die beim Galvanisireii des Koi)fes entsteheuden Störungen u. s. w. 199 



Anoden auf symmetrische Kopftheile applicirt, Kathode an indifferenter Stelle 
machen keinen Schwindel, ebenso wenig die Anwendung inducirter Ströme. 
„Er verliert bei noch so häufig wiederholter Applikation des Stromes niemals 
„von seiner ursprünglichen Intensität.* 

Ich möchte hier gleich bemerken, dass die später nachzuweisende 
UnVollständigkeit und theil weise Ungenauigkeit der Brenner'schen 
Angaben offenbar daher rührt, dass er einmal die Purkinje'schen 
Beobachtungen über die Scheinbewegungen nicht kannte, dann aber 
von vorgefassten Meinungen über polare Wirkungen ausging. Immer- 
hin zeichnet sich Brenn er's Darstellung rücksichtlich ihrer that- 
sächlichen Richtigkeit vor sämmtlichen neueren, hierher gehörigen 
Mittheilungen rühmlich aus. 

II. Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes eintretenden 
Erscheinungen von Schwindel. 

Wenn man galvanische Ströme durch den Kopf oder die ihm 
benachbarten Theile so leitet, dass der Schädelinhalt durch Strom- 
schleifen getroffen wird, oder wenn man Ströme, die diese Theile 
durchfliessen, mit einer gewissen Geschwindigkeit vergehen lässt, 
oder wenn man auch nur eiuigermassen schnelle, sei es positive, 
sei es negative Diehtigkeitssch wankungen solcher Ströme herbeiführt, 
so können dadurch die Vorstellungen der Versuchspersonen von dem 
Verhalten der Gesichtsobjecte oder von ihrem eigenen Verhalten im 
Kaume in einer bestimmten Weise alterirt werden. Man nennt diese 
vorübergehende Verwirrung der Vorstellungen Schwindel. 

Es ist also irrig, wenn von der einen oder der anderen Seite 
behauptet wird, dass eine bestimmte Wahl der Einströmungsstellen 
oder ein bestimmtes Reizmoment — Oeffnung oder Schliessung — 
zur Hervorbringung dieses Symptomes absolut erforderlich sei. 
Allerdings disponiren gewisse Methoden unvergleichlich mehr zum 
Schwindel als andere, doch kann die einfache Annäherung einer 
der beiden Elektroden an den Kopf oder ihre Entfernung schwindel- 
erregend wirken. 

Am Leichtesten entsteht Schwindel, wenn der Strom 



200 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

von einer Fossa mastoidea') zur anderen geht. Die übrigen um das 
Ohr gelegenen Stellen verhalten sich ähnlich wie die Fossa mastoidea. 

Dieser Umstand lässt sich auf zweierlei Art erklären. An der genannten 
Stelle liegen die Carot. interna und die Jugul. interna dicht unter der Ele- 
ktrode. Da nun das Blut unter den menschlichen Geweben das grösste Lei- 
tungsverraögen besitzt, so liegt bei dieser Reizmethode am Leichtesten die 
Möglichkeit vor, mittelst der Aeste jeuer Gefässe namentlich auch der Sinus, 
das ganze Gehirn mit Stromschleifen zu überziehen und zu durchziehen. 
Zweitens ist es möghch, dass in der hinteren Schädelgrube oder in ihrer Nähe 
solche Orgaue liegen, deren Elektrisirung Schwindel macht. Wahrscheinlich 
wirken diese beiden Bedingungen zusammen. 

Weniger leicht entsteht Schwindel bei transversaler Galvani- 
sirung durch den Hinterkopf, noch schwerer bei transversaler Gal- 
vanisirung durch den Vorderkopf, leichter hingegen als bei diesen 
letzteren Methoden dann, wenn nur die eine Elektrode sich in der 
Fossa mastoidea und die andere sich an einem indifferenten Orte 
befindet, wenn also die directe Strombahn in einem Sagittalschnitte 
liegt, oder mit einem solchen irgend einen Winkel bildet. Die übri- 
gen Anordnungen, bei denen die directe Strombahn in sagittale 
Ebenen fällt, begünstigen den Schwindel nicht. 

Man kann mit Sicherheit sagen, dass Dichtigkeitsschwankungen 
derjenigen Stromschleifen, welche durch den Schädel gehen, je nach 
ihrer Grösse und Geschwindigkeit stärkeren oder weniger starken 
Schwindel erzeugen. Man kann aber nicht mit Sicherheit sagen, 
ob die Annäherung der Anode oder der Kathode, die Schliessung 
oder die Oeffnung eine grössere Wirkung hat. Ich will deswegen 
lieber den Sachverhalt, wie er durch die Versuchsbedingungen geformt 
wird, auseinandersetzen. Das allen numerischen Bestimmungen ent- 
gegentretende Hinderniss besteht in der absoluten Unmöglichkeit, die 
Bedingungen je zweier Parallelversuche ganz gleich zu machen; dann 
in der unverhältnissmässigen Schwierigkeit, die Grösse von bei je 
zwei Versuchen vorkommenden Veränderungen in den Versuchsbediu- 
gungen abzuschätzen oder gar genau zu messen. 

1) Unter Fossa mastoidea verstehe ich die Grube, welche sich zwischen 
der hinteren Fläche des Ohrläppchens und dem Process. mastoid. befindet. 
Remak hat diesen Namen meines Wissens zuerst angewendet, und ich 
adoptire ihn um der Kürze willen. 



Ueber die beim Galvauisireu des Kopfes eutsteheuden Störungen u. s. w. 201 



Der wesentlichste, die Grösse der Stromiutensität bedingende 
Factor ist der Hautwiderstand, und dieser ist nicht nur bei ver- 
schiedenen Menschen, sondern auch bei demselben Menschen an 
symmetrischen Körpertheilen so ungleich, dass schon von vorn 
herein ein fast nicht gut zu machender Fehler in den Versuch ein- 
geführt wird. Kleine Abschilferungen der Oberhaut, irgend eine 
stärkere Durchfeuchtung derselben und andere Umstände vermögen 
von einem Tage zum anderen das Verhalten der gleichen Hautstelle 
gegen den Strom gänzlich zu ändern. Mit der Schliessung der Kette 
beginnen dann die stets verschiedenen Modificationen des Hautwider- 
standes durch ausgeschiedene Ionen und durch Veränderung der 
Blutzufuhr zu dem benachbarten Gewebe. Endlich kann man die 
Schwindelempfindungen nicht wie Muskelzuckungen sehen oder ihre 
Höhe an Curven ablesen, sondern man ist grossentheils auf die sub- 
jectiven Angaben von Personen angewiesen, die nun ausserdem noch 
an zwei auf einander folgenden Tagen eine sehr verschiedene Dis- 
position zum Schwindel mit in den Versuch hineinbringen können. 
Ungeachtet dessen habe ich versucht, mir für meine Person ein Ur- 
theil über diese Frage durch grosse Vervielfältigung der Versuche 
zu bilden. Dabei schien es mir, dass die Anoden-Schliessung leichter 
Schwindel erzeugt, als die Kathoden -Schliessung, und die Anoden- 
Oeffnung leichter als die Kathoden-Oeffnung. Indessen ist dies mehr 
ein Eindruck, als eine auf Zahlen begründete Ueberzeugung. 

Brenner a. a. 0. spricht nicht von der Wirkung der Katho- 
den-Schliessung und der Anoden -Oeffnung. Wie es scheint, hat er 
sich von dem Auftreten des Schwindels bei diesen Reizmomenten 
nicht überzeugt. In dem ersten Theile seines Buches zweifelt Bren- 
ner an dem Oeffnungsschwindel im Allgemeinen, verlangt aber min- 
destens stärkere Ströme für sein Zustandekommen; später hat er 
sein Vorkommen für die Kathode zugegeben. Da dieser fleissige 
Forscher offenbar eine Menge Versuche gemacht hat, kann ich mir 
seinen Irrthum nicht recht erklären; denn wenn man den Dingen 
nicht näher auf den Grund geht, scheint es sogar, als wenn die 
Oeffnung der Kette stärkeren Schwindel errege, als die Schliessung 
der gleichen Batterie. Der Grund hierfür liegt darin, dass, wie so- 
eben erwähnt, während de.. Galvanisirens der Hautwiderstand all- 



202 lieber die beim Galvanisireu des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 



mählig sinkt. Die Ordinate der Schliessung ist also nicht nur 
weniger hoch, sondern der von dem ansteigenden Theile der Curve 
mit der Abscisse gebildete Winkel ist auch weniger gross als die 
gleichnamigen Werthe der Oeffnung. 

üebrigens ist es auch keineswegs richtig, dass, wie Brenner 
angiebt, der Oeftnungsschwindel gleich allen Oeffnungsreizen nur von 
kurzer Dauer sei. Das mag auf das eine Symptom des objectiv nach- 
weisbaren Schwankens passen. Die Scheinbewegung und besonders 
die allgemeine Unsicherheit pflegt aber noch kürzere oder längere Zeit 
anzudauern. Durch tiefe Inspirationen und Riechen von Ammoniak 
kann man ihrer Herr werden, — 

Während der Dauer des constant gewordenen Stromes hält der 
Schwindel an. Er vermindert sich nur allmählig und zwar, wie sich 
aus dem Einflüsse der Gewöhnung nachweisen lässt, durch Reguli- 
rung vom Sensorium aus. Bei einigermassen starken Strömen hört 
er während der Stromdauer überhaupt nicht ganz auf. Diese letz- 
teren Umstände in Verbindung mit einigen später anzuführenden 
sind nicht nur von grosser Wichtigkeit für die Deutung der hier 
vorliegenden Thatsachen, sondern sie reihen auch der Lehre vom 
Elekrotonus ein neues Capitel an. 

Aenderung der Stromrichtung verstärkt alle subjectiv und ob- 
jectiv wahrnehmbaren Symptome von Schwindel. Inducirte Ströme 
bringen niemals Schwindel hervor. — 

Die bei den Versuchspersonen entstehende Verwirrung der 
Vorstellungen kann je nach der relativen Stärke des Stromes in 
verschiedener Art zur Wahrnehmung kommen. Bei relativ 
schwachen Strömen bemächtigt sich des Sensoriums eine unbestimmte 
Empfindung von Unsicherheit über das räumliche Verhalten des eige- 
nen Körpers oder der ausserhalb gelegenen Dinge, ohne dass jedoch 
eine Scheinbewegung von bestimmter Richtung, oder am eigenen 
Körper reale Bewegungen entständen. Diese Art oder vielmehr dieser 
Grad des Schwindels wird, ausser während der Dauer ganz schwacher 
Ströme besonders häufig schon nach Oefl'nung einer Kette beobachtet, 
deren Schluss oder Stromdauer keinen Schwindel erzeugte. Man hört 
die fraglichen Empfindungen wohl mit dem mir ganz zweckmässig 
scheinenden Namen , Benommenheit« bezeichnen. 



lieber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungeu u. s. w. 203 

Bei Anwendung stärkerer Ströme indessen wird das ürtheil über 
das räumliche Verhalten des Ich zur Aussenwelt in einer bestimmten 
und gesetzmässigen Weise gefälscht. Es treten nun Schein be- 
wegungen ein, deren Richtung durch die Wahl der Einströmungs- 
stellen bedingt wird. Das Prototyp dieser Versuche ist die von 
Purkinje beschriebene Anordnung. Wenn sich die Elektroden in 
je einem Ohr befinden, so scheinen während der Stromdauer die 
Gesichtsobjecte wie ein dem Gesichte paralleles, aufrechtes Ead, von 
der Seite der Anode nach der Seite der Kathode zu kreisen. Im 
Momente der Oeffnung ändern sie ihre Richtung, so dass nun die 
Scheinbewegung auf der Seite der Kathode eine aufsteigende und 
auf der Seite der Anode eine absteigende Richtung hat. 

In einzelnen Fällen bereits bei Anwendung von Strömen der 
gleichen Intensität, immer aber bei Anwendung stärkerer Ströme, 
beobachtet man einen dritten Grad des Schwindels, es schwankt 
die Versuchsperson bei der Kettenschliessung mit dem 
Kopfe oder dem ganzen Körper nach der Seite der Anode 
und bei der Kettenöffnung nach der Seite der Kathode. 

Gleichzeitig aber sind dann die obenerwähnten Scheinbewegungen 
der Gesichtsobjecte in grosser Deutlichkeit vorhanden, wie denn über- 
haupt ihre Geschwindigkeit durchaus in gleichem Verhältnisse mit 
der relativen Stromdichte zunimmt. 

Während der Stromdauer kann gleich den übrigen Erscheinungen 
die seitliche Neigung des Kopfes und Körpers allmählig abnehmen 
und gänzlich verschwinden; doch pflegt dies bei stärkeren Strömen 
und mangelnder Gewöhnung nicht vorzukommen. Positive Dichtig- 
keitsschwankungen haben rücksichtlich der scheinbaren und wirklichen 
Bewegungen der Art nach den Effect der Schliessung, negative den 
der Oeffnung. 

Die sämmtlichen geschilderten Erscheinungen treten, zwar weniger 
leicht, aber sonst genau in derselben Weise auf, wenn sich nur eine 
Elektrode am Kopfe befindet. Die Richtung der Scheiubewegung 
sowohl als die Richtung der wirklichen Körperbewegung ist bei einer 
solchen Anordnung so, als wenn die andere Elektrode sich auf der 
anderen Seite des Kopfes befände. 



204 Ueber die beim Galvauisireu des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

Es träte der Strom z. B. in der rechten Fossa mastoidea ein und in der- 
selben Fossa supraclavicularis, oder auf der Brust, oder auf dem Rücken aus, 
so wankt der Kopf nach rechts und die Gegenstände scheinen nach links zu 
versinken. Ganz denselben Reizeffect beobachtet man aber auch, wenn man 
den Strom in der linken Fossa supraclavicularis (oder einem beliebigen Orte) 
ein- und in derselben Fossa mastoidea austreten lässt. Es ist selbstverständ- 
lich, dass bei den anderen noch möglichen Abänderungen dieser Anordnung 
die reale und die Scheinbeweguug jede nun nach der entgegengesetzten Seite 
eintreten muss. Uebrigens ist grade diese Anordnung sehr geeignet, die An- 
sicht zu erzeugen, dass der Schwindel bei der Oeffnung leichter als bei der 
Schliessung entsteht. Personen, die dabei Schliessungsschwindel nur unter 
Benutzung einer sehr starken Kette bekommen, werden vom Oeffnungsschwindel 
schon bei der halben und einer noch geringeren Elementeuzahl befallen. 

Die Tabelle I. wird die angeführten Thatsachen noch deutlicher 
machen. Ich habe in derselben als Typen neben der Methode der 
queren Durchleituug die Galvanisirung zwischen den Fossae mastoi- 
deae und supraclaviculares gewählt. Die Pfeile hat man sich auf 
das Gesicht der Versuchsperson gezeichnet zu denken. 

Von den im Vorstehenden geschilderten Erscheinungen kommen 
nur unwesentliche Abweichungen vor. Die häufigste Abweichung 
besteht noch darin, dass sitzende Versuchspersonen keine senkrecht 
stehende, sondern eine horizontale Schwindelbahn haben. Dann schei- 
nen also die Gegenstände von rechts nach links oder von links nach 
rechts zu entweichen, ohne gleichzeitig in einer dieser beiden ßich- 
tungeu zu versinken. Noch bei Weitem seltener und, wie es scheint, 
nur unter besonderen, später namhaft zu machenden Bedingungen, 
tritt überhaupt keine Scheinbewegung der Gesichtsobjecte, sondern 
nur eine nach der Kathoden -Seite gerichtete Scheinbewegung des 
eigenen Körpers ein. Auch hierbei herrscht die senkrecht rotirende 
Richtung vor, obwohl die Personen sich doch manchmal in einer 
horizontalen Ebene fortbewegt glauben. Ich lasse es dahin gestellt 
sein, ob diese Empfindung bei Personen mit gesunden Augenmuskeln 
und bei offenen Augen überhaupt vorkommt, und ob sie nicht viel- 
mehr Anomalieen der Innervation oder das Ausfallen der optischen 
Eindrücke voraussetzt. Wenn sie vorhanden ist, wird sie mit der 
Empfindung des Carousselfahrens verglichen. — 

Die nächste Frage, welche sich nach Kenntnissnahme der an- 
geführten Thatsachen aufgedrängt, ist die, ob das Schwanken des 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 205 

Körpers nach der einen Seite und die Scheinbeweg dlig der Gesichts- 
objecte nach der anderen Seite nicht im Verhältniss von Ursache 
und Wirkung zu einander stehen. Es ist bekannt, dass Scheinbewe- 
gungen dann entstehen, wenn die Kichtung der Gesichtslinie auf an- 
derem Wege als dem der normalen Innervation geändert wird. Wenn 
man z. B., während man das linke Auge schliesst, mit dem rechten 
stark nach Innen blickend, einen Gegenstand fixirt, und nun die Haut 
des rechten äusseren Augenwinkels nach Aussen zerrt, so scheint der 
fixirte Gegenstand bei jeder Zerrung nach links zu entweichen. Diese 
Erscheinung hat ihren Grund darin, dass durch jene Zerrung die 
Gesichtslinie etwa in der Richtung des Zuges des äusseren graden 
Augenmuskels verschoben wird, ohne dass wir diesen Muskel mit 
dem dazu in der Regel verwendeten Willensimpulse versehen hätten, 
während wir, um unser Gesichtsobject weiter fixiren zu können, den 
Internus in der Weise innerviren müssen, als wenn jenes nach 
links bewegt worden wäre. Das Sensorium verlegt deshalb die wirk- 
lich stattgehabten Bewegungen nicht in das Auge, sondern in das 
betrachtete Object, indem es, lediglich auf seine bis dahin gesam- 
melten Erfahrungen angewiesen, nur nach dem seinerseits wirklich 
verbrauchten Augenmuskelimpulse urtheilt. Dieser entspricht aber 
bei dem gewählten Beispiele einer Bewegung des Gesichtsobjectes 
von rechts nach links. 

Wenn nun durch eine unseren Sinnen unbekannte Kraft ohne 
die in der normalen Weise vor sich gehende Mitwirkung unseres 
Sensoriums der Kopf und mit ihm die Augen nach rechts bewegt 
werden, so kann man dies als eine unwesentliche Abänderung des 
soeben beschriebenen Versuches betrachten. Es würde dann folge- 
richtig sein, die nach links gerichtete Scheinbewegung als nothwen- 
dige Folge der vorausgesetzten Zwangsbewegung aufzufassen, wenn 
mit dem Aufhören der Zwangsbewegung auch die Scheinbewegung 
' ihr Ende erreichte. Dies ist aber nicht der Fall, sondern das schein- 
bare Versinken der Gegenstände nach der einen Seite dauert an, 
während die wirkliche Bewegung bei dem Wanken des Kopfes nur 
momentan zu sein braucht. Ja das Zustandekommen der Schein- 
bewegung bedarf nicht einmal nothwendigerweise einer objectiv wahr- 
nehmbaren Körperbewegimg. Es ist oben schon angeführt worden, 

I 
i 



206 Ueber die beim Galviinisiren des Kopfos entstehenden Störungen u. s. w.- 

dass Scheinbewegungen bedeutend leichter zu erzeugen sind, als das 
andere in Rede stehende Symptom. 

Unter diesen Umständen ist es zwar möglich, dass in dem 
Momente des nach der Seite Schwankens uns durch dasselbe eine 
ebenfalls momentane Bewegung der Gegenstände im Räume nach 
der anderen Seite vorgetäuscht wird, aber die continuirliche Schein- 
bewegung kann hierdurch keineswegs erklärt werden. 

Uebrigens ist die Production des compensirenden Muskelimpulses keine 
nothwendige Bedingung für das Eintreten der Scheinbewegung. Denn 
dieselbe Scheinbewegung entsteht auch jedes Mal, wenn man den rechten 
Bulbus durch einen plötzlichen kurzen Druck von Innen her nach rechts 
verschiebt, während man gleichzeitig, ohne zu fixiren, ins Weite blickt. Es 
würde also in den beiden gewählten Beispielen die auf abnorme Weise vor 
sich gehende Verschiebung der Gcsichtslinie genügen, um eine scheinbare 
Bewegung des Gesichtsobjectes hervorzubringen. Indessen ist die Sinnes- 
täuschung unter sonst gleichen Verhältnissen immer stärker, wenn compeu- 
sirende Muskelimpulse mit in Frage kommen. Durch diejenigen Phänomene, 
welche bei Augenmuskellähmungen und nach anhaltender Betrachtung sich 
in einer bestimmten Richtung bewegender Gegenstände vorkommen, lässt sich 
der Beweis hierfür führen. — 

Bevor wir nun dieses Capitel schliessen, sei es gestattet, die 
angewendete Methode einer kurzen Besprechung zu unterziehen. 
Bei allen Grundversuchen Hess ich den Strom in der einen Fossa 
mastoidea ein- und in der anderen Fossa mastoidea austreten. Dies 
Verfahren ist bei Weitem weniger umständlich als die Galvanisation 
durch die Ohren und auch lange nicht so schmerzhaft. Wenn man 
den Strom durch die Ohren leitet, hat man es wegen der Enge des 
Gehörganges nothgedrungen immer mit äusserst kleinen Einströmungs- 
stellen zu thun. Die Dichtigkeit des Stromes wird also, bei übrigens 
gleicher Intensität desselben, in der Regel an den Einströmungs- 
stellen, wenn es die Ohren sind, viel beträchtlicher sein, als bei 
äusserlicher Anlegung der Leiter. Dies ist um so unangenehmer, 
als die Nerven des Gehörganges ohnehin schon sehr empfindlich zu 
sein pflegen. Ausserdem bekommt man bei der Galvanisirung durch 
die Ohren leicht subjective Gehörsempfindungen. Nun wird von der 
Versuchsperson Auskunft über ihr durchaus neue, subjective Empfin- 
dungen verlangt, welche zudem in einer theilweisen Verwirrung des 
Urtheils bestehen und deshalb von entschieden beängstigender Natur 



üeber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 207 



sind. Verlangt mau also einigerraasseu zuverlässige Angaben, so 
muss man von der Versuchsperson alle Eindrücke, durch welche ihre 
ürtheilsfähigkeit noch weiter beeinträchtigt wird, fern halten, und 
zu diesen gehört in erster Reihe der Schmerz. 

Applicirt mau die Elektroden nicht beide in den Fossis masto- 
ideis oder ihrer unmittelbaren Nähe, so ist, die gleiche Elemeuten- 
zahl vorausgesetzt, der Schmerz zwar manchmal noch unbedeutender; 
indessen treten die zu studirenden Reizerscheinungeu dann um so 
schwerer ein, so dass man, um das Gleiche zu seheu, der Versuchs- 
person durch Steigerung der absoluten Stromintensität nun doch 
wieder mindestens den gleichen Schmerz verursachen muss. 

Aus den gleichen Gründen habe ich in allen Fällen die von 
mir angegebene Modification der uupolarisirbaren Elektroden du Bois- 
ßeymond's angewendet; denn die durch Metallelektroden hervor- 
gebrachte Anätzung der Haut kann einen so erheblichen Schmerz ver- 
ursachen, dass man zur Unterbrechung des Versuches veranlasst wird. 

Die Zahl der zur Hervorbringung der beschriebenen Reizeffecte 
erforderlichen Elemente variirt je nach Oertlichkeit und Querschnitt 
der Einströmungsstellen und der Reizbarkeit der Versuchspersonen 
innerhalb ziemlich breiter Grenzen. 

Bei Verwendung einzölliger Elektroden und bei querer Durch- 
leitung des Stromes kann man bei 6 Daniell schon starken Schwindel 
haben. Gewöhnlich bedarf man einiger Elemente mehr. Vollkommene 
Durchfeuchtung der Haut und metallische Schliessung uud Oeffnung 
ersparen ceteris paribus immer ein paar Elemente. Eine grosse Rolle 
spielt die Disposition. Bei Krankheiten ist dieselbe häufig bedeutend 
gesteigert, ohne dass man aber mit wenigen Worten allgemein gültige 
Regeln aufstellen könnte. Die meisten Tabes-Kranken z. B. werden 
ungemein leicht schwindlich, andere wieder sehr schwer. 

Die Verwendung unpolarisirbarer Elektroden empfiehlt sich auch 
aus dem Grunde, weil diese Instrumente das Andrücken des Reiz- 
trägers nicht erfordern. Die dadurch bedingte Unterstützung des 
Kopfes erschwert das Eintreten der Schwindelempfindungen. 

Das Herausschleichen aus der Kette durch Anwendung einer 
graduirten Nebenschliessung vermag andererseits den Eintritt von 
Oefifnuugssch Windel nicht immer gänzlich zu verhüten. — 



208 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

Es mag am Platze sein, hier meine Ansicht über die von 
Einigen behauptete Gefälirlichkeit des Galvanisirens am Kopfe aus- 
7A]sprechen. Zunächst dürfte wohl die grosse Anzahl von Versuchen, 
die ich zur Ermittelung der in dieser Abhandlung angeführten That- 
sachen an Gesunden und Kranken ohne Nachtheil für dieselben 
angestellt habe, dafür sprechen, dass die beschriebenen Methoden, 
wenn überhaupt, nur ausnahmsweise und unter ganz besonderen Be- 
dingungen wirklich gefährlich sein können. Dann möchte ich dar- 
auf aufmerksam machen, dass in der Literatur noch kein einziges 
glaubwürdiges Beispiel existirt, aus dem hervorginge, dass Jemand 
in der That durch eine solche Methode ernstlich geschädigt worden 
wäre. Gleichwohl hat man seit dem ersten Bekanntwerden des Gal- 
vanismus ohne Scheu die barbarischsten Galvanisationsmethoden am 
Kopfe vorgenommen.') Ja es lässt sich sogar aus den eigenen 
Schriften solcher Autoren, die am Meisten gegen das Galvanisiren 
des Kopfes eifern, mit Leichtigkeit nachweisen, dass sie selbst stär- 
kere Ströme, als die hier in Rede kommenden, ohne Bedenken an- 
gewandt haben. 

Ich will durchaus nicht in Abrede stellen, dass die unvorsichtige 
Durchleitung elektrischer Ströme durch den Kopf ebenso gut wie 
durch jeden anderen Körpertheil vorhandene Krankheitszustände ver- 
schlimmern kann, wie denn manche Personen die Elektricität in 
keiner Form und nach keiner Methode vertragen. Auch gehört die 
galvanische Reizung des Gehirns durch starke Ströme mit zu den 
unangenehmsten Elektrisationsmethoden, weniger wegen der Begleit- 
erscheinungen als wegen der dem „Katzenjammer" ähnlichen Nach- 
wirkungen. Man hat noch längere Zeit nachher die Empfindung 
dumpfen Druckes, namentlich im Hinterkopfe, üebelkeit, manchmal 
auch Schwindelempfindungen. Das beste Mittel dagegen ist der 
Genuss von Speise und Trank. 

Damit ist aber noch nicht das Geringste für eine specifische 

1) Die älteren Galvanisten, denen das Gesetz von du Bois-Reymond 
noch nicht bekannt war, glaubten den Strom durch Schütteln der Ketten 
welche sie als stromzuführende Leiter benutzten, in Bewegung halten zu 
müssen. Natürlich reizten sie dadurch das Gehirn mit ungezählten Schlie- 
ssungs- und Oeffnungsschlägen. 



lieber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 209 

Gefährlichkeit der fraglichen Methode — selbstverständlich inner- 
halb gewisser Grenzen — bewiesen. Wer beim Galvanisiren des 
Kopfes Beobachtungen gemacht hat, die etwas Anderes beweisen, 
der möge doch den Krankheitsfall und das angewendete Verfahren 
mit seinen Polgen genau beschreiben. Obwohl ich, wie man sehen 
wird, für diese Methode als Heilmittel keineswegs so übermässig 
eingenommen bin, halte ich es doch, selbst wenn man von ihrer 
therapeutischen Verwerthung ganz absehen sollte, für wünschens- 
werth, dass die Wahrheit bekannt werde. Bis etwas Anderes be- 
wiesen ist, werde ich meinen eigenen Erfahrungen mehr Glauben 
schenken, als allgemein gehaltenen Behauptungen. — 

Die soeben besprochene Methode wurde auch bei den in den 
nachstehenden Capiteln angeführten Versuchen angewendet. Ich ver- 
weise deshalb rücksichtlich jener Beobachtungen auf das hier Vor- 
getragene. Ausserdem bemerke ich, um Wiederholungen zu 
vermeiden, dass bei allen Versuchen, von denen nicht 
ausdrücklich etwas Anderes gesagt ist, die Anode in der 
rechten Fossa mastoidea gedacht, und soweit die Augen 
in Frage kommen, das rechte Auge betrachtet ist. 



III. Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes eintretenden 
Augenbewegungen. 

Wenn man galvanische Ströme von solcher Intensität, 
dass durch sie der zweite Grad des Schwindels hervor- 
gerufen wird, oder stärkere Ströme durch den Kopf leitet, 
so treten unwillkürliche und unbewusste Bewegungen der 
Augen ein. 

Die Leichtigkeit, mit der diese Augenbewegungen zu Stande 
kommen, wächst bei übrigens gleichen Verhältnissen unter denselben 
Bedingungen, wie die von mir gelegentlich der Scheinbewegungen und 
der objectiv wahrnehmbaren Bewegungen des Körpers als begünsti- 
gende angeführten. Man beobachtet sie also leichter bei querer 
Durchleitung, beim Galvanisiren des Hinterkopfes, bei grösserer Steil- 
heit der Stromcurven und nacli Aenderung der Stromrichtung. 

Hitzig, Experimentelle Untersuchungen. 14 



210 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

Die galvanischen Aiigenbewegungen halten auch während der 
Stromdauer an, obwohl sie weniger ausgiebig werden können, sobald 
der Strom constant geworden ist. Hat man einen relativ schwachen 
Strom gewählt, so verschwinden sie zuweilen allmählig gänzlich. 
Im Moment der Oeffnuug hingegen oder bei anderen erheblichen 
negativen Schwankungen der Stromdichte beginnen sie, auch wenn 
sie aufgehört hatten, von Neuem, haben dann aber die umgekehrte 
Eichtung. 

Es ist aus den oben angeführten Gründen wiederum nicht zu 
entscheiden, ob bei Annäherung nur einer Elektrode an den Schädel 
die Anode oder die Kathode eine grössere Wirkung hat. Die Augen- 
bewegungen treten bei einer solchen Anwendung überhaupt ver- 
gleichsweise viel seltener und weniger intensiv auf, als die Schwiudel- 
empfindungen. Man bedarf dann nicht selten einer Kette von 30 
und mehr Daniell. 

Ihrem Charakter nach sind die so an Gesunden hervor- 
gebrachten Bewegungen fast immer associirte und lassen sich am 
Besten mit der Nystagmus genannten Affection vergleichen. Nur 
unterscheidet man hier immer deutlich, namentlich bei geringereu 
Stromintensitäten, eine schnell ruckartig ausgeführte Bewegung nach 
der einen Seite und eine langsamere nach der anderen Seite. Bei 
manchen Individuen gleicht unter einer bestimmten Eeizgrösse die 
Iris dem Schwimmer eines Angelfischers, der langsam auf einem Flusse 
dahintreibt, bis er plötzlich an der Leine in entgegengesetzter Eich- 
tung zurückgerissen wird. Bei zunehmender Stromintensität wird der 
Ehythmus schneller und schneller, bis endlich die Eichtung der kur- 
zen ruckenden Bewegung dominirt und der Bulbus bei sehr starken 
Strömen nur noch leise oscillirend im Augenwinkel festgehalten wird. 

Die Eichtung der einzelnen Bewegungen — und dies ist einer 
der interessantesten Punkte der ganzen Frage — hängt derart von 
der Wahl der Einströmungsstellen ab, dass die schnellere, ruckende 
Bewegung, die wir der Einfachheit wegen zunächst allein berück- 
sichtigen werden, immer in der Eichtung des positiven Stromes er- 
folgt, die langsamere in der entgegensetzten Eichtung. Wenn sich 
also die Anode in der rechten und die Kathode in der linken Fossa 
mastoidea befindet, so erfolgt der Euck nach links, und bei starken 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 211 

Strömen werden beide Bulbi in den linken Winkeln festgehalten. 
Damit dieses Gesetz auf die überwiegend zahlreichen Fälle, in denen 
Eaddrehungen eintreten, passe, ist es nöthig, sich den gebogenen 
Pfeil, durch den mau sich den Vorgang der Raddrehung veranschau- 
lichen kann, gestreckt zu denken. Wie üblich ist hierbei das obere 
Ende des verticalen Meridians betrachtet. 

In denjenigen Fällen jedoch, wo nur die eine Elektrode sich in 
der Gegend des Kopfes befindet, treten die Bewegungen, wenn es 
überhaupt dazu kommt, so auf, als wenn die andere Elektrode sich 
auf der anderen Seite des Kopfes befände. Bei einer solchen An- 
ordnung kann man denn auch einzig am Normalen die Beobachtung 
machen, dass die Bewegungen beider Augen nicht vollkommen asso- 
ciirt sind, sondern dass auf dem einen Auge die Drehung um die 
sagittale, auf dem anderen Auge die Drehung um die verticale 
Axe vorherrscht. 

Man kann durch das Galvanisiren keineswegs alle physiologi- 
schen Augenbewegungen zwangsweise hervorbringen. An normalen 
Augen fallen z. B. sämmtliche Convergenzen aus. Es handelt sich 
vielmehr hauptsächlich um gleichnamige Seitenwendungen und Ro- 
tationen. Ausserdem entsprechen die vorhandenen Bewegungen, wie 
ich noch ausführlicher zeigen werde, rücksichtlich der Combinatiouen 
der Drehungswinkel in den meisten Fällen den physiologischen durch- 
aus nicht. 

Tabelle I. wird die besprochenen Verhältnisse deutlich machen. 
Man hat nur die gebogenen Pfeile auf den verticalen Meridian und die 
kurze, ruckende Bewegung zu beziehen. Für die Fälle, wo die Seiten- 
wendung vorwiegt, muss man die gebogenen Pfeile gestreckt denken. — 

Die zunächst zu lösende Frage würde lauten, durch Reizung 
welcher Organe die soeben beschriebenen Augenbewe- 
gungen ausgelöst werden. Es könnte sich um die Muskeln, um 
die Stämme der motorischen Nerven und um centrale Gebilde handeln. 

An die Muskeln kann man schon um deswillen nicht denken, 
weil der Reizeffect unendlich viel leichter auftritt, wenn man sich 
bis zur Fossa mastoidea von der Orbita entfernt, als wenn man in 
deren Gegend operirt. Ausserdem wäre nicht zu ersehen, wie asso- 
ciirte Bewegungen beider Augen durch die Reizung mit einem au- 

14* 



212 üeber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 



nähernd constanten Strome direct durch die zAigehörige Muskulatur 
ausgelöst werden sollten. 

Auch um die Nervenstämme kann es sich nicht handeln; denn 
auch der motorische Nerv antwortet ganz anders auf die Reizung 
mit Kettenströmen. Indessen wurde, um diese Frage noch weiter 
zu erhellen, der Versuch gemacht, zu bestimmen, durch welche 
Muskeln in jedem einzelnen Falle die betreffenden Be- 
wegungen ausgelöst werden. 

Es war um so schwerer, hierüber zu einer definitiven Ansicht 
zu gelangen, als auch die physiologischen Augenbewegungen 
kaum je das Resultat der Contraction eines einzelnen Muskels sind. 
Die Augenmuskeln haben vielmehr in hohem Grade den Charakter 
von Moderatoren, derart, dass eine jede physiologische Bewegung 
des Bulbus als Resultante einer Anzahl von bewegenden Kräften auf- 
gefasst werden muss. Zwei Wege gab es jedoch, auf denen es viel- 
leicht möglich war, der Sache näher zu kommen. Der eine bestand 
darin, dass man gesunde und der Selbstbeobachtung fähige Ver- 
suchspersonen während der Reizung bestimmte willkürliche Augen- 
bewegungen ausführen liess, und das Product der willkürlichen und 
der galvanischen Augenbewegungen beobachtete und beobachten liess. 
Die so erzielten Resultate sind aber zur Verwerthung nicht durch- 
sichtig genug, wahrscheinlich weil der Vorgang dabei noch weiter 
complicirt wird. Denn nicht nur, dass wir es dabei mit neuen In- 
nervationen der gesammten Augenmuskulatur zu thun bekommen, 
sondern es tritt auch ein centraler Vorgang ein, dessen Einzelnheiten 
uns unbekannt bleiben. Der letztere Umstand fällt um so mehr in's 
Gewicht, als die Methode ja von vornherein eine Fälschung des 
ürtheils herbeiführt. 

Der andere Weg hingegen lieferte Resultate, welche in einem 
späteren Theile der Abhandlung auch noch anderweitig verwerthet 
werden sollen. Er bestand in der Anwendung dieser Methode auf 
Personen mit completen Lähmungen einzelner Augenmuskeln. Man 
konnte nämlich erwarten, dass bei einer peripheren, noch completen 
Lähmung des einen oder des anderen Augennerven die elektrischen 
Bewegungen auf dem kranken Auge entweder ganz ausfallen oder 
doch modificirt werden würden. In der That traf diese Voraussetzung zu. 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes eutstehenden Störungen u. s. w. 213 

Wenn bei einer rechtsseitigen Lähmung des Oculom otorius 
der Strom von der linken zur rechten Fossa mastoidea gerichtet ist, 
so kann es vorkommen, und es ist sogar die Regel, dass auf dem 
linken Auge ausgesprochene Radbewegungen, auf dem rechten jedoch 
horizontale eintreten, während bei umgekehrter Stromrichtung sich 
auf beiden Seiten Raddrehungen zeigen. Bei der einen sowohl als 
bei der anderen Stromrichtung sind die Excursionen des rechten 
Bulbus weniger ausgiebig als die des linken. 

Es scheint mir hieraus mit Sicherheit hervorzugehen, dass die 
Raddrehung, welche bei der ersteren Reizmethode am Gesunden auch 
auf dem rechten Auge eintreten müsste, die Resultante darstellen 
würde von der Contraction nicht nur des Obliquus inferior, sondern 
auch mindestens noch des Abducens. Denn von der Gesammtbewegung 
des Augapfels, welche beim Gesunden in einer Drehung um die Ver- 
ticalaxe nach rechts mit gleichzeitiger Raddrehung in derselben Rich- 
tung besteht, fällt auf dem kranken Auge in Folge der Leitungs- 
unterbrechung in der Bahn des Oculomotorius der zweite Theil der 
Bewegung aus, während der andere von diesem Nerven nicht ab- 
hängige zu Stande kommt. Die Excursionen bewegen sich aber auf 
dem kranken Auge um deswillen in engeren Grenzen, weil diejenigen 
Muskeln, welche den einmal nach rechts gestellten Bulbus in die 
mittlere Stellung zurückzuführen hätten, von dem gelähmten Augen- 
nerven versorgt werden. 

Wenn man nun bei einer rechtsseitigen vollständigen Lähmung 
des Abducens dieselben Versuche anstellt, so kann man beobachten, 
dass auf dem linken Auge Horizontalbewegungen, auf dem rechten 
aber Raddrehungen eintreten, sobald die Anode sich links befindet, 
während bei umgekehrter iVpplication auf beiden Augen Rotationen 
um die verticale Axe vorhanden sind. In beiden Fällen macht das 
linke Auge ausgiebigere Bewegungen. Das rechte Auge hingegen 
steht in mehr oder weniger starker Abduction, manchmal auch 
gleichzeitig nach oben schielend. 

Hätte nun die fragliche Versuchsperson keine Lähmung des Ab- 
ducens gehabt, so würden ohne Zweifel bei der erstangeführten Reiz- 
methode auch auf dem rechten Auge Horizontalbewegungen einge- 
treten sein. Da nun bei Ausfall des rechten Abducens gleichwohl 



214 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

T3ewegungen, aber solche um die sagittale Axe zu beobachten sind, 
so darf man wohl mit Kecht annehmen, dass bei der auf einem 
normalen rechten Auge eintretenden Horizontalbewegung nach rechts 
nicht nur der Abducens, sondern mindestens auch der Obliquus in- 
ferior betheiligt ist und dass der dann gleichwohl um die Vertical- 
axe erfolgende Bewegungseffect nur auf das Vorwiegen der Abducens- 
Contraction zu beziehen ist. Auf dem linken Auge hingegen würde 
es sich in denselben Momenten um gleichzeitige Keizung in den 
Bahnen für Internus und Trochlearis handeln. 

Selbstverständlich treten überall grade die umgekehrten Erschei- 
nungen auf, sobald die auf dem rechten Auge vorausgesetzten Muskel- 
lähmungen das linke Auge betreffen, üebrigens ist es aulfallend, wie 
leicht die sonst seltener zu erzeugenden Horizontalbewegungen grade 
bei Augenkranken auch auf der gesunden Seite zu beobachten sind.') 
(Tabelle II.) 

Wir sehen also übereinstimmend, dass bei der Stromrichtung 
von links nach rechts auf dem linken Auge Theile des Oculomotorius 
und der Trochlearis, auf dem rechten Auge andere Theile des Oculo- 
motorius und der Abducens mit Reizen eigenthümlicher Art versehen 
werden. 

Wie derartig gruppirte Reizeffecte gesetzmässig durch directe 
Reizung der Nerven ausgelöst werden sollen, ist weder vom rein 
physikalischen noch vom physiologischen Standpunkte aus einzusehen. 
Denn die Innervation strahlt nicht nur in mehrere Muskeln, sondern 
auch in mehrere von verschiedenen, weit auseinanderliegenden Nerven 
abhängige Muskeln ein. Endlich auch müssten, was den Oculomotorius 
angeht, immer nur einzelne Theile seines Stammes getroffen werden, 
eine Annahme, die höchstens für eine bestimmte, nicht aber für alle 
Stromstärken Gültigkeit haben könnte. 

Andererseits ist es nicht nur möglich, sondern bis zu einem ge- 
wissen Grade sogar sicher, dass im Gehirn Associationsvorrichtungen 
bestehen, in denen solche Fasern, die später verschiedenen Nerven 
angehören, dicht beisammen liegen und deshalb auch gemeinschaft- 
licher Reizung leicht zugänglich sind. 



1) Reine Trochlearis-Lähmungen bekam ich nicht zur Beobachtung. 



Ueber die beim Galvanisireu dos Kopfes entstehonden Störungen u. s. w. 215 

Wenn die fraglichen Aiigeubewegungen nun weder durch die 
Muskeln noch durch die peripheren Nerven ausgelöst sein können, 
so bleibt in der That nur übrig, sie auf irgend eine Beeinflussung 
centraler Gebilde zu beziehen. — 

Sehr merkwürdig und durchaus abweichend von dem, was wir 
über das Verhalten peripherer Nerven wissen, ist, dass diese an- 
scheinend innerhalb derselben Bahnen an- und abschwellenden Er- 
regungen durch den nicht unterbrochenen, möglichst constant gehal- 
tenen Batteriestrom ausgelöst werden. Der Inductionsstrom führt 
ebenso wenig zu diesen Augenbewegungen, wie zu Schwindelempfin- 
dungen. Gleichwohl ist es durch die bisher angeführten Untersuchun- 
gen und Erwägungen vielleicht noch niclit gänzlich auszuschliessen, 
dass nicht die in Folge der allmähligen Durchfeuchtuug und Auf- 
lockerung der Haut während des Kettenschlusses entstehenden Strom- 
schwankungen hierbei eine Rolle spielen. Allerdings wird dies, ab- 
gesehen von manchen anderen Gründen, auch dadurch sehr unwahr- 
scheinlich, dass die nach der KettenöfFnung entstehenden Bewegungen 
mit umgekehrter Richtung nicht nur momentan sind, sondern auch 
über den Moment der Oeffnung hinaus eine gerauine Zeit anhalten. 



IV. Lieber die Art der Einwirkung des Galvanismus. 

Bereits mehrfach ist einer Verschiedenheit der Wirkungsart bei- 
der Pole gedacht worden. Wir sahen, dass die Richtung aller realen 
und auch aller Scheinbewegungen mit einer Gesetzmässigkeit, die 
nichts zu wünschen übrig lässt, davon abhängt, welche Elektrode 
rechts und welche links applicirt wird, ob der Schliessungs- oder der 
Oeffnungsreiz einwirkt. 

Aus diesem Verhalten geht mit absoluter Sicherheit hervor, dass 
ein Gegensatz in der Wirkung beider Elektroden, wie er schärfer 
nicht gedacht werden kann, vorhanden ist. Indessen dürfte es von be- 
sonderem Interesse sein, hervorzuheben, dass gerade die vollkommene 
Einführung dieses Gegensatzes in den centralen Mechanismus conditio 
sine qua non für das Eintreten aller uns beschäftigenden Reizerschei- 
nungen ist, und dass hierfür keineswegs die Einwirkung irgend eines 



216 UebtT die beim Galvanisireu des Kopfes eutstehenden Störungen u. b. w. 

elektrischen Eeizes ausreicht. Brenner (s. o.) führt bereits einen 
Versuch au, der als schlagender Beweis benutzt werden kann. Er 
brachte eine getheilte Anode in die Fossae mastoideae und eine ein- 
fache Kathode auf den Nacken. Es trat kein Schwindel ein. Sobald 
er aber eine Anode entfernte, war der Schwindel selbst bei einem viel 
schwächeren Strome, als dem zuerst benutzten, vorhanden. Ich habe 
diesen Versuch nicht nur mehrfach wiederholt, sondern auch auf die 
Eeizung mit der Kathode ausgedehnt. Danach kann ich die Angabe 
Brenner's vollkommen bestätigen und ausserdem auch für die Ka- 
thode und für das Eintreten der Augenbewegungen erweitern. Auch 
bei den grössten Stromintensitäten kommt es weder zu Schwindel 
noch zu Augenbewegungen, sobald beide Schädelhälften mit der gleich- 
namigen Elektrode gereizt werden. 

Wenn nun bei Annäherung nur einer Elektrode an den Schädel 
gleichwohl sämmtliche Reizerscheinungen, aber freilich viel weniger 
ausgesprochen, eintreten, so muss dies auf die eigenthümliche Function 
der gereizten Organe bezogen werden. Sowohl die associirten Augen- 
bewegungen als die Vertheilung der zur Aufrechterhaltung des Gleich- 
gewichts dienenden Muskelimpulse setzen ein ungestörtes Zusammen- 
wirken der gleichnamigen symmetrischen Centraiorgane vor- 
aus. Wird nur die Erregbarkeit des Centraiorgans der einen Seite 
von der Norm entfernt, so ist die daraus resultirende Störung be- 
trächtlich geringer, als wenn die Erregbarkeit des symmetrischen 
Organs um das Gleiche, aber im entgegengesetzten Sinne, verändert 
wird. Eine doppelseitige positive oder negative Erregbarkeitsverän- 
derung bleibt aber ohne wahrnehmbare Zeichen. 

Es kann bei Berücksichtigung des soeben Recapitulirten und 
Neuangeführten wohl keinem Zweifel unterliegen, dass die in Rede 
stehenden Reizerscheinungen auf analoge Erregbarkeitsveränderungen 
zurückzuführen sind, wie die nach den Untersuchungen von Pflueger 
am elektrotonisirten Nerven vorhandenen. Dies dürfte aber der erste 
Nachweis sein, dass mau vermag, durch galvanische Reizung 
gewisse Complexe intracerebraler Nerven — sei es direct, 
sei es indirect — in Erregungszustände zu versetzen, 
durch die Anlass zu Muskelbewegungen eigenthümlicher 
Art gegeben wird. 



üeber die beim Galvauisiroii des Kopfes entstehenden Str)rungen ii. s. w. 217 

Hieran schliesst sich aufs Engste die Erwägung des Um Standes, 
dass inducirte Ströme weder Schwindel noch Augenbewegungen her- 
vorbringen. Schon einmal war die Elektrophysiologie mit der Be- 
arbeitung einer ähnlichen Frage beschäftigt. Es handelte sich da- 
mals darum, zu erklären, warum gelähmte Muskeln nicht auf indu- 
cirte, wohl aber auf Kettenströme reagiren. Neumann hat das 
Verdienst, den physikalischen Grund dieses ungemein sonderbar er- 
scheinenden Phänomens in der kurzen Dauer der Inductionsströme 
gefunden zu haben. Natürlich lag es nahe, sich zu überzeugen, ob 
hier nicht dieselbe physikalische Ursache obwalte. Die gehegte Ver- 
muthung fand sich bestätigt. Kettenschliessungen und ebenso 
Kettenöffnungen von ganz kurzer Dauer haben denselben 
Nichterfolg als Inductionsströme. Wenn man also z. B. eine 
Kette, deren gänzliche Oeffnung das ganze Bild der Reizeffecte ent- 
rollen würde, nur momentan öffnet und wieder schliesst, so ist es 
für die fraglichen Gehirnfunctionen, als wenn nichts gewesen wäre; 
die peripheren Nerven aber antworten jeder mit seiner specifischen 
Energie, der Facialis mit Zuckung, der Opticus mit Lichtempfindung, 
die Geschmacksnerven mit stärkeren galvanischen Sensationen. Schnelle 
Wiederholung der OefFnung und Schliessung ändert hieran nichts. 

Dieser Umstand ist in doppelter Beziehung von Wichtigkeit. Ein- 
mal darum, w^eil er einen ferneren Beweis für den eben angeführten 
Satz bildet, dass „die vollkommene Einführung des elektrotonischen 
Gegensatzes in den cerebralen Mechanismus conditio une qua non 
für das Eintreten der uns beschäftigenden Reizerscheinungen ist." 
Wir sind berechtigt, zu schliessen, dass die intracerebralen Nerven- 
gebilde der Veränderung ihres Zustandes durch den Strom eine ähn- 
liche Trägheit entgegensetzen, als der gelähmte oder curarisirte Muskel, 
als der Schliessmuskel der Muscheln. Ehe die Umlagerung und da- 
mit die als Muskelbewegung in die Erscheinung tretende Aenderung 
der Function herangebildet, ist die Kücklagerung in den früheren 
Zustand schon wieder da. Hierin würde also eine wesentliche, wenn 
auch nur quantitative Verschiedenheit von dem Verhalten peripherer 
Nerven liegen. Wenn man die durch kurz dauernde galvanische oder 
Inductionsströme im Centraiorgane hervorgebrachten Veränderungen 
näher studiren könnte, würde man wahrscheinlich die Zeichen eines 



218 üeber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 



doppelseitigen, gleichnamigen Erregbarkeitszuwachses finden, wodurch 
denn die bei derartiger Modification der Reize nur geringen polaren 
Differenzen gänzlich verdeckt sind. 

"Der Umstand ist zweitens von Wichtigkeit, weil er den Beweis 
für eine Ansicht liefert, welche man unten (S. 238) ausgesprochen 
finden wird, dass nämlich der Galvanismus bei diesen Reizversuchen 
in der Art einer Summirung von Reizen wirkt. Wenn dieselben Reize, 
welche bei intermittirender Anwendung zu keinem Reizeffecte Veran- 
lassung geben, continuirlich augewendet werden, so ist der Reizeffect 
da. Dies heisst, in andere Worte übertragen: „Innerhalb gewisser 
zeitlicher Grenzen verstärkt jeder kleinste Zeitabschnitt des Reizes 
die Wirkung seines Vorgängers." 

Endlich könnte noch Jemand die Frage erheben, ob bei diesen 
Versuchen der negative Reizzuwachs der Schliessung in der That auf 
der Seite der Anode und der positive Reizzuwachs auf der Seite der 
Kathode statt hat. Bei gewissen Untersuchungen am Menschen über 
Erregbarkeit elektrotonisirter Nerven (Erb) fand sich nämlich stets der 
ungleichartige Erregbarkeitszuwachs jeder der beiden Elektroden 
auf das Aeusserste nahegerückt. Indessen kommt ein solches Ver- 
halten bei der benutzten Versuchsanordnung offenbar nicht vor. Man 
kann dies aus den Reizversuchen am Gehörorgan mit Sicherheit ent- 
nehmen. Die akustischen Reactionen beweisen, dass in der That ein 
noch ziemlich entlegener Theil des Schädelinhalts gänzlich unter dem 
Einflüsse der dem Schädel äusserlich genäherten Elektrode steht. 

V. Ueber das Verhältniss der beim Galvanisiren des Kopfes 
auftretenden Reizerscheinungen zu einander. 

Die Gleichzeitigkeit im Vorkommen der angeführten Thatsachen 
veranlasst die Frage, ob dieselben unter einander ganz oder 
theilweise in dem Verhältnisse von Ursache und Wirkung 
stehen. Es liegen hier drei Möglichkeiten vor: 

1. Die Schwindelempfindungen können Folge der unwillkürlichen 
Augenbewegungen, oder 

2. die unwillkürlichen Augenbewegungen können Folge der 
Schwindelempfindungen sein, oder 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 219 



3. beide Eeizerscheinungen werdeu ganz oder theihveise unab- 
hängig von einander durch Reizung verschiedener Centraiorgane, viel- 
leicht auch eines Centraisystems, in dem eine Verknüpfung motori- 
scher Augennerven mit Nerven der willkürlichen Körpermuskulatur 
stattfindet, hervorgebracht. — 

Der nächste Weg um die Abhängigkeit oder Unabhängigkeit der 
einzelnen Reizerscheinungeu von einander festzustellen, war natürlich 
der, nachzusehen, ob sie unabhängig von einander vorkommen. In 
der That kommen sowohl Augenbewegungen ohne Schwindelempfin- 
dungen, als Schwindelempfindungeu ohne Augeubewegungen vor. Wenn 
man mit relativ starken Strömen arbeitet, kann man dies freilich 
nicht beobachten. Indessen gelingt es hier und da mit schwächeren 
Strömen eine Intensität herauszufinden, bei der gerade nur das eine 
Symptom vorhanden ist. Am Häufigsten beobachtet mau bei Per- 
sonen, die schon öfter in der angegebenen Weise galvanisirt worden 
sind, Augenbewegungen ohne Schwindelempfindungen. 

Man kann solche Beobachtungen als stricten Beweis jedoch nicht 
gelten lassen. Denn wie wir einerseits unser Verhalten zu den Gegen- 
ständen im Räume nach den Erfahrungen beurtheilen, die unser Sen- 
sorium über das Verhältniss der von ihm beanspruchten Muskelim- 
pulse zur Anordnung der Gegenstände gesammelt hat, und wie unser 
Urtheil hierüber durch irgend welche Störung im Bereiche des per- 
cipirenden Mechanismus verwirrt werden kann, so liegt andererseits 
die Möglichkeit vor, dass die Erfahrung solcher, eine gewisse Breite 
nicht überschreitender Störungen mit der Zeit Herr werden kann. Eine 
Versuchsperson, welcher früher schon mehrfach galvanische Augen- 
bewegungen höheren Grades erzeugt worden sind, würde endlich da- 
hin kommen können, diejenigen geringen Verschiebungen der Netz- 
hautbilder, welche durch schwache Bewegungen erzeugt werden, zu 
übersehen, und vermöge einer in der That vorhandenen Accommo- 
dationsfähigkeit des Centraiorgans als noch in die Breite des Nor- 
malen fallend aufzufassen. So haben auch Kranke, die an Nystagmus 
leiden, in der Regel keine Scheinbewegungen, sondern vielmehr am- 
blyopische oder aber andere Sehstörungen, wie sie durch das Augen- 
zittern als solches nicht bedingt sind. 



220 Ueber die beim Galvauisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

Einer ähnlichen Betrachtung würde man das isolirte Vorkommen 
einer Schwindelerapfindung von bestimmter Richtung nicht unter- 
ziehen können. Indessen erhält man so gut wie nie Angaben, die 
unter diesen Umständen eine bestimmte Richtung mit Sicherheit, oder 
in einer mit anderweitig gesammelten Erfahrungen stimmenden Weise 
bezeichneten, so dass man darauf hin eine Frage dieser Wichtigkeit 
kaum entscheiden möchte. Zu dem hätte man in diesen seltenen 
Fällen lediglich mit Angaben über subjective, sich der Controlle ent- 
ziehenden Empfindungen zu rechnen. Dieser letztere Einwand lässt 
sich auch gegen den Umstand erheben, dass die Schwindelbahn der 
jedesmal vorwiegenden unwillkürlichen Ablenkung der Augen nicht 
in allen Fällen zu entsprechen scheint. Bei Raddrehungen der Aug- 
äpfel werden auch die Netzhautbilder annähernd auf den Peripherien 
von vertical stehenden Kreisen verschoben. Man hätte also eine ver- 
ticale Scheinbewegung der Gesichtsobjecte zu erwarten. Eine solche 
wird aber, wenn auch in der grossen Mehrzahl der Versuche, so doch 
nicht ausnahmslos angegeben. Einige Personen behaupten bei diesem 
Reizeffecte Horizontalschwindel zu haben. Ebenso trifft sich das um- 
gekehrte Verhältniss. Aus dem angeführten Grunde ist jedoch solchen 
Angaben, so lange sie ohne Unterstützung durch andere Thatsachen 
dastehen, keine grosse Wichtigkeit beizulegen. 

So war es denn um so mehr geboten, die gestellte Frage wei- 
teren Erwägungen und der Prüfung durch andere Versuche zu unter- 
ziehen, als ein vollkommenes sich Decken der Augenbewegungen 
und der Schwindelempfindungen das Zustandekommen der Letzteren, 
insoweit es die Scheinbewegungen der Gesichtsobjecte betrifft, auf das 
Befriedigendste erklären würde. Ja das Eintreten von derarti- 
gen Scheinbewegungen bei den beschriebeneu Augenbe- 
wegungen ist in dem Grade ein physiologisches Postulat, 
dass ich ungeachtet dessen, was ich vorgebracht habe, 
die Erklärung dieses Theiles der Schwindel empfindungen 
aus den Augenbewegungen nicht nur für unbedenklich, 
sondern für not h wendig halte. 

Insoweit die Schwindelempfiudungen als einfaches Resultat des 
galvanischen Nystagmus betrachtet werden sollen, sind sie den Er- 
fahrungen anzupassen, welche aus dem S. 205 angeführten Versuche, 



lieber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 221 

betreffend die bei seitlicher Verschiebung des Bulbus durch Ziehen 
au den Lidern entstehenden Scheinbewegungen, gewonnen wurden. 
Ich habe des Näheren (S. 210 f.) auseinandergesetzt, dass die gal- 
vanischen Augenbewegungen keinen einfachen Tetanus oder eine ein- 
fache Muskelcontraction zur Anschauung bringen, sondern in einem 
Hin- und Herschwingen des Auges bestehen. Wir haben es also hier 
mit zwei entgegengesetzten Eichtungen der Augenbewegungen zu thun, 
von denen die Eine mit der Richtung der Scheinbewegung zusammen- 
fällt. In jenem Falle (mechanische Verschiebung des Auges nach rechts) 
glaubten wir eine Bewegung des Gesichtsobjectes nach links darum 
wahrzunehmen, weil wir zur Fixation, d. h. zur Ausgleichung der erst- 
genannten Bewegung abnormer Weise den rechten Internus mit stär- 
keren Impulsen versehen mussten. Da nun bei dem galvanischen Ver- 
suche im Uebrigen die gleichen Verhältnisse vorliegen, so ist für 
diesen anzunehmen, dass von den beiden hier in Frage kommenden 
sich balancirenden Bewegungen gleichfalls die eine durch unbewusste, 
aber räumliche Vorstellungen bilden helfende Impulse ausgelöst wird, 
die andere hingegen durch eine unseren Sinnen unbekannte Kraft, 
welche dieselbe Eolle spielt, als der zerrende Finger, und welche im 
gegebenen Falle der Galvanismus ist. 

Die Scheinbewegung findet bei der geforderten Versuchsanordnung 
ebenfalls nach links hin statt, folglich muss die unbewusst 
willkürliche Bewegung ebenfalls auf dem rechten Auge 
hauptsächlich den Internus betreffen, und die von dem 
Galvanismus abhängige würde demnach auf demselben 
Auge hauptsächlich dem Abducens zufallen. 

Diese Erklärung würde auch für den Fall ihre Gültigkeit behalten, dass 
die Scheinbeweguug bei dem S. 205 angeführten Versuche lediglich durch die 
unbewusste Verschiebung der Gesichtslinie, also nicht durch die compen- 
sirenden Muskelimpulse gedeutet würde. Der Beweis wird unten geführt 
werden. 

Sehen wir zunächst davon ab, durch welche besondere Art der 
Einwirkung des Galvanismus die eine der beiden Augenbewegungen 
hervorgebracht wird, so erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass die 
andere, durch dem Sensorium eigene Impulse gebildete, eine Folge 
ist der durch die erstere bewirkten abnormen Muskelzu- 



222 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

stände. Wenigstens Hesse sich dies von den rotatorischen Bewe- 
gungen sagen. Ich hatte oben angeführt, dass die galvanischen Augen- 
bewegungen in ähnlicher Weise wie die normalen, Resultanten meh- 
rerer Zugkräfte sind. Auch bei den rotatorischen Bewegungen kann 
man immer eine mehr weniger bedeutende Seiten Wendung wahrneh- 
men. Indessen stellen sich die Werthe der Raddrehungswinkel zu 
denen der Seitenwendungswinkel in der Regel als ganz unverhältniss- 
mässig viel grösser heraus, wie sie bei willkürlichen Bewegungen je 
vorkommen. Nun ist aber bei diesen das Verhältniss dieser beiden 
Winkel zu einander kein zufälliges oder durch den Willen zu beein- 
flussendes. Nach dem Douders-Listing'schen Gesetze ist der Rad- 
drehungswinkel vielmehr eine Function von dem Erhebungs- und dem 
Seitenwendungswinkel, oder wenn wir diesen Satz umkehren: Eine 
bestimmte Grösse des Raddrehungswinkels setzt auch eine bestimmte 
Grösse der (in dieser Beziehung als complementär zu betrachtenden) 
Erhebungs- und Seitenwendungswinkel voraus. Da nun beim Galva- 
nisiren weder der eine, noch der andere dieser beiden Winkel seiner 
Grösse nach dem Raddrehungswinkel entspricht, so müssen dadurch 
ganz ungewohnte Muskelempfindungen vermittelt werden, und da das 
Sensorium mit denselben nicht rechnen kann, so wird es deren Aus- 
gleichung, so weit es ihm möglich ist, anstreben. Für diejenigen 
Fälle wo bei Seitenwenduugen wirkliche Uebergänge aus der Primär- 
stellung in eine Secundärstellung stattfänden, Hesse sich diese Er- 
klärung freiHch als nicht zureichend anfechten. Wir werden indessen 
auch anderweitige Veranlassung haben, auf diese Frage zurückzu- 
kommen. — 

Nachdem wir dergestalt den galvanischen Nystagmus in zwei 
Bewegungen zerlegten, deren Eine vorläufig als nur von dem 
eigenthümHchen Verhältniss der Augenmuskeln zu einander abhän- 
gend betrachtet wurde, können wir es unternehmen, die an der 
anderweitigen willkürlichen Muskulatur wahrnehmbaren Innervations- 
störungen mit in Betracht zu ziehen. Wir sahen, dass mit dem Ketten- 
schlusse Kopf und Körper nach rechts schwankt, mit anderen Worten, 
dass die gesammte Muskulatur, insofern sie die Haltung des Körpers 
bedingt, Impulse erhält, welche die Medianebene des Körpers nach 
rechts neigen. Ganz ebenso werden auch der Gesammtmuskulatur 



Ueber die beim Galvauisireu des Kopfes entstolieiideii Störungen u. s.w. 223 



der Augen in einem Momente der Reizung Impulse zu Theil, welche 
den verticalen Meridian beider Augen — also Ebenen, welche der 
Medianebene annähernd parallel liegen — nach derselben Seite nach 
rechts neigen. Es darf aber nicht ausser Acht gelassen werden, dass 
bei starken Strömen das Endresultat der zwangsmässigen Augenstel- 
lung erst hervortritt, und sich dann als gerade das Umgekehrte aus- 
weist, insofern als dann, wie oben ausgeführt, die im Sinne der Strom- 
richtung erfolgende Bewegung — nach links — dominirt. 

Wir haben bisher die Schwindelempfindungen ganz im Allge- 
meinen so betrachtet, als wenn ihre Abhängigkeit von den Augen- 
bewegungen mit einer Art von Nothwendigkeit vorausgesetzt werden 
müsse. Wenn indessen eine unbedingte Abhängigkeit des ersten 
Symptoms von deiti anderen bestände, so müssten nach den üblichen 
Anschauungen die Schwindelempfindungen mit dem Fortfallen eines 
jeden optischen Eindruckes gleichfalls ausfallen, denn die scheinbare 
Bewegung entstand ja bei dem als Ausgangspunkt gewählten Ver- 
suche durch das Zusammenwirken eines optischen Eindruckes mit 
abnormer Weise erforderten Muskelimpulsen, wobei zwar die Muskel- 
impulse, nicht aber das Gesichtsbild wegfallen konnten. Um den 
Einfluss des einen und des andern dieser beiden Momente festzustel- 
len, war es also geboten, den Reizversuch einmal unter Ausschluss 
aller optischen Eindrücke, dann aber unter Ausschluss aller Muskel- 
impulse, wenn dies möglich war, anzustellen. Für diesen letzteren 
Zweck wäre es sehr erwünscht gewesen, Personen mit completer Läli- 
mung aller Augenmuskeln untersuchen zu können; indessen gelang 
es mir aller angewandten Mühe ungeachtet nicht, diesen seltenen 
Krankheitsfall zu Gesicht zu bekommen. Für den ersteren Zweck 
konnte es vielleicht genügen, wenn man Personen bei Schluss der 
Lider untersuchte. Indessen war man dann der Beobachtung der 
Bulbusbewegungen beraubt, auch hätte allenfalls die, wenngleich un- 
bestimmte Lichtempfindung, welche bei Lidschluss statt hat, als ein 
Einwand erhoben werden können. 

Ich stellte den Versuch deswegen zuvörderst an zwei Blinden 
an, deren Zuweisung ich dem freundschaftlichen Interesse des Herrn 
Dr. Brecht verdanke. 



224 Ueber die beim Galvauisireu des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

Der Eine dieser Blinden war in Folge glaucomatöser Sehnervenexcavation 
auf dem rechten Auge ganz blind, hatte auch bei galvanischer Opticusreizung 
mit 20 Elementen keine Phosphene; mit dem linken Auge konnte er auf 6" 
Entfernung noch eben Finger unterscheiden. Auf diesem Auge trug er 
während des Versuches einen, jeden Lichtschimmer ausschliessenden Watte- 
verband, Bei Kettenschluss fiel er ungemein stark nach der Anoden -Seite 
und hatte ausserordentlich starke Bulbusbewegungen in der Horizontalen, 
manchmal schien der Bulbus nach Hinten gezogen zu werden. Der Schwindel 
war sehr stark, doch vermochte der sehr beunruhigte Kranke eine bestimmte 
Richtung der Scheinbewegiing nicht anzugeben.') Er Hess sich auch nur noch 
ein zweites Mal untersuchen, wobei nichts Weiteres herauszubekommen war. 

Die andere Versuchsperson litt neben Tabes an Atrophie beider Seh- 
nerven. Auf beiden Augen bestanden noch geringe Spuren quantitativer Licht- 
empfindung, welche aber durch Placirung vor eine nicht beleuchtete Wand 
aufgehoben werden konnten. Beim Gradeausblicken geringe rechtsseitige Con- 
vergenz; bei grösseren willkürlichen Excursionen etwas Nystagmus. Derselbe 
tritt auch spontan beim Stehen auf, verliert sich beim ISTiedersetzen. Rechte 
Pupille sehr eng, linke von mittlerer Weite. Beide auf den -Lichtreiz ohne 
Reaction. Bei der elektrischen Reizung fiel P. sehr stark nach der Anoden- 
Seite, während die in der Horizontalen vor sich gehenden Bulbusbewegungen 
so stark waren, dass der Cornealrand des rechten Auges (Anode rechts oder 
links) über die Karuncel hinausgezogen wurde, links war diese Excursion 
weniger gross. 2) Dabei hatte der Mensch sehr ausgesprochen die Empfin- 
dung, als wenn er in einem Caroussel gefahren würde, welches 
sich von rechtsnach links dreht, vorausgesetzt, dass die Anode 
rechts applieirt war. 

Der Versuch konnte unter mehrmaliger Abänderung der Bedingungen in 
der Zeit vom 28. November 1869 — 13. Januar 1870 10 Mal wiederholt wer- 
den, und die einzelnen Angaben waren derart constant und sicher, dass ich 
glaube Hehreres von denselben mittheilen zu sollen. Zunächst war es möglich 
durch Veränderung der Einströmungsstellen Einzelheiten der Scheinbewegung 
zu modificiren. Wenn man nämlich die zweite Elektrode statt in die Fossa 
mastoidea in die Fossa supraclavicularis brachte, hatte er die Empfindung des 
Bergab- resp. Bergaufbewegtwerdens. Beim Galvanisiren durch zwei symme- 
trische 1" nach Hinten der Process. mastt. gelegene Stellen glaubte er aber 
wie ein aufrechtes Rad rotirt zu werden, während doch die Bulbusbewegungen 
ihren Charakter nicht änderten. Endlich gelang es, beim Galvanisiren durch die 
Schläfen Bulbusbewegungen ohne gleichzeitige Scheinbewegung zu erzielen. 

Beide Versuchspersonen hatten also bei Ausfall jedes optischen 
Eindrucks doch Scheinhewegungen, die nun aber auf den eigenen 
Körper, statt auf die Gegenstände der Aussenwelt bezogen werden. 



1) „Es geht Alles mit mir herum." 

2) Er schielte bei jeder Bewegung also sehr stark. 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 225 



Im Besitze dieser Resultate schritt ich dazu, normalsehende Personen 
bei geschlossenen Augen zu untersuchen. 

Abgesehen von vielen Kranken und meiner eigenen Person wurden diese 
Versuche an zahlreichen Aerzten, welche meine Vorlesungen besuchten, an- 
gestellt. Ich bin der Selbstbeobachtung dieser Herren manche Aufklärung 
und ihrer Gefälligkeit um so mehr grossen Dank schuldig, als ich nicht in 
der Lage war, an mir selbst viele derartige Versuche anstellen zu können. 
Schwindelempfindungen höheren Grades sind bei mir sehr schwer zu erzeugen, 
während rotatorische Augenbewegungen leichter zu Stande kommen. Bei einer 
bedeutenden Stromintensität sehe ich die Gegenstände verschwommen und un- 
sicher, auch dreht sich der Kopf nach der Anodenseite, ohne dass ich jedocti 
dabei diejenigen abnormen Empfindungen hätte, von denen bald die Rede sein 
wird. Wenn ich zur Beobachtung der Schwindelempfindungen mich nicht selbst 
als Hauptversuchsobject wählen konnte, so hatte dies darin seinen Grund, dass 
das Elektrisirtwerden mit starken Strömen mir regelmässig, wenn auch vor- 
übergehend, einen Krankheitszustand, an dem ich früher gelitten habe, wie- 
der hervorruft. Ich bekomme dann Einschlafen der Glieder, pelzige Empfin- 
dungen, und bin zu geistiger Arbeit fast unfähig. Zur Beobachtung der 
Augenbewegungen musste ich selbstverständlich von meiner eigenen Person 
so gut wie ganz absehen. 

Die Untersuchung normalsehender Versuchspersonen ergab fol- 
gende constante Resultate. Sobald die Kette geschlossen wurde, 
fielen sie nach der Anodenseite, und die der Selbstbeobachtung 
Fähigen bezeichneten diese Bewegung mit Bestimmtheit als 
eine willkürliche, hervorgerufen durch die Empfindung, 
als wenn der Kopf oder der Körper nach der Kathoden- 
seite geneigt würde, und durch das Bedürfniss, gegen 
diese Bewegung das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. 
Während des Kettenschlusses schien ihnen aber die nach der Ka- 
thode gerichtete Bewegung des Körpers (in der Regel) um seine 
horizontale und mediane Axe fortzudauern. 

Liess man nun die bis dahin geschlossenen Augen öffnen, so 
wurde die Empfindung von Scheinbewegung des eigenen Körpers 
unterdrückt und auf die Gesichtsobjecte in der früher beschriebonen 
Weise übertragen. Gleichzeitig konnte man dann Bnlbiisbewegungen, 
wie ich sie oben beschrieben habe, wahrnehmen, von diesen hatte 
aber Niemand eine subjective Empfindung. 

Hitzig, ExperimeiiteUe Untersuchungen. 15 



226 üeber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

Ein Arzt (Dr. Heusner) zeigte Abweichendes. Im Momente des Ketten- 
schliisses (Anode links) sank er mit dem Kopfe nach links, dann wieder nach 
rechts, dann nach links zurück, und so dauerte eine pendelnde Bewegung 
etwa 1 Minute lang an. Dann fing sie an, trichterförmig zu werden und zwar 
derart, dass der Kopf an der vorderen Peripherie des Trichters von rechts 
nach links bewegt wurde. Beim Oeffnen der Augen hörte diese Bewegung 
sofort auf, gleichzeitig war eine Empfindung von Schwindel ohne deutliche 
Scheinbewegung der Gesichtsobjecte vorhanden. Augenbewegungen be- 
standen nicht. Bei Schluss der Augen begann die trichterförmige Bewe- 
gung sofort wieder. Eine Wiederholung des Versuches ergab dasselbe Re- 
sultat. — Die Aehnlichkeit des hier vorhandenen Verhaltens der Körper- 
muskulatur mit dem sonstigen der Augenmuskeln bedarf keiner Erwähnung 
Ich habe diesen Reizetfect nicht wieder produciren können. 

Brenner (a. a. 0.) hat bei seiner Beschreibung des galvani- 
schen Schwindels das Wanken des Kopfes und Körpers nach der 
Anodenseite so gut wie ausschliesslich berücksichtigt. Er sagt dar- 
über S. 76: ,Das Gefühl besteht in der Empfindung, als 

sei die Schwere der einen Körperhälfte aufgehoben und als falle man 
in Folge dessen nach der anderen Seite." Von dem Vorkommen von 
Scheinbewegungen erwähnt er nichts, obwohl er die Benennungen 
, Schwindel" und „Schwindelgefühl" häufig gebraucht. Bei der Exact- 
heit, deren sich Brenner sonst in seinen Angaben bedient, scheint 
es deswegen so, als ob ihm die andere Hälfte der Erscheinungen von 
Schwindel entgangen sei. Die in dem Citat beschriebene Empfindung 
stimmt hingegen mit den Angaben meiner Versuchspersonen über- 
ein, wenn auch in jenem Passus eine ausreichende Begründung des 
, Fallens nach der anderen Seite" nicht enthalten ist. Ich werde 
noch näher ausführen, wie in dieser Beziehung die Auffassung der 
fraglichen galvanischen Zwangsbewegung als eine unbewusst willkür- 
liche — nicht aber als eine passive — von grosser Wichtigkeit ist. 

Zunächst aber dürfte als Eesultat dieser Versuche festzuhalten 
sein, dass auch bei Ausfall aller optischen Eindrücke be- 
stimmten Gesetzen folgende Schwindelempfindungen auf- 
treten, nur dass dieselben, anstatt auf die Gegenstände 
der Aussenwelt, auf den eigenen Körper bezogen werden. 
Es wird hierdurch bereits sicher bewiesen, dass kein unbedingtes 
Abhängigkeitsverhältniss im Sinne der Seite (218) unter 1 gestellten 
Frage zwischen den Schwindelempfinduugen und den durch clen Gal- 



TJeber die beim Galvanisiren des Kopfes eiitstehendeu Störungen u. s. w. 227 

vanismus liervorgebracliten abnormen Augenstellungen besteht. Man 
kann ein solches jedoch auch durch einen directen Beweis ausschliessen. 

Wenn nämlich eingewendet würde, dass auch beim Caroussel- 
fahren zur Fixation eines ausserhalb liegenden Gegenstandes Augen- 
bewegungen erforderlich sind, und dass die zwangsweise Production 
ähnlicher Augenbewegungen durch den Galvanismus uns bei Aus- 
schluss optischer Eindrücke das Erinnerungsbild des in gleicher Weise 
Bewegtwerdens aufnöthigen kann, so lässt sich, abgesehen von der 
ihm sonst innewohnenden Unwahrscheinlichkeit, dieser Einwand ent- 
kräften. Denn eine einfache Ueberlegung macht ersichtlich, dass dann 
die Scheinbewegung bei offenen und geschlossenen Augen jedesmal 
eine entgegengesetzte Richtung haben müsste. Ich hatte oben (S. 221) 
die nach der Anodenseite, nach rechts gerichtete Bulbusbewegung als 
die vom Galvanisiren direct abhängige angesprochen. Die Schein- 
bewegung nach links sollte entstehen einmal durch die vermöge 
äusserer Gewalt erfolgende Verschiebung der Blicklinie nach rechts, 
dann in Folge von Äugenmuskelimpulsen, welche diesen Effect auf- 
zuheben streben, also die Blicklinie nach links wenden. Wenn ich 
nun in einem Carroussel von rechts nach links fahre, so werden mir 
die Gegenstände nach rechts entrückt, ich muss also, um zu fixiren, 
den rechten äusseren und den linken inneren Graden vorwiegend in- 
nerviren. Demnach würden die beim wirklichen Carrousselfahren vor- 
handenen willkürlichen Augenbewegungen grade die entgegengesetzte 
Richtung haben, als diejenigen, welche wir beim scheinbaren Car- 
rousselfahren als die willkürlichen betrachteten, insofern als die letz- 
teren unter der vorausgesetzten Veisuchsanordnung die Blicklinie 
nach links wenden. 

Wollte man aber annehmen, dass die nach der Anode gerichtete 
Bulbusbewegung die willkürliche, und die andere die vom Galvanis- 
mus direct abhängige sei, so würde sich die Richtung der Schein- 
bewegung (bei offenen Augen) nach der Kathode weder durch die 
vermöge äusserer Gewalt hervorgebrachte Verschiebung der Blicklinie, 
noch durch die compensirenden Muskelimpulse erklären lassen. Denn 
wenn die Blicklinie durch äussere Gewalt ohne Dazwischentreten von 
Willensimpulsen nach links verschoben wird, so kann dies wohl eine 
scheinbare Bewegung der Objecte nach rechts, nicht aber nach 

15* 



228 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

links bedingen und ebenso würde die compensirende Muskelinner- 
vation, insofern sie dann nach rechts gerichtet wäre, dem Vorbei- 
führen der Gegenstände nach derselben Kichtung entsprechen. 

Unter diesen Umständen kann man mit Bestimmtheit annehmen, 
dass die bei geschlossenen Augen eintretenden Schwindelempfindungen 
mit den Augen nichts zu thun haben; während die bei offenen Augen 
vorhandenen Scheinbewegungen der Gesichtsobjecte wohl sicher auf 
die galvanischen Zwangsbewegungen des Bulbus zurückgeführt werden 
müssen. Mithin wäre die erste der drei aufgeworfenen Fragen dahin 
zu beantworten, dass die Schwindelempfindungen in ihrem 
optischen Theile Folge der galvanischen Augenbewegun- 
gen sind, — 

Was nun im Allgemeinen die Uebertragung der Scheinbewegung 
bald auf die Aussenwelt, bald auf den eigenen Körper betriffst, so ist 
es bekannt, dass Irrthümer bei der Bestimmung, ob ein Körper sich 
wirklich bewegt, überall da zu den häufigsten Vorkommnissen ge- 
hören, wo die Erfahrung uns nicht durch Bezugnahme auf genau 
bekannte Verhältnisse weiterhilft. Wenn wir z. B. auf einer Eisen- 
bahnfahrt in einem Bahnhofe angelangt, den auf einem parallelen 
Geleise befindlichen Train durch das Fenster betrachten, und einer 
der beiden Züge geräth in langsame Bewegung, so täuschen wir uns 
ungemein häufig in der Bestimmung dessen, welcher sich wirklich 
bewegt. Fast regelmässig glauben wir dann selbst bewegt zu werden, 
wenn unser Nachbar seine Fahrt beginnt. Selbst die Reflection dar- 
über, dass wir keine Stösse erhalten, hilft über diese Täuschung nicht 
hinweg. Erst das bewusste Zusammenhalten unserer eigenen Stellung 
und der unseres Nachbars mit derjenigen von uns als unverrückbar 
bekannten Körpern belehrt uns über die Wahrheit. In dieser Weise 
wirkt z, B, die Betrachtung von Telegraphenstangen durch die sich 
correspondirenden Fensteröffnungen. 

Es ist also für die richtige Deutung einer beschränkten Anzahl 
sinnlicher Eindrücke erforderlich, dass wir in den Stand gesetzt wer- 
den, dieselben in unser anderweitig gebildetes System von Erfahrungen 
einzureihen, Ist dies aber nicht der Fall, so befinden wir uns für 
die Auffassung der gegebenen Zahl sinnlicher Eindrücke in absoluter 
Abhängigkeit von den Ideenassociationen, welche die eigenthümliche 



die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 229 



Gruppirung der im concreteu Falle gegebenen sinnlichen Eindrücke 
in uns wachruft und mit deren auch nur theilweiser Veränderung 
unsere Vorstellung von dem wirklichen Vorgange gänzlich umgeformt 
werden kann. Helmholtz, der in seiner physiologischen Optik diesen 
Gegenstand, in soweit er die Gesichtswahrnehmungen betrifft, an 
mehreren Orten mit der ihm eigenen Klarheit behandelt, äussert 'sich 
S. 632 über den Einfluss derartiger Ideenassociationen in folgender 
Weise: , Diese Art der Association der Vorstellungen geschieht nicht 
willkürlich, sondern wie durch eine blinde Naturgewalt, wenn auch 
nach den Gesetzen unseres eigenen Geistes und sie tritt deshalb in 
unseren Wahrnehmungen ebensogut als eine äussere, uns zwingende 
Macht auf, wie die von aussen kommenden Eindrücke." 

Wenn wir diese Betrachtungen auf die den beiden Formen des 
galvanischen Versuches entsprechenden Schwindelempfindungen an- 
wenden, so ergiebt sich, wie mir scheint, zwanglos eine einfache 
und befriedigende Erklärung der Einen und der Anderen. 

Vergessen wir jedoch nicht, dass bei den zwei vorliegenden Formen die 
Aufgabe, zu bestimmen, welcher von zwei Körpern sich wirklich bewegt, in 
dem einen Falle genau genommen eigentlich gar nicht gestellt werden kann. 
Bei der Scheinbewegung der Gesichtsobjecte handelt es sich allerdings um 
wirkliche Bewegungen der Augen. Das ist aber bei der Scheinbewegung des 
eigenen Körpers insofern nicht der Fall, als die beim galvanischen Versuche 
eintretende reale Bewegung nach der Anode nicht ein mit dem ersten Mo- 
mente der Scheinbewegung gleichzeitiger Act, sondern erst eine Consequenz 
der letzteren ist. Es wird also der sonst bei der zu lösenden Aufgabe wirklich 
vorhandenen Bewegung eine scheinbare Bewegung von vorn herein substituirt. 

Unsere Vorstellungen über das Verhalten des eigenen Körpers 
im Räume und zu den einzelnen anderen Objecten des Raumes wer- 
den durch die Function einer ganzen Reihe verschiedenartiger Organe 
gebildet, verändert und gefälscht. Wir beschäftigten uns schon mehr- 
fach mit den Verhältnissen, welche den Sehapparat betreffen. In- 
dessen ist es ersichtlich, dass diesem die gedachte Function nicht 
allein zukommt. Ich will nicht von dem eigenthümlichen Zusammen- 
hange der halbcirkelförmigen Kanäle mit der Erhaltung des Gleich- 
gewichtes sprechen, aber wir wissen, dass die durch Erregungen der 
sensibeln Hautnerven und durch die Zustände der gesammten will- 
kürlichen Muskulatur gebildeten Vorstellungen in einer ähnlichen 



230 Ucber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen ii. s. w. 



Weise wie die Gesichtsbilder zur Formation der Gesammtvorstellung 
unseres räumlichen Seins verwerthet werden. Dabei* macht sich je- 
doch ein bemerkenswerther Unterschied zwischen diesen beiden Arten 
der Perception geltend. Die optischen Wahrnehmungen vermögen 
uns mit einem Schlage das Gesammtbild des Verhaltens einer grossen 
Zahl von Gegenständen zu einander und zu uns selbst zu entrollen, 
während das Gemeingefühl uns im Wesentlichen nur die Zustände des 
eigenen Körpers abspiegelt, und daran nur wenige Eindrücke der sich 
im unmittelbarsten Contacte befindenden anderen Körper anreiht. 

Aus diesem Grunde haben wir uns gewöhnt, den vom Auge her- 
rührenden Sinnererregungen bei unserer Orientirung einen bestimmen- 
den Einfluss zu lassen, und folgerecht werden, wenn Störungen des 
gesammten Orientirungsapparates vorkommen, dieselben mit Vorliebe 
auf Gesichtseindrücke, d. h. auf die Gegenstände der Aussenwelt be- 
zogen werden, wenn auch die Störung in deren Bereiche für den con- 
creten Fall vielleicht nur eine untergeordnete Rolle spielt. So ist 
das Fehlen der deutlichen Perception von Scheinbewegung des 
eigenen Körpers bei offenen Augen zu erklären. 

Fallen die optischen Eindrücke indessen gänzlich fort, wie bei 
geschlossenen Augen und bei Blinden, so ist das Sensorium plötz- 
lich auf die übrigen zur Orientirung dienenden Mechanismen allein 
angewiesen, und nun wird die Summe der von ihnen herrührenden 
Erregungen dieselbe zwingende Macht über die Bildung unserer räum- 
lichen Vorstellungen erhalten, wie sie vordem den Augen mit ihrem 
lichtempfindendem und muskulösem Apparate zukam. Da diese Er- 
regungen aber sämmtlich Folgezustände des Verhaltens unseres eigenen 
Körpers sind, so wird eine Fälschung in der Perception dieser Zu- 
stände nothwendiger Weise wieder auch nur auf den eigenen Körper 
übertragen werden können, d. h. als eine Bewegung des eigenen Körpers 
gedeutet werden müssen. — 

Nachdem wir so unsere Auffassung des grösseren Theiles der 
vorhandenen Schwindelempfindungen im Allgemeinen dargelegt haben, 
schreiten wir zu speciellerer Beleuchtung der objectiv wahrnehmbaren 
Bewegungen. Wir sahen, dass bei der Kettenschliessung Kopf und 
Körper nach der Anode schwankt. Der Selbstbeobachtung fähige 
Personen haben dabei auf das Bestimmteste die Empfindung, als 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 231 

wenn sie in jedem Augenblicke nach der Kathode versänken oder ge- 
dreht würden, als wenn sie auf jener Seite leichter würden. Eine 
derartige Empfindung kann im gegebenen Falle nur dadurch ent- 
stehen, dass ein fremder Factor in den Apparat eingeführt wird, 
welcher dem Sensorium Nachrichten von dem Zustande der Gesammt- 
muskulatur zuführt, mit einem Worte, dass das Muskelgefühl ge- 
fälscht wird. 

Man kann sich den hier ablaufenden Empfindungs- und Be- 
wegungsvorgang sehr wohl dadurch klar machen, dass man sich der 
Vorgänge erinnert, welche stattfinden, wenn man sich auf einen Stuhl 
setzt, dessen zwei rechte Beine auf festem Easen und dessen zwei 
linke Beine auf losem Sande stehen. Im Momente des Niedersetzens 
versinken die linken Beine in den losen Sand und der Körper macht 
eine unwillkürliche — ^ besser unbewusst willkürliche — Bewegung 
nach rechts, um das Gleichgewicht aufrecht zu halten. 

Diese Bewegung wird dadurch ausgelöst, dass die sämmtlichen 
zur Fixation des Körpers dienenden Muskeln der linken Körperhälfte 
in dem Momente, wo der Stuhl versinkt und das Gesäss also nicht 
unterstützt ist, in ünthätigkeit gesetzt werden und die Empfindung 
ihrer momentan aufgehobenen Arbeitsleistung dem das Gleichgewicht 
aufrecht erhaltenden Centraiorgane übermittelt wird. 

Bei dem galvanischen Versuche ist nun dieselbe Empfindung des 
Versinkens des Stuhles nach der Kathode, mit anderen Worten der 
geringeren Arbeitsleistung der entsprechenden Muskeln vorhanden, 
während den Letzteren gleichwohl die mechanischen Bewegungen zur 
ungestörten Weiterleistung der bisherigen Arbeit nicht entzogen sind 
und dieselben allerdings auch noch in dem Momente der eintreten- 
den Sinnestäuschung die normale Arbeit leisten. Nach den ange- 
führten Versuchen und den daran geknüpften Erwägungen muss noth- 
wendigerweise angenommen werden, dass die in Eede stehende Kette 
von Empfindung und Bewegung durch eine eigen thümliche , je nach 
der einwirkenden Elektrode verschiedene Beeinflussung der cerebralen 
Vorgänge hervorgebracht wird. 

Halten wir zunächst nur den wahrnehmbaren Effect dieser in- 
directen Beeinflussung der Körpermuskulatur noch einmal mit dem 
zusammen, was wir an den Augen wahrnehmen, so kommen wir wie- 



232 üeber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

der auf den oben schon angedeuteten Umstand zurück, dass nicht 
nur die Muskulatur des Körpers, sondern auch die der Augen unter 
dem Einflüsse des Galvanismus derart veränderte Impulse erhält, dass 
die Medianebenen Beider nach der Anode geneigt werden, während 
eine angemessene Verstärkung des Keizes der entgegengesetzten Be- 
wegung, was die Augen angeht, zur Herrschaft verhilft. Danach 
scheint mir die Annahme sehr nahe zu liegen, dass die eine der 
beiden Augenbewegungen auf einer ähnlichen Beeinflu s- 
sung eines centralen Organes für die gemeinsame Augen- 
muskelinnervation beruht, wie ich dies soeben für die 
übrige willkürliche Muskulatur nachzuweisen mich be- 
mühte. Das würde also eine Abschwächung der Wahrnehmung von 
der Arbeitsleistung aller derjenigen Muskeln bedeuten, welche die 
Augen in der einen von beiden Sichtungen bewegen. 

Es ist nicht zu verkennen, dass diesen Deutungsversuchen sich 
eine Menge von Schwierigkeiten entgegenstellen, welche zur Vorsicht 
im Ausdrucke mahnen. Eine dieser Schwierigkeiten liegt eben darin, 
dass bei starken Strömen der ganze Mensch nach rechts, die Augen 
aber nach links gezogen werden. Man kann dies in folgender Weise 
erklären. Diejenigen Muskeln, welche das Auge nach links drehen, 
haben einen gemeinschaftlichen Innervationsheerd, und correspondiren 
rücksichtlich dessen Lage der linksseitigen Körpermuskulatur. Die 
physiologische Berechtigung zu dieser Annahme ist nach den Unter- 
suchungen von Adamück,^) denen ich Aehnliches beweisende eigene 
Erfahrungen anreihen kann, vollkommen vorhanden. Nach Adamück 
dreht der rechte vordere Vierhügel beide Augen nach links, und der 
linke beide Augen nach rechts. Selbstverständlich ist damit die Mög-. 
lichkeit nicht ausgeschlossen, dass die gleiche Verknüpfung der co- 
ordinirten Function noch in mehr central gelegenen Hirnbezirken 
stattfindet. ■■^) Jedenfalls geht aber daraus hervor, dass eine Central- 
stelle für die Drehung des (Hering'schen) Doppelauges nach links 



1) Centralblatt für die medicinischen Wissenschaften, 1870, 5. 

2) Ich habe anderweitige Veranlassung, anzunehmen, dass die vorderen 
Vierhügel für die Augenbewegungen nur etwa die gleiche Dignität bean- 
spruchen können, wie das Rückenmark für andere willkürliche Bewegungen. 



Uelier die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 233 

auf derselben Seite zu suchen ist, wie die Innervationsstätte der 
übrigen linksseitigen Muskulatur, nämlicli rechts, und dass folglich 
diese beiden Centra unter die Einwirkung derselben Elektrode fallen. 

Hieraus entstehen zwei Fragen: 1) wie es denn zugeht, dass 
durch die gleiche Art der Einwirkung die Körpermuskulatur veran- 
lasst wird, den Körper nach rechts, und die Augennauskulatur die 
Augen nach links zu drehen; denn die aus dem Donders-Listing'- 
schen Gesetze abgeleitete Erklärung reicht selbstverständlich keines- 
wegs für das Ueberwiegen der nach links gerichteten Bewegung 
aus ; — 2) woher die andere Augenbewegung rührt, welche die Bulbi 
nach der Anode, nach rechts dreht? 

Die Beantwortung der ersten Frage lässt sich aus der Ver- 
schiedenartigkeit der Aufgabe ableiten, welche den beiden zu ver- 
gleichenden Muskelsystemen obliegt. Die Körpermuskulatur hat den 
Körper im Gleichgewichte zu erhalten. Bei einem wirklichen oder 
scheinbaren Verluste des Gleichgewichtes werden deshalb von dem 
das Gleichgewicht regulirenden Centraiorgane solche Motoren mit 
einem Reizzuwachse versehen, welche die Störung auszugleichen ge- 
eignet sind. Diese müssen aber keineswegs der Körperhälfte an- 
gehören, nach der die Störung, event. die zu geringe Arbeitsleistung 
durch die Empfindung projicü-t wird, und sie gehören ihr auch im 
vorliegenden Falle nicht an. Denn weil wir nach links zu fallen 
glauben, w^erfen wir uns durch stärkere Innervation der rechten 
Seite nach rechts. 

Bei den Augen liegt die Sache ganz anders. Wenn hier dem 
Centraiorgane für die richtige Vertheilung der Impulse durch die 
Anode künstlich der Eindruck beigebracht wird, dass eine Muskel- 
gruppe eine ungebührlich geringe Arbeit leistet, so erwächst ihm 
dadurch nicht die Aufgabe, etwa das Fallen des Auges nach der 
Seite dieser Muskelgruppe, sondern vielmehr die Drehung nach der 
der Antagonisten zu verhindern. Das gedachte Centraiorgan wird 
also den anscheinend trägen Muskeln stärkere Impulse als die er- 
forderlichen zuwenden, und dadurch das Auge nach ihrer Seite, nach 
der Kathode, nach links drehen. Bis hierher wäre die Erklärung 
ziemlich einfach. 



234 Ueber die beim Galvanisircn des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

Die Beantwortung der anderen Frage, welcher Ursache die nach 
der Anode gerichtete Bulbusbewegung zuzuschreiben ist, verlangt bei 
Weitem grössere Concessionen an die Hypothese. Durch die Ein- 
wirkung der anderen Elektrode auf das symmetrische Organ der 
anderen Seite lässt sich nichts Weiteres als das bisher Gefundene 
erklären ; denn man würde in dieser Beziehung nur zu dem Schlüsse 
berechtigt sein, dass diese Elektrode dem Gleichgewichtsorgane eine 
vergrösserte Arbeitsleistung der antagonistischen (rechtsseitigen) 
Augenmuskulatur vortäuscht und dadurch einen schwächer zuge- 
messenen Impuls auslöst. Dies würde aber wiederum nur einer 
Augenbewegung nach links entsprechen. 

Es bleibt nichts übrig als dass man entsprechend der doppelten 
Art der Augenbewegung, welche in zwei Zeiten fällt, auch einen 
zweizeitigen Vorgang im Gehirne annimmt, welcher sich abwechselnd 
in zwei Organen von verschiedener Function abspielt, oder vielmehr 
in einem Systeme, wo eine Verknüpfung beider Organe stattfindet. 

Die Function zur Äufrechterhaltung des Gleichgewichtes ist als 
eine Art continuirlichen Keflexvorganges aufzufassen, bei dem ge- 
wisse, durch das Verhältniss der Leistung der Körpermuskulatur be- 
dingte Reize zu einem Centraiorgane geleitet werden, und in diesem 
als Eeflex die zur äquilibrirten Haltung des Körpers zweckmässige 
Vertheilung der motorischen Innervation auslösen. Dass dieses 
Centraiorgan mit dem der psychischen Fähigkeiten nicht identisch 
ist, beweisen die schönen Versuche von Flourens und Goltz. Wenn 
Flourens Thieren das Gehirn mit Ausnahme des Cerebellum nahm, 
hielten sie, selbst bei durch Reize ausgelösten Ortsbewegungen, das 
Gleichgewicht aufrecht. Nahm er ihnen indessen dieses Organ, so 
war die Harmonie der Bewegungen dahin. (Nach den Versuchen 
von Goltz scheint das Cerebellum sich in diese Function, mindestens 
beim Frosch, mit den Lobis opticis zu theilen.) Es geht daraus 
hervor, dass die Dazwischenkunft psychischer Thätigkeit zur Auf- 
rechterhaltung des Gleichgewichtes wenigstens bei diesen Thieren 
nicht erforderlich ist. 

Andererseits ist es aber klar, dass die psychischen Thätigkeiten 
— der Wille — mit grosser Macht in die Verrichtungen des Gleich- 
gewichtsorgans einzugreifen vermögen. Eine Ballettänzerin gelangt 



üeber die beim Galvanisireu des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 235 



durch Uebung dahin, ihren Körper in Stellungen zu bringen und zu 
erhalten, bei denen der Schwerpunkt so -wenig als möglich unter- 
stützt ist, und die von der Natur gewiss nicht vorgesehen wurden. 
Selbst der abgerichtete Pudel erlangt in diesen Kunststücken eine 
nicht zu unterschätzende Fertigkeit. 

Wenn nun auch bei denjenigen Stellungen uud Haltungen, welche 
dem ungekünstelten Hergang der Dinge eigen sind, der Eingriff des 
"Willensorgans in das Ressort des Gleichgewichtsorgans weniger in 
die Atrgen springt, so wird doch wohl Niemand annehmen wollen, 
dass diese beiden Maschinerien in dem unversehrten Organismus un- 
abhängig die eine von der anderen, neben einander arbeiteten, etwa 
wie das Kleinhirn in dem seines Grosshirns beraubten Thiere. Man 
wird vielmehr bei allen Bewegungsvorgängen, auch bei solchen, die 
scheinbar ohne den Willen zu Stande kommen — und die ich des- 
halb in dieser Abhandlung schon mehrmals unbewusst willkürliche') 
nannte — eine Concurreuz des Willensorganes anzunehmen haben. 

Wenn nun das eigentliche Seelenorgan, unter dem icli das Or- 
gan der höheren psychischen Functionen verstehe, einen Eiufluss auf 
das Gleichgewichtsorgan ausüben soll, so muss nothwendigerweise 
ein materieller Zusammenhang zwischen Beiden durch irgend welche 
Leitungsbahneu existiren, und es muss dann auch die Möglichkeit 
vorliegen, an dem Orte, wo diese Leitungsbahnen sich mit dem 
Gleichgewichtsorgane verbinden. Beide gemeinschaftlich zu beein- 
flussen. Ja, es ist sogar im höchsten Grade wahrscheinlich, dass, 
wenn es gelänge, das Seelenorgan in einer ähnlichen Weise direct 
zu beeinflussen, wie wir es nach dem Inhalte dieser Abhandlung mit 
dem Gleichgewichtsorgane unzweifelhaft vermögen, dass man diese 
Beeinflussung an der Function des Gleichgewichtsorgans würde nach- 
weisen können. Ich lasse dies dahingestellt sein. 

Nehmen wir nun an, dass die dem Gleichgewichtsorgaue von 
dem Seelenorgane zuströmenden Erregungen beiderseits eine gleiche 
Reizgrösse haben, so wird der Reize ff ect selbstverständlich ver- 
ändert werden, wenn ich an einer Stelle der Leitungsbahn die Er- 



1) Dieser Ausdruck ist nach der Analogie des von (Kant) Hei 
eingeführten — unbewusster .Schluss — gebildet. 



236 Ueber die beim Galvauisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 



regbarkeit dieser selbst einseitig verändere. Wenn demnach das 
Doppelauge durch ein linksseitiges, unter der Herrschaft des Gleich- 
gewichtsorgans stehendes Centraiorgan nach rechts gedreht wird, und 
ich vermag durch einen fremden Factor die Erregbarkeit der hier 
von dem Willensorgane aus einmündenden Bahnen zu erhöhen (resp. 
die Erregbarkeit der antagonistischen Bahnen einseitig oder gleich- 
zeitig zu 81 niedrigen), so ist es klar, dass die Function des nach 
rechts Drehens mit dem Momente der Einführung dieses Factors an- 
wachsen wird. Kann man also den Beweis führen, dass die ange- 
wendete Elektrisationsmethode ihren anderweitig bekannten Eigen- 
schaften nach im Stande ist, die vorausgesetzten Erregbarkeitsverän- 
derungen hervorzubringen, so lässt sich die Möglichkeit nicht in 
Abrede stellen, dass die Drehung nach rechts auf dem angenommenen 
Wege erfolgt. Etwas direct dagegen Sprechendes wird mir nicht 
ersichtlich; ebensowenig ist aber ein directer Beweis geliefert, dass 
dem wirklich so sei. Die Methode besitzt wenigsten, wie oben (S. 215 f.) 
gezeigt worden ist, die von ihr verlangten Eigenschaften in der That. 
Gleichwohl muss dieser Erklärungsversuch vorläufig als reiner Noth- 
behelf betrachtet werden. Wenn nachgewiesen würde, dass die eigen- 
thümliche Wirkung der Pole die Hirnsubstanz nicht unmittelbar, 
sondern vielmehr durch Vermittelung anderer Factoren angreift, so 
müsste dieser Erklärungsversuch bereits modificirt werden. 

Fassen wir das an den einzelnen Stellen dieser Abhandlung über 
den galvanischen Nystagmus Gesagte zusammen, so würde sich fol- 
gende Erklärung ergeben. Im Momente des Kettenschlusses 
wird der Einfuss des Willensorganes auf das Organ, wel- 
ches die gleichmässige Vertheilung der Augenmuskel- 
impulse regelt, linksseitig künstlich gesteigert, rechts- 
seitig herabgesetzt. In Folge dessen erfolgt eine Augen- 
drehung in der Zugrichtung der rechtsseitigen Muskulatur 
des Doppelauges. Unterdessen ist aber in dem Gleichge- 
wichtsorgane selbst der Eindruck verminderter Arbeits- 
leistung der linksseitigen Augenmuskulatur derart an- 
gewachsen, dass er verstärkte Impulse in den betreffen- 
den Nervenbahnen auslöst, d. h. also das Auge wieder nach 
links dreht. — Die Grösse dieses Eindruckes kann durch 



üeber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 237 

das Zusammenwirken verschiedener Factoren bedingt wer- 
den: nämlich 1) direct durch den Galvanismus; 2) durch 
in der That geringere Arbeitsleistung, die mit Verschie- 
bung des Auges in entgegengesetzter Richtung in die Er- 
scheinung tritt; 3) durch unbestimmte, abnorme Muskel- 
empfindungen , die durch abweichend vom Donders-Lis- 
ting'schen Gesetz erfolgende Raddrehungen ausgelöst 
werden. 

Man kann annehmen, dass der die Augen nach links drehende 
Bewegungsimpuls dem Willensorgane Seitens des Gleichgewichts- 
organes abgefordert wird. In diesem Falle würde derselbe wesent- 
lich zur Bildung der Scheinbewegung der Gesichtsobjecte beitragen. 
Man wird aber durch die bisherigen Untersuchungen nicht verhindert, 
anzunehmen, dass der fragliche Bewegungsimpuls durch das Gleich- 
gewichtsorgan selbst vermittelst einer ihm innewohnenden Regulations- 
kraft hervorgebracht wird. In diesem Falle würde die Scheinbewegung 
der Gesichtsobjecte vielleicht lediglich auf die ohne Dazwischentreten 
von Willensimpulsen erfolgende Verschiebung der Gesichtslinie zu be- 
ziehen sein. Wahrscheinlicher ist die erste Annahme, da mau bei dem 
sich an der Körpermuskulatur abspielenden analogen Vorgange die 
Empfindung der willkürlichen Bewegung hat. Dass man diese Em- 
pfindung an der Augenmuskulatur nicht hat, erklärt sich insofern 
aus dem normalen Verhalten, als die Muskelempfindung bei nicht 
ermüdeten Muskeln eine Function der bewegten Last und der er- 
folgten Verkürzung ist, und Beide bei nicht excessiven Augenbewe- 
gungen nur geringe Werthe besitzen. 

Für dieses Verhalten ist es sehr charakteristisch, dass ein Streit zwischen 
namhaften Gelehrten darüber möglich ist, ob bei gewissen optischen Erschei- 
nungen Bulbusbewegungen vorhanden sind oder nicht. 

Es hat nach unseren Anschauungen nun nichts Befremdendes 
mehr, dass die galvanischen Augenbewegungen in einem rh3^thmi- 
schen Typus auftreten. Die Function der Gleichgewichtsregulirung 
steht ihrer physiologischen Dignität nach etwa in der Mitte zwischen 
Reflex- und automatischen Bewegungen. Bei den Letzteren ist rhyth- 
mischer Typus die Regel und selbst der continuirliche Typus wird 



238 üeber die beim Galvanisii en des Kopfes entsteheuden Störungen u. s. w. 

von der Mehrzahl der Physiologen als eine Art aus dem Rhythmus 
hervorgegangener Tetanus aufgefasst. Es ist klar, dass ein sich in 
jedem Augenblicke reproducirender Reflexvorgang ebenfalls je nach 
der Schnelligkeit in der Aufeinanderfolge der einzelnen Reize und 
der Grösse der zu überwindenden Widerstände alle Modalitäten des 
Rhythmus bis zu einer continuirlichen Bewegung veranschaulichen 
kann. Wenn man sich nun vorstellt, dass eine bestimmte, interme- 
diäre Augenstellung durch die Einwirkung einer bestimmten Zahl 
von Sinneseindrücken auf einem dem Reflexe ähnlichen Wege aus- 
gelöst wird, so ist damit schon ausgesprochen, dass jede Verminde- 
rung in dem Mass jener Sinneseindrücke, oder der in den betretenen 
Bahnen vorhandenen Widerstände eine Aenderung des durch die ge- 
gebene Augenstellung repräsentirten Bewegungstypus setzen kann. 
L. Herrmann') gebraucht (nach Rosenthal) ein sehr gutes Bild 
um den Rhythmus automatischer Bewegungen zu erklären. „Die da- 
durch (continuirliches Freiwerden von Kräften) bewirkte Erregung 
der Nervenfaser braucht indess deshalb nicht continuirlich zu sein; 
denkt mau sich nämlif^h, dass die freiwerdenden Kräfte einen ge- 
wissen Widerstand zu überwinden haben, ehe sie auslösend auf die 
Nervenfaser wirken können, so ist die Folge, dass sie sich jedesmal 
vorher bis zu einer gewissen Spannung aufspeichern müssen, ähnlich 
wie ein continuirlich durch eine Röhre unter Wasser geleitetes Gas 
in diesem nicht continuirlich, sondern intermittirend in Blasen von 
einer gewissen Grösse aufsteigt, in dem es sich in der Röhre jedes- 
mal bis zu einem Drucke ansammelt, welcher hinreicht, den Wider- 
stand der Cohäsion des Wassers zu überwinden." 

Ich habe in dem Capitel IV auf das Evidenteste nachgewiesen, 
dass im gegebenen Falle der Galvanismus in der That eine Rolle 
spielt, welche der des Gases in dem angeführten Bilde ungemein 
ähnlich ist. Auch der Galvanismus wirkt in der Art einer vor sich 
gehenden Summirung von Reizen, — zeitlich zusammenfallend mit 
Drehung nach der einen Seite — die von Zeit zu Zeit von einer 
Entladung — Drehung nach der anderen Seite unterbrochen wird. 
Je stärker der Reiz, um so schneller ist die erforderliche Summe 



1) Grundriss der Physiologie 2. Aufl. Berlin 1867. 



lieber die beim Galvanisiren des Kopfes entstellenden Störungen u. s. w. 239 

erreicht, um so schneller erfolgen die einzelnen Entladungen. So er- 
klärt sich die zunehmende Geschwindigkeit des Rhythmus bei Ver- 
grösserung der galvanischen Kette. — 

Wir hatten oben S. 228 die erste der drei aufgeworfenen Fragen 
dahin beantwortet, „dass die Schwindelempfindungen in ihrem 
optischen Theile Folge der galvanischen Augenbewegun- 
gen sind." Nach den S. 230 ff. gegebenen Auseinandersetzungen 
können wir diese Antwort jetzt dahin vervollständigen, dass die 
andere Hälfte der Schwindelempfindungen, insofern sie 
den eigenen Körper betreffen, von einer directen Beein- 
flussung des Gleichge wichtsorganes abhängt. 

Die zweite Frage lautete: Sind die unwillkürlichen Augen- 
bewegungen eine Folge der Schwindelempfindungen? Wenn 
man die Schwindelempfindung als einen durch gestörtes Muskelgefühl 
erzeugten psychischen Vorgang definirt, so kann man die nach der 
Kathode gerichtete Bulbusbewegung in Folge der S. 233 f. gegebenen 
Auseinandersetzungen als eine innerhalb dieses Vorganges ausge- 
löste Bewegung betrachten, ohne dass damit behauptet wäre, dass 
die Auslösung erst am centralsten Ende der Kette, nämlich da, wo 
die räumliche und die Bewegungsvorstellung gebildet wird, einträte. 
Vielmehr soll nicht ausgeschlossen werden, dass dieselbe nur einer 
Zwischenstation bedarf. Demnach kann man die nach der Ka- 
thode gerichtete Bulbusbewegung als durch gestörtes 
Muskelgefühl — Schwindel — auf indirectem Wege her- 
vorgebracht auffassen. 

Es muss dem Leser überlassen werden, sich aus dem Texte der 
Abhandlung selbst ein Urtheil zu bilden, in wie weit die gestellten 
Fragen jetzt schon einer weiteren, namentlich einer positiv gehal- 
tenen Beantwortung fähig sind. In jedem Falle dürfte es einleuchten, 
dass die von uns gegebenen Erklärungen der einzelnen lieizeffecte 
in ähnlicher Weise ineinandergreifen, wie die normalen Lebensäusse- 
rungen des optischen Apparates und des Apparates der willkürlichen 
Bewegung. So wenig wir unsere Anschauungen also auch der Ueber- 
zeugung des Lesers aufdrängen möchten, so sehr scheinen sie uns 
doch durch ein solches Verhalten gestützt zu werden. 



240 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 



VI. Schluss. 

Es bleibt uns noch übrig, einige Punkte zu besprechen, welche 
in dem Rahmen der übrigen Capitel den an und für sich schon ver- 
wickelten Gegenstand noch weniger übersichtlich gemacht hätten. 

1. Ueber den Ort der Einwirkung des Galvanismus. 

Alle Versuche — physiologische wie therapeutische — welche 
am unversehrten Organismus ausgeführt werden, am meisten aber 
die neuroelektrischen und mit ihnen auch die vorliegenden, sind als 
nicht rein und nicht mit der wünschenswerthen Durchsichtigkeit aus- 
gestattet, zu betrachten. Die Schutzlosigkeit gegen die directe und 
indirecte Einwirkung der Reize auf mehrere Organe statt auf nur 
Eins, verlangt immer einige Reserve in der Beurtheilung erzielter 
Reizeffecte. Nicht minder verkehrt als die Vernachlässigung dieser 
Reserve würde aber ein Verfahren sein, welches auf den alleinigen 
Grund der Möglichkeit von Fehlerquellen dieselben ohne ausreichende 
anderweitige Begründung zu Erklärungen benutzen wollte. Meiner- 
seits will ich versuchen, den von mir eingenommenen Standpunkt, 
soweit es im Augenblicke möglich ist, zu klären. 

Ich zweifle nicht, dass einige Autoren behaupten werden, die 
geschilderten Reizeffecte kämen auf dem Wege des Reflexes zu Stande. 
In dieser Beziehung ist schon so Ungeheuerliches geleistet, dass ich 
auch meine Versuche einer gleichartigen Erklärung für zugänglich 
halten muss. Da ich mir indessen nicht vorstellen kann, wie das 
etwa gemacht werden könnte, will ich einen solchen Deutungsversuch 
erwarten. 

In einem früheren Abschnitte hatte ich nachgewiesen, dass die 
galvanischen Augenbewegungen nur durch Vermittelung cerebraler 
Centren hervorgebracht sein können, rücksichtlich der anderweitigen 
Symptome von Schwindel — bedarf es eines solchen Nachweises 
nicht. Es könnte aber ein Zweifel bestehen, ob der Reiz auf das 
Centraiorgan direct oder indirect, namentlich durch Vermittelung des 
den Einströmungsstellen sehr nahe liegenden Halssympathicus wirkt. 
Dieser dunkle Nerv erfreut sich bekanntlich einer so beträchtlichen 



lieber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 241 

Sympathie Seitens vieler Elektrotherapeuten und einzelner Neuro- 
pathologen, dass ihm ein Haupt- oder Nebenamt von diesen bei der 
Pathogenese, von jenen bei der Therapie höchst verschiedener Krank- 
heiten zugewiesen zu werden pflegt. Wenn also der Sympathicus 
auch nichts mit den Blutgefässen und der Pupille zu thun hätte, 
so würde ich gleichwohl sein Eindringen auch in diese Frage abzu- 
wehren haben. 

Aus den Versuchen über die Symptome des Drehschwindels, 
welche ich noch zu referiren gedenke, wird hervorgehen, dass ele- 
ktrische Keizung des Sympathicus keinenfalls eine nothwendige Be- 
dingung unserer Eeizeffecte bildet. Ausserdem wird seine Betheili- 
gung auch a priori um deswillen unwahrscheinlich, weil man die- 
selben, wie oben erwähnt, ebenfalls vom Hinterhaupt und Nacken, 
ja sogar vom Vorderkopf aus hervorbringen kann. Indessen könnte 
man einwenden, dass von jenen Stellen her Stromschleifen zu den 
sympathischen Nerven gelangten, welche hinreichend stark wären, 
um Gefässverengerung der einen und Gefässerweiterung der anderen 
Hiruhälfte auszulösen ; denn so würde man sich doch etwa die Wir- 
kung der Sympathicus -Eeizung vorzustellen haben. Jedoch kann 
davon wohl nicht füglich die Eede sein, wenn mau berücksichtigt, 
dass Verschiebung der Elektroden in der Richtung der Grenzstränge 
selbst eben keinen ReizeflFect zur Folge hat. Die Grösse des Reiz- 
effectes nimmt sogar mit der Entfernung vom Gehirn, selbst wenn 
beide Elektroden über den Grenzsträngen stehen, angemein schnell 
ab. Da also die Entfernung von bestimmten Theilen des Gehirns 
wesentlich, die Entfernung von den Grenzsträngen aber unwesent- 
lich ist, so liegt kein Grund vor, den Sympathicus zu Erklärungen 
heranzuziehen. 

Das Verhalten der Papille erheischt noch einige Bemerkungen. 
Eulenburg und Schmidt') haben Versuche über den Einfluss 
ähnlicher Galvanisationsmethoden auf die Pupille angestellt. Wenn 
sie die Pole einer Batterie von 20—40 Elementen an die den ersten 
Halsganglien entsprechenden Stellen applicirten, weniger deutlich, 
wenn sich ein Pol auf dem Manubrium sterni befand, konnten sie 



1) Centraiblatt für die medicinischen Wissenschaften 1869. Nr. 21 u. 22. 

Hitzig, Experimeutelle Uiitersuchuiigeu. \Q 



242 Ueber die beim Galvauisireu des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

minimale Pupillenveränderuiigen durch die Keferate subjectiver Wabi- 
nehmuügeu der Versuchspersonen (Pupilloskop von Houdin) con- 
statiren. Es ist bedauerlich, dass sie denjenigen Personen, welchen 
20 Elemente solche subjectiven Erscheinungen bereiteten, nicht die 
bei Anderen angewendeten 40 Elemente applicirt haben. Vielleicht 
wäre es dann vorwiegend zu objectiv wahrnehmbaren Dingen ge- 
kommen. Aber gesetzt den Fall, diese Pupillenveränderungen wären 
zweifelsohne constatirt, so ist mir nicht ersichtlich woher auch nur 
das geringste Recht stammen soll, dieselben mit den genannten For- 
schern ohne Weiteres auf den Sympathicus zu beziehen. Abgesehen 
von dem Einflüsse des bei 20 — 40 Elementen doch nennenswerthen 
Schmerzes, abgesehen von dem mit Sicherheit anzunehmenden Vor- 
dringen starker Stromschleifen zu den Vierhügeln, treten bei diesen 
Galvanisationsmethoden stets subjective Lichtempfindungen ein, so 
dass jedenfalls der Opticus, wahrscheinlich der ganze Bulbus mit in 
den Bereich des Stromes gezogen wird. Es ist schwer zu verstehen, 
wie diese Momente so ganz ausser Acht gelassen werden konnten. 
Ich überlasse eine weitergehende Kritik dieser Arbeit gern Solchen, 
die sie zu wiederholen geneigt sind, kann aber doch meine Verwun- 
derung nicht verbergen, dass jene Autoren, wenn sie öfter den Strom 
von 40 Ell. durch die oberste Halsgegend leiteten, zwar constant 
subjective Pupillenphänomene, aber niemals objectiv wahrnehmbare 
galvanische Augenbewegungen beobachtet haben. 

Bei den von mir angewendeten Reizmethoden habe ich Pupillen- 
phänomene nicht selten beobachtet. Unter etwa 300 Reizversuchen 
finde ich 47 mal, also in etwa 16 pCt. zweifellose Anomalieen ver- 
zeichnet; Zweifelhaftes wurde viel öfter beobachtet, übrigens nicht 
immer notirt. Von diesen 47 Beobachtungen betrafen nur 18 Per- 
sonen mit gesunden Sehapparaten, die übrigen 29 beziehen sich auf 
Augenkranke, obwohl bei Weitem mehr von der ersteren, als der 
letzteren Gruppe untersucht wurden. Die Pupillen der Blinden zeigten 
jedoch niemals irgend welche Veränderungen. 

Es gelang mir nicht, irgend ein Gesetz für die Pupillenreaction 
aufzufinden, und ich glaube nicht, dass dies überhaupt möglich sein 
wird, denn es gelang mir wenigstens, mich von der ungleichen Wir- 
kung der gleichen Reizmomente zu überzeugen. Die häufigste Ano- 



Ueber die beim Galvanisireu des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 243 



malie war abnorme Beweglichkeit beider oder seltener einer Pupille; 
dabei erweitern und verengern die Pupillen sieb abwechselnd, manch- 
mal in einem Rhythmus gleich dem der Bulbusbewegungen. In 
mehreren Fällen waren die Pupillen nur erweitert, bei anderen be- 
standen Differenzen zwischen der Weite beider, z. B. bei mir selbst. 
(20 Elemente, 20^^ Galvanoskopausschlag, Kathoden-Pupille erweitert.) 
In einem Falle zeigte die Iris der Kathoden-Seite eine Ausstülpung 
ihres freien Randes an der inneren, unteren Peripherie (Dr. Bon- 
vetsch). Ein an der Iris Gesunder hatte eine von Oben nach 
Unten, ein anderer eine herzförmig verzogene Pupille. Bei heilender 
Mydriasis paralytica waren solche, manchmal sehr wunderlichen Ver- 
ziehungen eigentlich die Regel. Ich habe dabei wahrhaft amöboide 
Bewegungen des freien Randes der Iris, Verlegung des Sehloches 
nach der Peripheiie der Iris hin u. s. w. beobachtet. 

Wie mir scheint, kann man diese Reizeffecte nicht wohl dem 
Sympathicus zuschreiben, man müsste diesem Nerven denn jedwede 
specifische Energie absprechen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass 
der Reiz an einer Stelle angreift, wo Sympathicus- und Oculomo- 
torius-Bahnen nahe bei einander liegen oder zu einem Systeme ver- 
einigt sind, und dass die am peripheren Ende bald dieser, bald jener 
Bahn wahrnehmbaren Schwankungen in der Grösse des Reizeffectes 
auf Innen Verhältnisse des gereizten Organes zurückzuführen sind, die 
sich wegen dessen Complicirtheit unserer Beurtheilung entziehen. 
Das Verhalten der Pupille bei heilender Mydriasis paralytica ist 
wesentlich geeignet, diese Annahme zu unterstützen. Die Wider- 
stände in der Bahn des Oculomotorius sind offenbar noch zu gross, 
um der normalen Innervation die Ueberwindung des Dilatator zu 
gestatten. Mit dem galvanischen Reizzuwachse kommt dieselbe aber 
in mehr oder weniger vollkommener Weise zu Stande. Sind indessen 
beide Bahnen und das Centrum gesund, so ist bei Reizung des 
Letzteren ein Vorwiegen der einen oder der anderen Innervation von 
vornherein weniger leicht zu erwarten. 

Wenn ich mich nun auch auf das Entschiedenste gegen das 
Heranziehen des Nerv, sympathicus zur Erklärung unserer Reizeffecte 
aussprechen muss, so bin ich doch weit davon entfernt, in Abrede 
stellen zu wollen, dass mancherlei für eine Vermittlung durch die 

16* 



244 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 

vasomotorischen Nerven des Gehirns spricht. Ich halte es also, wie 
ich schon an mehreren Stellen der Abhandlung andeutete, für mög- 
lich, dass eine elektrotonisirende Wirkung auf die Nervensubstanz 
des Gehirns selbst überhaupt nicht oder nur in untergeordnetem 
Masse stattfindet, und dass direct nur die das Gefässkaliber beherr- 
schenden Nerven beeinflusst werden. — 

Auf Vermuthungen, welcher Hirntheil etwa die Summe unserer 
ßeizeffecte auslösen könnte, gedenke ich mich hier um so weniger ein- 
zulassen, als ich dieser Frage auf anderem Wege ' ) bereits näher getreten 
bin. Vor der Hand genüge die fast zur Gewissheit erhobene Wahr- 
scheinlichkeit, dass wir es in der That mit dem Gehirne direct zu 
thun haben. Dass nicht nur Läsionen der Vierhügel, sondern auch 
solche des Pons, der Kleinhirnschenkel und des Kleinhirns selbst zu 
pathologischen Störungen ähnlicher Art führen, kann als bekannt 
vorausgesetzt werden. — 

Die Thatsache scheint n)ir nun ausserdem unzweifelhaft fest- 
gestellt, dass wir durch Einführung eines modificirbaren 
fremden Factors in die Oekonomie des Gehirns nach Ge- 
fallen vermögen, gewissen Bezirken unserer Vorstellun- 
gen eine verblasstere oder lebhaftere Färbung mitzu- 
th eilen. Soweit mindestens reicht das rein Thatsächliche, von jeder 
Deutung Unabhängige, und hierin liegt vielleicht die über Special- 
interessen hinausreichende Tragweite dieser Untersuchungen. 

2. Ueber den therapeutischen Werth der Methode 
bezüglich der Augenmuskellähmungen kann ich, was seine Grösse 
angeht, mir ein massgebendes Urtheil wegen Mangel an geeignetem 
Materiale nicht zuschreiben. Nirgends mehr als hier kann einzig 
die Statistik entscheiden, und diese muss sich, um irgend etwas zu 
bedeuten, auf grosse Zahlen stützen, über die ich noch nicht ver- 
füge. Am wenigsten möchte ich dieser Methode eine grössere Wir- 
kung zuschreiben, als der von Benedikt, welche in Streichen mit 
der Kathode in der Gegend des gelähmten Muskels besteht. An- 
dererseits kann ich mit Bestimmtheit aussagen, dass man auf diese 



1) Vgl. hierzu die Abhandlung XI. 



Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 245 

Weise Augenmuskellähmungen bessern und heilen kann. Man nimmt 
dies, und zwar sofort in sehr evidenter Weise sowohl an der Ab- 
nahme des absoluten Bewegungsdefects, insbesondere auch bei voll- 
kommener Lähmung des Levator palpebr. sup., als an der Verän- 
derung in der Stellung der Doppelbilder wahr. Bei anderen Fällen 
sieht man wieder gar keinen Erfolg. Freilich besserten sich diese 
auch bei der Anwendung der ßenedikt'schen Methode um nichts; 
auch M. Meyer's Methode (starke faradische Ströme auf die Haut) 
leistete dann nicht das Mindeste. 

Nach Szokalsky soll man die Muskeln vom Bindesack aus 
mit faradischen Strömen direct zu reizen suchen. Ich habe mich zu 
diesem Verfahren nicht entschliessen mögen. Denn mit so schwachen 
Strömen, wie Szokalsky sie empfiehlt, wird man in den Muskeln, 
insofern die Elektrode ihnen doch nicht genügend genähert werden 
kann, eine nennenswerthe Stromdichte kaum erzielen, und stärkere 
Ströme verbieten sich von selbst. Auch glaube ich nach der Analogie 
anderer Lähmungen nicht, dass sich durch dieses Verfahren mehr 
erreichen lassen würde. Es muss als Ausnahme betrachtet werden, 
wenn in der Elektrotherapie von zwei an und für sich zweckmässigen 
Methoden die eine dann etwas leistet, wenn die andere gänzlich re- 
sultatlos geblieben ist. Von um so grösserem Werthe ist es für die- 
jenigen Fälle, bei denen nach anfänglicher Besserung Stillstand ein- 
tritt, verschiedene Methoden zur Disposition zu haben. 

3. lieber das Verhältniss des Drehschwindels zu den 
galvanischen Reizeffecten. 
Die Erscheinungen des Drehschwindels sind von Purkinje mit 
der ihm eigenen Detaillirung studirt worden und ich verweise des- 
halb wegen alles Specielleren auf die angeführte Abhandlung. Es 
genüge hier, daran zu erinnern, dass nach einer gewissen Zahl von 
Rotationen Scheinbewegungen der Gesichtsobjecte und abnorme Mus- 
kelempfindungen in gesetzmässiger Weise auftreten. Sonderbarerweise 
hat Purkinje versäumt, die ihm sicherlich bekannte Richtung dieser 
Scheinbewegungen anzugeben.') Helmholtz hingegen 2) sagt über 

1) Vgl. hierzu die nächstfolgende Abhandlung. 

2) A. a. 0. S. 603. 



246 Ueber die beim Galvanisiren des Kopfes entstehenden Störungen u. s. w. 



den Drehschwindel Folgendes: „Ich finde, dass nach einer Drehung 
mit geschlossenen Augen diese Art der Scheinbewegung nicht ein- 
tritt, sobald man die x\ugen erst öffnet, wenn man wirklich bis zum 
festen Stehen gekommen ist. Thut man es früher, so tritt eine 
Scheinbewegung der Gegenstände, entgegengesetzt der bisheri- 
gen Drehung des Körpers, ein; aber man überzeugt sich auch 
leicht, dass der Körper auf den Füssen noch etwa eine Viertelkreis- 
drehung ausführt, ehe er wirklich zur Euhe kommt, zu einer Zeit, wo 
man ihn schon für ruhend hält. Dann ist also eine Täuschung über 
die Haltung des Körpers Ursache der Scheinbewegung der Objecte." 

Während die angeführten Facta dem Sachverhalte vollkommen 
entsprechen, bin ich nicht in der Lage, der Ansicht des berühmten 
Forschers über ihre Ursache beizutreten. Wenn man nämlich den 
Versuch derart variirt, dass man das rotirende Individuum im Mo- 
mente des Stillstehens unverrückbar festhält, so kommt es doch zu 
einer Scheinbewegung der Gesichtsobjecte, die nun nicht auf der 
fraglichen Täuschung beruhen kann. Unter diesen Umständen nahm 
Helmholtz die Scheinbewegung bei den betreffenden Versuchen 
wahrscheinlich um deswillen nicht wahr, weil er zwischen dem Ro- 
tiren und dem Oeffnen der Augen zu lange Zeit verstreichen Hess. 

Betrachtet man aber die Augen der Versuchsperson, 
so findetman einen Nystagmus, der ebenso gesetzraässig 
wie der galvanische vor sich geht, und der es folglich erlaubt, 
die Erscheinungen des Drehschwindels gewissen Formen der galvani- 
schen Keizung parallel zu setzen. Die nach dem Drehen von links 
nach rechts bei der gewöhnlichen Kopfhaltung auftretenden Keiz- 
effccte entsprechen genau den bei der oben immer vorausgesetzten 
Reizmethode (Anode rechte — Kathode linke Fossa mastoidea) vor- 
handenen, d. h. die kurze, ruckweise vor sich gehende Augenbewegung 
und die Scheinbewegung der Gesichtsobjecte sind nach links gerichtet. 
Beide entsprechen übrigens weit häufiger der Bewegung eines liegen- 
den Rades, und ausserdem geht die nach rechts gerichtete Bulbus- 
bewegung mit bemerkenswerther Langsamkeit, manchmal aber mit 
einer ungemeinen Ausgiebigkeit vor sich. 

Nach diesen neuen Thatsachen glaube ich denn sogar im Sinne 
von Helmholtz zu handeln, wenn ich die Scheinbewegung 



üeber die beim Galvanisireu des Kopfes entstehenden Störungen u. s.w. 247 



auf die unbewussteu A ugenbewegiuigen nach dem obigen 
Schema beziehe, — 

Es würde sich schliesslich fragen, wodurch bei dem Rotiren 
diese Augeubewegungen und die leicht zu constatirenden Störungen 
der anderweitigen Muskelsensibilität zu erklären sind. Purkinje 
verglich das Gehirn mit einem rotirenden Topfe Wasser, in welchem 
die Theilchen nach der Richtung der Tangente zur Peripherie der 
Drehbewegung zu entweichen suchen. Dadurch müssten bei den Ver- 
hältnissen des Gehirns Zerrungen der einen und Drückungen der 
anderen Hirnhälfte veranlasst werden. Dieser Vergleich erscheint 
mir vollkommen zutreffend, und auch gegen die Deutung habe ich 
für mein Theil nichts einzuwenden. Es würde dann der axiale Theil 
des Gehirns der Anode, und der periphere der Kathode entsprechen. 

Ich habe wohl kaum nöthig, hinzuzufügen, dass hiermit das 
sub 3 gestellte Thema nicht im Entferntesten in seinen Details er- 
ledigt ist. Es ist vielmehr die Rücksicht auf den Raum, die mich 
abbrechen heisst. 

In demjenigen Theile der vorliegenden Abhandlung, welcher die 
Deutung der, wie ich denke, reichlich vorgebrachten Thatsachen in 
sich schliesst, habe ich mir alle Mühe gegeben, der Darstellung den 
ihr ziemenden hypothetischen Charakter zu wahren. Manche Leser 
würden freilich eine mehr positive Darstellung vorziehen. Damit sind 
wir bisher auf diesem Gebiete aber doch nicht viel weiter gekommen. 
Wenn die Gehirnphysiologie auch mehr wie jeder andere Zweig der 
Wissenschaft das ßedürfniss der Hypothese hat und immer haben 
wird, so liegt die erste Bedingung für ihre Weiterentwickelung doch 
in der Bereitwilligkeit, jederzeit auf dieses, schon bei der Geburt den 
Stempel der Vergänglichkeit an sich tragende Bindemittel zu ver- 
zichten. So wird denn der grössere Theil der Leser und meine Nach- 
arbeiter zumal es mir Dank wissen, dass ich diesen Stempel nicht 
zu verwischen suchte, dass sich die Behauptungen nur auf Er- 
wiesenes stützen, und dass die Meinungen von den Gängen dieses 
Labyrinthes nur als solche vorgetragen werden. 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 



Seit dem Erscheinen der vorstehenden Abhandlung sind mehrere 
wichtige Bearbeitungen des gleichen Theraa's publicirt worden. Wenn 
ich die von mir anlässlich derselben 7ai machenden Bemerkungen dem 
Texte meines eigenen Aufsatzes hätte beifügen wollen, so würde ich 
eine gleich unvorth eilhafte Einschachtelung oder Ueberladung mit 
Anmerkungen nicht haben umgehen können. Ich ziehe deshalb vor 
die Angaben jedes einzelnen Autors, insoweit sie meine eigenen Ver- 
suche betreffen, gesondert zu besprechen. Dabei muss ich mich je- 
desmal auf das Wesentlichste beschränken; denn alle diese Arbeiten 
kamen erst in meine Hände, als der Druck meines Buches schon vor- 
geschritten war. 

1) W. Wundt, Grundzüge der physiologischen Psycho- 
logie. Erste Hälfte. S. 207—221. 

Wundt hat sich an dieser Stelle seines vortrefflichen und ein 
wahres Bedürfniss ausfüllenden Werkes meinen thatsächlichen An- 
gaben sowohl als den aus ihnen abgeleiteten Folgerungen in vielen 
Stücken angeschlossen. Es sei mir indessen gestattet, mein Bedauern 
auszusprechen, dass Wundt nicht auch hier die kritische Methode 
der Darstellung in derselben Weise angewendet hat, wie es in diesem 
Buche überall mit so grossem Geschicke geschehen ist, nämlich in 
der Weise, dass er jeden Autor die Verantwortlichkeit für seine An- 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 249 

gaben selbst tragen lässt. Man kann a. a. 0. nicht unterscheiden, 
was dem Verfasser allein, und was ihm mit den citirten Gewährs- 
männern Purkinje, Brenner und mir gemeinschaftlich zu ver- 
treten obliegt. Bei Fragen, welche eben erst in die Discussion 
wiedereintreten, scheint mir dies, in Lehrbüchern sonst allerdings 
kaum zu umgehende Verfahren nicht gerade zweckmässig. 

Die einzige wesentliche Meinungsdififerenz zwischen Wund t und 
mir rücksichtlich der Thatsachen besteht darin, dass Wundt angiebt, 
die Augendrehung erfolge im ersten Momente der Strom- 
dauer immer nach der Kathoden-Seite, während ich sie nach 
der Anoden-Seite gerichtet sein Hess. 

Es mag sein, dass ich mich über diesen Pimkt nicht hinreichend 
bestimmt ausgesprochen habe; auch verkenne ich die Schwierigkeit der 
Beobachtung nicht. Denn wenn man die Elektroden in den Fossis 
mastoideis applicirt, wird der Kopf durch die Zusammenziehung der 
Hals- und Nackenmuskeln bewegt, während bei Reizung vor dem 
Ohre der Muskelast des Orbicularis palpebrarum erregt wird. In 
allen Fällen tritt sehr leicht reflectorischer Lidschluss ein, und 
wenn man stärkere Ströme anwendet, so folgen die Bulbusbewegungen 
mit solcher Rapidität, dass man gar kein Urtheil darüber gewinnen 
kann, welche von ihnen den Anfang macht. Dennoch glaubte ich 
mich überzeugt zu haben, dass es die nach der Anode Gerichtete sei. 

Ich habe nun eine neue Reihe von Reizversuchen angestellt und 
durch diese mit der absolutesten Sicherheit constatirt, dass ich mich 
nicht getäuscht hatte, dass die Drehung immer zuerst nach der 
Anode, nie zuerst nach der Kathode gerichtet ist. Bei Anwendung 
gewisser Cautelen wird die Beobachtung sogar sehr leicht. Man muss 
nicht zu grosse Elektroden grade auf das äussere Ohr bringen, einen 
möglichst schwachen Strom schalten, und die Kette erst schliessen, 
nachdem man vorher ein Gefäss der Conjunctiva in's Auge gefasst 
hat. Dann vergeht ein Bruchtheil einer Secunde, bis eine Orts- 
veränderung des kleinen Gefässes eintritt, und dies erleichtert die 
Auffassung sehr. Ist der Strom eine Spur stärker, also z. B. bei 
einer zweiten Schliessung derselben Kette, so erfolgt die erste Dre- 
hung fast synchronisch mit dem Kettenschlusse, aber immer 
nach der Anode. Wenn man ein paar solcher Doppelversuche an- 



250 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 



stellt, ist es ganz unmöglich sich zu täuschen, so dass ich mir 
Wundt's abweichende Ansicht nur mit der Annahme erklären kann, 
dass er Ströme anwandte, welche für eine ruhige Beobachtung zu 
stark waren. Sehr überzeugend lässt sich der Versuch auch mit dem 
Oeffnungsreize anstellen. Man wartet unter Anwendung eines ganz 
schwachen Stromes bis der Bulbus wieder zur Ruhe gekommen ist. 
Wenn man nun öffnet, so erfolgt die erste, langsamere Drehung, 
wie zu erwarten, nach der Kathode. 

Aus der eben besprochenen Annahme leitet nun Wundt eine 
Erklärung des den Schwindel begleitenden Nystagmus ab, welche ich 
übergehen könnte, da ich die Richtigkeit der zu Grunde liegenden 
Thatsache bestreite. Indessen möchte ich doch noch die Beweiskräf- 
tigkeit zweier anderer von diesem Forscher herbeigezogener Punkte, 
welche scheinbar als Prämissen dienen, bezweifeln. 

Er lässt den Nystagmus so beginnen, dass im Momente des 
Kettenschlusses zunächst jedes Auge auf der linken Seite die Em- 
pfindung seiner Lage in der Orbita einbüsse, und damit gleichzeitig 
auch auf jeder linken Hälfte der Retina, durch eine elektrotonische 
Beeinllussung der Opticusbahnen des Kleinhirns, die Empfindung 
von der Beziehung des Sehfeldes zum Räume verliere. Auch ich hatte 
eine, auf jedem Auge halbseitige Störung gewisser Empfindungen an- 
genommen; jedoch hatte ich in meinen Schluss nur die sogenannten 
Bewegungsempfindungen einbezogen. Hierfür war durch den experi- 
mentellen Nachweis, dass die motorischen Augennerven auf jeder 
Seite ein Centraiorgan haben, welches das Doppelauge nach der 
anderen Seite dreht, eine thatsächliche Basis geschaffen. Wenn nun 
Wundt eine ähnliche Zusammenordnung der Fasern auch für den 
Opticus, sowie für die sensiblen Nerven der orbitalen Weichtheile 
annimmt, und dieses Centrum in das Kleinhirn verlegt, so ist das 
rein hypothetisch und darf meiner Ansicht nach als Prämisse nicht 
benutzt werden. Zweitens vermisse ich, jene Hypothese zugelassen, 
den Nachweis, dass halbseitige Anästhesie der Orbita oder Hemiopie 
zu Nystagmus oder zu Scheinbewegungen führt. 

Ferner bemerkt Wundt, dass auch der Körper „häufig" 
zuerst nach der Seite der Kathode schwanke, und dann 
erst durch Drehung gegen die Anode das Gleichgewicht wieder her- 



Bemerkimgen zu der vorstehenden Abhandlung. 251 

stelle. Ich hatte Angesichts der frappanten, bei diesen Versuchen 
eintretenden Dislocation des Kopfes und Körpers früher an die Mög- 
lichkeit eines primären Schwankens nach der Kathode gar nicht ge- 
dacht, und war deshalb gezwungen, diese Frage ganz von Neuem 
mit einer feineren Methode zu prüfen. 

Um den Reizeffect möglichst zu objectiviren befestigte ich einen 
mit chinesischer Tusche gefärbten Pinsel auf dem Scheitel der sitzen- 
den Versuchspersonen, und Hess diesen auf ein Blatt Papier zeichnen. 
Auf diese Weise erhielt ich Bilder, welche allerdings einen viel com- 
plicirteren Vorgang andeuten, als es zu Anfang den Anschein hatte. 
Die Bewegungen des Kopfes und Körpers fallen nämlich nicht, wie 
ich früher annahm, lediglich in die Frontalebene, sondern die von 
dem Pinsel gemalte Curve deckt gleichzeitige, bald mehr, 
bald weniger starke Schwankungen nach beiden Dimen- 
sionen der Sagittalebene auf. 

In vielen Fällen erhielt ich, sobald mehrere Schliessungen und 
Oeflfnungen auf einander folgten eine, gewöhnlich unregelmässig aus- 
sehende Curve, welche auf dem Papiere von Hinten und der Seite 
der Kathode nach Vorn und der Seite der Anode, also in der Dia- 
gonale des Blattes vorrückte. Die Zergliederung der Curve zeigte, 
dass bei der Schliessung ein vorwiegend nach der Anode nnd bei der 
Oefifnung ein vorwiegend nach Vorn sehender Strich gemalt worden 
war. So kam es, dass das Ende der Curve nach der Seite der 
Anode und Vorn verschoben war. Längere Dauer des Stromes liess 
auch den Oeffnungsstrich entschieden länger ausfallen. Nach einer 
gewissen Zahl von Schliessungen und Oeffnungen hörte aber die Be- 
wegung nach der Anode auf und nun kamen mehr nach Vorn und 
Hinten gerichtete sich deckende Striche zum Vorschein. Bei anderen 
Versuchen entstand ein mehr weniger diagonaler Strich, der absatz- 
weise doppelt übertuscht war. Hier war der Kopf mit jeder Schlie- 
ssung um ein beträchtliches Stück nach Vorn und gegen die Anode 
vorgerückt, und bei der Oefifnung um ein kleineres Stück in der ent- 
gegengesetzten Richtung zurückgewichen. Wieder andere Versuchs- 
personen zeigten neben jenen Bewegungen ein sehr deutliches Auf- 
schnellen in verticaler Richtung. Endlich fand ich bei nochmaliger 



252 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 



Durchsicht meiner früheren VersuchsprotocoUe, dass ich schon damals 
ganz ähnliche Bewegungen notirt hatte. 

Diese Versuche finden sowohl in sich selbst als in den Versuchs- 
personen allerhand Schwierigkeiten, und sind ausserdem zeitraubend, 
so dass ich nicht behaupten darf, in der mir zugemessenen Frist 
alle Seiten der Frage betrachtet zuhaben. Von dem Vorkommen 
einer primären Kopfbewegung nach der Kathode habe ich 
mich aber in keinem einzigen Falle überzeugen können. 
Da Wundt diese Bewegung nur „häufig," aber nicht immer gesehen 
hat, imd da ich vielleicht nicht genug Versuche angestellt habe, so 
muss ich die Möglichkeit von Ausnahmen vorläufig wohl zulassen. 
Aber ich kann mich des Gedankens doch nicht erwehren, dass die 
Anwendung zu starker Ströme vielleicht hier und da zu Schliessungs- 
zuckung des Sternokleido der Kathoden Seite geführt hat. 

2) E. Mach, Physikalische Versuche über den Gleich- 
gewichtssinn des Menschen, Separat-Abdruck aus dem 
LXVIIl Bd. der Sitzb. der k. Akademie der Wissensch. III, 
Abth. Nov.-Heft. Jahrg. 1873. 

3) J. Breuer, Ueber die Function der Bogengänge des 
Ohrlabyrinthes. Separat-Abdruck aus den med. Jahrb. 
I. Heft 1874. 

Zuvörderst eine historische Notiz. 

Breuer macht a. a. 0. darauf aufmerksam, dass bereits Pur- 
kinje') den „ Gesichtsschwindel " auf Augenbewegungen bezog. Ich 
hatte anlässlich der Abfassung meines Aufsatzes bei den damals ob- 
waltenden eigenthümlichen Verhältnissen unserer Bibliothek Schwie- 
rigkeiten mit der Erlangung jener früheren Arbeit Purkinje's ge- 
habt, und da dieser Forscher in der sieben Jahre später publicirten, 
und von mir (s, S. 197) ausführlich citirten Abhandlung nichts 
von Augenbewegungen, und soweit der Galvanismus in Betracht 



1) Beyträge zur näheren Kenntniss des Schwindels aus heautognostischen 
Daten. Med. Jahrb. des k. k. österr. Staates. Wien 1820. Bd. VI. St. 2. 
S. 79-125. 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 



253 



kommt, auch nichts von Schwanken der anderen Körpertheile sagt, 
so glaubte ich auf die Einsicht jener, wie ich jetzt sehe, höchst in- 
teressanten Arbeit verzichten zu dürfen.') 

In der That erwähnt Purk i nje auch dort bei Referirung seiner 
Versuche über den galvanischen Schwindel nicht, dass er bei den- 
selben Augenbewegungen beobachtet oder vermuthet habe, so dass 
ich die Entdeckung des galvanischen Nystagmus wohl mir zu- 
schreiben darf. Die von Purkinje allerdings beschriebenen Augen- 
bewegungen bei und nach dem Drehschwindel sind aber allmählig 
wieder so vollkommen in Vergessenheit gerathen (Vgl. z. B. die 
Theorie des Schwindels von Helmholtz S. 246), dass ich sie, wie 
Breuer voraussetzt, selbstständig wieder entdecken musste. — 

Breuer sowohl als Mach beziehen alle Erscheinungen des 
Schwindels auf percipirte Alterationen der halbcirkelförmigen Kanäle. 
Nach meiner Auffassung, die ich übrigens vor der Hand nicht auf- 
gebe, war das Gehirn direct verantwortlich zu machen. Ich bedauere 
lebhaft, dass Breuer meine Arbeit „Weitere Untersuchungen zur Phy- 
siologie des Gehirns, " ' ) welche der hier in Frage stehenden unmittel- 
bar angedruckt ist, nicht gekannt oder nicht berücksichtigt, und dass 
Mach beide Arbeiten, wie er mich wissen zu lassen die Güte hatte, 
nicht gekannt hat. Wenn ich auch meinen Deutungen aus Vorsicht 
die hypothetische Form gegeben habe, und wenn ich auch jederzeit 
bereit bin, auf Ansichten zu verzichten, deren Unhaltbarkeit mir nach- 
gewiesen wird, so soll man doch nicht glauben, dass ich nicht vor 
dem Aussprechen meiner Vermuthungen Alles zu ihrer thatsächlichen 
Begründung gethan habe. Meiner Ansicht nach besteht der Werth 
dieser beiden Arbeiten darin, dass sie — durch lange Bemühungen 
die zur Schlussfolgerung erforderliche, ununterbrochene Reihen- 
folge der Thatsachen, soweit es der damalige Stand der Wissenschaft 

1) Eine Stelle am Schlüsse auf S. 309 hätte mich allerdings bei ge- 
höriger Beachtung auf eine Vermuthung bringen können. Aber wer sollte 
denken, dass der sonst so scharf schliessende Purkinje eine für die 
ganze Auffassung der Frage so wichtige Thatsache nur mit, einer versteckten 
Anspielung anführen würde. 

2) Reichert's und du Bois-Reymond's Archiv. 1871. H. 5 und 6. 
S. 771 f: S. auch Berl. klin. Wochenschr. 1872 Nr. 43 und die nächstfolgende 
Abhandlung. 



254 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 



möglich machte, hergestellt haben. Ich darf wohl mit Recht erwarten, 
(lass diese Thatsachen sämmtlich berücksichtigt oder widerlegt 
werden. 

Wenn ich also (S. 229) sagte: Jch will nicht von dem eigen- 
thüffilichen Zusammenhange der halbcirkelförmigen Kanäle mit der 
Erhaltung des Gleichgewichtes sprechen," so bin ich damit keineswegs, 
wie Breuer meint, „an der naheliegenden und einfachen Lösung meines 
Problems hart vorübergegangen." Ich halte diese Lösung ungeachtet 
der geistreichen Deutung von Breuer-Mach auch jetzt noch, wie 
ich zeigen werde, für durchaus nicht einfach, am Wenigsten für 
ganz gelungen. Bis dieses Ziel erreicht ist, kann ich die Vermuthung 
Breuer's, dass ich meine Ansicht mit der Seinigen vertauschen 
würde, nicht verwirklichen. Damals aber wollte ich dem Leser ohne 
lange Erörterungen zu erkennen geben, dass ich an jene Organe 
allerdings dachte, aber dennoch — nach reiflicher Erwägung — 
glaubte auf das Gehirn zurückgehen zu sollen. Meine Gründe hier- 
für bestanden eben in den a. a. 0. berichteten Resultaten meiner 
Vivisectionen, — 

Die Breuer-Mach'sche Theorie der Function der halbcirkel- 
förmigen Kanäle lässt sich in Kürze (die Details nach Breuer) 
folgendermassen formuliren. Die drei Kanäle können als in den 
drei Ebenen liegende, mit Flüssigkeit gefüllte Ringe aufgefasst wer- 
den. Lasse ich einen solchen Ring um die auf seiner Ebene verti- 
cale Axe rotiren, so wird nach dem Trägheitsgesetz die Flüssigkeit 
in demselben gegen die Bewegung zurückbleiben. Die so entstehende 
Strömung wird durch Perceptionsorgane — die Hörhaare der Am- 
pullen — auf Nerven — einen oder mehrere der sechs Ampullarnerven 
— übertragen, und auf diese Weise dem Sensorium Nachricht über 
Drehung um jede der einzelnen Axen zugeführt werden können. 

Mach hat durch den directen, übrigens auch von Breuer 
vorgeschlagenen Versuch sich selbst diese Theorie als in der 
vorgetragenen Form irrig widerlegt. Wenn er ein geschlossenes 
Röhrchen von der Form und Grösse eines Bogenganges auf der 
Centrifugalmaschine rotiren Hess, so erhielt er wegen der Grösse der 
Reibung niemals eine Drehung. Er kam deswegen von seiner ur- 
sprünglichen, mit der Breuer's zusammenfallenden Ansicht, dass 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 255 



sich der Labyrinthinhalt wirklich bewege — ströme zurück, und fasst 
nun den Reizvorgang so auf, dass bei jeder, sowohl der einfachen als 
der Winkelbeschleunigung des Kopfes durch den en masse gegen die 
Beschleunigung zurückbleibenden Labyrinthiuhalt Züge und Pressungen 
auf die Endorgane der Ampullarnerven ausgeübt werden. 

Ich legte mir die Fragen vor, ob in einem Eaume, der kein 
Ausweichen gestattet, dieser Vorgang überhaupt eintritt, ferner ob 
die vorausgesetzte , Gegenbeschleunigung, " ihr Eintreten generell zu- 
gegeben, bei den geringen durch die gewöhnlichen Bewegungen ver- 
anlassten Beschleunigungen Angesichts der vorhandenen Widerstände 
eine die Eeizschwelle überschreitende Geschwindigkeit erlangen kann? 
Einem Physiker von dem Rufe und der Objectivität des Herrn Mach 
gegenüber glaubte ich aber auf die Discussion dieser Fragen um so 
mehr verzichten zu sollen, als es sich für mich in der That nicht 
um die halbcirkelförmigen Kanäle, sondern um das Gehirn handelt. 
Ich kann jene Theorie zulassen, ohne in meiner Auffassung der Er- 
scheinungen mehr als den ursprünglichen Angriffspunkt des Reizes 
zu ändern. Die wahrnehmende und bewegende Kraft kommt in je- 
dem Falle dem Gehirne zu, dass irgend eine indirecte Beeinflussung 
desselben an Stelle der directen immerhin möglich sei, habe ich 
(s. z. B. S. 236) nie ganz ausschliessen können. 

Mach und Breuer haben unabhängig von einander gearbeitet, 
ihre ersten Publicationen erschienen fast gleichzeitig. Daher mag es 
kommen, dass sie sich gegenseitig in vollkommener üebereinstimmuug 
vermuthen. Eine Solche kann ich indessen doch grade in den rein 
mechanischen Anschauungen nicht finden, wie schon aus dem eben 
gegebenen Referate hervorgeht. Doch möchte ich diesen Theil der 
angeregten Frage nicht verlassen ohne jene beiden, mit des Meister 
Purkinje würdigen Versuchen geschmückten Abhandlungen der 
Beachtung nachdrücklichst zu empfehlen. 

Ich rauss aber gegen verschiedene Punkte in den Beweisfüh- 
rungen Mach's und Breuer's Bedenken erheben. Mach beginnt 
seine Mittheilung mit folgenden Worten: „Fährt man auf der Eisen- 
bahn durch eine starke Krümmung, so scheinen die Häuser und 
Bäume oft beträchtlich von der Verticalen abzuweichen und zwar 
scheint sich der Gipfel der Bäume auf der convexen Seite der Krüm- 



256 Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 

rniing von der Bahn wegzuneigen. Andererseits bemerkt man sehr 
oft auch eine Schiefstellung des Wagens und hält nun die Bäume 
für vertical. 

Bekanntlich wird die Schiene auf der convexen Seite der Krüm- 
mung etwas höher gelegt, um die Wirkung der Centrifugalkraft zu 
compensiren. Der Höhenunterschied kann aber nur einer einzigen 

Fahrgeschwindigkeit entsprechen. Fährt man mit der dem 

Höhenunterschied der Schienen und der Krümmung entsprechenden 
Geschwindigkeit, so weiss man nichts von der Schiefstellung des 
Wagens. Dann scheinen die Häuser schief. In jedem anderen Falle 
scheint der Wagen schief." 

So richtig nun auch die Erklärung von Mach ist, dass die 
Täuschung aus dem angeführten Missverhältnisse erwächst, so wenig 
kann ich mich überzeugen, dass in derselben eine , Beschleuni- 
gung der Massentheile des Körpers" die Kolle des not h wendigen 
Factors spiele. 

Ich hatte im Jahre 1872 den Eigi von Arth aus bestiegen, und 
fuhr von Staffelhöhe mit der Bahn zu Thal. Als wir unterwegs, ich 
glaube es war in Kaltbad hielten, schienen mir plötzlich die Häuser 
und Bäume enorm schief zu stehen. Es war mir sofort klar, dass 
diese optische Täuschung von seltener Eindringlichkeit auf einem 
mich zwingendem Irrthume über meine eigene Haltung beruhe, und 
dennoch konnte ich mich ebenso wenig von dem Zwange befreien, 
als es die Mitreisenden konnten. Hier war nun von einer Massen- 
beschleunigung nicht die Rede; denn der Waggon hielt ja. Auch 
war sicherlich nicht die Schiefstellung des Waggons der Angelpunkt 
des Phänomens. Denn wenn ich einen 'Gebirgspass im Postwagen 
überschreite, so erscheinen mir weder im Fahren noch im Halten 
verticale Körper schief. Die Täuschung konnte hiernach nur aus 
Vorgängen erwachsen, welche auf Differenzen in der Construction 
beider Vehikel beruhen. 

Ich finde dieselben in der Construction der Sitzbänke, welche in 
dem Waggon gegen dessen Fussebene geneigt sind, damit dem Rei- 
senden der stetige Kampf gegen das nach Vorn über Fallen erspart 
bleibe. Der Neigungswinkel der Bank kann aber selbstverständlich 
nur einem bestimmten Steigungswinkel der Bahntra9e entsprechen. 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 257 

Compensiren sich beide Winkel nicht, so nehme ich die Differenz 
an den ausser mir liegenden Körpern mit einer scheinbaren Ab- 
weichung von der Verticalen wahr. 

Wenn ich nun weder im Postwagen, der mich zum Balanciren 
zwingt, noch bei einer beliebigen schiefen Lage, die ich willkürlich 
meinem Körper mittheilen kann, der fraglichen Täuschung unter- 
liege, so beweist dies, dass ebensowenig die Haltung des Körpers 
als die Beschleunigung seiner Massentheile das Wesentliche ist, son- 
dern dass dies vielmehr auf dem Missverhältnisse der 
wirklich verwendeten Muskelimpulse zur eingenommenen 
Körperhaltung beruht. — 

Auf die interessante Parallele, welche Breuer zwischen den 
bei willkürlicher, bei passiver und bei Scheindrehung auftretenden 
Augenbewegungen zieht, hier näher einzugehen, muss ich mir ver- 
sagen. Denn ich habe mich schon früher durch Vornahme von 
Zwangsdrehungen an Thieren überzeugt, dass dieses Capitel einer 
beiläufigen Erledigung nicht fähig ist. Nur möchte ich darauf hin- 
weisen, dass das Ausbleiben der corrigirendeu Augenbewegung bei 
einer Anzahl von zwangsweise dem Kopfe der Thiere mitgetheilten 
Stellungen weder durch die Theorie Breuer's noch durch die 
etwas abweichende von Mach verständlicher wird. Da der Körper 
des Thieres nach Einnahme der ihm passiv gegebenen Stellung ab- 
solut ruhig bleibt, kann die Conservirung der hierbei auftretenden 
sonderbaren und überaus zwecklosen Dislocationen der Bulbi weder 
durch die Empfindung des Gedrehtwerdens, noch durch die Strömung 
der Endolymphe, noch durch eine Massenbeschleunigung begründet 
werden. — 

Ich habe bereits oben angeführt, dass die Differenz meiner An- 
schauung und der Theorie Breuer's wesentlich auf die Annahme 
eines verschiedenen Angriffspunktes des Reizes hinauslaufe. Da wir 
zu meiner Freude, was die Thatsachen betrifft, vollkommen überein- 
stimmen, ist dies erklärlich. Nur verstehe ich den Einwand der 
Unrichtigkeit nicht, welchen Breuer gegen mein S. 231 gebrauchtes 
Bild von dem versinkenden Stuhle vorbringt. Da er mit diesem 
Einwände meinem Gedankenbaue die Grundlage entzogen zu haben 

Hitzig, Experiraeutelle Uiitersucliuiigeii. 17 



258 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 



glaubt, was ich nicht bemerke, so wäre eine nähere Auseinander- 
setzung, gewiss zweckmässig gewesen. 

Ich lasse die Versuchsperson sich nach rechts werfen, um das 
Gleichgewicht aufrecht zu halten, weil sie glaubt nach links gedreht 
zu werden, '') und nenne diese Bewegung eine unbewusst willkürliche. 
Breuer lässt die Versuchsperson „die compensirende Balancir- 
bewegung" in derselben Richtung und aus demselben Grunde machen, 
und nennt es einen Reflexvorgang. Ob man sich nun etwas mehr 
so oder etwas mehr so ausdrücken will, das ist wohl Geschmacks- 
sache. Ich Hess mich zur Wahl meines Ausdrucks dadurch be- 
stimmen, dass die Bewegung im gegebenen Falle durch eine bewusst 
werdende Empfindung und in einer etwas anderen Art als die 
gewöhnlichen Reflexvorgänge ausgelöst wird. Aber wie durch Ver- 
gleichung meiner S. 234 gegebenen Auffassungen erhellt, will ich 
sie damit von den Reflexbewegungen noch nicht einmal gänzlich ge- 
trennt haben, dies um so weniger als ich überhaupt nirgends eine 
scharfe Grenze zwischen diesen und den sogenannten willkürlichen 
Bewegungen gezogen sehe. Meine Bemerkung gegen die Reflex- 
theoretiker bezieht sich auf „die Lehre von der reflectorischen Er- 
regung des Seh- und Hörnerven. " 

Schliesslich nimmt Breuer doch grade ebenso wie ich den 
Ablauf eines motorischen Innervationsvorganges an, durch den die 
eine Hälfte der Muskulatur, in Folge einer innerhalb psychischer 
Vorgänge Platz greifenden Täuschung, stärkere Impulse erhält wie 
die andere, und meine Erklärung ist sogar viel consequenter als die 
Seine. Denn ich lasse auch die Augenbewegungen beide aus 
derselben Empfinduuig des Gedrehtwerdens der Augen erwachsen, wie 
die Körperbewegung aus der Scheinbewegung des Körpers, während 
Breuer jenen gegenüber ziemlich rathlos ist.^) Damit scheint mir 
auch die Frage „des versinkenden Stuhles" ihre Erledigung zu finden. 
Man kann das Sitzen, insofern der Schwerpunkt nicht vollkommen 
unterstützt ist, zweifellos als ein continuirliches, durch die doppel- 
seitige Action einer Anzahl von Muskeln compensirtes Fallen be- 

1) Der in zweiter Linie gebrauchte Ausdruck „leichter werden" ist von 
Brenner. S. S. 198. 

2) a. a. 0. S. 48 des Separatabdruckes. 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 259 

trachten. Erfährt das Verhältniss des Schwerpunktes zum ünter- 
stützungspunkte plötzlich eine Aenderung, so muss sich auch die 
Vertheilung der Muskelarbeit ändern. Darauf beruht die compen- 
sirende Bewegung beim einseitigen Versinken des Stuhles. Sie ist 
nichts Neues, sondern nur ein Plus zu der schon früher vorhandenen 
Muskelaction. Wenn ich langsam mit dem Stuhle gedreht werde, 
so ist dies eben auch nichts principiell, sondern nur graduell Ver- 
schiedenes, dann brauche ich meine Impulse einfach nur langsam 
anstatt schnell anders zu reguliren. 

Habe ich aber nur die Empfindung gedreht zu werden, ohne 
in die Bewegung zunächst wirklich einzutreten, so will ich einmal 
zugeben, dass an der Erregung derselben die Canäle die alleinige 
Schuld tragen, aber um die ßetheiligung der Muskeln und die Ver- 
werthung des ßewusstwerdens ihrer Zustände komme ich damit, wie 
aus dem Gesagten hervorgeht, doch nicht herum. Dann habe ich nur 
die Empfindung, dass ich meinen Schwerpunkt nicht genügend 
unterstütze und mache eine, wegen der Täuschung zwecklose Bewe- 
gung, die grade ausreicht, um dass Mass der scheinbar eingetretenen 
Schiefstellung auszugleichen. 

Wenn ich nicht noch andere Thatsachen gefunden und angeführt 
hätte, als die von Breuer berücksichtigten, so würde ich mich damit 
zufrieden geben können. Indessen Hessen sich schon bei den am Men- 
schen ausgeführten Versuchen die Erscheinungen eben nicht sämmtlich 
auf die halbcirkelförmigen Canäle zurückführen, und grade diesi war 
der Grund, der mich zur Vornahme der Vivisectionen bestimmte,') 
Es ist mir nämlich ganz unklar, was die von mir beschriebenen, 
sonderbaren Pupillenveränderungen mit der Empfindung des Gedreht- 
werdens zu thun haben könnten, und ebenso blieben die (S. 224) bei 
dem Blinden vorhandenen Erscheinungen unerklärt. Dieser hatte 
nämlich, wenn ich ihn durch die Schläfen galvanisirte, nicht die 
Empfindung irgend einer Scheinbewegung und doch Bulbusbewegungen. 
Von einer wirksamen Labyrinthreizung kann bei dieser Methode gar 



1) Hiermit möchte ich aber nicht die Meinung erwecken, als hätte mir 
etwas der B r e u e r - M a c h'schen Theorie Aehnliches bereits vorgeschwebt. Ich 
zog nur die Üoltz'sche Deutung der Versuche über die Canäle in Rechnung. 

17* 



260 



Bemerkungen zu der vorstehenden Abhandlung. 



keine Rede sein. Ferner fehlt den meisten Individuen, denen man 
mit einem möglichst schwachen Strome Nystagmus macht, die Em- 
pfindung der Scheinbewegung vollkommen, sobald sie die Augen 
schliessen. Ueberhaupt habe ich ja berichtet, dass die Augenbewe- 
gungen leichter als das Schwanken des Kopfes und Körpers entsteht. 
Derartige Dinge Hessen sich noch mehrere anführen. 

Aus den Thierversuchen ergab sich nun ganz unzweideutig, dass 
man durch dem Kleinhirne zugefügte Veränderungen, ohne das 
Labyrinth anzurühren, sowohl jedes der bei dem ursprünglichen Ver- 
suche erscheinenden Symptome einzeln, als auch ihr Gesammtbild 
erzeugen kann. Namentlich aber zeigte sich, dass das Kleinhirn 
wirklich mit der Regulirung der Muskelimpulse direct etwas zu thun 
hat. Denn die eine Läsion war im Stande das Muskelbewusstsein 
derart zu verändern, dass das Thier stets die eine Seitenlage mit 
der Bauchlage verwechselte; bei einer anderen Läsion kam es sogar 
vor, dass nur einzelne Theile des Muskelsystems alterirt wurden, so 
dass die sogenannte spiralige Drehung des Rumpfes zwangsmässig 
eintrat. Wegen der Details verweise ich auf die folgende Arbeit. 

Unter diesen Umständen ist es wohl um so mehr begreiflich, 
dass ich meine ReizefFecte nur in eins anstatt in zwei Organe ver- 
legte, als die Analyse der eins nach dem andern von mir beobach- 
teten oder vielmehr systematisch aufgesuchten Symptome dadurch 
nur gewinnen konnte. Ich werde mich aber freuen, wenn durch die 
vereinten Bemühungen der vielen, gegenwärtig an diesen Fragen ar- 
beitenden Forscher die Details des auch jetzt noch hinlänglich ver- 
wickelten Themas auf einfache Bedingungen zurückgeführt werden. 
Nur möchte ich glauben, dass die Lösung der Aufgabe leichter ge- 
lingen wird, wenn man nicht plötzlich Alles auf Rechnung der modern 
gewordenen Canäle setzen will, sondern dem doch auch noth wendigen 
Centraiorgane sein bescheiden Stück Function lässt. 



XI. 

Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns.') 



Die Gesichtspunkte, welche mich zu vivisectorischeii Versuchen 
am Kleinhirn veranlassten, sind bereits in der vorstehenden Ab- 
handlung angegeben. In der hinteren Schädelgrube liegen so viele 
wichtige Organe auf kleinem Räume, dass die Reduction der bei 
äusserlicher Reizung erzielten Eifecte auf irgend eins derselben ohne 
eingehendere Localisationsversuche in der Luft geschwebt hätte. Die 
Erreichung des hiermit gesteckten Zieles musste aber gleichzeitig 
mit der einstweiligen Begrenzung dieser Reihe von Versuchen zu- 
sammenfallen. Denn die Schwierigkeit der Vornahme und der Be- 
urtheilung von Versuchen am Cerebellum ist so erheblich, dass das 
Bestreben nach einer weitergreifenden Erledigung der hier schweben- 
den Fragen, mich auf eine nicht abzusehende Zeit von dem Objecte 
meines hauptsächlichen Interesses, von dem grossen Gehirne abge- 
zogen hätte. 

Ich beschränke mich deshalb auch hier allein auf die Mitthei- 
lung derjenigen Thatsachen, welche zur Localisation der beim Gal- 
vanisiren durch den Kopf beobachteten Reizerscheinungen auf das 
Kleinhirn und zum Verständniss derselben dienen können, und hoffe 
zu einer detaillirteren Bearbeitung dieses Kapitels unter kritischer 



1) Vgl. Hierzu: Reichert's und du B ois-Reymond's Archiv 1871. 
S. 771 f., und Berl. klin. Wochenschr. 1872. Nr. 43. In Folge der während 
des Druckes erschienenen Arbeiten habe ich mich zu einer Umarbeitung 
entschliessen müssen. Als ich S. 75 schrieb, war diese noch nicht intendirt. 



262 



Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns. 



Heranziehung der angehäuften Literatur wolil noch die Müsse zu 
finden. Fast sämmtliche Versuche wurden an Kaninchen — etwa 
80 an Zahl — vorgenommen. — 

Die Methode den Menschen durch den Kopf zu galvanisiren, 
hat vor allen, sonst hier in Frage kommenden den unbestreitbaren 
Vorzug, dass man über die eigenen Wahrnehmungen des Versuchs- 
objectes uiid damit von Vornherein über den Sinn, wenigstens 
eines Theiles der Reizeflfecte unterrichtet wird. Indessen sind diese 
Reizeffecte eben sehr complicirter Natur. Wenn sie nun sämmtlich 
auf perverse Mnskelactionen zurückzuführen sind, die einen Irrthum 
rücksichtlich der Orientirung im Räume vermuthen lassen, so war es 
wahrscheinlich, dass irgendwo ein Organ bestehen müsse, in welchem 
eine Verknüpfung der einzelnen Mechanismen stattfindet, welche zur 
Orientirung, sowie zu der davon abhängenden Aenderung des Ver- 
haltens im Räume dienen, und dass dieses Organ gereizt würde^ 

Dass diese Mechanismen mannichfaltiger Art sind, ferner dass 
eine Störung in jedem Einzelnen derselben zu Anomalieen sehr ver- 
wandten Sinnes führt, weiss man. Das Auge, das Ohr, das Gefühl 
im weiteren Sinne, die drei Vorrichtungen, welche besonders dazu 
bestimmt sind, unsere Beziehungen zur Aussenwelt nach Innen zu 
verdeutlichen, geniessen gleicher Dignität. So möchte ich auch die 
Verbind ang der halbcirkel förmigen Canäle mit dem Gehörorgane nicht 
für einen Zufall halten, sondern darin eher die Absicht vermuthen, 
auch diesen Wahrnehmungen räumliche Vorstellungen schon im Ent- 
stehen beizumischen. 

Pathologische Beobachtungen und Versuche, welche schon seit 
dem vorigen Jahrhundert immer und immer von Neuem in der Lite- 
ratur erschienen, hatten versucht das Kleinhirn zum Gleichgewichts- 
Orientirungsorgane zu machen. Wenn man aber die Lehrbücher der 
Physiologie durchsieht, so findet man dass diese Ansicht keineswegs 
zur allgemeinen Geltung kommen konnte, und dass auch die schon 
von Pur kinj e ausgesprochene Auffassung jener Zwangsbewegungen als 
Schwindelerscheinungen keinen besonderen Anklang fand. Es wurde 
nicht für bewiesen gehalten, dass die Thierc überhaupt Schwindel 
hätten, und dann wurde die Multiplicität der mit Zwangsbewegungen 
reagirenden Organe eingewendet. 



Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns. 



263 



Ich will hier nicht näher auseinander setzen, wie diese Multi- 
plicität nur eine scheinbare ist, insofern der eine Theil jener Organe 
in die Kathegorie von Leitungsbahnen gehört, und dem einen Theile 
der Zwangsbewegungen überhaupt ein anderer Sinn unterliegt. Aber 
nichts ist .einfacher zu beweisen, als dass die, Zwangsbewegun- 
gen nm die sagittale Axe ausführenden Thiere wirklich 
Schwindel höheren Grades haben. Denn dieselben Momente, 
welche dem Menschen erfahrungsgemäss Schwindel nämlich die in 
der Abhandlung IX detaillirten Erscheinungen bereiten, rufen am 
Thiere je nach der Einwirkung dieselbe Form der Zwangsbewegung 
in mehr oder weniger ausgesprochenem Grade hervor. 

Am leichtesten kann mau sich hiervon dadurch überzeugen, dass 
man einem Kaninchen einen Bindfaden um die Fussgelenke legt und 
es an demselben einige Male um eine verticale Kopf- oder Körper- 
axe dreht. Sobald man mit der Drehung aufhört, wirft sich das 
Thierchen auf die entgegengesetzte, also wenn es nach links gedreht 
wurde, auf die rechte Seite und die Augen zeigen r3^thmischen Ny- 
stagmus. Dessen Richtung Aveicht jedoch von dem anderweitigen 
Schema insofern ab, als die ruckende Bewegung nach rechts anstatt 
nach links hin stattfindet. Aehnliche Bewegungen, die ihr Analogon 
am Menschen in dem S. 226 erwähnten Versuche finden, macht auch 
der Kopf.i) 

Noch deutlicher lässt sich die Identität der Zwangsbewegungen 
mit den Aeusserungeu des Schwindels durch die galvanische Reizung 
erweisen. Wenn man nämlich Kaninchen feuchtes Papier mäche in 
die äusseren Gehörgänge bringt, und nun die Pole der Kette mit 
diesem feuchten Leiter verbindet, so kann man durch Schaltung ver- 
schieden starker Ströme alle Modalitäten der Zwangsbewegungeu um 
die Längsaxe erzeugen. Wählt man einen schwachen Strom so fällt 
das Thier bei der Schliessung nur nach der Anode während es seine 
Augen unter Nystagmus nach der Seite der Kathode dreht. 2) Manch- 
mal aber fehlt die Bewegung der Augen, oder sie tritt nur bei der 

1) Breuer nennt diese, von ihm an Vögeln beobachteten Bewegungen 
„Nystagmus des Kopfes." 

2) Sitzt die Anode also rechts, so wird das rechte Auge durch den Ruck 
nach Vorn und Innen und Oben gedreht. 



264 



Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns. 



Schliessung und Oeffnung der Kette ein. Dann liegt das Thier auf 
der Seite, ohne dass seine Augen die sonst bei gezwungener Seiten- 
lage zu beobachtende Verdrehung zeigten. 

Wählt man aber einen starken Strom, so wälzt sich das Kanin- 
chen mit grosser Geschwindigkeit nach der Seite der Anode um seine 
Längsaxe während man an den Augen eine hochgradige Verdrehung 
im angegebenen Sinne beobachtet, das Bild ist also grade so, als 
wenn man den mittleren Kleinhirnschenkel durchschnitten hätte. Bei 
der Oeffnung der Kette nehmen alle Bewegungen die umgekehrte 
Richtung an. 

Aus den soeben und in den vorstehenden Abhandlungen ange- 
führten Versuchen geht jedenfalls schon ganz unanfechtbar hervor, 
dass die in der Form von theilweiser oder gänzlicher Ko- 
tation um die sagittale Axe auftretenden Zwangsbewe- 
gungen, ebenso wie die entsprechenden Erscheinungen 
am Menschen nichts als eine besondere Erscheinungs- 
weise des Schwindels sind, ohne dass jedoch schon etwas für 
die Localisation der Eeizeffecte gewonnen wäre. — 

Auf einen etwas kleineren Bezirk gelangt man nun mit dem 
folgenden, auch durch die Art des bisher nicht angewendeten Reiz- 
mittels interessanten Versuch.') 

Wenn man dem Kaninchen das Hinterhaupt eröffnet und ihm 
den kleinen Seitenlappen des Kleinhirns exstirpirt, der der Flocke 
beim Menschen entspricht, so bleibt eine, von dem beim Kaninchen 
verknöcherten Tentorium gebildete Höhle zurück, in die der Flocken- 
stiel hineinragt. Bringt man nun in diese Höhle einige Fragmente 
Eis, oder spritzt vorsichtig kaltes Wasser hinein, so richtet sich das 
Thier plötzlich auf, macht ähnliche wackelnde Bewegungen mit dem 
Kopfe, manchmal auch mit dem Körper wie nach den Drehversuchen, 
und stürzt dann auf die entgegengesetzte Seite, während sich nun 
beide Augen unter heftigem Nystagmus in die Winkel der verletzten 

1) Wundt erwähnt a. a 0.' S. 214 f., dass Sir Weir Mitchell eben- 
falls die Erkältung des Kleinhirns versucht hat. Ich finde jedoch von Mit- 
chell nur solche Symptome angeführt, wie sie auch nach Erkältung anderer 
Theile des Körpers erschienen. Er bediente sich der Zerstäubung des „Rhi- 
goline" nach Richardson's Methode (Gaz. des höpit. 1872. 1 und 2). 



Untersuchungeu zur Physiologie des Kleinhirns, 265 

Seite stellen. Eine Weile bleibt es so liegen, dann springt es plötz- 
lich wieder auf, und sitzt ruhig da, als wenn ihm nichts geschehen 
wäre. War der Reiz aber sehr stark, so geschieht dasselbe wie beim 
Galvanisiren mit starken Strömen. Das Kaninchen macht einen 
solchen Satz, dass es nicht mehr auf die Seite, sondern auf den 
Rücken zu liegen kommt, rollt von da auf die verletzte Seite, schleu- 
dert sich wieder nach der gesunden Seite zu, und wenn der Impuls 
stark genug ist, kann sich der Vorgang ein paar Mal wiederholen. 
Die Abkühlung wirkt also wie die Kathode. Da in der Mehrzahl 
der Fälle einige Momente vergehen, so ist die Idee nicht von der 
Hand zu weisen, dass die durch den Kältereiz erfahrungsgemäss pro- 
ducirte Contraction der kleinsten Blutgefässe hierbei eine Rolle spielt. 

Auch darf ich nicht unerwähnt lassen, dass bei Einbringung 
ganz kleiner Stückchen Eis manchmal nur wackelnde Bev/egungen 
mit Kopf und Augen eintreten, oder dass das Thier einen Augen- 
blick nach der verletzten Seite fällt. Ich kann mir den letzteren 
Umstand nur so erklären, dass die, auf die ursprüngliche Contraction 
folgende, secundäre Dilatation der Gefässe bei schwachem Reize stärker 
ist als die Contraction, eine Erscheinung, die man an den Hautgefässen 
allerdings häufig beobachtet. Der Dilatationsreiz würde dann eben zur 
Auslösung eines Reizeifectes ausreichen, der Contractionsreiz nicht. 

Durch diesen Versuch wird die Summe unserer ReizeflFecte schon 
etwas mehr, nämlich auf die unmittelbare Umgebung der Flocke 
localisirt. Da aber die einseitige oder doppelseitige Exstirpation dieses 
kleinen Organs an dem Verhalten des Thieres nicht nothwendiger- 
weise etwas ändert, so darf man nicht annehmen, dass jene Bewe- 
gungseffecte etwa durch Reizung der in dem Flockenstiele austreten- 
den Bahnen ausgelöst würden. Vielmehr wird es durch die Nachbar- 
schaft der Ausstrahlungen der eigentlichen Hemisphäre des Kleinhirns 
nach dem ßrückenschenkel zu wahrscheinlich, dass dieser Theil der 
Bahnen bei der zuletzt geschilderten Methode den Angriffspunkt des 
Reizes abgiebt. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen sämmtliche 
durch Exstirpation oder Reizung der Flocke bedingten Anomalieen 
der Muskelinnervation beurtheilt werden. 

Unverletzte Kaninchen lassen sich bekanntlich ebensowenig mit 
dem Rumpfe als mit dem Kopfe gutwillig auf die Seite legen, und 



266 



Uiitersuchungeu zur Physiologie des Kleinhirns. 



weun es gewaltsamer Weise geschehen ist, so schleudern sie sich mit 
Energie in ihre Normalhaltimg zurück, sobald man sie freilässt. Hat 
man ihnen jedoch die Flocke genommen so setzen sie manchmal der 
Verdrehung ihres Körpers keinen Widerstand entgegen und lassen 
sich auch die Seitenlage des Eumpfes während längerer Zeit gefallen. 
Ihre Bewegungen (auch die der Augen) sind dabei sonst nicht beein- 
trächtigt, denn wenn man sie reizt, so entweichen sie wie gesunde 
Thiere; überhaupt werden sie durch die Operation nicht sehr alterirt. 
So ertappte ich ein, nach Vollendung der Operation kurze Zeit ohne 
Aufsicht gelassenes Kaninchen dabei, dass es sich bemühte den Pons 
eines vorher getödteten Leidensgefährten durch Lecken aus der von 
mir geöffneten Scbädelhöhle herauszubefördern, nachdem es das ganze 
Grosshirn bereits verzehrt hatte. 

Wenn demnach auch die Flocke und ihr Stiel unschuldig an den 
Drehbewegungen und an dem ebengeschilderten abnormen Verhalten 
des Thieres sind, insofern als dasselbe wohl auf accidentelle Zerrun- 
gen oder Quetschungen der Umgebung zurückgeführt werden muss, 
so geht doch aus diesen Versuchen hervor, dass man durch einen 
so geringfügigen Eingriff, wie diese mechanischen Be- 
leidigungen, partielle Störungen in dem Orientirungs- 
apparate des Thieres hervorbringen kann. 

Einen ähnlichen Sinn hat es, wenn beim Zerschneiden des Flocken- 
stieles, wie ich fand, doppelseitige coordinirte Bewegungen der Augen 
auftreten, und wenn es bei Reizung der Flocke selbst zu inconstan- 
ten, aber gleichfalls coordinirten Zwangsstellungen der Bulbi kommt. 
In den meisten Fällen kann man nämlich, sobald man nicht roh ver- 
fährt, die Flocke mechanisch und elektrisch reizen, ohne irgend einen 
Reizeffect zu beobachten. ') Manchmal aber, wenn auch selten, dreht 
sich schon bei sanftem Druck auf das unverletzte Organ und ebenso 

1) Auf die Reizversuche am Kleinhirn, welche Ferrier mittheilt, kann 
ich hier nicht näher eingehen. Er hat dieselbe colossale Stromintensität 
(8 Cm. Rollenabstand) wie bei seineu Versuchen am Grosshirn angewendet, 
was am Cerebellum wegen der Nachbarschaft der Vierhügel natürlich noch 
misslicher ist Es genüge, darauf hinzuweisen, dass er selbst ausnahmsweise 
auftretenden Opisthotonus auf Reizung der Vierhügel bezieht, ohne daran zu 
denken, dass die Augen doch noch leichter in Bewegung zu setzen sind, als 
die übrigen Theile des Körpers. 



Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns. 



267 



bei Reizung desselben mit der Anode eines sehr schwachen Stromes 
das Auge der verletzten Seite nach Unten, und das andere Auge 
nach Oben. Nachlass des Druckes und Oetfnung der Kette führen 
dann zu einer Bewegung in entgegengesetzter Richtung. 

Das Endziel war nun, diese Erscheinungen in die Hemisphären 
oder den Wurm zu verfolgen bis jede Einzelne derselben womöglich 
ebenso localisirt war, wie es für die Muskelbewegungen im Grosshirn 
glückte. Ich habe schon Eingangs angeführt, dass ich diese Aufgabe 
nicht vollständig lösen konnte, aber doch erreichte ich mein näch- 
stes Ziel, die Localisirung des ganzen Complexes auf das Ccrebellum 
und seine fernere Zerlegung in die einzelnen Bewegungsanomalieen. 

Eins der wichtigsten Resultate erhielt ich gleich bei den ersten 
Versuchen, bei welchen Herr Dr. Mossdorff aus Dresden mir assi- 
stirte, ich habe es oben (S. 102) bereits erwähnt. Als ich nämlich 
zur Vornahme der elektrischen Reizung das Hinterhaupt eröffnet hatte, 
zeigten die, als Indices in den Glaskörper gesteckten Karlsbader Nadeln 
heftigen Nystagmus an. Es konnte nun sein, dass der Luftreiz direct 
oder indirect diese Bewegungen auslöste, aber es war auch möglich, 
dass durch die Entfernung des Knochens eine Dislocation der die 
hintere Schädelgrube ausfüllenden Theile, und so eine Zerrung an 
diesen so sensiblen Organen eingetreten war. 

Ich sagte mir, dass in der Einwirkung der Luft, wenn diese 
wirklich die Schuld trug, wahrscheinlich die Temperaturdiflferenz das 
Wesentliche sei, und damit Hess sich der Zweifel beseitigen. Nach- 
dem nämlich der Nystagmus wieder aufgehört hatte, kühlte ich die 
Oberfläche des Organes von Neuem mit Wasser von Zimmertemperatur 
oder Eiswasser ab. Die jetzt entstehenden Reizeffecte konnten nun 
nicht mehr auf Zerrungen bezogen werden. Sie bestanden wie- 
derum in Zwangsbewegungen des Körpers, des Kopfes 
und der Augen, nur dass dieselben sich nicht mit der absoluten 
Constanz herstellen Hessen, wie bei Reizung von der Flockenkapsel 
aus. Hierin lag der Grund, wegen dessen ich die letztere Methode 
aufsuchte und für Demonstrationen und die erste Publication adoptirte. 

Bei einer Zahl von Fällen treten nämlich Rollbewegungen nach 
der unverletztf^n Seite und Zwangsstellungen der Augen ein, bei einer 
anderen Zahl aber nur mehr weniger starker Nystagmus und dessen 



268 



Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns. 



Richtung ist, wie es scheint je nach der gereizten Stelle verschieden. 
In wieder anderen Fällen waren auch die Augenbewegungen sehr 
schwach. Ich habe mich nicht sicher überzeugen können, ob auch 
hieran geringe Differenzen der Oertlichkeit oder, was mir wahrschein- 
licher ist, verschiedene Irritabilität der Blutgefässe Schuld war. 

Obwohl ich den Effecten der localen Elektrisirung an so 
kleinen und empfindlichen Theilen einen grossen Werth nicht bei- 
legen kann, so will ich doch wegen der Uebereinstiramung mit den 
durch äussere Galvanisirung erzielten Augenbewegungen auch die Re- 
sultate einiger derartiger Versuche mittheilen. 

Die Drähte mit den Platinknöpfchen Hessen sich hier, da sie 
die Oberfläche des Organs sofort zerfetzten, nicht ohne Weiteres an- 
wenden. Ich umgab sie deshalb mit einigen durch Seide festgehal- 
tenen Lagen feuchten, schwedischen Fliesspapieres, und reizte dann 
(Anordnung wie auf S. 10) mit 20 S. EE. W. in der Nebenschliessung. 

Dabei drehten sich nun beide Augen, wenn die Elektroden über 
dem hintereu Lappen des Wurms standen, nach rechts oder links, je 
nachdem die Anode rechts oder links war. Am deutlichsten schien 
der Effect zu sein, wenn sich die eine Elektrode in der, beim Kanin- 
chen sehr tiefen, sagittalen Furche zwischen Wurm und Hemi- 
sphäre befand. 

Rückten die Elektroden nach dem oberen Lappen, so ergab die 
eine Stromrichtung combinirte Drehung des einen Auges nach Oben 
und des anderen nach Unten, und die andere Stromrichtung sofortigen 
Wechsel, so dass nun das zuerst nach Oben blickende Auge nach 
Unten sah. Auch die mechanische Reizung der gleichen Theile 
mit der Spitze einer lancettförmigen Präpariernadel führte zu zucken- 
den Bewegungen beider Augen. — 

Endlich nahm ich noch eine lange Reihe von Verletzungs-, Durch- 
schneidungs- und Exstirpationsversuchen am Kleinhirn vor, deren Ge- 
sammtresultat zur ferneren Aufklärung des Sachverhalts wesentlich 
beiträgt. Wenn tiefgehende Schnitte die eine Hemisphäre der Art 
trennten, dass ihre Verbindungen mit dem mittleren und hinteren 
Schenkel zum grösseren Theile unterbrochen sein mussten, so ent- 
stand dasselbe Bild, wie bei starker galvanischer Reizung, die Thiere 
rotirten mit rasender Vehemenz nach der verletzten Seite. 



Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns. 



269 



Befanden sie sich im Käfig, so verpackten sie sich, wie Magendie 
gelegentlich seiner Versuche über Trennung des mittleren Kleinhirn- 
schenkels trelfend bemerkt, durch das Drehen selbst ähnlich in Stroh, 
wie eine Flasche, die man auf Reisen schickt. 

Ich habe schon a. a. 0. darauf aufmerksam gemacht, dass diese, 
schon von anderen Autoren beschriebene Form des Versuches, so 
merkwürdig ihr Anblick auch sein mag, den Einblick in das eigent- 
liche Wesen des Vorganges wegen der grossen Gewaltsamkeit der 
Bewegungen viel weniger gut gestattet, als die kleineren Verletzungen. 
Bei diesen beobachtet man nämlich entweder das Gleiche, wie nach 
Exstirpation der Flocke: die Thiere lassen sich die Seiten- 
lage des Rumpfes gefallen. Oder wenn man grössere Zer- 
störungen anrichtet kann eine Serie von zwangsmässigen Aenderun- 
gen der Normalhaltung eintreten, deren häufigste Erscheinungsweise 
die ist, dass sich das Versuchsthier aus jeder Lage, die 
man ihm mittheilt auf die verletzte Seite wirft') anstatt 
in die Mittelstellung. Ist dieser Impuls sehr heftig, so kommt 
es gelegentlich auch einmal zu einer oder mehreren Rotationen, die 
regelmässig mit der abnormen Zwangslage enden. 

Auf Grund dieser Beobachtungen kam ich zu der üeberzeugung, 
dass in dem operirten Kaninchen, wenn es z. B. auf dem Bauche 
liegt, der Eindruck vorherrscht, dass es auf der unverletzten Seite 
läge, und dass die Zwangsbewegung nach der verletzten Seite nichts 
ist, als eine willkürliche Bewegung zur Aufrechthaltung des scheinbar 
gestörten Gleichgewichtes. 

Hiermit habe ich aber, wie ich schon sagte, nur eine Form „der 
Zwangslage" beschrieben, diese ist nun wieder der raannichfaltigsten 
Varianten fähig. Stellung und Bewegung der Augen, Verhältniss 
des Kopfes zum Rumpfe und der einzelnen Abschnitte des Rumpfes 
unter sich wechseln bei den einzelnen Versuchen in der buntesten 
Reihenfolge mit einander ab. Von diesen Details erwähne ich nur 
der sogenannten spiraligen Drehung des Rumpfes, bei der das Thier 



1) Curschmann (Sep.-Abdr. a. d. Deutschen Arch. für klin. Mediz.) hat 
seither nachgewiesen, dass derartige Zwangslagen in Folge von Durchtren- 
nungen des hinteren Kleinhirnsc^enkels regelmässig eintreten. 



270 



Untersuchungen zur Physiologie des Kleinhirns. 



zwangsmässig die Vorderpfoten und die eine Hinterbacke auf den 
Tisch bringt, so dass mau entschieden an eine Täuschung über das 
Verhalten des Hinterleibes denken muss. Näheres Eingehen auf diese 
Fragen verspare ich mir, der Eingangs erwähnten Absicht getreu, 
auf eine andere Gelegenheit. 

Ich glaube aber hiermit nachgewiesen zu haben, dass man alle 
die beim Galvanisiren durch den Kopf eintretenden, und 
als Schwindelerscheinungen zu betrachtenden Störungen 
der Muskelinnervation in ihrer Gesammtheit oder ein- 
zeln hervorbringen kann, je nachdem man die normalen 
Zustände des Kleinhirns allgemein oder local ändert. 



XII. 



Ueber Production von Epilepsie durch experimentelle 
Verletzung der Hirnrinde. 



Die epileptiformen Anfälle, von denen einige Versuchsthiere der 
ersten Reihe dieser Untersuchungen nach localisirter elektrischer Rei- 
zung der Hirnrinde befallen wurden, regten eine interressante Frage 
an. Durch die Versuche von Sir Astley Cooper, Kussmaul und 
Tenner, Nothnagel u. A., sowie durch klinische Forschungen, 
unter denen namentlich die von Schröder van der Kolk hervor- 
zuheben sind, hat die Ansicht, dass der epileptische Insult als ein 
von der Medulla oblongata aufsteigender Gefässkrampf zu deuten sei, 
eine genügende und für eine grosse Zahl von Fällen befriedigende 
Basis gefunden. 

Für eine andere zur Epilepsie gehörende Gruppe befriedigt jene 
Erklärung aber nicht. Das experimentelle Material, welches ich 
zur Aufklärung dieser Fragen bringen kann, ist zu klein, um ein 
genaueres Eingehen auf Einzelheiten zu rechtfertigen. Ich beschränke 
mich deshalb darauf, an diejenigen Krampfformen anzuknüpfen, welche 
unter einem, den experimentell hervorgerufenen Krämpfen ähnlichem 
Bilde auftreten. 

Eine Klasse von Epileptikern hat schon vor Zeiten die besondere 
Aufmerksamkeit der Beobachter erregt: ich meine diejenige, bei denen 
locale Krämpfe in einem Gliedc erst die Krankheit, später als moto- 
rische Aura den Anfall ankündigen. Von höchstem Interesse schien 
mir stets ein von Romberg') citirter Fall Odier's^). In Folge 



1) Lehrbuch der Nervenkrankheiten. 3. Aufl. S. 691. 

2) Medicine pratique p. 181. 



272 



Ueber Production von Epilepsie 



eines Säbelhiebes auf das linke Scheitelbein hatten sich, wie es scheint, 
Osteophyten der Tabula vitrea und eine Apfel grosse Geschwulst in 
den äusseren Schichten dieser Theile des Centralorganes entwickelt. 
Bei Lebzeiten bestanden krampfhafte Zusammenziehungen der Mus- 
keln des kleinen Fingers der rechten Hand, die sich allmählig 
auf die übrigen Muskeln des Gliedes ausdehnten und endlich die 
jedesmalige Einleitung zu einem epileptischen Anfalle machten. In 
neuerer Zeit hatHughlings Jackson') mit Vorliebe dieses Thema 
bearbeitet, und eine ziemlich reichhaltige Zusammenstellung von eigener 
und fremder Casuistik, die ich der Aufmerksamkeit empfehle, gegeben. 
Wenn bei derselben auch leider meist der Sectionsbefund fehlt, so 
ist doch überall soviel klar, dass die von ihm beschriebenen Anfälle 
localisirter Natur, ähnlich wie die Odier's, nicht direct etwas mit 
dem verlängerten Marke zu thun haben können. Vielmehr wird mau 
zu der Annahme gedrängt, dass sie auf Läsionen des Grosshirns, 
wahrscheinlich der Rinde zurückgeführt werden müssen. 

Vergleichen wir damit nun auch die von Wernher und mir 
publicirten Fälle, 2) berücksichtigen wir die Entwickelung jedes ein- 
zelnen durch Elektrisirung der Rinde hervorgerufenen Anfalles, ferner 
die Art und Weise wie sich die Epilepsie nicht selten mit dem Irre- 
sein complicirt, so fragte es sich, ob man nicht durch künst- 
liche Production von Krankheitsprocessen auf der Hirn- 
rinde spontane, vielleicht habituelle Epilepsie würde her- 
vorbringen können. 

Denn unsere Krankheitsfälle, insbesondere der Meinige zeigten 
schon mancherlei Symptome, welche stark an die Epilepsie erinnerten. 
Ich verweise namentlich auf die S. 116 f. ausführlich geschilderten 
vasomotorischen Erscheinungen. — Bei der Elektrisirung der Hirnrinde 
begann jeder einzelne Anfall mit Zuckungen in den vorher künstlicli 
innervirten Muskeln, um sich von ihnen aus auf das übrige System 
auszubreiten, wie es von Odier, Hughlings Jackson und Anderen 
geschildert wird. — Für einzelne Formen des epileptischen Irreseins 

1) A study of convulsions. Separatabdr. aus Transactions of tbe St. An- 
drews Medic. Grad. Associat. Vol. III. 1870. Ferner The West Riding 
lunatic Asyl. Medic. Reports. Vol. III. 1873 und an anderen Orten. 

2) S. S. 140 ff. 



durch experimentelle Verletzung der Hirnrinde. 



273 



endlich kann man sich nicht mit einer Auffassung begnügen, welche 
dem grossen Gehirne in der Aufeinanderfolge der Erscheinungen die 
zweite Stelle anweist. 

In vielen Fällen mag freilich der vom verlängerten Mark her 
aufsteigende Anfall so mächtige Erschütterungen in den psychischen 
Organen hervorbringen, dass deren Gefüge der Reihenfolge von In- 
sulten nicht widersteht. Aber diejenigen Fälle, bei denen die psy- 
chische Erkrankung der epileptischen, psychische Alterationen den 
einzelnen Anfällen vorhergehen, machen es wahrscheinlich, dass auch 
der umgekehrte Weg, der vom Grosshirn nach der Medulla oblon- 
gata beschritten werden kann. 

Allerdings weist alles darauf hin, dass auch bei dieser Reihen- 
folge der Erscheinungen das eigentliche Wesen des Anfalles im vaso- 
motorischen Krämpfe besteht. War es aber möglich, die auslösende 
Kraft auf einen chronischen Reiz im Grosshirn experimentell zurück- 
zuführen? Auf diese Frage werden die nachstehenden Versuche Ant- 
wort geben. 

Versuch I. Einem kleinen, schwarzen, weiblichen Pinscher wurde am 
2. IV. 70 in der Morphiumnarkose nach Aufsetzung einer Trepankrone ein 
linsengrosses Stück des Cent rums für die rechte Vorder ext remität 
exstirpirt und die Hautwunde alsdann durch Kuopfnähte vereinigt. Nach 
beendigter Operation wurden die früher beschriebenen Störungen des Muskel- 
bewusstseins der rechten Vorderpfote beobachtet. Die Nase war den Tag 
über kalt, Schwanz eingeklemmt. 

3. IV. Nase warm, Puls 140, unregelmässig, Respiration sehr tief, 18. 
Frostschauder, Schwanz zwischen den Beinen ; frisst jedoch etwas. 

4. IV. Hat noch Fieber, frisst und säuft jedoch, die Wunde per primam 
geschlossen. Die Anomalieen der Bewegungen der rechten Vorderpfote sind 
noch mehr ausgesprochen als an den vorigen Tagen. 

5. IV. Kein Fieber mehr, leiser Druck auf die etwas geschwollene Ope- 
rationsstelle sehr empfindlich und von Zuckungen in der rechten Vor- 
derextremität gefolgt, nachher liegt der Hund eine Weile apathisch da. 

6. IV. Die Störungen des Muskelbewusstseins beginnen etwas zurück- 
zutreten. 

16. IV. Scheinbar ganz gesund und trächtig; nur die auf Seite 30 er- 
wähnten Störungen des Muskelbewusstseins noch vorhanden. 
Wirft im Mai drei Junge. 

Am 26. VI. nachdem er sich bis dahin ganz wohl befunden hat, ein 
mehrere Stunden dauernder, epileptischer Anfall; nachher ist er 
sehr verstört, schreckhaft und frisst nicht. Derartige Anfälle wiederholen sich 

Hitzig, Experimentelle Untersuchungen. 18 



274 



Ueber Production vou Epilepsie 



von da an täglich oder mindestens alle zwei Tage, manchmal treten sogar 
mehrere Anfälle an einem Tage auf. Ausserdem nahm ein, bereits seit Mitte 
Juni bemerkter Käudeähnlichcr Ausschlag immer mehr zu, so dass der Hund 
am 8. Juli getOdtet wurde. 

Section: An Stelle des heraus trepanirten Knochenstücks eine sehr derbe 
bindegewebige Masse die der Haut, den Rändern des Knochens und der Dura, 
sowie dem Gehirne fest adhärirte; darunter ein bräunlicher Erweichungsheerd 
von einer weissen, erweichten fast Haselnussgrossen Partie umgeben. Ander- 
weitige Veränderungen insbesondere an den Häuten fehlen. 

Versuch H. Einem kleinen Hunde wurde am 30. VH. 71. das durch 
Trepanation frei gelegte Centrum für die rechte Vörderextremität 
kauterisirt,') ohne dass die Pia vorher abgetragen worden wäre; sodann 
wurde die Wunde mit Ausnahme des unteren "Wundwinkels zugenäht. Un- 
mittelbar naeh der Operation zeigt das Thierchen auf dem rechten Vorder- 
beine die gewöhnlichen Störungen des Muskelbewusstseins, ausserordentlich 
stark ausgeprägt. Ausserdem werden etwa '/s Stunde lang absatzweise, 
tonische Extensionsbewegungen der Extremität beobachtet. Die 
hintere Extremität zeigt geringe Störungen des Muskelbewusstseins. 

31. VII. Kein Fieber, Fresslast, das Secret hat freien Abfluss. 

2. VIII. Das Hinterbein zeigt nichts Abnormes mehr, das Vorderbein 
wie früher. 

3. VIII. Vorderbein wird schon nicht mehr so ungeschickt aufgesetzt, 
die Wunde ist heut zum Theil aufgebrochen. 

18. VIII. Nach längerer Eiterung die Wunde allmählig geheilt, die 
Störungen des Muskelbewusstseins auch in der vorderen Extremität ziemlich 
geschwunden. Nur ist dieselbe immer etwas mehr nach Innen rotirt, so dass 
das Kniegelenk mehr nach Aussen vom Rumpfe absteht, ausserdem rutscht 
das Thier stets mit dem rechten Beine nach Aussen und Vorn davon, wenn 
es, durch die Leine zurückgehalten, nach der Speise drängt. Plötzlich ein 
wohlcharakterisirter, circa eine Viertelstunde dauernder epi- 
leptischer Anfall. Nach Beendigung desselben stundenlang 
Krämpfe in der rechten Vörderextremität. 

In den nächsten Tagen ist der Hund ausserordentlich schwach, hält die 
Vörderextremität meist gegen den Leib gezogen und verweigert die Nahrung 
gänzlich. 

21. VIII. Tod. 

Section 22. VIII.: Dura und Pia der Couvexität links sehr injicirt, 
Schädelhaut an der Operationsstelle durch eine bindegewebige Masse mit 
dem Gehirne verwachsen. Andere Verwachsungen, Auflagerungen oder Er- 
güsse fehlen. An der Operationsstelle weisse Erweichung, in der Mitte keil- 
förmiger brauner Heerd. 



1) Ueber die von mir angewandte Methode der chemischen und mecha- 
nischen Reizung, sowie deren Resultate werde ich an einem anderem Orte 
ausführlicher berichten. 



durch experimentelle Verletzuug der Hirnrinde. 



275 



Versuch III. Einem kleinen braunen Hunde wurde am 13. IX. 71 ein 
Theil des durch Trepanation freigelegten Centrums für die rechte Vor- 
derext remität exstirpirt und die Wunde durch die Naht vereinigt. 

14. IX. Aeusserst heftige Krämpfe, an denen sich immer alle 
Muskeln der rechten Körperhälfte, dieKau- und Respirations- 
muskeln und die Augenmuskeln beider Seiten betheiligen, so 
dass ein nach Unten gerichteter Nystagmus entsteht. Die Muskeln der linken 
Körperhälfte betheiligen sich ausnahmsweise. Die Anfälle werden durch kurzes 
Geschrei und Bellen eingeleitet und unterbrochen, während derselben Schaum 
vor der Schnauze. Auf die Pupillen wurde nicht geachtet. Tod an demselben 
Tage um 2 Uhr Mittags. 

Section um 3 Uhr. Etwas aber sehr wenig blutig-wässerige Flüssigkeit 
zwischen Schädel und Haut, so dass nicht einmal eine Anschwellung der 
Stelle äusserlich wahrzunehmen war. Die Schädelwunde durch einen geringen 
Prolapsus cerebri ausgefüllt. 

Im Gehirn selbst und an den Häuten mit Ausnahme einer kleinen rotben 
Erweichung an der Operationsstelle absolut nichts, nicht einmal stärkere 
Injection. 

Versuch IV. Einem etwa 5 Monate alten kleinen Hunde wurde am 30. 
IV. 73 ein Theil des durch Trepanation freigelegten Centrums für die 
Hinterextremität exstirpirt und die Wunde durch die Naht vereinigt. 
Störungen des Muskelbewusstseins sind nach der Operation sehr unbedeutend, 
übrigens in der Vorderextremität noch eher deutlich als an der hinteren 
Extremität. 

Die Wunde heilt unter Eiterung langsam. 

16, V. Anfall von wohlcharakterisirten, epileptischen Kräm- 
pfen, der sich am 17. und von da an bis zum IS.Morgens, wo der 
Tod erfolgte, fast unaufhörlich wiederholte. 

Section: 18. V. Hautwunde fast vernarbt. An der Stelle des Knochen- 
defects noch weiches Granulationsgewebe. Die Dura der rechten Schädel- 
hälfte nirgends adhärent und auch sonst durchaus normal. Die Dura der 
linken Schädelhälfte überall, besonders nach Hinten zu weisslich getrübt, 
erheblich verdickt, an der Innenfläche mit sehr zahlreichen kleineren und 
grösseren Blutextravasaten und Gefässramiticationen bedeckt, jedoch der Pia 
nicht adhärent. Beim Anschneiden der Membr. atlanto- occip. fliesst eine 
nicht erhebliche Menge Cerebrospinalflüssigkeit und etwas Blut ab. Ueber 
dem linken Kleinhirn dicht am Tentorium und der Mittellinie ein etwa 2,5 Cm. 
langes, 3 Mm. breites Coagulum. Die Pia der Basis ebenfalls getrübt, um die 
grösseren Gefässe herum etwas serös infiltrirt. 

Entsprechend der Trepanationsstelle gelbliche Färbung der Rinde und 
im Centrum derselben ein braunröthlicher 4—5 Mm. in die Tiefe reichender 
Infarct. In den Ventriceln keine Flüssigkeit, deren Ependym rein weiss. 

Bei drei von diesen vier Versuchsthieren liegen die Verhältnisse 
so klar und uncomplicirt wie möglich. Der Heerd in der Einde zog 
nach kürzerer oder längerer Zeit den epileptiformen Anfall nach sich, 

18* 



276 Ueber Production von Epilepsie durch Verletzung der Hirnrinde. 

die Section ergab makroskopisch keine anderen Resultate, welche das 
Krankheitsbild hätten erklären können. In dem vierten Falle fand 
sich freilich eine frische hämorrhagische Meningitis, indessen geht 
aus dem Befunde der drei anderen Sectiouen hervor, dass die Ent- 
zündung der Häute nicht den nothwendigen Factor ausmacht, sondern 
als accidentell zu betrachten ist. 

Ich glaube, dass die Resultate dieser Versuche in der That da- 
zu ausreichen, die gestellte Frage bejahend zu beantworten: Ver- 
letzung der Hirnrinde kann Epilepsie nach sich ziehen. 
Aber hiermit ist der Gegenstand nicht erschöpft, sondern erst an- 
geregt. Welche Theile der Rinde reagiren in dieser Weise? Welches 
sind die Bahnen der secundären Degeneration? Führen diese, wie 
nach Meynert zu erwarten wäre, durch das Ammonshorn? Lässt 
sich der Weg anatomisch in die Medulla oblongata verfolgen? Das 
sind die nächsten Fragen von brennendstem Interesse, welche sich 
aufdrängen. Ich hoifte ihre Lösung wenigstens zum Theil selbst 
unternehmen zu können. Da die Aussicht hierauf indessen gering 
wird, begnüge ich mich mit dem bescheidenerem Verdienste, sie an- 
zuregen. 



Druck von G Bernstein in Berlin. 



Tal>elle I.i) 



Einströmungs- 
stellen. 


Schluss und Dauer. 


OeflFnung. 


Schein- 
bewegung. 


Wirkliche 

Bewegung 
des Körpers. 


Schein- 
bewegung. 


Wirkliche 
Bewegung 
des Körpers. 


Anode rechte — 

Kathode linke 
Fossa mastoidea. 


Von rechts 
nach links. 


Nach rechts. 


Von links 
nach rechts. 


Nach links. 


Anode rechte Fossa 
mastoidea — Ka- M 
thode rechte Fossa | 
supraclavicularis. 


Von rechts 
nach links. 


Nach rechts. 


Von links 
nach rechts. 


Nach links. 


Anode rechte Fossa 
supraclavicularis. f 
Kathode rechte R 
Fossa mastoidea. 


Von links 
nach rechts. 


Nach links. 


Von rechts 
nach links. 


Nach rechts. 



Tal>ello II.») 





Anode rechts — 
Kathode links, 
a»— >■ 


Anode links — 
Kathode rechts. 


rechtes Auge.' linkes Auge. 


rechtes Auge. 


linkes Auge. 


Lähmung des 

rechten 
Oculomotorius. 










Lähmung des 
rechten Abducens. 


» > 


j»— >■ 







1) Alle Pfeile sind auf das Gesicht der Versuchsperson gezeichnet zu 
denken.